[KgK:]​Eine Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen

Der impe­ria­lis­ti­sche Krieg von 1914 besie­gel­te den Beginn der „Epo­che der Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen“, wie Lenin sie nann­te. Der revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus kam indes rela­tiv spät zu die­ser Defi­ni­ti­on. Bereits zwi­schen 1899 und 1902 fand der soge­nann­te Zwei­te Buren­krieg statt, bei dem die Brit:innen die nie­der­län­di­schen Kolonist:innen töte­ten und eine Wen­de zum Krieg ein­lei­te­ten. Zwi­schen 1904 und 1905 fand der Krieg zwi­schen dem rus­si­schen und dem japa­ni­schen Reich statt, in des­sen Rah­men die rus­si­sche Revo­lu­ti­on von 1905 statt­fand. Zwi­schen 1912 und 1913 fand die Bal­kan­krie­ge statt, in denen Slaw:innen und mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung ein­an­der töten (Trotz­ki war ein pro­mi­nen­ter Chro­nist die­ser Krie­ge). Der revo­lu­tio­nä­re Flü­gel der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le hat­te schon die Lan­zen mit dem Revi­sio­nis­mus gekreuzt, wel­cher eine fried­li­che Epo­che des Kapi­ta­lis­mus vor­aus­sah ähn­lich wie die von uns erwähn­ten aktu­el­len „Poskapitalist:innen“ , jedoch zog die­ser revo­lu­tio­nä­re Flü­gel die wich­tigs­ten Schluss­fol­ge­run­gen über die Epo­che erst, als der Krieg schon kurz bevor stand oder sogar schon begon­nen hat­te. Zum Bei­spiel sind Lenins grund­le­gen­de Schrif­ten wie Der Impe­ria­lis­mus als höchs­tes Sta­di­um des Kapi­ta­lis­mus oder sei­ne Notiz­bü­cher über Clau­se­witz usw. nach dem Kriegs­aus­bruch 1914 ent­stan­den. Und da reden wir über die pro­mi­nen­tes­ten Revolutionär:innen des 20. Jahr­hun­derts. Das muss also für uns ein Weckruf sein, wie wir unse­ren Blick schär­fen müs­sen, aus­ge­hend von allem, was der Mar­xis­mus ent­wi­ckelt hat, um eine vollstän­di­ge Per­spek­ti­ve über die Etap­pe zu haben, in der wir leben.

Das gro­ße Pro­blem ist, die Din­ge nicht mecha­nisch zu wie­der­ho­len. In den 1930er Jah­ren war die Arbeits­lo­sig­keit höher als heu­te, und es gab gro­ße Nie­der­la­gen. In die­sem Rah­men gab es gro­ße an den Rand gedräng­te Mas­sen, weil der Kapi­ta­lis­mus über zu viel bil­li­ge Arbeitskraft ver­füg­te, aber das Kapi­tal nicht ver­wer­ten konn­te. Aller­dings haben die Kapitalist:innen dafür einen Aus­weg, der zwar poli­tisch und gesell­schaft­lich sehr schwer durch­zufüh­ren, aber effek­tiv ist: Krieg, sogar Atom­krieg. In der Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de die Hypo­the­se eines Atom­kriegs zwi­schen den USA und Russ­land in Begrif­fen der „Mutual­ly Assu­red Dest­ruc­tion“ („wech­sel­sei­tig zuge­si­cher­te Zer­stö­rung“, auch als „Gleich­ge­wicht des Schre­ckens“ bezeich­net) dis­ku­tiert, denn wenn zum Bei­spiel die USA Mos­kau bom­bar­dier­ten und dem Erd­bo­den gleich­mach­ten, konn­te die UdSSR inner­halb von Minu­ten eine wei­te­re Bom­be abwer­fen und Los Ange­les, Kali­for­ni­en, zer­stö­ren. Die Imperialist:innen dis­ku­tier­ten aus­führ­lich, wie ein Atom­krieg geführt wer­den könn­te, indem sie Städ­te zer­stör­ten und einen Vor­teil aus dem nuklea­ren Aus­tausch zogen, der es ihnen erlau­ben wür­de, der UdSSR ihren Wil­len auf­zu­zwin­gen. Es mag heu­te selt­sam erschei­nen, aber über die­se Dis­kus­sio­nen wur­den Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de von Sei­ten geschrie­ben. Hen­ry Kis­sin­ger argu­men­tier­te, dass das Pro­blem eines Atom­krie­ges nicht der Atom­krieg selbst sei es wür­de ein paar hun­dert Mil­lio­nen Tote geben, aber das wäre nicht das Pro­blem , son­dern dass der Tod zu schnell ein­tre­ten und den Men­schen kei­ne Zeit geben wür­de, damit umzu­ge­hen. Das wür­de es sehr schwie­rig machen, ein Sys­tem nach einem Atom­krieg zu regie­ren und eine Revo­lu­ti­on zu ver­hin­dern, die die Regie­rung zu Fall brin­gen oder den Staat direkt zer­schla­gen wür­de. Mit ande­ren Wor­ten, er sah das Pro­blem dar­in, wie man einen Atom­krieg führt, nicht als ein Pro­blem an sich auf­grund der Tra­gö­die, die der Atom­krieg ver­ur­sa­chen wür­de.

