[UG-Blättle:]Wie die Karnickel

Ralf Königs Comics der 80er Jah­re ent­hiel­ten zumin­dest eines: Spott über das Sexu­al­ver­hal­ten „ganz nor­ma­ler“ Bür­ger „wie Du und ich“, Hete­ros, Homos, Les­ben, in denen sich die Ver­ulk­ten selbst ein­fach wie­der­fin­den muss­ten.

Bild: Comi­c­au­tor und Comic­zeich­ner Ralf König, 2012. /​© Rai­mond Spek­king (via Wiki­me­dia Com­mons) (CC BY-SA 4.0 crop­ped)

Das konn­te man mögen und durf­te man nicht mögen. Auch in Unter­waldts Kar­ni­ckel-Film tau­chen die­se Gestal­ten auf. König schrieb das Dreh­buch, aber wie der Trai­ler schon ahnen liess, blieb von der Iro­nie und der Bis­sig­keit nur wenig übrig. „Wie die Kar­ni­ckel“ ist ein Mus­ter­bei­spiel für Inte­gra­ti­on: Was einst wenigs­tens kri­ti­schen Touch hat­te, gehört heu­te in den Bereich der poli­ti­cal cor­rect­ness.

Horst (Micha­el Lott) spielt Bass im Orches­ter, Vera (Anna Bött­cher) ist Kin­der­gärt­ne­rin. Das Paar führt eine Bezie­hung, an der ledig­lich am Geburts­tag oder zum Tag der deut­schen Ein­heit unter den Augen des Bun­des­prä­si­den­ten im Fern­se­hen noch Sex statt­fin­det – wenn man dies dann über­haupt noch so nen­nen will. Als die Nach­ba­rin im Müll des Paa­res ein Por­no­vi­deo mit dem Star der Sze­ne Kel­ly Trump fin­det, ist für Vera der Ofen ganz aus. Sie geht zu ihrer Mut­ter. Horst bleibt – ohne all­zu schlech­tes Gewis­sen – zurück mit sei­nem Freund Gün­ter (Hein­rich Schaf­meis­ter), des­sen Frau Gil­la (Elke Czi­schek) ihren Mann eben­falls in Ver­dacht hat, sich den „gei­len Schlam­pen mit gespreiz­ten Schen­keln“ hin­ge­ge­ben zu haben.

Horst aber „steht“ zu sei­nen Gelüs­ten. In einem Gespräch mit Gün­ter den­ken bei­de „tief­sin­nig“ dar­über nach, ob es bei den Men­schen nicht eben­so läuft wie bei den Affen, deren Kopu­la­ti­on sie gera­de im Fern­se­hen betrach­ten. In sei­ner Phan­ta­sie sieht sich Horst an der Käse­the­ke, sei­nen Gelüs­te mit tat­kräf­ti­ger Unter­stüt­zung einer blon­den Kun­din nach­ge­hend, wor­über sich nie­mand im Super­markt auf­regt. Nur Neid macht sich breit.

Aber die Rea­li­tät sieht anders aus. Die Bil­der all sei­nes Begeh­rens dür­fen künf­tig die Wän­de sei­ner Woh­nung zie­ren und die Por­no­vi­de­os, die er bis­lang im Kel­ler ver­steckt hat­te, tür­men sich nun im trau­ten Heim.

Horsts neu­er, schwu­ler Nach­bar Sigi (Sven Wal­ser) hat eben­falls Bezie­hungs­pro­ble­me. Sein Ex Hubert (Hein­rich Schmie­der) hat ihn ver­las­sen, weil Horst hier und da und des öfte­ren einen ande­ren Mann bestieg. Sigi trös­tet sich gera­de mit dem wenig geist­rei­chen, dafür umso mus­ku­lö­se­ren Möbel­pa­cker Ben­no (Alfon­so Losa).

Vera hin­ge­gen ist ver­zwei­felt. Von ihrer Freun­din Gil­la nimmt sie (lei­der) den Rat an, sich in der Des­sou­s­ab­tei­lung eines Kauf­hau­ses Strap­se zu besor­gen, um Horst „ent­ge­gen­zu­kom­men“. Das fol­gen­de Tref­fen im Haus der Schwie­ger­mut­ter endet im Desas­ter, als sie in die­ser Mon­tur vor ihrem Ex steht.

