[KgK:] Hebamme über Masken-Affäre: „Das ist eine Demütigung“

Coro­na hat für mich, wie für alle, weit­rei­chen­de Ver­än­de­run­gen gebracht. Als die ers­ten Fäl­le in Ita­li­en bekannt wur­den, war ich gera­de in der Ein­ar­bei­tungs­zeit als Heb­am­me in einer Kli­nik. Auch für das medi­zi­ni­sche Per­so­nal war und ist Coro­na ein sehr pola­ri­sie­ren­des The­ma, bei dem es vor allem zu Beginn sehr gro­ße Unsi­cher­hei­ten und Zwei­fel gab. In einem der letz­ten Ein­ar­bei­tungs­diens­te been­de­te die lei­ten­de Ober­ärz­tin dort für mich jeg­li­che Zwei­fel: “Natür­lich wird Coro­na auch zu uns kom­men. Und es wird kein Spaß wer­den.”

Also berei­te­ten wir uns als Kli­nik dar­auf vor: Hygie­nekon­zep­te erstel­len, Mas­ken auf Lager haben, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel­vor­rat auf­sto­cken – zu die­sem Zeit­punkt gab es noch kei­nen bekann­ten Fall in Deutsch­land. Ich fühl­te mich gut. Gut vor­be­rei­tet auf eine Krank­heit, die kei­ner von uns rich­tig ein­zu­schät­zen wuss­te.

Kur­ze Zeit spä­ter erreich­ten uns Nach­rich­ten wie: OP-Mas­ken sind aus­ver­kauft, FFP2-Mas­ken nicht lie­fer­bar, spart Des­in­fek­ti­ons­mit­tel – das wird auch knapp! Und da gab es die Mas­ken­pflicht noch nicht ein­mal. Als die­se dann kam, erst­mal nur für uns Mitarbeiter:innen, näh­te mir eine ehe­ma­li­ge betreu­te Fami­lie Mas­ken, die sie teil­wei­se auch der Kli­nik spen­de­ten. Dort wur­den die­se aber belä­chelt und in einen Schrank gelegt, die Klinik­hy­gie­ne befand es für unsin­nig und wir wür­den erst ein­mal abwar­ten, ob es wirk­lich so gra­vie­rend wird. Die­sel­be Fami­lie stat­te­te mich mit Hand­wer­ker-FFP2-Mas­ken aus, die zwar aus­sa­hen, als könn­te man damit auf dem Mond lan­den, aber: die Fil­ter wech­sel­bar, die Mas­ke an sich des­in­fi­zier­bar. Ange­sichts der Knapp­heit der medi­zi­ni­schen FFP2-Mas­ken durch­aus eine Alter­na­ti­ve.

Getra­gen habe ich die Mas­ken letzt­end­lich aus Scham nicht. Mei­ne Kolleg:innen fan­den sie häss­lich. Schon hier ver­sag­te die Poli­tik in mei­nen Augen. Nur zu gut habe ich die Wor­te von Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn im Ohr: „Wir sind gut vor­be­rei­tet. Im Fall der Fäl­le weiß jeder, was er zu tun hat.” Zu sug­ge­rie­ren, dass Coro­na eine nicht ernst­zu­neh­men­de Bedro­hung sei, hat dazu geführt, dass kei­ner oder jeden­falls nur weni­ge Coro­na von Anfang an wirk­lich ernst genom­men haben. Ein Bei­spiel war eben, dass in mei­nem Team Mas­ken auf­grund des Aus­se­hens abge­lehnt wur­den.

In den kom­men­den Mona­ten waren die Mas­ken in unse­rer Kli­nik so knapp, dass die OP-Pfle­ge jeden Tag neu kal­ku­lie­ren muss­te, wer einen Mund­schutz tra­gen darf/​kann und wer nicht. Jeder Mund­schutz war für den gan­zen Tag geplant. Praktikant:innen und Schüler:innen durf­ten nicht mehr im OP ein­ge­setzt wer­den. Und ich als Heb­am­me betreu­te die Frau­en und Fami­li­en oft­mals kom­plett ohne Mas­ke. Auch die durch einen Kai­ser­schnitt gebo­re­nen Kin­der habe ich nicht nur ein­mal ohne Mund-Nasen-Schutz ent­ge­gen­ge­nom­men. Chir­ur­gi­sche Hän­de­des­in­fek­ti­on, Hau­be, ste­ri­ler Kit­tel, ste­ri­le Hand­schu­he, aber kein Mund­schutz, obwohl ich direkt neben dem offe­nen Bauch­raum ste­he, wenn auch nur kurz. Ein äußert absur­des Gefühl.

