[UG-Blättle:]Wu Ming: Die Armee der Schlafwandler

Wu Mings his­to­ri­scher Roman „Die Armee der Schlaf­wand­ler“ taucht ein in die Revo­lu­ti­ons­wir­ren in Frank­reich der Jah­re 1793 bis 1795, beglei­tet den Rächer der Sans­cu­lot­ten Sca­ra­mou­che und fragt zugleich nach der Mani­pu­la­ti­on der Mas­sen durch Hyp­no­se.

Bild: Der Sturm auf die Bas­til­le am 14. Juli 1789. /​Biblio­t­hè­que natio­na­le de Fran­ce (PD)

Die Geschich­te gegen den Strich bürs­ten, Gefüh­le und Gedan­ken der­je­ni­gen nach­emp­fin­den, die gegen die Herr­schen­den auf­be­geh­ren, das ist das Geschäft des Bolo­gna Autoren­kol­lek­tivs Wu Ming. Dies­mal in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on (1789–1799), die Euro­pa für immer ver­än­dern soll­te. Nach Wu Mings Streif­zug durch die Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te, Deutsch­land im Bau­ern­krieg (Roman „Q“ noch als Luther Blis­sett), Vene­dig, Istan­bul, Zypern und die Stadt der Sephar­den Thes­sa­lo­ni­ki („Altai“), nach Kam­bo­dscha und Ita­li­en („Kriegs­bei­le“), Jugo­sla­wi­en und Niz­za („54“) dem Land der Mohawk und Lon­don („Mani­tua­na“), ist Paris schon fast über­fäl­lig.

Als dort die Ret­tung des Königs, frü­her Lud­wig XVI, jetzt Bür­ger Capet, unmit­tel­bar vor sei­ner Hin­rich­tung am 21. Janu­ar 1793 fehl­schlägt, macht sich der Anfüh­rer der Ver­schwö­rer dar­an, in der Pro­vinz Vor­be­rei­tun­gen zur Wie­der­kehr der Mon­ar­chie zu schaf­fen. Eher zufäl­lig kommt ihm dabei der huma­nis­ti­sche Arzt Orphée d‘Amblanc in die Que­re, als der eine Rei­he von Ver­bre­chen auf­klä­ren soll, die offen­bar mit Hil­fe der „Mess­ne­ri­schen Hyp­no­se“ began­gen wur­den. Da geht es recht schau­rig zu, inklu­si­ve ver­meint­li­cher Hexen und Wer­wöl­fe.

D‘Amblancs Behand­lungs­me­tho­den hin­ge­gen wir­ken modern: Die Ent­de­ckung der Elek­tri­zi­tät geht ein­her mit der des „Flu­di­um“, Lebens­feu­er (kör­per­li­che Blo­cka­den wer­den geschmol­zen). Das ent­spricht übri­gens auch dem „Orgon“ des öster­rei­chi­schen Psy­cho­ana­ly­ti­kers Wil­helm Reich (1897–1957). Obwohl über ein Jahr­hun­dert von­ein­an­der ent­fernt, arbei­te­ten bei­de mit ähn­li­chen Hypo­the­sen und Metho­den.

Wäh­rend­des­sen schlägt die Revo­lu­ti­on in Paris Pur­zel­bäu­me, mal hat in der sich stän­dig ver­än­dern­den Volks­ver­tre­tung eher das rei­che Bür­ger­tum die Nase vorn, mal das Früh­pro­le­ta­ri­at. Bei­de Sei­ten grei­fen auf Ter­ro­ris­mus zurück, so dass einem auch heu­te noch bei „Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on“, neben dem Sturm auf die Bas­til­le, als ers­tes das Fall­beil der Guil­lo­ti­ne ein­fällt.

Im Früh­pro­le­ta­ri­at, das ohne Knie­bund­ho­se der Adli­gen (sans culot­te) unter­wegs ist, also mit lan­gen Hosen, sind Frau­en die ent­schei­den­de Kraft. Eini­ge tau­schen denn auch ihre Röcke ein, wenn sie laut­stark ihre Rech­te ein­for­dern. Die bewe­gen­den Schick­sa­le der Nähe­rin Marie Noziè­re und ihrer Gefähr­tin­nen aus der Vor­stadt Saint-Antoi­ne, wir­ken sehr authen­tisch. Und dann ist da noch Sca­ra­mou­che.

