[KgK:] #CDUkaufen: Waffengelder für den Wahlkampf?

Die Mas­ken­af­fä­re ist bei Wei­tem nicht der ers­te Kor­rup­ti­ons­skan­dal in der Geschich­te der Uni­on. Im Jahr 1999 gab der ehe­ma­li­ge CDU-Schatz­meis­ter Walt­her Leis­ler Kiep vor Gericht zu, 1991 eine Spen­de in Höhe von einer Mil­li­on Deut­sche Mark vom Waf­fen­lob­by­is­ten Karl­heinz Schrei­ber ange­nom­men zu haben. Die Spen­de wur­de aller­dings nie auf einem offi­zi­el­len Kon­to der CDU ver­bucht.

Wie spä­ter her­aus­kam stammt das Geld ursprüng­lich von der Thys­sen AG, die durch ein Pan­zer­ge­schäft mit Sau­di-Ara­bi­en rund 440 Mil­lio­nen Mark kas­sier­te. Davon waren 220 Mil­lio­nen Schmier­gel­der, die zum Teil auch an deut­sche Politiker:innen flos­sen, damit die Bun­des­re­gie­rung die Pan­zer­de­als geneh­mi­gen wür­de. In die­ser Zeit tob­te der Zwei­te Golf­krieg. Sau­di-Ara­bi­en war im Krieg gegen den Irak Ver­bün­de­ter der USA. Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl hat­te den USA zuge­si­chert, sie finan­zi­ell und mili­tä­risch zu unter­stüt­zen. Schrei­ber fun­gier­te qua­si als „Ver­mitt­ler“ zwi­schen der Indus­trie und der Bun­des­re­gie­rung, um Ein­fluss auf poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen neh­men zu kön­nen.

Auch der ehe­ma­li­ge Geheim­dienst­chef, spä­te­rer Staats­se­kre­tär im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um und letzt­lich Spit­zen­ma­na­ger bei Daim­ler­Chrys­ler, Lud­wig-Hol­ger Pfahls, kas­sier­te meh­re­re Mil­lio­nen Mark, um das umstrit­te­ne Geschäft zu ermög­li­chen. Die­ser reis­te 1990 per­sön­lich nach Sau­di-Ara­bi­en, nach­dem der dama­li­ge ira­ki­sche Macht­ha­ber Sad­dam Hus­sein Kuwait besetzt hat­te. Da das Aus­wär­ti­ge Amt den Waf­fen­ex­por­ten erst nicht zustimm­te, kon­tak­tier­te Pfahl den engen Ver­trau­ten Kohls Horst Teltschik und bat um Ein­fluss­nah­me auf die Ent­schei­dung des Aus­wär­ti­gen Amts. Weni­ge Mona­te spä­ter wur­de Thys­sen die Geneh­mi­gung für die­sen Deal erteilt.

Und als ob das nicht genug wäre: Auch Max Strauß, der Sohn des ehe­ma­li­gen CSU-Vor­sit­zen­den Franz-Josef Strauß, war in die Schrei­ber-Affä­re ver­wi­ckelt – wegen Man­gel an Bewei­sen wur­de er spä­ter frei­ge­spro­chen. Eine Haus­durch­su­chung, die 1996 statt­fand, brach­te kei­ne Erkennt­nis­se, weil Strauß vor­her gewarnt wur­de. Sei­ne Fest­plat­te wur­de kurz vor­her angeb­lich von einem Virus befal­len und alle Daten sei­en laut sei­ner Dar­stel­lung gelöscht wor­den. Auch der mehr­fa­che Bun­des­mi­nis­ter Wolf­gang Schäub­le gab im Zuge der Ermitt­lun­gen zu, im Jahr 1994 eine Bar­spen­de in Höhe von 100.000 Mark von Schrei­ber erhal­ten zu haben, die eben­falls nicht ordent­lich ver­bucht wur­de.

Kohls Ehrenwort

Kohl gab zwar zu, zwi­schen 1993 und 1998 rund zwei Mil­lio­nen DM als Spen­de erhal­ten zu haben. Die Namen der Spen­der hat er jedoch mit ins Grab genom­men, weil er ihnen sein „Ehren­wort“ gege­ben habe. Vor dem 1999 ein­be­ru­fen Unter­su­chungs­aus­schuss behaup­te­te er, von den Zah­lun­gen im Zusam­men­hang mit dem Pan­zer­de­al nichts gewusst zu haben. Doch durch eine Aus­sa­ge von Wolf­gang Schäub­le von 2015 bekam die Affä­re eine neue Dimen­si­on. Die­ser sag­te in einer ARD-Doku­men­ta­ti­on, dass Kohl die Spen­der nicht benen­nen konn­te, weil es sie nie gege­ben hat­te. Die­se fal­sche Aus­sa­ge soll­te ledig­lich davon ablen­ken, dass die CDU bereits seit den 70ern schwar­ze Kas­sen führ­te.