War­um füh­re ich das The­ma „Krieg“ ein? Weil der Kapi­ta­lis­mus alle mög­li­chen Gegentenden­zen her­vor­brin­gen kann: Er kann Bla­sen erzeu­gen wie die Immo­bi­li­en­bla­se, die 2008 platz­te –, er kann sich auf Chi­na aus­brei­ten und die Revo­lu­ti­on wie­der in eine Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ver­wan­deln. Die Kapitalist:innen kön­nen vie­le Din­ge erfin­den, aber die Mög­lich­kei­ten des Kapi­ta­lis­mus, eine Lösung für sei­ne Kri­sen zu fin­den, sind nicht zu tren­nen von der Orga­ni­sa­ti­on der Arbeiter:innenbewegung, dem Klas­sen­kampf und den Revo­lu­tio­nen, der Akti­on der Revolutionär:innen. Wenn die­se grund­le­gen­den Ele­men­te eli­mi­niert wer­den, ist es dem Kapi­ta­lis­mus offen­sicht­lich eher mög­lich, eine Lösung für sei­ne Kri­se zu fin­den. Aber wenn er kei­nen Aus­weg fin­det und sei­ne inne­ren Wider­sprü­che ihn dar­an hin­dern, Kapi­tal zu akku­mu­lie­ren, steht ihm die Alter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung, die er im Ers­ten und Zwei­ten Welt­krieg ange­wandt hat, näm­lich die Pro­duk­tiv­kräf­te zu zer­stö­ren, die Brü­cken, die Fabri­ken, die Gebäu­de, die Stra­ßen usw. zu ver­nich­ten. Und so führt die­se Zer­stö­rung dazu, wie­der einen frucht­ba­ren Boden für die Akku­mu­la­ti­on von Kapi­tal zu schaf­fen. Dies geschah in den drei Jahr­zehn­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg, als in den zen­tra­len Län­dern Voll­be­schäf­ti­gung und hohe Wachs­tums­ra­ten herrsch­ten, wes­halb die­se Jah­re als der Boom, „die glor­rei­chen 30 Jah­re“ des Kapi­ta­lis­mus bezeich­net wur­den. Die­ser Nach­kriegs­boom mün­de­te im Neo­li­be­ra­lis­mus, denn weil es kei­ne Revo­lu­ti­on gab, muss­te die Pro­fi­tra­te zu fal­len begin­nen, als der Schwung des Wie­der­auf­baus Euro­pas end­gül­tig erschöpft war. So began­nen die Kapitalist:innen den Groß­an­griff auf die Errun­gen­schaf­ten der Arbeiter:innen.

Wer nicht begreift, dass sich die Ten­den­zen des Kapi­ta­lis­mus zum Krieg frü­her oder spä­ter durch­set­zen und dass Revo­lu­ti­on und Krieg zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le sind, kann die Epo­che, in der wir leben, nicht rich­tig ver­ste­hen. Wenn wir von Krieg spre­chen, bedeu­tet dies nicht, dass er als ein all­ge­mei­ner Krieg zwi­schen Groß­mäch­ten begin­nen muss. Er kann als ein Krieg klei­ne­rer Mäch­te begin­nen, an dem die Groß­mäch­te betei­ligt sind. Zum Bei­spiel gab es bereits Krie­ge zwi­schen Indi­en und Paki­stan, wobei Chi­na ein Ver­bün­de­ter Paki­stans ist und dem Land einen Groß­teil sei­ner Waf­fen ver­kauft. Die­ser Kon­flikt könn­te in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on zu einem umfas­sen­de­ren Krieg eska­lie­ren, bei dem der US-ame­ri­ka­ni­sche und euro­päi­sche Impe­ria­lis­mus nicht taten­los zuse­hen wür­den. Es ist daher eine nai­ve Vor­stel­lung, davon aus­zu­ge­hen, dass die tiefs­ten Wider­sprü­che, die die Ver­wer­tung des Kapi­tals erschwe­ren, mit­tel- und lang­fris­tig durch die Geset­ze des Kapi­ta­lis­mus selbst gelöst wer­den kön­nen, anstatt zu den­ken, dass die­se tief­grün­di­gen Ten­den­zen uns zu regio­na­len Krie­gen füh­ren, die sich in Welt­krie­ge ver­wan­deln kön­nen.

