[KgK:] Zum 45. Jahrestag der letzten Militärdiktatur Argentiniens

Am gest­ri­gen Mitt­woch, dem 24. März 2021, jähr­te sich zum 45. Mal der Mili­tär­putsch, der die berüch­tigts­te Mili­tär­dik­ta­tur in der Geschich­te Argen­ti­ni­ens ein­lei­te­te – eine der bru­tals­ten in der Geschich­te Latein­ame­ri­kas. Nach­dem Isa­bel Perón 1976 inmit­ten weit ver­brei­te­ter sozia­ler Unru­hen und Klas­sen­kämp­fe gestürzt wur­de, begann eine von der Mili­tär­jun­ta aus­ge­ru­fe­ne Peri­ode der „natio­na­len Restau­ra­ti­on“. Die­se war ver­ant­wort­lich für das Ver­schwin­den von schät­zungs­wei­se 30.000 lin­ker Stu­die­ren­der, Gewerkschaftsführer:innen, Arbeiter:innen, Guerillakämpfer:innen und ande­rer „Sub­ver­si­ver“, die als Gefahr für die argen­ti­ni­sche Gesell­schaft und Kul­tur ange­se­hen wur­den. Die­se Peri­ode soll­te bis 1983 andau­ern, als die Mili­tär­jun­ta inmit­ten einer wirt­schaft­li­chen Kata­stro­phe und dem Deba­kel des Falk­land­krie­ges zusam­men­brach.

In der Zeit nach der Dik­ta­tur haben lin­ke und sozia­le Orga­ni­sa­tio­nen Argen­ti­ni­en dazu gezwun­gen, eine Kam­pa­gne für „Erin­ne­rung, Gerech­tig­keit und Wahr­heit“ zu för­dern. Jahr für Jahr gibt es an die­sem Tag Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen von Zehn­tau­sen­den von Men­schen. Die der­zei­ti­ge pero­nis­ti­sche Regie­rung von Alber­to Fernán­dez sowie sei­ne pro­gres­si­ve­re Vize­prä­si­den­tin Cris­ti­na Kirch­ner haben sich jedoch gewei­gert, in die­sem Jahr zu Demons­tra­tio­nen und ande­ren popu­lä­ren Gedenk­ver­an­stal­tun­gen auf­zu­ru­fen. Sie recht­fer­ti­gen ihre Ent­schei­dung damit, dass eine zwei­te Coro­na­wel­le bevor­stün­de und haben vor­ge­schla­gen, statt­des­sen 30.000 Bäu­me zu pflan­zen, um den Ver­schwun­de­nen zu geden­ken.

Doch die Regie­rung hat sich nicht um das Coro­na­vi­rus geküm­mert, wenn Arbeiter:innen gezwun­gen sind, unter unsi­che­ren oder unhy­gie­ni­schen Bedin­gun­gen zu arbei­ten. Somit wird deut­lich, dass die­se Ent­schei­dung nichts mit dem Coro­na­vi­rus zu tun, son­dern viel­mehr einem Mus­ter folgt, bei dem die der­zei­ti­ge Regie­rung ver­sucht, um jeden Preis an die Rech­te des Lan­des zu appel­lie­ren, um „den Riss” zwi­schen der gespal­te­nen „Lin­ken” und der rech­ten Oppo­si­ti­on zu über­win­den. Die Sozia­lis­ti­sche Arbeiter:innenpartei (Par­ti­do de los Tra­ba­ja­do­res Socia­lis­tas, PTS) hat die­se Ent­schei­dung offen kri­ti­siert. Sie hat die Demons­tra­tio­nen im gan­zen Land unter­stützt und die Regie­rung auf­ge­for­dert, das­sel­be zu tun.

