[gfp:] Der High-Tech-Kampfjet der EU

Bis zu 300 Milliarden Euro

Das FCAS (Future Com­bat Air Sys­tem) ist das aktu­ell wohl bedeu­tends­te Rüs­tungs­pro­jekt auf EU-Ebe­ne. Kern des Vor­ha­bens ist ein Kampf­jet der nächs­ten, sechs­ten Genera­ti­on (Next Genera­ti­on Figh­ter, NGF); dabei han­delt es sich um eine Wei­ter­ent­wick­lung der heu­te moderns­ten, fünf­ten Genera­ti­on, zu der unter ande­rem die US-ame­ri­ka­ni­sche F‑35, die rus­si­sche Suchoi Su-57 oder die chi­ne­si­sche Cheng­du J‑20 gehö­ren. Die moderns­ten euro­päi­schen Kampf­jets wie der Euro­figh­ter oder die fran­zö­si­sche Rafa­le wer­den zur vier­ten Genera­ti­on gezählt. Zeich­net sich die fünf­te Genera­ti­on ins­be­son­de­re dadurch aus, dass ihre Jets über Tarn­kap­pen­ei­gen­schaf­ten ver­fü­gen, so ist die sechs­te dar­über hin­aus als Teil eines kom­ple­xen Kampf­sys­tems, ver­netzt unter ande­rem mit Droh­nen und mit Droh­nen­schwär­men, defi­niert. Auf die gemein­sa­me Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on des neu­en Kampf­jets (NGF) bzw. des gesam­ten Luft­kampf­sys­tems (FCAS) haben sich Ber­lin und Paris auf Regie­rungs­ebe­ne bereits im Juli 2017 geei­nigt; ver­gan­ge­nes Jahr wur­de offi­zi­ell noch Spa­ni­en in das Vor­ha­ben inte­griert. Haupt­säch­lich getra­gen wird das Pro­jekt von den Kon­zer­nen Das­s­ault (Frank­reich) und Air­bus (Deutsch­land, Spa­ni­en). Die Kos­ten für das FCAS, das ab 2040 ein­satz­be­reit sein soll, wer­den auf einen Wert zwi­schen 80 und 300 Mil­li­ar­den Euro bezif­fert.

Die neue Dreierkonstellation

Gab es inner­halb des FCAS-Pro­jekts schon seit je Riva­li­tä­ten und Ein­fluss­kämp­fe zwi­schen den betei­lig­ten Kon­zer­nen, so sind die­se Ende ver­gan­ge­nen Jah­res [1] und dann beson­ders seit Febru­ar 2021 eska­liert. Ein wich­ti­ger Aus­lö­ser ist die Ein­bin­dung Spa­ni­ens in das Vor­ha­ben gewe­sen, die Ber­lin gegen Paris durch­ge­setzt hat. Für die Bun­des­re­gie­rung ist die neue Drei­er­kon­stel­la­ti­on tak­tisch güns­tig: Da der deut­sche und der spa­ni­sche FCAS-Haupt­be­tei­lig­te – Air­bus Defence and Space aus Tauf­kir­chen bei Mün­chen bzw. der Air­bus-Able­ger in Spa­ni­en – dem­sel­ben Kon­zern ange­hö­ren, sind sie gegen­über dem fran­zö­si­schen Haupt­be­tei­lig­ten Das­s­ault ten­den­zi­ell im Vor­teil. Für die fran­zö­si­sche Regie­rung wiegt das schwer. Paris legt tra­di­tio­nell beson­de­ren Wert dar­auf, in der Rüs­tungs­in­dus­trie eigen­stän­dig hand­lungs­fä­hig zu sein; so stammt die Rafa­le allein aus fran­zö­si­scher Pro­duk­ti­on, wäh­rend der Euro­figh­ter in mul­ti­na­tio­na­ler Koope­ra­ti­on her­ge­stellt wird. Ent­spre­chend trägt Das­s­ault am meis­ten Know-how zum neu­en Kampf­jet (NGF) bei – und muss nun zuse­hen, wie die deutsch-spa­ni­sche Kon­kur­renz Wis­sen abschöpft und sich lukra­ti­ve Tei­le der Fabri­ka­ti­on sichert. Bei Das­s­ault habe man „den Ein­druck …, bei FCAS mehr zu ver­lie­ren als zu gewin­nen“ zu haben, erläu­ter­te vor kur­zem der fran­zö­si­sche Mili­tär­ex­per­te Jean-Charles Lar­son­neur: „Ver­schleu­dern wir nicht unser tech­no­lo­gi­sches Wissen?“[2]