Im All­ge­mei­nen sind vie­le Marxist:innen skep­tisch, dass es eine Zeit der Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen gibt. Die Kri­sen sind seit 2008 und seit der aktu­el­len Kri­se schon schwie­ri­ger zu leug­nen. Und was Revo­lu­tio­nen angeht, so wird manch­mal wider­wil­lig akzep­tiert, dass sie pas­sie­ren kön­nen. Aber Krie­ge, groß ange­leg­te Krie­ge wie der Zwei­te Welt­krieg, schei­nen für vie­le unmög­lich zu sein. Doch das ist, wie wir sag­ten, zumin­dest eine nai­ve und ober­fläch­li­che Sicht­wei­se des Kapi­ta­lis­mus.

Wie Trotz­ki sag­te, pre­di­gen wir nicht den Krieg. Aber dass die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus zutiefst dazu beitra­gen, ihn zu erzeu­gen, kön­nen wir nicht ver­heim­li­chen. Zum Bei­spiel: Die aktu­el­len Kri­sen haben nicht das Niveau der Kri­se von 1929 erreicht, aber wenn sie sich in eine sol­che Kri­se ver­wan­deln, wenn mehr als 8.000 Ban­ken bank­rott gehen, dann wer­den sich die Ten­den­zen zum Krieg in den USA aktua­li­sie­ren und Biden wird sich in einen gro­ßen Kriegs­her­ren ver­wan­deln. Er kann auf das Bei­spiel sei­nes Men­tors Oba­ma – den Per­ry Ander­son als „Herr der Droh­nen“ bezeich­ne­te – zurück­grei­fen, denn Oba­ma führ­te wäh­rend sei­ner Prä­si­dent­schaft Tau­sen­de von geziel­ten Tötun­gen durch. Dersel­be Prä­si­dent, der die­se oben erwähn­te Wen­de ein­lei­te­te, um Chi­na zu umzin­geln, das sich sei­ner­seits mit der Errich­tung von bewaff­ne­ten Inseln ver­tei­digt. Von die­sem Stand­punkt aus gese­hen sind die tiefs­ten Ten­den­zen zu Krieg und Revo­lu­ti­on und all die außer­ge­wöhn­lichen Nöte, die der Kapi­ta­lis­mus schafft, Ange­le­gen­hei­ten, die zur Revo­lu­ti­on füh­ren.

Heu­te steckt der Kapi­ta­lis­mus in immer grö­ße­ren Schwie­rig­kei­ten. Er dämmt sie durch par­ti­el­le Zuge­ständ­nis­se ein, ist aber nicht in der Lage, die tiefs­ten Wider­sprü­che, die ihn durch­zie­hen, zurück­zu­hal­ten. Bei zwi­schen­staat­li­chen Wider­sprü­chen kann es, wie der Arti­kel von Clau­dia Cin­at­ti zur inter­na­tio­na­len Lage zeigt, auch nach einem Sieg Bidens kei­ne Rück­kehr zur Situa­ti­on vor Trumps Amts­an­tritt geben. Der Kon­flikt mit Russ­land wird wei­ter­ge­hen, der Kon­flikt mit Chi­na wird wei­ter­ge­hen, die regio­na­len Kon­flik­te wer­den wei­ter­ge­hen. Wir sehen ein Sze­na­rio mit zwi­schen­staat­li­chen Span­nun­gen und zuneh­men­den Schwie­rig­kei­ten für die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on vor uns. Revo­lu­tio­nä­re und krie­ge­ri­sche Reak­tio­nen sind in der Situa­ti­on ein­ge­schrie­ben. Wir Revolutionär:innen glau­ben, dass die Revo­lu­ti­on –, obwohl die Situa­ti­on sehr kom­plex ist und obwohl die Revo­lu­ti­on vol­ler Schwie­rig­kei­ten ist – eine viel rea­lis­ti­sche­re Lösung ist als die refor­mis­ti­schen Aus­we­ge, die am Ende nichts lösen und immer grö­ße­re Mas­sen in die Armut füh­ren. Denn der Kapi­ta­lis­mus ist seit den 70er Jah­ren an eine Gren­ze sei­ner Akku­mu­la­ti­on gesto­ßen und sei­ne Kri­sen kom­men immer schnel­ler und tie­fer wie­der.

Das bedeu­tet nicht, dass die gegen­wär­ti­ge die letz­te Kri­se ist, oder der letz­te Krieg, oder der letz­te Klas­sen­kampf, oder die letz­te pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on; das zu sagen, wäre lächer­lich. Aber in jedem der Pro­zes­se, die ent­ste­hen, kön­nen wir beim Auf­bau einer pro­le­ta­ri­schen Par­tei vor­an­kom­men und vie­le von ihnen kön­nen uns eine revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve eröff­nen.

