[UG-Blättle:]Der Schakal

Fred Zin­ne­mann (1907–1997) gehört zu den Regis­seu­ren, die mit legen­dä­ren Fil­men auf­war­ten kön­nen.

Bild: Der bri­ti­scher Schau­spie­ler Edward Fox (hier 2011) spielt im Film die Haupt­rol­le des Scha­kals. /​Rita Molnár (CC BY-SA 2.0 crop­ped)

1944 brach­te er Anna Seg­hers Geschich­te „Das Sieb­te Kreuz“ auf die Lein­wand (mit Spen­cer Tra­cy in der Haupt­rol­le), ein Roman von James Jones dien­te ihm 1953 als Grund­la­ge für „Ver­dammt in alle Ewig­keit“ (mit Burt Lan­cas­ter, Mont­go­me­ry Clift, Debo­rah Kerr und Frank Sina­tra). Sein gröss­ter Erfolg jedoch bleibt „High Noon“ aus dem Jahr 1952 mit Gary Coo­per, Lloyd Brid­ges und Grace Kel­ly.

Einer sei­ner letz­ten Fil­me wid­me­te sich dem Anschlag auf den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Charles de Gaul­le durch Mit­glie­der der OAS (Orga­ni­sa­ti­on de l’Armée Secrè­te), einer Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on vor allem in Alge­ri­en leben­der Fran­zo­sen, die die Unab­hän­gig­keit des Lan­des 1962 nicht akzep­tie­ren woll­ten und dies durch Ter­ror­an­schlä­ge doku­men­tier­ten. Der blu­ti­ge Krieg gegen die alge­ri­sche Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on FLN, geführt von Ben Bel­la, wur­de auch nach Frank­reich getra­gen. Ein ers­ter Anschlag auf de Gaul­le schei­ter­te; der Atten­tä­ter wur­de hin­ge­rich­tet. For­syth ent­wi­ckelt in sei­nem Roman die Pla­nung eines wei­te­ren Atten­tats, das jedoch von einem von der OAS unab­hän­gi­gen Kil­ler durch­ge­führt wer­den soll, da der fran­zö­si­sche Geheim­dienst die OAS bereits weit­ge­hend durch Spit­zel unter­wan­dert hat­te.

Ken­neth Ross Dreh­buch ver­lei­te­te Micha­el Caton-Jones 1997 zu einem wenig über­zeu­gen­den Remake mit Bruce Wil­lis, Richard Gere und Sid­ney Poi­tier in den Haupt­rol­len.

Die OAS-Spit­ze um Cas­son (Denis Carey), Mont­c­lair (David Swift) und Wolen­ski (Jean Mar­tin) will einen eng­li­schen Pro­fi­kil­ler auf de Gaul­le anset­zen. Alle drei OAS-Mit­glie­der befin­den sich in einem Ver­steck in der Schweiz, in dem sie den Kil­ler nur ein­mal zu sehen bekom­men. Er nennt sich „Der Scha­kal“ (Edward Fox) und macht zur Bedin­gung, dass er ab sofort allein arbei­tet – ohne irgend­wel­che Kon­tak­te zur OAS.

Um das Geld für die Bezah­lung des Scha­kals auf­zu­brin­gen, orga­ni­sie­ren Cas­son und sei­ne Leu­te Juwe­len­dieb­stäh­le. Colo­nel Rol­land (Michel Auc­lair) und sei­ne Leu­te vom Geheim­dienst wer­den auf die­se Wei­se dar­auf auf­merk­sam, dass die OAS offen­bar wei­ter aktiv ist. Der Scha­kal macht sich an die Vor­be­rei­tun­gen für das Atten­tat, das wäh­rend der Fei­er­lich­kei­ten zur Unab­hän­gig­keit statt­fin­den soll. Er ver­schafft sich über die Geburts­ur­kun­de eines längst Ver­stor­be­nen eine neue Iden­ti­tät, beauf­tragt einen Gewehr­ma­cher (Cyril Cusack) mit der Anfer­ti­gung eines Spe­zi­al­ge­wehrs, das in Ein­zel­tei­le zer­legt und dadurch unauf­fäl­lig ver­steckt wer­den kann, lässt sich von einem Fäl­scher (Ronald Pick­up) Papie­re machen, besorgt sich Klei­dung, um am Tag des Atten­tats getarnt in das Haus zu gelan­gen, aus dem her­aus der töd­li­che Schuss abge­feu­ert wer­den soll, und mie­tet eine kon­spi­ra­ti­ve Woh­nung an.

Über einen Mit­tels­mann wird die schö­ne Deni­se (Olga Geor­ges-Picot) auf einen hohen Beam­ten im Umkreis eines Minis­ters (Alan Badel) und des Geheim­diens­tes ange­setzt, damit der Scha­kal über die jeweils neu­es­ten Akti­vi­tä­ten der Poli­zei und des Diens­tes infor­miert ist.