Im gan­zen Land gin­gen ges­tern schließ­lich tau­sen­de auf die Stra­ße, um der Opfer der Mili­tär­dik­ta­tur zu geden­ken. Die zen­tra­le Kund­ge­bung fand in der Haupt­stadt Bue­nos Aires statt. Das Geden­ken war jedoch nicht von aktu­el­len poli­ti­schen und sozia­len Fra­gen des Lan­des los­ge­löst: So betei­lig­ten sich auch tau­sen­de Arbeiter:innen, die sich im Kampf befin­den, dar­un­ter Eisenbahner:innen, die gegen ihre Ent­las­sung kämp­fen oder Beschäf­tig­te aus dem Gesund­heits­we­sen, die sich gegen Spar­maß­nah­men in ihrem Sek­tor weh­ren. Sie ver­sam­mel­ten sich hin­ter einem Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Tra­ba­ja­dorxs en lucha“ (Arbeiter:innen im Kampf), mit T‑Shirts und Hem­den, die ihre ver­schie­dens­ten Arbeits­stät­ten ver­rie­ten.

Doch auch die staat­li­che Repres­si­on gehört nicht der Ver­gan­gen­heit an. Die gewalt­tä­ti­gen Hin­ter­las­sen­schaf­ten des Staats­ter­ro­ris­mus und der Repres­si­on durch die Sicher­heits­kräf­te gegen die Arbeiter:innenklasse und Dissident:innen sind mehr als leben­dig. Facun­do Cas­tro war erst 22 Jah­re alt, als er im April 2020 von der Poli­zei wegen eines Ver­sto­ßes gegen die Qua­ran­tä­ne­be­stim­mun­gen ange­hal­ten wur­de und ver­schwand. Ein wei­te­rer Fall staat­li­cher Repres­si­on betrifft Gas­tón Remy, einen gewähl­ten PTS-Pro­vinz­ab­ge­ord­ne­ten, den die Poli­zei dar­an hin­der­te, sei­nen Sitz ein­zu­neh­men. Die For­de­rung nach Gerech­tig­keit auch in die­sen aktu­el­len Fäl­len fand in den Paro­len auf den Demons­tra­tio­nen Aus­druck.

Dies ist alles nichts Neu­es. Der Pero­nis­mus hat schon immer den Fort­schritt für die Arbeiter:innenklasse zuguns­ten von poli­ti­scher Macht und Sta­bi­li­tät geop­fert. Sicht­bar wird dies anhand der Geschich­te des Pero­nis­mus und der Mili­tär­jun­ta von 1976–1983.

Geschichtlicher Exkurs

Unter der Regie­rung Juan Dom­in­go Peróns von 1946–1955 wur­de die bis­lang poli­tisch ent­mün­dig­te Arbeiter:innenbewegung mani­pu­liert, indem sie in die von der Regie­rung kon­trol­lier­ten Gewerk­schaf­ten ein­ge­glie­dert wur­de. Damit erhielt er die Unter­stüt­zung als „Stim­me der Arbeiter:innen“. Die Frei­heit der Gewerk­schaf­ten wur­de zuguns­ten einer büro­kra­ti­schen Kon­trol­le abge­schafft, wäh­rend der Pero­nis­mus ver­such­te, einen „drit­ten Weg“ zwi­schen Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus zu fin­den. Damit woll­te er die Arbeiter:innenklasse und das Kapi­tal im Gleich­ge­wicht hal­ten, indem er die gesell­schaft­li­chen Span­nun­gen zwi­schen die­sen Grup­pen abschwäch­te.

Nach­dem Perón durch eine Mili­tär­re­gie­rung abge­setzt und ins Exil geschickt wor­den war, erleb­te das Land sozia­le Mas­sen­un­ru­hen, die durch den Klas­sen­kampf zwi­schen den Arbeiter:innen und der herr­schen­den Olig­ar­chie ange­heizt wur­den, wäh­rend die Regie­rung zwi­schen kur­zen Peri­oden von Mili­tär- und Zivil­re­gie­run­gen wech­sel­te. Die ideo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zen inner­halb des Pero­nis­mus zeig­ten sich zudem in einer Zer­split­te­rung in lin­ke und rech­te Unterstützer:innengruppen, die sich in den Jah­ren nach sei­nem Exil ent­wi­ckel­ten.