Warum und wie wir kämpfen

Wenn wir eini­ge die­ser The­men auf ein nähe­res Bei­spiel anwen­den wol­len, kön­nen wir für Argen­ti­ni­en die Bil­der der Orte Tar­tagal und Gene­ral Mosco­ni in der Pro­vinz Sal­ta in den Jah­ren 2000 und 2001 neh­men. Damals wur­den die Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes mit meh­re­ren Mona­ten Ver­spä­tung bezahlt. Der Ölkon­zern Rep­sol, der bei der Pri­va­ti­sie­rung des staat­li­chen Ölkon­zerns YPF Mil­li­ar­den von Dol­lar ver­dient hat­te, hat­te tau­sen­de Arbeiter:innen in die Arbeits­lo­sig­keit geschickt. Also über­fie­len Raffinerie-Arbeiter:innen, Beamt:innen und Lehrer:innen die Gen­dar­me­rie. Gro­ße Schlag­zei­len in der Pres­se lau­te­ten „Über­fall auf die Gen­dar­me­rie“. Das war nicht die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on, das war Argen­ti­ni­en im Jahr 2000. Auf den Fotos aus die­ser Zeit sieht man Arbeiter:innen, die eine Fabrik stür­men, Ölarbeiter:inen und Arbeits­lo­se, aus­ge­rüs­tet mit dem, was sie der Gen­dar­me­rie ent­ris­sen hat­ten. Mit ande­ren Wor­ten: Lei­den jen­seits des Übli­chen ver­än­dert die Denk- und Hand­lungs­wei­sen von Men­schen, die sehr pas­siv und fried­lich sein kön­nen. Die Men­schen wol­len kei­nen Krieg, sie wol­len Frie­den, aber wenn die Alter­na­ti­ve dar­in besteht, zu ver­hun­gern, akzep­tie­ren vie­le Men­schen das nicht. Das war also die Situa­ti­on vor dem Dezem­ber 2001 in Argen­ti­ni­en, durch­zo­gen vol­ler der­ar­ti­ger Kon­flik­te. Und dann kam der Angriff mit­tels bru­ta­ler Lohn­ab­wer­tung und der so genann­ten „asym­me­tri­schen Umwand­lung von Dol­lar in Peso„. Danach began­nen die Roh­stoff­prei­se zu stei­gen und die Welt­wirt­schaft erhol­te sich und die Situa­ti­on war geret­tet, aber wenn die Kri­se noch drei oder vier Jah­re ange­dau­ert hät­te, hät­te sich die Lage in Argen­ti­ni­en in eine offen revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on ver­wan­deln kön­nen.

Die Not­wen­dig­keit, eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei auf­zu­bau­en, ist also der Rah­men der Dis­kus­sio­nen, die wir auf die­ser Kon­fe­renz füh­ren müs­sen. Denn Kri­sen wie die, die wir jetzt erle­ben, die zu Arbeits­lo­sig­keit füh­ren, zu Pre­ka­ri­sie­rung und Absturz der Löh­ne, ver­än­dern die Denk- und Hand­lungs­wei­sen der Men­schen, in einer Situa­ti­on, die immer schwie­ri­ger ein­zu­däm­men ist. Das bedeu­tet wie gesagt nicht, dass es die letz­te Kri­se oder die letz­te Kon­fron­ta­ti­on sein wird. Wir ken­nen das Wann nicht; es wird nicht unbe­dingt die­se Kri­se sein. Aber wann auch immer es sein wird, sei es in zwei oder drei Jah­ren, müs­sen wir uns schon jetzt vor­be­rei­ten. Das heißt, wenn wir zu einer Par­tei von 10.000 oder 20.000 Arbeiter:innen anwach­sen, die wie­der­um Gewicht bei 10 oder 15 Pro­zent der Arbeiter:innenklasse hat, von den Fest­an­ge­stell­ten bis zu den Staats­an­ge­stell­ten, Lehrer:innen und Pre­kä­ren, ist das ein Rie­sen­sprung, um sich auf die­se oder die zukünf­ti­ge Kri­se vor­zu­be­rei­ten.

Gleich­zei­tig wis­sen wir, dass die­se Pro­zes­se nicht auf der natio­na­len Ebe­ne auf­hö­ren. Des­halb sind wir Internationalist:innen und kämp­fen gemein­sam mit den Orga­ni­sa­tio­nen der FT-CI für den Wie­der­auf­bau der Vier­ten Inter­na­tio­na­le. Wie die Theo­rie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on zeigt, beginnt die Revo­lu­ti­on auf natio­na­lem Ter­rain, setzt sich auf inter­na­tio­na­lem Ter­rain fort und wird durch die Ver­ei­ni­gung der Pro­duk­tiv­kräf­te auf Welt­ebe­ne voll­endet, um alle Tech­nik und Wis­sen­schaft im Diens­te der Ver­kür­zung des Arbeits­ta­ges ein­zu­set­zen. Das heißt es, eine Ver­ei­ni­gung freier Produzent:innen zu bil­den.