„Schwierige Diskussionen“

Im Febru­ar ist es trotz ener­gi­schen poli­ti­schen Drucks im Anschluss an den deutsch-fran­zö­si­schen Ver­tei­di­gungs­rat vom 5. Febru­ar nicht gelun­gen, eine Lösung für die indus­tri­el­len Ein­fluss­kämp­fe zu fin­den: „Es gibt schwie­ri­ge Dis­kus­sio­nen“, hieß es Ende ver­gan­ge­nen Monats aus dem unmit­tel­ba­ren Umfeld des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Emma­nu­el Macron.[3] Anfang März schien sich dann zunächst ein wenig Ent­span­nung abzu­zeich­nen: „FCAS ist nicht mehr in Lebens­ge­fahr“, äußer­te Das­s­ault-Chef Eric Trappier.[4] Inzwi­schen wer­den jedoch wie­der Zwei­fel laut. Zu den indus­tri­el­len Dif­fe­ren­zen kommt nach wie vor hin­zu, dass Paris for­dert, der neue Kampf­jet müs­se atom­waf­fen­fä­hig und dar­über hin­aus in der Lage sein, von einem Flug­zeug­trä­ger aus zu star­ten; Ber­lin, das weder über Atom­waf­fen noch über einen Flug­zeug­trä­ger ver­fügt, legt dar­auf kei­nen Wert. Umge­kehrt hieß es zuletzt aus der deut­schen Haupt­stadt, das FCAS kön­ne even­tu­ell zu teu­er wer­den: Da „die Betriebs­kos­ten der Streit­kräf­te pro Jahr um zwei bis drei Pro­zent“ stie­gen und die Auf­sto­ckung der Bun­des­wehr auf 203.000 Sol­da­ten „jähr­lich zwei Mil­li­ar­den Euro zusätz­lich“ kos­te, müs­se man womög­lich „im Rüs­tungs­be­reich neue Prio­ri­tä­ten“ set­zen, erklärt der ehe­ma­li­ge Wehr­be­auf­trag­te des Bun­des­tags (2015 bis 2020) Hans-Peter Bar­tels. Er for­dert: „Deutsch­land braucht … einen Plan B“.[5]

„Plan B“

Einen „Plan B“ hat Anfang des Monats zudem Das­s­ault-Chef Trap­pier ins Spiel gebracht. Trap­pier bekräf­tigt zwar, nach wie vor „Plan A“ zu favo­ri­sie­ren – Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on des neu­en Kampf­jets sowie des gesam­ten FCAS gemein­sam mit Air­bus Defence and Space und Air­bus Spa­ni­en. Auf­grund der wei­ter­hin unge­lös­ten Dif­fe­ren­zen kom­me man aller­dings nicht umhin, über mög­li­che Alter­na­ti­ven nach­zu­den­ken. Trap­pier erklärt: „Was die Tech­no­lo­gie betrifft – Das­s­ault weiß, wie man ein Flug­zeug allei­ne baut.“[6] Die fran­zö­si­schen Kon­zer­ne Safran und Tha­les sei­en frag­los fähig, Moto­ren für Kampf­flug­zeu­ge zu kon­stru­ie­ren bzw. die Elek­tro­nik zu gewähr­leis­ten; MBDA mit Sitz in Le Ples­sis-Robin­son, einem Vor­ort von Paris, kön­ne die Rake­ten her­stel­len. Die fran­zö­si­sche Indus­trie ver­fü­ge also über das not­wen­di­ge Know-how. Exper­ten bestä­ti­gen dies: Frank­reich sei „fast mit Gewiss­heit“ in der Lage, zumin­dest den Kampf­jet der sechs­ten Genera­ti­on zu pro­du­zie­ren, heißt es in einer aktu­el­len Ein­schät­zung des Lon­do­ner Roy­al United Ser­vices Insti­tu­te (RUSI).[7] Die Kon­zern­spit­ze von Air­bus Defence and Space wie­der­um räumt offen ein, über kei­nen „Plan B“ zu ver­fü­gen: Schei­te­re „Plan A“, dann wer­de die US-ame­ri­ka­ni­sche F‑35 den euro­päi­schen Rüs­tungs­markt voll­stän­dig erobern, wur­de kürz­lich der Air­bus-Mana­ger Antoi­ne Bou­vier zitiert.[8]