Die Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung erreich­te schließ­lich ihren Höhe­punkt mit Streiks von Arbeiter:innen, dem von der Arbeiter:innenklasse ange­führ­ten Auf­stand in der Stadt Cór­do­ba 1969 und dem Auf­kom­men von Gue­ril­la­grup­pen wie der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Revo­lu­tio­nä­ren Volks­ar­mee (Ejérci­to Revo­lu­cio­na­rio del Pue­blo, ERP) und den link­s­pe­ro­nis­ti­schen Mon­to­n­e­ros wäh­rend der 1970er Jah­re.

Die­se von der Arbeiter:innenklasse ange­führ­ten Ant­ago­nis­men führ­ten dazu, dass Perón zwar aus dem Exil zurück­keh­ren, nicht jedoch bei den Wah­len von 1973 kan­di­die­ren durf­te. Nach­dem der pero­nis­ti­sche Kan­di­dat, Héc­tor Cam­pó­ra, die Wahl gewon­nen hat­te, trat er umge­hend zurück, um dem gera­de zurück­ge­kehr­ten Perón die Regie­rungs­macht zu über­ge­ben. Aller­dings war sein Gesund­heits­zu­stand so schlecht, dass sei­ne drit­te Ehe­frau Isa­bel das Amt als Prä­si­den­tin über­nahm. Unab­hän­gig davon wur­den weder die Unzu­frie­den­heit der Bevöl­ke­rung mit der Regie­rung noch die Gue­ril­la­grup­pen durch den Regie­rungs­wech­sel befrie­det.

Die neue pero­nis­ti­sche Regie­rung kün­dig­te 1975 Wirt­schafts­re­for­men an, die klei­ne­re Streiks im gan­zen Land aus­lös­ten. Es folg­ten zwei Gene­ral­streiks der größ­ten Gewerk­schaft, des All­ge­mei­nen Gewerk­schafts­bun­des (Con­fe­der­a­ción Gene­ral del Tra­ba­jo, CGT), mit denen zum ers­ten Mal eine Gewerk­schaft gegen eine pero­nis­ti­sche Regie­rung streik­te, nach­dem sich die die Arbeiter:innen gegen ihre büro­kra­ti­schen Füh­rer auf­ge­lehnt hat­ten. Infol­ge­des­sen ent­stan­den auch Sys­te­me von Arbeiter:innenkomitees und ande­re demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren inner­halb der Fabri­ken, die ver­such­ten, die Kon­trol­le über ihre Arbeits­plät­ze zu erlan­gen. Als sie sich auf Fabri­ken im gan­zen Land aus­brei­te­ten, begann die Bour­geoi­sie, von einer „Indus­trie­gue­ril­la“ zu spre­chen.

Dar­über hin­aus war die­sel­be Regie­rung – auch wenn dies von eini­gen Sek­to­ren der pero­nis­ti­schen Lin­ken oft “ver­ges­sen“ wird – tat­säch­lich die­je­ni­ge, die mit dem Ein­satz von Todes­schwa­dro­nen begann, um Anders­den­ken­de ver­schwin­den zu las­sen und Gue­ril­la­grup­pen zu bekämp­fen. Denn zu der Zeit, als die Mili­tär­jun­ta 1976 an die Macht kam, war die Bedro­hung durch die Gue­ril­la im Wesent­li­chen besei­tigt.

