[gfp:] Mit gleicher Münze

Gewohntes Hegemonialverhalten

Uner­war­tet offen hat­te sich die chi­ne­si­sche Sei­te bereits Ende ver­gan­ge­ner Woche auf dem Tref­fen zur Wehr gesetzt, zu dem US-Außen­mi­nis­ter Ant­o­ny Blin­ken sei­nen chi­ne­si­schen Amts­kol­le­gen Wang Yi nach Ancho­ra­ge (US-Bun­des­staat Alas­ka) ein­ge­la­den hat­te. Washing­ton hat­te unmit­tel­bar vor der Zusam­men­kunft extra­ter­ri­to­ri­al wirk­sa­me Finanz­sank­tio­nen gegen 24 Ams­trä­ger aus der Volks­re­pu­blik bekannt­ge­ge­ben, dar­un­ter alle 14 stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des Stän­di­gen Aus­schus­ses des Natio­na­len Volks­kon­gres­ses. Blin­ken eröff­ne­te die Gesprä­che in Ancho­ra­ge dann offi­zi­ell mit wüs­ten Atta­cken gegen die Volks­re­pu­blik, der er vor­warf, die „regel­ba­sier­te Ord­nung“ der Welt zu stö­ren und damit die „glo­ba­le Sta­bi­li­tät“ zu gefähr­den. Wang pro­tes­tier­te und for­der­te, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten soll­ten „ihre alte Gewohn­heit hege­mo­nia­len Ver­hal­tens“ ein­stel­len und nicht mehr „absichts­voll in Chi­nas inne­re Ange­le­gen­hei­ten intervenieren“.[1] Yang Jie­chi, rang­höchs­ter Außen­po­li­ti­ker der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas, erklär­te, er den­ke nicht, dass „die Mehr­heit der Län­der auf der Welt … die Mei­nung der USA für die inter­na­tio­na­le öffent­li­che Mei­nung hal­ten“: Sie „erken­nen es nicht an, dass die Regeln, die von einer klei­nen Grup­pe Men­schen gemacht wer­den, als Fun­da­ment für die inter­na­tio­na­le Ord­nung dienen“.[2]

Wie gegen Huawei

Hat­ten die schar­fen Reak­tio­nen von Wang und Yang, die in Ancho­ra­ge erst­mals öffent­lich die glo­ba­le US-Hege­mo­nie ganz grund­le­gend in Fra­ge stell­ten, Blin­ken – so schil­dern es Beob­ach­ter – sicht­lich über­rascht [3], so scheint Washing­ton auch mit öko­no­mi­schen Gegen­maß­nah­men nicht gerech­net zu haben, die Bei­jing nun erst­mals gegen einen gro­ßen US-Kon­zern ein­ge­lei­tet hat – gegen den E‑Au­to-Her­stel­ler Tes­la. Wie berich­tet wird, befürch­ten chi­ne­si­sche Regie­rungs­stel­len, die mit zahl­rei­chen Kame­ras, Sen­so­ren und Radar aus­ge­stat­te­ten Tes­la-Fahr­zeu­ge könn­ten genutzt wer­den, um die Volks­re­pu­blik aus­zu­spio­nie­ren; genährt wird der Ver­dacht dadurch, dass Tes­la Kame­ra­daten sys­te­ma­tisch abgreift und sie auf sei­nen Fir­menser­vern spei­chert. Bei­jing schränkt auf­grund sei­nes Spio­na­ge­ver­dachts nun die Nut­zung von Tes­la-Fahr­zeu­gen durch Mit­ar­bei­ter sicher­heits­re­le­van­ter Unter­neh­men, durch Regie­rungs­an­ge­stell­te und durch Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge ein.[4] Die Par­al­le­le zum Vor­ge­hen Washing­tons gegen Hua­wei ist unüber­seh­bar, wobei selbst US-Medi­en kon­sta­tie­ren, die chi­ne­si­schen Maß­nah­men reich­ten – noch – längst nicht an die­je­ni­gen der US-Admi­nis­tra­ti­on her­an. Für Tes­la sind die Restrik­tio­nen, deren Reich­wei­te nicht abseh­bar ist, den­noch ein gra­vie­ren­des Pro­blem: Chi­na ist für E‑Autos der welt­weit mit gro­ßem Abstand bedeu­tends­te Markt.[5]

