[UG-Blättle:]Michel Foucault: Überwachen und Strafen

Das Gefäng­nis hilft nie­man­dem und wir wer­den es trotz­dem nicht los.

Bild: Neue Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Olden­burg. /​Mar­ti­na Nol­te (CC BY-SA 3.0 crop­ped)

Gegen Kri­mi­na­li­tät scheint in den west­li­chen Gesell­schaf­ten kaum eine jus­ti­zi­el­le Mass­nah­me so selbst­ver­ständ­lich, so natur­wüch­sig und so unum­stöss­lich zu sein wie die Gefäng­nis­stra­fe. Doch das Gefäng­nis hat kei­nes­wegs den Effekt, Kri­mi­na­li­tät zu ver­hin­dern. „Tat­säch­lich führt es fast schick­sal­haft die­je­ni­gen wie­der vor die Gerich­te, die ihm anver­traut waren.“ (S. 327) Die­ses Para­dox ist so alt wie das Gefäng­nis selbst. Wer ver­ste­hen will, war­um sich die Idee des Ein­sper­rens trotz­dem durch­ge­setzt hat, der*die kommt an dem Theo­rie­klas­si­ker „Über­wa­chen und Stra­fen“ von Michel Fou­cault nicht vor­bei.

Vom Spektakel zur Vernunft?

An einem Gerüst auf­ge­hängt, mit glü­hen­den Zan­gen mal­trä­tiert, mit geschmol­ze­nem Blei begos­sen und schliess­lich auf scheuss­li­che Art zer­stü­ckelt. So plas­tisch beginnt „Über­wa­chen und Stra­fen“ mit der Beschrei­bung einer öffent­li­chen Bestra­fungs­sze­ne im Frank­reich des 18. Jahr­hun­derts. Der Ver­bre­cher Dami­ens wird vor den Augen der Zuschau­er gepei­nigt und getö­tet. Grau­sa­me Zei­ten waren das.

Nur rund 25 Jah­re nach der grau­sa­men öffent­li­chen Bestra­fung sieht der Umgang mit Kri­mi­nel­len ganz anders aus. Der Tages­ab­lauf des*der Gefan­ge­nen ist jetzt zeit­lich genau struk­tu­riert, alles wird nüch­tern pro­to­kol­liert, nichts erin­nert mehr an das erbar­mungs­lo­se „Spek­ta­kel“ (S. 16) der „Mar­ter­ze­re­mo­nie“ (S. 75). Verbrecher*innen wer­den nicht mehr vor aller Augen gefol­tert und gede­mü­tigt, son­dern in Haft­an­stal­ten ein­ge­schlos­sen, ihre Arbeits­kraft wird genutzt und ihr Tages­ab­lauf peni­bel doku­men­tiert. Es ist wirk­lich erstaun­lich, mit wel­cher Geschwin­dig­keit sich die Hand­ha­bung von Kri­mi­na­li­tät gewan­delt hat. Zum Glück ist unse­re Welt nicht mehr so fins­ter. Das Licht der Auf­klä­rung liess uns ver­nünf­tig wer­den. Oder etwa doch nicht?

Fou­cault zeigt uns in „Über­wa­chen und Stra­fen“ auf nicht immer ein­fa­che, dafür aber prä­zi­se Art und Wei­se, wie die Vor­stel­lung eines Men­schen, den es im Gefäng­nis zu bestra­fen und zu dis­zi­pli­nie­ren gilt, über­haupt ent­stan­den ist, und dass die­se Vor­stel­lung selbst erst Ergeb­nis von Tech­ni­ken einer am Ide­al der Ein­sper­rung aus­ge­rich­te­ten Gesell­schaft ist. Damit wird die­se Gesell­schaft selbst zum gröss­ten Gefäng­nis.

Die Ver­wand­lung des Straf­ziels ist, so zeigt Fou­cault, das Ergeb­nis eines lan­gen Reform­pro­zes­ses, der sich in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts ankün­digt. Was sich hier voll­zieht ist jedoch weni­ger das Ergeb­nis huma­nis­ti­scher Reform­be­stre­bun­gen, die es zuge­ge­be­ner­mas­sen auch gab. Inter­es­sant für Fou­cault sind die neu­en For­men der Macht, die sich mit die­sem Pro­zess in die gesam­te Gesell­schaft ein­nis­ten.