Trotz­dem hielt dies die Jun­ta nicht davon ab, den ver­meint­li­chen Gue­ril­la­krieg als Vor­wand zu nut­zen, um wei­ter­hin Zehn­tau­sen­de „Sub­ver­si­ve“ ver­schwin­den zu las­sen, zu fol­tern, zu ermor­den und sie zu ver­ge­wal­ti­gen – ein kaum ver­hüll­ter Ver­such, einen Klas­sen­krieg gegen die­je­ni­gen zu füh­ren, die als Bedro­hung für die sozia­le, wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Vor­herr­schaft der tra­di­tio­nel­len Olig­ar­chie im Land ange­se­hen wur­den. Natür­lich geschah dies mit Wis­sen und Rücken­de­ckung der CIA im Zuge der Ope­ra­ti­on Con­dor, die die Mili­tär­dik­ta­tu­ren Latein­ame­ri­kas mit­ein­an­der ver­band und die­se Tak­ti­ken der Mas­sen­un­ter­drü­ckung gegen die Arbeiter:innenklasse unter­stütz­te.

Trotz der bru­ta­len faschis­ti­schen Repres­si­on wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur spiel­te die Arbeiter:innenklasse wei­ter­hin eine Rol­le des Wider­stands. So streik­te die­se außer­halb der tra­di­tio­nel­len büro­kra­ti­schen Struk­tu­ren und ging auf die Stra­ße, um das Auf­tau­chen ihrer ver­schwun­de­nen Genoss:innen zu for­dern.

Schlussfolgerungen

Die­se Geschich­te zeigt drei gro­ße Lek­tio­nen. Ers­tens ist der Pero­nis­mus nicht der gro­ße Ver­tei­di­ger der Arbeiter:innenklasse, der er zu sein vor­gibt. Die Arbeiter:innen wur­den sys­te­ma­tisch als Mit­tel zur Auf­recht­erhal­tung der eige­nen Macht benutzt, wäh­rend er sich nicht bereit zeig­te, die Arbeiter:innen wirk­lich zu befrei­en, indem sie ihre Bezie­hung zu den Pro­duk­ti­ons­mit­teln ver­än­dern. Auf­stän­de des Vol­kes wur­den im Gegen­teil direkt mit abscheu­li­chen Tak­ti­ken bekämpft, die spä­ter von einem faschis­to­iden Regime fort­ge­setzt wur­den.

Zwei­tens haben Kämp­fe der Bevöl­ke­rung und Klas­sen­kon­flik­te die poli­ti­sche Geschich­te Argen­ti­ni­ens stets bestimmt, obwohl der Pero­nis­mus immer ver­such­te, den Kon­flikt zu befrie­den, indem er an rech­te Sek­to­ren inner­halb und außer­halb sei­ner eige­nen Rei­hen appel­lier­te. Aus die­sem Grund muss­ten Arbeiter:innen oft ihre pero­nis­ti­sche Füh­rung her­aus­for­dern, um für ihren eige­nen Fort­schritt zu kämp­fen.

Drit­tens zeigt die Geschich­te eine Lek­ti­on gegen den US-Impe­ria­lis­mus. Die CIA war eine der stärks­ten Kräf­te hin­ter der Dik­ta­tur, und die USA unter­stüt­zen bis heu­te Put­sche auf der gan­zen Welt. Men­schen wie Elon Musk unter­stütz­ten den Putsch in Boli­vi­en, und Prä­si­dent Joe Biden unter­stützt Juan Guai­do in Vene­zue­la. Das US-Regime unter­stützt außer­dem die Regie­rung in Hai­ti trotz der mas­si­ven Revol­ten. Des Wei­te­ren hor­ten die USA und ande­re impe­ria­lis­ti­sche Staa­ten Coro­na-Imp­fun­gen, set­zen ihren Impe­ria­lis­mus finan­zi­ell durch den Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds wei­ter durch und beu­ten damit die natür­li­chen Res­sour­cen ande­rer Län­der aus. Der Kampf gegen den US-Impe­ria­lis­mus ist nicht nur his­to­risch, son­dern hoch­ak­tu­ell.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst auf unse­rer eng­lisch­spra­chi­gen Schwes­ter­sei­te Left Voice und wur­de für die Ver­öf­fent­li­chung auf Klas­se Gegen Klas­se leicht erwei­tert. 

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