Wir kämp­fen für eine sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft, in der jede:r der Gesell­schaft nach ihren:seinen Fähig­kei­ten gibt und von der Gesell­schaft nimmt, was sie:er zum Leben braucht. Nicht nur die grund­le­gends­ten Güter, son­dern alle Güter (der Wis­sen­schaft, Kul­tur usw.), die man zum Leben braucht. Wie Trotz­ki sag­te, sind wir kei­ne Asket:innen, kei­ne Mön­che. Wir sind nicht gegen „Luxus“-Produkte, son­dern dage­gen, dass ein Pro­zent der Mensch­heit Luxus­pro­duk­te hat und der Rest nichts zu essen hat. Wir sind nicht gegen Pri­vat­ei­gen­tum in dem Sin­ne, dass Men­schen Häu­ser haben, wir sind nicht dage­gen, dass Men­schen Autos haben, wir sagen kei­nes die­ser lächer­li­chen Din­ge, die uns zuge­schrie­ben wer­den. Wir sind für die Ver­staat­li­chung der gro­ßen Pro­duk­ti­ons- und Zir­ku­la­ti­onsmit­tel, für die Ent­eig­nung der Großgrundbesitzer:innen, die Zehn­tau­sen­de von Hekt­ar besit­zen und zusam­men mit dem inter­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­tal das gan­ze Geld ins Aus­land brin­gen. Wir sind gegen die rie­si­gen Fabri­ken –- die sogar mit staat­li­chen Zuschüs­sen gebaut wer­den, wie Tech­int oder Alu­ar oder alle gro­ßen Auto­fa­bri­ken des aus­län­di­schen Kapi­tals, die alles, was sie aus den Arbeiter:innen her­aus­pres­sen, außer Lan­des schaf­fen und in ihre Haupt­sit­ze brin­gen. Wir sind gegen die­se Din­ge. Unser Ide­al ist weder lächer­lich, noch kin­disch, noch Armuts­ro­man­tik. Das heißt, wir wol­len nicht, dass alle arm sind und nur der Man­gel bes­ser ver­teilt wird auch wenn die Revo­lu­ti­on in ihren Anfän­gen viel­leicht durch Momen­te der Armut gehen muss –; unser Ziel ist es, die Revo­lu­ti­on auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne zu ent­wi­ckeln. Und wir wis­sen, dass die­ser Pro­zess nicht zum Höhe­punkt kom­men kann, wenn es dem US-Pro­le­ta­ri­at nicht gelingt, den Wahn­sinn der in den USA exis­tie­ren­den Rüs­tungs­pro­duk­ti­on aller Art ein­schließ­lich der Atom­waf­fen zu ent­schär­fen.

In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­den jähr­lich fast 750 Mil­li­ar­den Dol­lar für Mili­tär­aus­ga­ben aus­ge­ge­ben, um Atom-U-Boo­te, Toma­hawk-Rake­ten, radar­un­sicht­ba­re Flug­zeu­ge, Atom­waf­fen usw. her­zu­stel­len. Der Staat kann kei­ne uni­ver­sel­le Kran­ken­ver­si­che­rung anbie­ten, aber gibt das für die Ver­tei­di­gung aus, also fast das Dop­pel­te von dem, was 45 Mil­lio­nen Argentinier:innen in einem Jahr pro­du­zie­ren. Die Mas­sen in den USA haben zum Bei­spiel in der Reak­ti­on auf die Ermor­dung von Geor­ge Floyd Kampf­kraft gegen Ras­sis­mus gezeigt. Nicht nur, dass es zu einem all­ge­mei­nen Linksruck kam, der sich in den Stim­men für den Refor­mis­ten Ber­nie San­ders aus­drück­te, son­dern es zeig­te sich im direk­ten Kampf, in den Mobi­li­sie­run­gen, die statt­fan­den, man­che fried­lich und eini­ge gewalt­sam. Das nord­ame­ri­ka­ni­sche Pro­le­ta­ri­at kann auch von einer Wel­le von Revo­lu­tio­nen ergrif­fen wer­den, die nicht unbe­dingt in den USA begin­nen, son­dern in schwä­che­ren Län­dern star­ten und sich aus­brei­ten kön­nen. Das geschah zum Bei­spiel mit der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, die unter ande­rem dazu führ­te, dass sich Kommunist:innen in Argen­ti­ni­en und Latein­ame­ri­ka aus­brei­te­ten – der Kom­mu­nis­mus wur­de dank der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on von einer mar­gi­na­len zu einer wich­ti­gen Bewe­gung in Latein­ame­ri­ka. Das ist die Norm: Revo­lu­tio­nen ver­brei­ten sich, sie erzeu­gen Sym­pa­thie, und wenn es zum Bei­spiel gelingt, die Arbeits­zeit zu sen­ken und allen ein wür­di­ge­res Leben zu ermög­li­chen, wäre das ein gro­ßes Bei­spiel für die Arbeiter:innen auf der gan­zen Welt, den von ihren herr­schen­den Klas­sen errich­te­ten Wahn­sinn abzu­bau­en.