Doppelte Standards

Uner­war­tet scharf hat Bei­jing nun auch auf Sank­tio­nen reagiert, die die EU-Außen­mi­nis­ter am gest­ri­gen Mon­tag offi­zi­ell beschlos­sen. Grund­la­ge war das Sank­ti­ons­ge­setz, das die EU Ende 2020 ver­ab­schie­det hat und mit dem sie es sich anmaßt, welt­weit tat­säch­li­che oder angeb­li­che schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen mit Zwangs­maß­nah­men zu ahn­den. Fak­tisch trifft das Gesetz, mit dem sich die Uni­on zu einer Art Welt­jus­tiz auf­schwingt [6], ledig­lich Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen aus Län­dern, mit denen die EU im Streit liegt oder an denen sie ein Exem­pel sta­tu­ie­ren zu kön­nen meint. Selbst schwers­te Ver­bre­chen wie das Füh­ren völ­ker­rechts­wid­ri­ger Angriffs­krie­ge (1999 gegen Jugo­sla­wi­en, 2003 gegen Irak) oder die welt­wei­te Ver­schlep­pung von Ver­däch­ti­gen und die Fol­ter an ihnen („Anti-Ter­ror-Krieg“ ab 2001) blei­ben dage­gen straf­los, wenn sie von west­li­chen Staa­ten und ihren Beam­ten began­gen wer­den. Am Mon­tag beschlos­sen die EU-Außen­mi­nis­ter in aller Form Sank­tio­nen etwa gegen das „Xin­jiang Pro­duk­ti­ons- und Auf­bau­korps“, dem die EU vor­wirft, Zwangs­ar­bei­ter zu beschäf­ti­gen. Bei­jing weist den Vor­wurf zurück. Sank­tio­niert wur­den zudem vier Amts­trä­ger aus Chi­na: Sie wer­den mit einer Soft­ware zur Über­wa­chung von Mus­li­men in Xin­jiang in Ver­bin­dung gebracht.[7] Soft­ware­ge­stütz­te Über­wa­chung von Mus­li­men war im west­li­chen „Anti-Ter­ror-Krieg“ von Anfang an gang und gäbe.

„Belehrungen beenden“

Bereits nach nur weni­gen Stun­den hat das chi­ne­si­sche Außen­mi­nis­te­ri­um ges­tern Gegen­sank­tio­nen ver­hängt. Die EU müs­se auf­hö­ren, „ande­re über Men­schen­rech­te zu beleh­ren und sich in ihre inne­ren Ange­le­gen­hei­ten ein­zu­mi­schen“, heißt es bei dem Minis­te­ri­um zur Begrün­dung: Sie müs­se „die heuch­le­ri­sche Pra­xis ihrer dop­pel­ten Stan­dards been­den“ – sonst behal­te Chi­na sich „wei­te­re Reak­tio­nen“ vor.[8] Bei­jing sank­tio­niert – ein Novum gegen­über der EU – vier Insti­tu­tio­nen sowie zehn Per­so­nen, dar­un­ter sechs Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te. Einer von ihnen ist Rein­hard Büti­ko­fer (Bünd­nis 90/​Die Grü­nen), außen­po­li­ti­scher Koor­di­na­tor der Grü­nen-Frak­ti­on im Euro­pa­par­la­ment, einer der Haupt­in­itia­to­ren der Inter-Par­lia­men­ta­ry Alli­an­ce on Chi­na (IPAC), die – unter Mit­wir­kung von Hard­li­nern vom ultra­rech­ten Flü­gel der US-Repu­bli­ka­ner sowie unter­stützt von einem lang­jäh­ri­gen CIA-Mit­ar­bei­ter – Kam­pa­gnen gegen die Volks­re­pu­blik orches­triert (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). Mit Sank­tio­nen belegt wer­den zudem das Poli­ti­sche und Sicher­heits­po­li­ti­sche Komi­tee des Euro­päi­schen Rats, das die Zwangs­maß­nah­men gegen Chi­na vor­be­rei­tet hat, und das Mer­ca­tor Insti­tu­te for Chi­na Stu­dies (Merics), ein Polit-Think-Tank in Ber­lin. Die Betrof­fe­nen dür­fen nicht mehr in die Volks­re­pu­blik ein­rei­sen; ihnen und Unter­neh­men, die mit ihnen ver­bun­den sind, sind Geschäf­te mit Chi­na untersagt.[10]