Wozu man sagen muss: in die­sem Bei­spiel haben die zu Ope­rie­ren­den das erhöh­te Risi­ko, dass es im zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der Ope­ra­ti­on zu einer Infek­ti­on kommt. Aber auch wir medi­zi­ni­sches Per­so­nal haben uns vor allem in die­ser Zeit einem enor­men Risi­ko aus­ge­setzt. Jeden Tag aufs Neue sind wir trotz die­ser Umstän­de in die Arbeit gegan­gen und haben wei­ter­ge­macht. Als Heb­am­me ist inten­si­ve Atmung der Gebä­ren­den im All­tag inbe­grif­fen, was den Aero­so­l­an­teil der Luft durch­aus rele­vant erhöht.

Mein Vater hat eine Lun­gen­vor­er­kran­kung. Mei­ne logi­sche Kon­se­quenz aus der Situa­ti­on in der Kli­nik und die­ser Tat­sa­che: Der Papa wird nicht mehr besucht. Das Maxi­mum an Kon­takt waren in die­ser Zeit Ein­käu­fe, die ich ihm zwei­mal pro Woche mor­gens vor dem Dienst vor­bei­ge­fah­ren und vor die Tür gestellt habe und dabei viel­leicht ein kur­zes Win­ken. Mitt­ler­wei­le ist er auf­grund sei­nes Alters geimpft. Doch vor der Imp­fung habe ich ihn, seit Coro­na in Deutsch­land exis­tiert hat, genau zwei­mal umarmt, als ich frisch getes­tet war.

Aber nicht nur für die Bezie­hung zu mei­nem Vater war die Situa­ti­on extrem belas­tend: Jeden Tag hat­te ich Kon­takt zu geschätzt 40 Per­so­nen: Kli­nik­per­so­nal, Gebä­ren­de, Begleit­per­so­nen. Das alles eben eine gan­ze Zeit lang sogar ohne Mund-Nasen-Schutz, wo doch FFP2-Mas­ken nötig gewe­sen wären, um mich adäquat zu schüt­zen. Zeit­gleich nah­men die Berich­te der schwe­ren Covid-19-Fäl­le, auch bei jun­gen Per­so­nen, immer mehr zu.

Nun zu erfah­ren, dass Abge­ord­ne­te die Dreis­tig­keit besit­zen, sich an einem Ele­ment der Bekämp­fung die­ser Pan­de­mie zu berei­chern, hat mich im ers­ten Moment sprach­los und dann unglaub­lich wütend gemacht. Ich emp­fin­de die­sen Sach­ver­halt nicht nur als Demü­ti­gung (weil ich zum Bei­spiel kei­nen Cent des Coro­na-Pfle­ge­bo­nus bekom­men habe), denn hier geht es nicht „nur“ um Geld. Man hat leicht­fer­tig mit mei­ner und der Gesund­heit mei­ner Ange­hö­ri­gen gespielt. Es ist so unfass­bar respekt­los gegen­über jedem Men­schen, aber ganz beson­ders gegen­über den Bürger:innen, die kei­ne Wahl hat­ten und haben, ob sie sich dem Risi­ko einer Infek­ti­on aus­set­zen und mit ihrer tag­täg­li­chen Arbeit das Land am Leben erhal­ten.

Ich schlie­ße mich der For­de­rung an, dass unab­hän­gi­ge Unter­su­chungs­kom­mis­sio­nen unter der Kon­trol­le der Arbeiter:innen und Gewerk­schaf­ten die­se Ver­bre­chen ver­fol­gen und auf­klä­ren, damit die kor­rup­ten Abge­ord­ne­ten schluss­end­lich hart bestraft wer­den. Über die­se Schand­ta­ten kön­nen eben nicht jene rich­ten, die even­tu­ell selbst in kor­rup­te Gesche­hen ver­wi­ckelt sind. Außer­dem müs­sen die­se Abge­ord­ne­ten ihre Immu­ni­tät ver­lie­ren und ihre Diä­ten umge­hend ein­ge­fro­ren wer­den.

Klas­se Gegen Klas­se