Rol­land und sei­ne Leu­te neh­men Wolen­ski fest, der unter Fol­ter spär­li­che Infor­ma­tio­nen über das geplan­te Atten­tat preis­gibt. Da der Scha­kal jedoch allein arbei­tet und die OAS-Mit­glie­der nichts über sei­ne kon­kre­ten Vor­be­rei­tun­gen wis­sen, nutzt Rol­land die Aus­sa­ge Wolenskis nur wenig. Auch die Spit­zel des Geheim­diens­tes in der OAS sind kalt gestellt. Man weiss nur, dass der Scha­kal gepflegt aus­sieht, blon­de Haa­re hat und aus dem Aus­land kommt. Rol­land sieht nur eine Chan­ce: Ein Spit­zen­mann aus der fran­zö­si­schen Poli­zei soll die Iden­ti­tät des Scha­kals auf­klä­ren. So wird Inspek­tor Lebel (Micha­el Lons­da­le) beauf­tragt, der zusam­men mit sei­nem Mit­ar­bei­ter Caron (Derek Jaco­bi) die Ermitt­lun­gen auf­nimmt.

Inzwi­schen sind die Vor­be­rei­tun­gen des Scha­kals weit gedie­hen. Den Fäl­scher hat er besei­tigt, nach­dem der ihn erpres­sen woll­te. Deni­se erfährt so gut wie alles, was sie wis­sen will. Das Spe­zi­al­ge­wehr ist per­fekt. Lebel bleibt nur noch wenig Zeit …

Ein Film fast ohne Musik. Zin­ne­mann erzeugt über eine Län­ge von über zwei Stun­den Dau­er­span­nung, ohne musi­ka­li­sche Effek­te zu benut­zen. Die­se Meis­ter­leis­tung resul­tiert vor allem dar­aus, dass er die detail­lier­ten Vor­be­rei­tun­gen des Atten­tats und die Welt des skru­pel­lo­sen Scha­kals mit einer ande­ren Welt, der des Inspek­tor Lebels, der in Zeit­not und unter immensem, auch poli­ti­schen Druck steht, kon­fron­tiert. Unter den spe­zi­fi­schen Bedin­gun­gen erzeugt dies eine Ver­fol­gungs­jagd, bei der Jäger und Gejag­ter erst ganz am Schluss auf­ein­an­der tref­fen. Es erweist sich jedoch im Lau­fe des Films noch etwas ande­res: Bei­de Wel­ten sind nur die zwei Sei­ten einer Medail­le. Der Scha­kal wie Lebel ver­rich­ten ihre Arbeit vor einem sozia­len und poli­ti­schen Hin­ter­grund, der zwar vor­aus­ge­setzt ist, im Film selbst aber nur ange­deu­tet wird.

Zin­ne­mann zeigt den Scha­kal als einen Mann, der ent­schlos­sen ist, für 100.000 Pfund, wenn ich mich der Sum­me recht erin­ne­re, sein Ziel skru­pel­los zu ver­fol­gen. Ihm gegen­über ste­hen Rol­land und Lebel, die dies – unter Ein­satz aller Mit­tel, auch Fol­ter – zu ver­hin­dern trach­ten. Dem Film wur­de vor­ge­wor­fen, er ent­fal­te kei­ne psy­cho­lo­gi­sche Schär­fe der Cha­rak­te­re. Das Gegen­teil ist der Fall. Nur, dass uns die Psy­cho­lo­gie der Figu­ren nicht behagt. „Der Scha­kal“ ist emo­tio­nal gese­hen ein Käl­te ver­brei­ten­der Film. Weder Edward Fox Scha­kal, noch Lons­da­les Lebel strah­len Wär­me aus. Eine Iden­ti­fi­zie­rung mit den Figu­ren ist kaum mög­lich.

Zin­ne­mann treibt den Zuschau­er auf die Jagd. Die ein­zi­ge Fra­ge, die ent­schei­dend bleibt, ist, ob der Scha­kal es schafft, an de Gaul­le her­an­zu­kom­men oder nicht. Das Gro­tes­ke, ja Zyni­sche an die­ser Situa­ti­on ist, dass jeder heu­te weiss, dass de Gaul­le nicht ermor­det wur­de, und das bedeu­tet, dass man von vorn­her­ein weiss, dass der Scha­kal schei­tern wird. Nicht die Insze­nie­rung ist kalt oder unpsy­cho­lo­gisch ange­legt, son­dern die Geschich­te, die der Film erzählt, über eine Gesell­schaft, in der die sich selbst für mora­lisch höher ste­hend betrach­ten­den Staats­or­ga­ne mit ein und den­sel­ben Mit­teln ein Atten­tat zu ver­hin­dern trach­ten, mit denen es ver­übt wer­den soll: Hin­ter­halt, Heim­tü­cke, Fol­ter, ent­fes­sel­te Staats­macht.