Das ist der Grund, war­um wir kämp­fen. In der Art und Wei­se, wie wir kämp­fen, lie­gen die größ­ten Feh­ler des Nach­kriegs­trotz­kis­mus. Was haben die Trotzkist:innen in der Nach­kriegs­zeit vor­ge­bracht? In der UdSSR haben sie nicht ver­sucht, eine Par­tei auf­zu­bau­en; sie waren weni­ge und die Situa­ti­on für den Auf­bau war dort sehr schwie­rig. Im Wes­ten wur­den auf­grund des Erfolgs, den die Sowjet­uni­on hat­te, auf­grund des Pres­ti­ges, das ihr die Nie­der­la­ge der Nazis ver­lie­hen hat­te, und weil sie wirt­schaft­lich wuchs, die sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en zu gro­ßen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen. Viele Trotzkist:innen wur­den dann zu „Berater:innen“ die­ser Par­tei­en – allen vor­an die Strö­mung des Ver­ei­nig­ten Sekre­ta­ri­ats. Sie beab­sich­tig­ten, die Büro­kra­tie zu bera­ten, wie man kämp­fen soll­te, was Unsinn war. Die­se Ori­en­tie­rung wur­de 1951 von Michel Pablo in dem Doku­ment „Wohin gehen wir?“ vor­ge­schla­gen. Ab dem Zeit­punkt setz­ten sie in die­sen Par­tei­en einen „Ent­ris­mus sui gene­ris“ um; „sui gene­ris“ des­halb, weil es nicht mehr um die Tak­tik eines Ent­ris­mus ging, Tei­le der Avant­gar­de für den Auf­bau einer unab­hän­gi­gen revo­lu­tio­nä­ren Par­tei zu gewin­nen, son­dern das Ziel nun war, inner­halb die­ser kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en zu blei­ben. Sie glaub­ten, dass ein Welt­krieg zwi­schen der UdSSR und den USA bevor­stün­de und dass, wenn die­ser Moment käme, die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie nach links drif­ten müss­te. Und dann könn­ten sie, da sie inner­halb die­ser Par­tei­en waren, die Füh­rung erobern. Das ist nicht gesche­hen. Im Wett­be­werb mit dem Kapi­ta­lis­mus hat der Kapi­ta­lis­mus gewon­nen. Es gab kei­ne objek­ti­ven Mög­lich­kei­ten für Trotzkist:innen, irgend­ei­nen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess in den zen­tra­len Län­dern anzufüh­ren. Was aber sub­jek­tiv vom Trotz­kis­mus abhing, war die Mög­lich­keit, trotz­kis­ti­sche Strö­mun­gen auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne auf­zu­bau­en, auch wenn sie Avant­gar­de-Grup­pie­run­gen gewe­sen wären. Indem sie sich als „Berater:innen“ für die­se Büro­kra­tien im Wes­ten betä­tig­ten, gaben die um das „Ver­ei­nig­te Sekre­ta­ri­at“ grup­pier­ten Sek­to­ren die­se Per­spek­ti­ve auf. Gleich­zei­tig waren die Sek­to­ren des Trotz­kis­mus, die sich die­ser Ori­en­tie­rung ent­ge­gen­stell­ten – der so genann­te „Anti­p­a­b­lis­mus“ – auch kei­ne kon­se­quen­te Alter­na­ti­ve für den Auf­bau die­ser Strö­mun­gen. Das führ­te dazu, dass der Trotz­kis­mus als Gan­zes sehr schlecht auf­ge­stellt war, als die gro­ßen ent­schei­den­den his­to­ri­schen Ereig­nis­se statt­fan­den.