Die anonyme Macht

Macht ist bei Fou­cault kei­ne repres­si­ve Kraft im Sin­ne der Aus­übung von Gewalt. Statt ein­sei­ti­gem Kräf­te­ver­hält­nis inter­es­sie­ren ihn ver­schie­de­ne Aus­prä­gun­gen von Macht, die eine Gesell­schaft auf unter­schied­li­che Wei­se for­men. Anstatt uns also eine in sich geschlos­se­ne Theo­rie der Macht zu lie­fern, die man anschlies­send nur im Rea­li­tätscheck über­prü­fen müss­te, um ihre Gül­tig­keit zu bewer­ten, lädt Fou­cault uns dazu ein, ganz anders über sozia­le Phä­no­me­ne nach­zu­den­ken. Er ver­knüpft die his­to­ri­sche Ana­ly­se ver­schie­de­ner Stra­te­gien und Tech­ni­ken, Dis­kur­se und Prak­ti­ken mit­ein­an­der. Nicht um zu erklä­ren, was hin­ter die­sen Mass­nah­men steht, son­dern um ver­ständ­lich zu machen, wie sie funk­tio­nie­ren.

Macht ist immer als ein Bezie­hungs­ver­hält­nis zu ver­ste­hen, nicht als Aus­druck einer indi­vi­du­el­len Fähig­keit. Natür­lich wird auch Fou­cault nicht leug­nen, dass etwa die Poli­zei als Insti­tu­ti­on Herr­schafts­struk­tu­ren durch­set­zen kann, oder dass es inner­halb einer Gesell­schaft domi­nie­ren­de Grup­pen gibt, die ihre Inter­es­sen ver­fol­gen kön­nen. Aber Macht besit­zen sie des­halb noch lan­ge nicht. Sol­che Kon­stel­la­tio­nen sind stra­te­gi­sche Kräf­te­ver­tei­lun­gen, die stets umkämpft blei­ben. Jeder Kampf und jede Dis­zi­pli­nie­rung ist bei Fou­cault als unter­schied­li­che Form die­ser Macht­be­zie­hun­gen zu ver­ste­hen. Wer sie steu­ert ist nicht ent­schei­dend, wer gewinnt steht nie­mals fest.

Disziplin als Ordnungsprinzip

Auf eben solch anony­me Wei­se voll­zieht sich auch die Ent­ste­hung des Gefäng­nis­ses. Fou­caults zen­tra­le The­se lau­tet, dass sich das Gefäng­nis als Bestra­fungs- und Bes­se­rungs­in­stru­ment eben des­halb durch­setzt, weil es nach Prin­zi­pi­en funk­tio­niert, die unse­re gesam­te Gesell­schaft struk­tu­rie­ren, den Prin­zi­pi­en der Dis­zi­plin. Fou­cault beschreibt damit einen voll­kom­men neu­en Zugriff auf indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten, wel­cher der Abschre­ckung durch eine grau­sa­me Bestra­fung ent­ge­gen­ge­setzt ist. Die Macht­aus­übung des klas­si­schen Zeit­al­ters ist einem Netz­werk von Dis­zi­pli­nar­tech­ni­ken gewi­chen, das nun den gesam­ten Gesell­schafts­kör­per durch­zieht.

Die Her­stel­lung abge­grenz­ter Räu­me, die Ein­rich­tung einer opti­ma­len Zeit­öko­no­mie, und schliess­lich die Eta­blie­rung einer „Mikro-Jus­tiz“ mit all ihren Sank­tio­nie­rungs- und Nor­mie­rungs­stra­te­gien brin­gen ein „Dis­zi­pli­na­rin­di­vi­du­um“ (S. 241) her­vor, das opti­mal qua­li­fi­ziert, ver­gli­chen und kor­ri­giert wer­den kann. Und zwar nicht nur in einem repres­si­ven, son­dern zugleich in einem für die Gesell­schaft „pro­duk­ti­ven“ Sin­ne: Dis­zi­pli­nie­rung erschafft das moder­ne Sub­jekt, indem es sich der Dis­zi­pli­nie­rung unter­wirft.

Die Inhaf­tie­rung von Kri­mi­nel­len bil­det dabei kei­ne Aus­nah­me. Im Gefäng­nis­sys­tem tre­ten genau die­se Effek­te her­vor und ver­bin­den sich zu einer neu­en Macht­tech­no­lo­gie. Bei der Behand­lung von Gesetzesbrecher*innen wird nun nicht mehr auf das Ver­bre­chen und das ent­stan­de­ne Unrecht fokus­siert, son­dern auf den*die Verbrecher*in. Zu die­sem Wis­sen über den*die Delinquent*in gehört vor allem die Bio­gra­phi­sie­rung des jewei­li­gen Ver­bre­cher­sub­jekts, wo in der Abwei­chung Typo­lo­gi­sie­run­gen und Nor­men ent­ste­hen. Die­se „Ein­füh­rung des ‚Bio­gra­phi­schen‘“ (S. 324) in die Gerichts­pra­xis erlaubt es, den mora­li­sie­ren­den Anspruch der Bestra­fung mit dem Ziel der Bes­se­rung zu durch­set­zen.