Der dama­li­ge CDU-Vor­sit­zen­de Rai­ner Bar­zel, 1972 als Kanz­ler­kan­di­dat gegen Wil­ly Brandt geschei­tert, wur­de 1973 von Hel­mut Kohl auch aus dem Amt des Par­tei­vor­sit­zen­den gedrängt. Für den Rück­zug kas­sier­te Bar­zel jähr­lich 250.000 Deut­sche Mark von extra dafür ange­leg­ten inof­fi­zi­el­len Kon­ten in der Schweiz. An die­sem Coup betei­ligt waren vor allem der dama­li­ge Hen­kel-Chef Kurt Bie­den­kopf, nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung CDU Minis­ter­prä­si­dent von Sach­sen, sowie der Chef des Flick-Kon­zerns Eber­hard von Brau­chitsch. Laut mitt­ler­wei­le bekann­ten Doku­men­ten woll­ten sie ver­hin­dern, dass Bar­zel als „Sozi­al­fall“ endet. Hel­mut Kohl bedank­te sich bei Bie­den­kopf für die Unter­stüt­zung auf dem Weg zum Vor­sit­zen­den damit, dass er ihn zum Gene­ral­se­kre­tär ernann­te und ihm ein sehr viel höhe­res Gehalt zahl­te als üblich. Ein Teil die­ses Gehalts wur­de wie­der­um aus den kurz zuvor ange­leg­ten schwar­zen Kas­sen bezahlt.

Der Flick-Konzern: bereichert durch NSDAP und CDU

Auch der Flick-Kon­zern erhielt eine beträcht­li­che Beloh­nung von der Bun­des­re­gie­rung: Im Jahr 1975 ver­kauf­te der Kon­zern Daim­ler-Akti­en in Höhe von rund einer Mil­li­ar­de DM an die Deut­sche Bank. Beim Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um (damals FDP) bean­trag­ten sie für die­ses Geschäft eine Befrei­ung von Steu­ern, die rund 500.000 Mark betra­gen hät­ten. Die erfor­der­li­chen Geneh­mi­gun­gen wur­den ihnen erteilt. Von Brau­chitsch zahl­te dabei an zahl­rei­che hoch­ran­gi­ge Politiker:innen immer wie­der Beträ­ge in Höhe meh­re­rer Zehn­tau­send Mark. Rüdi­ger May, damals Haupt­ab­tei­lungs­lei­ter der CDU, sag­te in der ange­spro­che­nen ARD-Doku­men­ta­ti­on, dass die­ses Sys­tem Kohl bekannt gewe­sen sei. Der ehe­ma­li­ge Weg­ge­fähr­te Uwe Lüth­je bewahr­te Kohl durch eine Falsch­aus­sa­ge vor wei­te­ren Ermitt­lun­gen wegen sei­ner Lüge vor dem Unter­su­chungs­aus­schuss.

Beson­ders skan­da­lös sind die Ver­stri­ckun­gen des Flick-Kon­zerns in die Ent­eig­nung jüdi­scher Unternehmer:innen in den 30er-Jah­ren. Der Kon­zern spen­de­te jähr­lich rund 100.000 Reichs­mark an die NSDAP. Im Gegen­zug gin­gen vie­le ehe­ma­li­ge jüdi­sche Unter­neh­men mit Unter­stüt­zung der NSDAP in die Hän­de von Flick über. Wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs waren etwa die Hälf­te der Arbeiter:innen beim Flick-Kon­zern Zwangsarbeiter:innen, zu gro­ßen Tei­len aus Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de Fried­rich Flick zu sie­ben Jah­ren Haft ver­ur­teilt, jedoch schon 1950 früh­zei­tig wie­der frei­ge­las­sen. Die Bun­des­re­gie­rung Ade­nau­er ver­hin­der­te in den 50ern die voll­stän­di­ge Zer­schla­gung des Kon­zerns durch die Alli­ier­ten. Schon in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren stieg der NS-Waf­fen­schmied Flick schnell wie­der zu einem der reichs­ten Män­ner West­deutsch­lands auf.