Unter die­sem Gesichts­punkt soll­te unse­re Kon­fe­renz mei­ner Mei­nung nach unter fol­gen­dem Mot­to ste­hen: nicht mehr nur auf Pump von der trotz­kis­ti­schen Bewe­gung leben, nicht mehr nur vom ange­sam­mel­ten his­to­ri­schen poli­ti­schen Kapi­tal leben. In dem Video, das ich im August die­ses Jah­res zu Ehren Trotz­kis gemacht habe, habe ich kom­men­tiert, wie die Trotzkist:innen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der UdSSR unter dem Ruf „Es lebe Trotz­ki“ star­ben, wie sie gegen die Faschist:innen, gegen den Sta­li­nis­mus und gegen die „demo­kra­ti­schen“ Imperialist:innen kämpf­ten. Die­ser Anspruch ist kor­rekt, aber es gibt Strö­mun­gen, die das gan­ze Jahr über ihre gan­ze Ener­gie in die Rou­ti­ne ver­schie­de­ner Wah­len (poli­tisch und gewerk­schaft­lich) und sogar in die Ver­wal­tung staat­li­cher Hil­fen ste­cken und dann ein­mal im Jahr Trotz­ki hul­di­gen; das ist ein Leben auf Pump vom Trotz­kis­mus. Und wir müs­sen auch tief dar­über nach­den­ken: Wenn es eine Kri­se gibt, die nicht unbe­dingt „die letz­te“ ist, son­dern die die vor­he­ri­gen Bedin­gun­gen ver­schlech­tert, und wir nicht ver­su­chen, eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei auf­zu­bau­en, die dop­pelt oder drei­fach so groß ist wie jetzt, die viel mehr in die Gewerk­schaf­ten durch­dringt, die die gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten Arbeiter:innen und die prekär Beschäf­tig­ten orga­ni­siert, die sich an den Land­be­set­zun­gen betei­ligt – also nicht nur Teil der Arbeiter:innenbewegung der Fest­an­ge­stell­ten und der Stu­die­ren­den­be­we­gung ist –; wenn wir all das nicht tun, dann leben wir vom geborg­ten Erbe des Trotz­kis­mus. Wenn wir all das tun, wenn wir kon­se­quent genug dafür kämp­fen, dass die Metho­de der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on durch­ge­setzt wird, wo kein Anfüh­rer kommt und dich her­um­kom­man­diert, usw., dann steht uns der Weg offen, nicht mehr vom geborg­ten Erbe Trotz­kis zu leben und anzu­fan­gen, unser eige­nes revo­lu­tio­nä­res poli­ti­sches Kapi­tal anzu­häu­fen. Wir müs­sen eine revo­lu­tio­nä­re und sozia­lis­ti­sche Par­tei der Arbeiter:innen auf­bau­en, wir müs­sen die­se ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on, die wir 30 lan­ge Jah­re lang sehr lang­sam betrie­ben haben, umwan­deln und ins Spiel brin­gen.

Wenn wir von Zen­tris­mus spre­chen, mei­nen wir, dass sogar unse­re eige­ne Bewe­gung logi­scher­wei­se von der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie ver­gif­tet wird. Vor eini­ger Zeit hat­ten wir eine gro­ße Dis­kus­si­on mit einer Grup­pe, die sich Liga für eine Revo­lu­tio­när-Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le (LRKI) nann­te: Wir spra­chen von Zen­tris­mus und sie ant­wor­te­ten, dass es kei­nen trotz­kis­ti­schen Zen­tris­mus gibt, dass er ver­stei­nert sei und sich nicht nach links ent­wi­ckeln kön­ne. Wir haben uns gewei­gert, die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung vor­zu­neh­men. Die Erfah­rung, die wir zum Bei­spiel in Frank­reich machen, zeigt uns, dass wir durch den Ein­tritt in die NPA – wo wir ver­sucht haben, prin­zi­pi­el­le Ver­ein­ba­run­gen mit dem lin­ken Flü­gel die­ser Par­tei zu tref­fen, um für den Auf­bau einer wirk­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Par­tei in Frank­reich zu kämp­fen – in der Lage waren, bei der Annä­he­rung und Gewin­nung eines Sek­tors der bes­ten Arbeiter:innen der Avant­gar­de für den Trotz­kis­mus vor­an­zu­kom­men. Inzwi­schen haben wir dort mehr als 200 Genoss:innen, dar­un­ter Genos­sen wie Anas­se Kazib, der ein gro­ßer Anfüh­rer bei der Eisen­bahn ist, der mit bür­ger­li­chen Politiker:innen im Fern­se­hen dis­ku­tiert, neben ande­ren Genoss:innen, die wich­ti­ge Refe­ren­zen ihrer Fabri­ken und Gewerk­schaf­ten sind. Natür­lich ver­wal­tet die NPA kei­ne Sozi­al­plä­ne des Staa­tes, wenn das der Fall wäre, wäre es viel schwie­ri­ger, eine Poli­tik wie die in Frank­reich zu machen. Schau­en wir uns ein ande­res Bei­spiel an: In der Latein­ame­ri­ka­kon­fe­renz, die wir mit den Kräf­ten der FIT orga­ni­sier­ten was dazu dien­te, die Debat­ten zu poli­ti­sie­ren, aber wo sich zwi­schen den teil­neh­men­den Kräf­ten gro­ße Unter­schie­de in der inter­na­tio­na­len Poli­tik in den ver­schie­de­nen Län­dern zeig­ten gab es Genoss:innen, die die bra­si­lia­ni­sche PSOL vor allem kri­ti­sier­ten, weil ihr Pro­gramm nicht sozia­lis­tisch ist. Das ist rich­tig, aber das Haupt­pro­blem, das die PSOL hat, ist ihre Bezie­hung zum Staat, was dafür sorgt, dass sich die eher rechts­ge­rich­te­ten Strö­mun­gen inner­halb der Par­tei durch­set­zen. Die argen­ti­ni­sche NMAS sag­te, dass die Stim­me für Guil­ler­me Bou­los in der zwei­ten Run­de der Wahl für die Prä­fek­tur der Stadt São Pau­lo die Lin­ke in Bra­si­li­en stärkt, wäh­rend Bou­los für die­se Wahl eine Ver­ein­ba­rung mit allen bür­ger­li­chen Strö­mun­gen gegen Bol­so­na­ro getrof­fen hat, um mehr Stim­men zu bekom­men. Wir haben es dage­gen kate­go­risch abge­lehnt, die Kan­di­da­tur von Bou­los im Bünd­nis mit allen bür­ger­li­chen Strö­mun­gen zu unter­stüt­zen, denn sie ist kein Fort­schritt für die Lin­ke, son­dern ganz im Gegen­teil. Und das, obwohl wir mit demo­kra­ti­schen Kan­di­da­tu­ren auf den Lis­ten der PSOL ange­tre­ten waren – eine Mög­lich­keit, die in Bra­si­li­en von Strö­mun­gen ver­wen­det wird, die es auf­grund des im Lan­de herr­schen­den anti­de­mo­kra­ti­schen Wahl­rechts nicht schaf­fen, eine eige­ne Lega­li­tät zu erlan­gen, und die sich dann mit ihrem eige­nen Pro­gramm auf den Lis­ten einer ande­ren Orga­ni­sa­ti­on auf­stel­len –.