Zin­ne­mann lässt dem Zuschau­er kei­ne Ruhe. Er führt zahl­rei­che Per­so­nen ein, die zum gröss­ten Teil nur mehr oder weni­ger kurz zu sehen sind, dar­un­ter etwa auch Colet­te de Mont­pe­lier (Del­phi­ne Sey­rig), die den Scha­kal als Lieb­ha­ber benutzt, wäh­rend er sie im Rah­men sei­nes Plans instru­men­ta­li­siert und mit aller Kalt­blü­tig­keit tötet, weil sie eine unlieb­sa­me Zeu­gin sein wür­de. Auf der ande­ren Sei­te geht es den fran­zö­si­schen Behör­den zwar auch um das Leben des Prä­si­den­ten (gespielt von Adri­en Cay­la-Legrand), vor allem aber um das, was er reprä­sen­tiert: Staats­macht, Legi­ti­mi­tät und Lega­li­tät. Um die­se „Wer­te“ zu schüt­zen, ist jedes Mit­tel erlaubt.

Der kon­kre­te his­to­ri­sche Hin­ter­grund lässt die­se Geschich­te noch ver­wi­ckel­ter erschei­nen. Denn de Gaul­le hat­te den Alge­ri­ern die Unab­hän­gig­keit nicht frei­wil­lig zuge­stan­den. Die FLN hat­te jah­re­lang aus dem Unter­grund her­aus gegen die Kolo­ni­al­her­ren einen uner­bitt­li­chen Krieg geführt, bevor 1958 de Gaul­le bereit war, Alge­ri­en eine „gewis­se Auto­no­mie“ zu garan­tie­ren. Erst 1962 hat­ten Ben Bel­la und die FLN gesiegt. Die OAS sah in de Gaul­le einen Ver­rä­ter an den Inter­es­sen Frank­reichs. Es ging also nicht ein­fach um ein poli­ti­sches Atten­tat, son­dern um eine Art poli­ti­sche Blut­feh­de: einer der ihri­gen soll­te dafür ster­ben, dass er die fran­zö­si­sche Sache ver­ra­ten hat­te. Das macht ein Atten­tat nicht bes­ser oder schlech­ter, rückt die Figu­ren des Films aber ins rech­te Licht.

Zin­ne­mann ist die­ser Geschich­te und ihren poli­ti­schen und sozia­len Umstän­den in der Insze­nie­rung weit­ge­hend ent­ge­gen­ge­kom­men, beson­ders auch vor dem Hin­ter­grund des kal­ten Krie­ges, inner­halb des­sen der Ver­lust einer Kolo­nie und die damit ver­bun­de­nen innen­po­li­ti­schen Zer­würf­nis­se schwer­wie­gen­de­re Ein­bus­sen an Image und Ein­fluss bedeu­ten muss­ten als in ande­ren Zei­ten. Amo­ra­li­tät, intel­lek­tu­el­le Debi­li­tät und Skru­pel­lo­sig­keit rei­chen sich die Hän­de. Für die Figu­ren in „Der Scha­kal“ besteht der Lebens­in­halt im Ziel des Macht­er­werbs bzw. ‑erhalts.

„Der Scha­kal“ ist ein typi­scher Thril­ler der frü­hen 70er Jah­re, ver­gleich­bar etwa mit Wil­liam Fried­kins „French Con­nec­tion“ (1971), span­nend und in gewis­ser Hin­sicht – vor dem genann­ten his­to­ri­schen Hin­ter­grund – zum Zer­reis­sen zer­mür­bend. Ein ein­zi­ger Schuss ent­schei­det im Show­down eine Aus­ein­an­der­set­zung, nach der sich nicht wirk­lich etwas ändert, nach dem nur die Ver­hält­nis­se wie­der klar gestellt sind. Zin­ne­mann erwies sich hier – er dreh­te nach dem Scha­kal noch zwei Fil­me – ein­mal mehr als exzel­len­ter Dra­ma­ti­ker, der es ver­steht, aus einer gelun­ge­nen Roman­vor­la­ge einen gelun­ge­nen Film zu zau­bern.

Ulrich Beh­rens

Der Scha­kal

Eng­land, Frank­reich

1973

145 min.

Regie: Fred Zin­ne­mann

Dreh­buch: Ken­neth Ross

Dar­stel­ler: Edward Fox, Micha­el Lons­da­le, Terence Alex­an­der

Pro­duk­ti­on: John Woolf

Musik: Geor­ges Del­e­rue

Kame­ra: Jean Tour­nier

Schnitt: Ralph Kemp­len

Ulrich Beh­rens

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