Den Namen haben die meis­ten schon mal gehört. Viel­leicht weni­ger, weil er im 16. Jahr­hun­dert als Clown im ita­lie­ni­schen Thea­ter und Pup­pen­spiel her­um­wir­bel­te, son­dern in der „Bohemi­an Rhap­so­dy“ von Queen, die im Inter­net allein in einer Ver­si­on 1,2 Mil­li­ar­den mal auf­ge­ru­fen wur­de. „Sca­ra­mou­che, Sca­ra­mou­che, will you do the fan­dan­go?“, fragt dort Fred­die Mer­cu­ry.

Und ja, er tanzt den impul­si­ven spa­ni­schen Paar­tanz, den Fan­dan­go, aber auf den Dächern von Paris. Um den Armen und Frau­en zu hel­fen, begibt er sich in gros­se Gefahr.

Eigent­lich heisst er Léo Modon­net und ist Schau­spie­ler. Weil er den Mund nicht hal­ten kann, lan­det er erst im Gefäng­nis, dann unter der Brü­cke Pont Neuf. Von dort aus geht er allei­ne und ver­klei­det gegen eini­ge Pro­fi­teu­re der Not vor: „Léo hum­pel­te mit gesenk­tem Kopf zwi­schen den Stän­den mit Obst und Getrei­de umher, lausch­te und dach­te über den Unter­schied zwi­schen dem alten und dem neu­en Thea­ter nach, dem gros­sem Welt­thea­ter, an das sich die Pari­ser mit gröss­ter Natür­lich­keit zu gewöh­nen schie­nen (…) Weni­ge Stun­den zuvor, mit­ten in der Nacht, war ein nicht unbe­deu­ten­der Schau­spie­ler für sie in die Rol­le des Sca­ra­mou­che geschlüpft (…) Er woll­te kei­nen Applaus und nicht gefei­ert wer­den. Er ent­zog sich und mied die Öffent­lich­keit. Trotz­dem wur­de er von eini­gen erkannt und wort­los zeig­te man ihm sei­ne Hoch­ach­tung: ein Laib Brot, Zie­gen­kä­se, Bir­nen, die zusam­men mit Zie­gen­kä­se beson­ders gut sind…“ Die Geburts­stun­de eines muti­gen fran­zö­si­schen Zor­ro. Ganz ähn­lich wie die „Schwar­ze Tul­pe“ übri­gens, 1964 im gleich­na­mi­gen Film von Alain Delon gespielt.

Die abwechs­lungs­rei­che Spra­che der vier Autoren, mit­reis­sen­de Dia­lo­ge und schö­ne Land­schafts­be­schrei­bun­gen wech­seln sich mit Erlas­sen oder der der­ben Pari­ser Schnau­ze der Früh­pro­le­ta­ri­er ab, über­zeugt eben­so wie ihre ein­fühl­sa­me Über­set­zung durch Klaus-Peter Arnold.

Zwar erin­nert der Show­down ein wenig an die Fina­le der Mar­vel Aven­ger Fil­me, ist aber alle­mal span­nend. Eini­ge Kapi­tel haben eine star­ke Dich­te, so dass sie sich nicht so neben­bei über­flie­gen las­sen. Dafür dürf­te vie­les in der „Armee der Schlaf­wand­ler“ lan­ge nach­wir­ken. Und wo sonst kann man der­art ins Inne­re der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ein­tau­chen? Hier kann man sie schme­cken, rie­chen, füh­len und schliess­lich, nach einer durch­ge­le­se­nen Nacht, zur Jako­bi­ner­müt­ze grei­fen, um den neu­en Tag als Sans­cu­lot­te zu bege­hen.

Oli­ver Stein­ke
gras​wur​zel​.net

Wu Ming: Die Armee der Schlaf­wand­ler. Asso­zia­ti­on A, Berlin/​Hamburg 2020 704 Sei­ten. ca. 33.00 SFr. ISBN 978–3‑86241–474‑1

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