Horst hat inzwi­schen ganz ande­re Erfah­run­gen hin­ter und noch vor sich. Als wäh­rend eines Kon­zerts in dem Moment sein Han­dy klin­gelt, in dem die gefei­er­te Diva Kriem­hild Nastro­wa (Andre­ja Schnei­der) gera­de ansetzt, mit ihrer Stim­me das Publi­kum in Wal­lung zu ver­set­zen, ist er bla­miert. Nach dem Kon­zert ent­schul­digt er sich bei der Sopra­nis­tin, die die Gele­gen­heit und Horst beim Schopf packt und den ver­dutz­ten Bas­sis­ten nach Strich und Faden flach legt. Er und die Nastro­wa – er kann es selbst nicht glau­ben. Aber schon bald ist Horst von den Sex-Atta­cken der Diva lahm­ge­legt: Mor­gens, mit­tags, abends wil­de Orgi­en – das hält er nicht durch, vor allem auch, weil die rot­haa­ri­ge Uner­sätt­li­che wäh­rend der Sex-Ses­si­ons Ari­en träl­lert. Erleich­ternd, dass die Dame ihm ver­kün­det, es sei Schluss, weil sie den schon etwas seni­len Diri­gen­ten ehe­li­chen wol­le – zwecks der Kar­rie­re.

Inzwi­schen ver­sucht Sigi, sein Leben irgend­wie auf die Rei­he zu krie­gen. Sei­ne Mut­ter hat ihren Besuch ange­kün­digt. Sigi will ihr „alles“ sagen. Wen aber soll er ihr als „Lebens­ab­schnitts­ge­fähr­ten“ vor­stel­len? Und auch Vera ver­zwei­felt zuse­hends. Gil­la schickt ihr zwei les­bi­sche Femi­nis­tin­nen auf den Hals, die Vera dazu ani­mie­ren, ihr Schick­sal als unter­drück­te und sexu­ell aus­ge­beu­te­te Frau unter Frau­en in deren Zeit­schrift zu ver­öf­fent­li­chen – mit Horst als Para­de­bei­spiel für den Chau­vi­nis­mus der Män­ner …

Sicher ist auf jeden Fall eines: Unter­waldt und König schwim­men „her­vor­ra­gend“ auf der Proll-Wel­le „ganz nor­ma­ler“ Män­ner und eben­so „nor­ma­ler“ Frau­en. Was auf den ers­ten Blick viel­leicht para­dox erscheint, erweist sich bei nähe­rem Hin­se­hen als durch­aus stich­hal­tig. „Wie die Kar­ni­ckel“ ist ein Para­de­bei­spiel für poli­ti­cal cor­rect­ness. Das beginnt bei den Figu­ren und endet bei der Geschich­te und ihren Ein­zel­hei­ten selbst. So gut wie alle Cha­rak­te­re, die hier prä­sen­tiert wer­den, sind sym­pa­thisch. Viel­leicht möch­te man pri­vat mit dem einen oder der ande­ren nicht viel zu tun haben, aber Sym­pa­thie­trä­ger sind sie alle – oder viel­mehr: sol­len sie laut Dreh­buch und Insze­nie­rung wenigs­tens sein. Dem­entspre­chend kom­men die Bot­schaf­ten des Films – abseits aller meist seich­ten und zum Teil pein­lich-däm­li­chen Sze­nen – „rüber“: Es ist nicht nur „erlaubt“, son­dern gera­de­zu „gebo­ten“, zu Homo­se­xua­li­tät hier, mehr oder weni­ger heim­li­chen männ­li­chen Phan­ta­sien dort zu „ste­hen“. Das­sel­be gilt für „Frau­en­so­li“ und „natür­lich“ erlaub­te Kri­tik an Hard­core-Femi­nis­tin­nen.