Konkurrenzmodell „Tempest“

Die Strei­tig­kei­ten um das FCAS und die fran­zö­si­sche Opti­on, gege­be­nen­falls einen Allein­gang mit dem Pro­jekt zu star­ten, sind für Ber­lin umso miss­li­cher, als ein euro­päi­sches Kon­kur­renz­vor­ha­ben, das bri­ti­sche Luft­kampf­sys­tem „Tem­pest“, nicht nur Fort­schrit­te macht, son­dern inzwi­schen auch EU-Staa­ten ein­be­zieht. Die Arbeit an „Tem­pest“ ist offi­zi­ell im Juli 2018 ein­ge­lei­tet wor­den, ein Jahr nach dem Start­schuss für das FCAS; Ziel ist es gleich­falls, einen Kampf­jet der sechs­ten Genera­ti­on und ein Begleit­sys­tem aus Droh­nen und Droh­nen­schwär­men zu kon­stru­ie­ren. An dem Pro­jekt betei­li­gen sich mitt­ler­wei­le zwei EU-Staa­ten, die nicht am FCAS betei­ligt wur­den – Ita­li­en mit sei­nem Rüs­tungs­kon­zern Leo­nar­do sowie Schwe­den mit Saab. Exper­ten attes­tie­ren dem „Tem­pest“ beacht­li­che Fort­schrit­te. Die bri­ti­sche Regie­rung hat beschlos­sen, den ursprüng­lich geplan­ten Kauf von 138 US-ame­ri­ka­ni­schen F‑35 signi­fi­kant zu redu­zie­ren und die frei wer­den­den Mit­tel in das „Tempest“-Projekt zu inves­tie­ren; erst kürz­lich hat Lon­don für die kom­men­den vier Jah­re zwei Mil­li­ar­den Pfund bereitgestellt.[9] Das bri­ti­sche Luft­kampf­sys­tem soll den Plä­nen zufol­ge ab 2035 ein­satz­be­reit sein – vier Jah­re vor dem FCAS, sofern die­ses tat­säch­lich zustan­de kommt.

[1] S. dazu Der digi­tal-mili­tä­ri­sche Kom­plex.

[2], [3] Tho­mas Hanke: Steht Euro­pas Mega-Rüs­tungs­pro­jekt vor dem Aus? han​dels​blatt​.com 01.03.2021.

[4] Tho­mas Hanke: Rüs­tungs­kon­zer­ne Air­bus und Das­s­ault bemü­hen sich um Ret­tung von Mega-Pro­jekt. han​dels​blatt​.com 08.03.2021.

[5] Hans-Peter Bar­tels, Tho­mas Raa­be: Ber­lin braucht einen Plan B. tages​spie​gel​.de 05.03.2021.

[6] Chris­ti­na Macken­zie: Das­s­ault boss Trap­pier floats ‚Plan B’ con­si­de­ra­ti­ons for the trou­bled FCAS war­pla­ne. defense​n​ews​.com 05.03.2021.

[7] Jus­tin Bronk: FCAS: Is the Fran­co-Ger­man-Spa­nish Com­bat Air Pro­gram­me Real­ly in Trou­ble? rusi​.org 01.03.2021.

[8] Sebas­ti­an Spren­ger: Air­bus tells French law­ma­kers there’s no ‚Plan B’ for FCAS. defense​n​ews​.com 18.03.2021.

[9] Aaron Meh­ta: New Bri­tish plan loo­ks to boost F‑35 num­bers, but is it still aiming for 138? defense​n​ews​.com 23.03.2021.

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