Menschen werden zu Objekten

Dass eine sol­che „Nor­ma­li­sie­rungs­macht“ (S. 392) durch ihre Ord­nungs- und Struk­tu­rie­rungs­me­cha­nis­men Wis­sen pro­du­ziert, zeigt ihren pro­duk­ti­ven Cha­rak­ter. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass Wis­sen und Macht gleich­be­deu­tend sind.

„Eher ist wohl anzu­neh­men, dass die Macht Wis­sen her­vor­bringt (und nicht bloss för­dert, anwen­det, aus­nutzt); dass Macht und Wis­sen ein­an­der unmit­tel­bar ein­schlies­sen; dass es kei­ne Macht­be­zie­hung gibt, ohne dass sich ein ent­spre­chen­des Wis­sens­feld kon­sti­tu­iert, und kein Wis­sen, dass nicht gleich­zei­tig Macht­be­zie­hun­gen vor­aus­setzt und kon­sti­tu­iert.“ (S. 39)

So sind Insti­tu­tio­nen des Wis­sens eben auch Dis­zi­pli­nar­in­sti­tu­tio­nen: die Schu­len, in denen die Schü­ler nach ihrem Kön­nen und ihrem Ver­hal­ten geord­net, klas­si­fi­ziert und gegen­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, aber auch die Ent­ste­hung der Psych­ia­trie, in der das Nor­ma­le dem Anor­ma­len, dem „Wahn­sinn“, gegen­über­ge­stellt wird oder eben das Gefäng­nis, das den*die Delinquent*in als von der Norm abwei­chen­des Sub­jekt „pro­du­ziert“ (S. 342). Mit der Her­stel­lung der Norm als Bezugs­punkt der Macht sind auch die Normalisierungsrichter*innen über­all anzu­tref­fen. Richter*innen, Ärzt*innen, Pädagog*innen, Sozialarbeiter*innen, „sie alle arbei­ten für das Reich des Nor­ma­ti­ven“ (S. 393), das die­se neue Nor­ma­li­tät errich­tet und in deren Macht wir gefan­gen sind. „Was die Rich­ter durch­set­zen, wenn sie ‚the­ra­peu­ti­sche Urtei­le‘ fäl­len und ‚Reso­zia­li­sie­rungs­stra­fen‘ ver­hän­gen, ist die Öko­no­mie der Macht und nicht die ihrer Skru­pel oder ihres Huma­nis­mus“ (S. 392). Nicht eine neue Mensch­lich­keit, son­dern eine neue Nütz­lich­keit im Macht­ge­flecht ent­schei­det über den Umgang mit Straf­fäl­li­gen.

Die Verwaltung der Gesetzwidrigkeiten

Der schein­ba­re Wider­spruch, mit der Bekämp­fung der Delin­quenz sel­bi­ge erst zu pro­du­zie­ren, ist nach Fou­cault ein Phä­no­men, das bereits in der zeit­ge­nös­si­schen Kri­tik am Gefäng­nis­sys­tem the­ma­ti­siert wird. Die Aus­bil­dung die­ser Straf­tech­nik sei immer schon mit der Kri­tik an deren Unwirk­sam­keit ver­bun­den gewe­sen. Doch der Gegen­satz wird dadurch auf­ge­löst, dass

„das Gefäng­nis und über­haupt die Straf­mit­tel nicht dazu bestimmt sind, Straf­ta­ten zu unter­drü­cken, son­dern sie zu dif­fe­ren­zie­ren, zu ord­nen, sie nutz­bar zu machen […] Die Straf­jus­tiz wäre dann so etwas wie die ‚Ver­wal­tung‘ der Gesetz­wid­rig­kei­ten“ (S. 350f.).

Gefäng­nis­se ver­hin­dern also kei­ne Straf­fäl­lig­keit, das war den Kritiker*innen des Gefäng­nis­ses von Beginn an bewusst. Eine sol­che Kri­tik ver­kennt aber, – und das ist das Ver­dienst Fou­caults – dass es nicht die Auf­ga­be des Gefäng­nis­ses ist, Kri­mi­na­li­tät zu ver­hin­dern, son­dern sie zu ord­nen, und zu dif­fe­ren­zie­ren. Es ist also zwin­gen­der Bestand­teil der Logik des Gefäng­nis­ses, dass es ihren eige­nen Gegen­stand her­vor­bringt. Wür­de es Straf­fäl­lig­keit tat­säch­lich ver­hin­dern, so könn­te man es auf die Spit­ze trei­ben, wür­de sich das Gefäng­nis­sys­tem selbst abschaf­fen.

Max Tri­bu­kait
kri​tisch​-lesen​.de

Michel Fou­cault: Über­wa­chen und Stra­fen. Die Geburt des Gefäng­nis­ses. Über­setzt von: Wal­ter Seit­ter. Suhr­kamp Ver­lag, Frank­furt am Main 1977. 408 Sei­ten. ca. SFr. 26.00. ISBN: 978–3‑518–27784‑3

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