Alles das ist völ­lig nor­mal und völ­lig erlaubt und völ­lig kor­rekt. Pein­lich wird die­se Art einer sich libe­ral und tole­rant geben­den Mode-Phi­lo­so­phie dann, wenn etwa in der Talk­show am Schluss alle Män­ner im Publi­kum auf­ste­hen, als der Mode­ra­tor der Sen­dung fragt, wer schon ein­mal einen Por­no gese­hen hat. Pein­lich nicht, weil die alle auf­ste­hen, son­dern wegen der all­zu auf­dring­li­chen „Tole­ranz“, die hier zele­briert wird. Oder wenn nicht das Hap­py­end zwi­schen Horst und Vera ins Haus steht, son­dern Vera auf dem Motor­rad-Rück­sitz des Por­no-Stars Kel­ly Trump in eine mög­li­cher­wei­se les­bi­sche Zukunft davon rat­tert. Auch der immer wie­der bemüh­te „Ver­gleich“ zwi­schen kopu­lie­ren­den Pavia­nen und dem Wunsch der prä­sen­tier­ten Män­ner, sich eben­so „aus­le­ben“ zu kön­nen, ist irgend­wann, sprich: sehr rasch, nicht mehr lus­tig.

Poli­ti­cal cor­rect­ness auf der gan­zen Linie ver­schnü­ren König und Unter­waldt in einem kom­merz­ge­rech­ten Geschenk­päck­chen. Aus­ge­packt und aus­ge­wi­ckelt dür­fen sich hin­ter­her alle, aber auch wirk­lich alle zufrie­den zurück­leh­nen. Hap­py Hour. Hap­py Mee­ting. Hap­py Times.

Die Schul­freun­de Horst und Sigi zie­hen am Schluss die­ses furcht­bar bra­ven Strei­fens Arm in Arm die Stras­se hin­un­ter, eine Män­ner­freund­schaft zwi­schen Homo und Hete­ro. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Wun­den schei­nen geheilt. Selbst eine kur­ze, aber umso hef­ti­ge­re Affä­re zwi­schen dem nicht gera­de zum Sex ani­mie­ren­den Horst und der „vor­neh­men“ Sopra­nis­tin scheint mög­lich in einer Welt der unbe­grenz­ten Tole­ranz und des Alles-geht-wenn-man-nur-will.

Was bleibt sind eini­ge sehr weni­ge wirk­lich wit­zi­ge Sze­nen, dafür aber umso mehr Proll-Kla­mot­te, etwa wenn Horst, als es an der Tür klin­gelt, sein gera­de mal wie­der eri­gier­tes, beson­ders lan­ges wich­tigs­tes Teil zwi­schen Packun­gen aus dem Tief­kühl­fach auf ein Nor­mal­mass redu­ziert. So etwas ist seit lan­gem satt­sam aus ent­spre­chen­den Fern­seh­se­ri­en oder ‑shows bekannt. Und genau auf der Wel­le die­ser Seri­en rei­tet „Wie die Kar­ni­ckel“.

Das alles wirkt fade, ermü­dend und mag die­je­ni­gen zufrie­den­stel­len, die sich bemü­hen, auf dem brei­ten Pfad der poli­ti­cal cor­rect­ness zu wan­deln, ohne nach rechts und links zu schau­en. An den wirk­li­chen Pro­ble­men bei­spiels­wei­se, die Schwu­le und Les­ben noch immer in die­ser Gesell­schaft haben, von Her­zen (!) und mit wachem Ver­stand akzep­tiert zu wer­den, was hies­se: das ist gar kein Gesprächs­stoff mehr, an die­sen Schwie­rig­kei­ten gehen sol­che Fil­me schnur­stracks und ohne Schnör­kel vor­bei.

Wer ange­sichts des­sen trotz­dem noch dar­über lachen kann, der soll es tun.

Ulrich Beh­rens

Wie die Kar­ni­ckel

Deutsch­land

2002

84 min.

Regie: Sven Unter­waldt

Dreh­buch: Ralf König

Dar­stel­ler: Micha­el Lott, Sven Wal­ser, Anna Bött­cher

Pro­duk­ti­on: Jens Nies­wand

Musik: Mari­us Ruh­land

Kame­ra: Klaus Lie­bertz

Schnitt: Chris­tel Suc­k­ow, Ste­fan Essl

Ulrich Beh­rens

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