„Koloniale Methoden“

Wäh­rend das Außen­mi­nis­te­ri­um in Bei­jing ges­tern die Sank­tio­nen gegen die EU bekannt­gab, emp­fing Außen­mi­nis­ter Wang in der süd­chi­ne­si­schen Stadt Gui­lin sei­nen rus­si­schen Amts­kol­le­gen Ser­gej Law­row. Law­row hat­te erst kürz­lich – gleich­falls unge­wohnt offen – gegen­über dem EU-Außen­be­auf­trag­ten Josep Bor­rell die Sank­ti­ons­po­li­tik der Uni­on scharf kri­ti­siert und ihre Zwangs­maß­nah­men als „Metho­den und Werk­zeu­ge aus der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit“ attackiert.[11] Wang und Law­row bespra­chen ges­tern ins­be­son­de­re Optio­nen, sich gegen west­li­che Finanz­sank­tio­nen zur Wehr zu set­zen. Man kön­ne sehen, „dass die Sank­ti­ons­be­stre­bun­gen unse­rer Geg­ner, ins­be­son­de­re der USA, wei­ter zuneh­men“, hat­te zuvor Dmi­tri Pes­kow, Spre­cher des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin, kon­sta­tiert: Nicht ein­mal ein Aus­schluss Russ­lands vom Zah­lungs­sys­tem SWIFT sei mehr aus­zu­schlie­ßen; Washing­ton sei „unberechenbar“.[12] Es gel­te jetzt, Vor­keh­run­gen zu tref­fen. Mos­kau und Bei­jing woll­ten des­halb „auf Abrech­nun­gen in natio­na­len Wäh­run­gen und in Welt­wäh­run­gen umstei­gen, die alter­na­tiv zum Dol­lar sind“, sag­te Law­row; Sys­te­me, die vom Wes­ten kon­trol­liert wür­den, wol­le man per­spek­ti­visch nicht mehr ver­wen­den. Kommt es dazu, dann stün­de auf lan­ge Sicht die Finanz­grund­la­ge der glo­ba­len west­li­chen Hege­mo­nie in Fra­ge.

[1] Alas­ka tasks to be remem­be­red in histo­ry as a land­mark: Glo­bal Times edi­to­ri­al. glo​bal​ti​mes​.cn 19.03.2021.

[2], [3] Hubert Wet­zel: Sechs Grad unter null. sued​deut​sche​.de 19.03.2021.

[4] Keith Zhai, Yoko Kubo­ta: Chi­na to Restrict Tes­la Use by Mili­ta­ry and Sta­te Employees. wsj​.com 19.03.2021.

[5] S. dazu Glo­ba­ler Füh­rungs­kampf in der Elek­tro­au­to­bran­che.

[6] S. dazu Die Wel­ten­rich­ter (II).

[7] Ver­gel­tung für den „Feh­ler“ der EU. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 23.03.2021.

[8] For­eign Minis­try Spo­kes­per­son Announ­ces Sanc­tions on Rele­vant EU Enti­ties and Per­son­nel. fmprc​.gov​.cn 22.03.2021.

[9] S. dazu Der grü­ne Kal­te Krieg und Im tran­spa­zi­fi­schen Kal­ten Krieg.

[10] For­eign Minis­try Spo­kes­per­son Announ­ces Sanc­tions on Rele­vant EU Enti­ties and Per­son­nel. fmprc​.gov​.cn 22.03.2021.

[11] S. dazu Kolo­nia­le Metho­den.

[12] Mathi­as Brügg­mann, Dana Hei­de: Russ­land und Chi­na wol­len sich vom glo­ba­len Zah­lungs­ver­kehr abkop­peln. han​dels​blatt​.com 22.03.2021.

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