Korruption ist Teil der DNA der Union

Die CDU-Spen­den­af­fä­re steht in fes­ter Kon­ti­nui­tät zur Flick-Affä­re und zeigt die Kon­ti­nui­tät von Kor­rup­ti­on in der deut­schen Poli­tik bis zur Mas­ken­af­fä­re heu­te auf. Sowohl zur Flick-Affä­re als auch zur spä­te­ren Spen­den­af­fä­re gab es im Bun­des­tag Unter­su­chungs­aus­schüs­se, die bei­de jedoch kei­ne abschlie­ßen­de Auf­klä­rung brach­ten. Zwar wur­den die Rechen­schafts­be­rich­te der CDU für die Zeit nach­träg­lich kor­ri­giert; bis heu­te ist aller­dings nicht geklärt, was mit einem Groß­teil der Schmier­gel­der pas­siert ist. Auch die betei­lig­ten Politiker:innen und Indus­tri­el­len kamen recht mil­de davon. Zwar wur­den die ver­meint­lich maß­geb­li­chen Draht­zie­her Lud­wig-Hol­ger Pfahls und Karl­heinz Schrei­ber zu mehr­jäh­ri­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt – jedoch nicht ein­mal wegen Bestechung, son­dern auf­grund des Vor­wurfs der pri­va­ten Steu­er­hin­ter­zie­hung. Ein Ver­fah­ren gegen Wolf­gang Schäub­le wur­de hin­ge­gen ein­ge­stellt. Walt­her Leis­ler Kiep wur­de ledig­lich zu einer Geld­stra­fe in Höhe von 45.000 Mark ver­ur­teilt. Gegen Kohl selbst ermit­tel­te die Bon­ner Staats­an­walt­schaft wegen des Ver­dachts der Untreue bis 2001 – stell­te das Ver­fah­ren aber letzt­lich ein. Im Gegen­zug wur­de Kohl dazu ver­ur­teilt rund 300.000 Mark an den Staat bzw. gemein­nüt­zi­ge Zwe­cke zu zah­len.

Wolf­gang Schäub­le ent­schul­dig­te sich zwar in aller Öffent­lich­keit und leg­te sei­ne dama­li­gen Ämter als Par­tei- und Frak­ti­ons­chef nie­der. Weni­ge Jah­re spä­ter war er jedoch schon wie­der in Amt und Wür­den und beklei­de­te in der Ära Mer­kel zwi­schen 2005 und 2017 wich­ti­ge Minis­ter­pos­ten. Als Finanz­mi­nis­ter zwang er wäh­rend der Euro­kri­se Grie­chen­land, Ita­li­en und Spa­ni­en zu Kür­zun­gen in Bil­dung und Gesund­heit, sowie zu mas­si­ven Pri­va­ti­sie­run­gen. Treu­hand­an­stal­ten wur­den geschaf­fen, um das Staats­ver­mö­gen an pri­va­te Investor:innen zu ver­scher­beln. Dabei konn­te der CDU-Poli­ti­ker auf eine außer­ge­wöhn­li­che Exper­ti­se ver­wei­sen. 1990 han­del­te er die Staats­ver­trä­ge zum Bei­tritt der DDR in die BRD aus, in des­sen Fol­ge das gesam­te Volks­ver­mö­gen der DDR durch die Treu­hand­an­stalt ver­scher­belt wur­de. Schäub­le schaff­te die wohl kor­rup­tes­te Insti­tu­ti­on der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te. Seit 2017 ist er bekannt­lich Bun­des­tags­prä­si­dent. Auch Kurt Bie­den­kopf nahm trotz der Ver­wick­lung in das Sys­tem der schwar­zen Kas­sen kaum Scha­den. Ganz im Gegen­teil: Zwi­schen 1990 und 2002 war der Wes­si „König Knut“ der ers­te Minis­ter­prä­si­dent Sach­sens.

All die­se Kor­rup­ti­ons­fäl­le zei­gen, dass Bestechung ein Teil der DNA der Poli­tik der Uni­on ist und war. Die offe­nen Fra­gen zu den dama­li­gen Fäl­len legen zudem offen, dass die­je­ni­gen, die selbst in die Skan­da­le ver­strickt waren, die Auf­klä­rung sys­te­ma­tisch ver­hin­der­ten – im Fal­le von Kohl sogar durch dreis­te Lügen. Des­halb reicht es auch heu­te nicht, ein­fach nur von den Uni­ons-Vor­sit­zen­den Auf­klä­rung zu for­dern. Ganz im Gegen­teil braucht es eine Offen­le­gung aller Ein­künf­te der Abge­ord­ne­ten, ein Ver­bot von sämt­li­chen Neben­ein­künf­ten und Par­tei­spen­den aus Indus­trie und Wirt­schaft, sowie eine unab­hän­gi­ge Unter­su­chung der Kor­rup­ti­ons­fäl­le mit Betei­li­gung der Gewerk­schaf­ten. Kor­rup­te Abge­ord­ne­te müs­sen jeder­zeit abge­wählt wer­den kön­nen und das Geld, wel­ches sie dadurch erhal­ten haben, zurück­zah­len. Der Ehren­ko­dex, den zahl­rei­che Uni­ons-Abge­ord­ne­te zuletzt unter­zeich­net haben, ist ein Witz und dient nur dazu, sich selbst rein­zu­wa­schen und den poli­ti­schen Scha­den zu begren­zen. Die sys­te­ma­ti­sche Kor­rup­ti­on wird damit nicht been­det, son­dern nur wei­ter ver­schlei­ert. Kohls Ehren­wort soll­te uns mah­nen, den bür­ger­li­chen Regie­run­gen kei­ner­lei Ver­trau­en zu schen­ken.

Klas­se Gegen Klas­se