Um auf Argen­ti­ni­en zurück­zu­kom­men: Wir haben die FIT, die ein groß­ar­ti­ges Werk­zeug ist, um poli­ti­sche Agi­ta­ti­on zu machen und für Wah­len zu kan­di­die­ren; das ist sehr gut, aber nur solan­ge wir uns dar­über im Kla­ren sind, dass das nicht unse­re Stra­te­gie ist, denn unse­re Stra­te­gie ist es, eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei auf­zu­bau­en. Der par­la­men­ta­ri­sche Kampf steht hin­ter dem außer­par­la­men­ta­ri­schen Kampf. Wir haben uns auf­ge­baut in Jah­ren, in denen wir an den Haupt­kämp­fen der Avant­gar­de der Arbeiter:innen teil­ge­nom­men haben, aber im Rah­men eines nied­ri­gen Klas­sen­kamp­fes. Wir müs­sen die sich abzeich­nen­den Phä­no­me­ne des Klas­sen­kamp­fes nut­zen, um mutig zu inter­ve­nie­ren und uns auf die sich abzeich­nen­de Situa­ti­on vor­zu­be­rei­ten. Dies wer­den wir in der Kon­fe­renz bespre­chen.

Aber ich möch­te beto­nen, dass das, was in den Doku­men­ten zur natio­na­len Situa­ti­on steht, nicht „die argen­ti­ni­sche Aus­nah­me“ ist, weil sich in Argen­ti­ni­en eine revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on ent­wi­ckeln wür­de und wir auf dem Weg zur Macht­über­nah­me wären. Das sagen wir nicht; wir sagen, dass es eine anfäng­lich vor­re­vo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on gibt. Wir ver­su­chen, in unse­rer Cha­rak­te­ri­sie­rung so nüch­tern wie mög­lich zu sein, nicht wie der Zen­tris­mus, bei dem sich alles dar­um dreht, sich im Wett­streit zu mes­sen, wer jede Situa­ti­on am lin­kes­ten sieht. Zum Bei­spiel wur­de in der MAS der 80er Jah­re die Cha­rak­te­ri­sie­rung getrof­fen, dass es eine revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on gab. Die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung galt für sie seit dem Beginn der Kri­se der Dik­ta­tur und wur­de dann wei­ter auf­recht­erhal­ten, auch nach der Mach­tüber­nah­me Alfon­síns und sei­ner Fes­ti­gung in der Regie­rung. Sie haben die­se Cha­rak­te­ri­sie­rung mehr als ein Jahr­zehnt lang nicht geän­dert. Wenn dies der Fall ist, ver­lie­ren die Wor­te ihre Bedeu­tung. Wir dis­ku­tie­ren so genau wie mög­lich, was die Ele­men­te der Situa­ti­on sind, und legen die Defi­ni­ti­on von „anfäng­lich vor­re­vo­lu­tio­när“ vor, um zu defi­nie­ren, wie wir uns posi­tio­nie­ren.

Köm­men wir zum Schluss . Die tiefs­ten Ten­den­zen zu Krieg und Revo­lu­ti­on die sich frü­her oder spä­ter durch­set­zen wer­den und die wie­der­keh­ren­den Kri­sen haben letzt­lich kei­nen ande­ren Aus­weg als durch Revo­lu­tio­nen, die den Krieg been­den, oder Krie­ge, die einen Teil der Mensch­heit ver­nich­ten. Ich spre­che hier von den alter­na­ti­ven Aus­we­gen aus der Kri­se eines Kapi­ta­lis­mus, der kei­ne neu­en eige­nen Akku­mu­la­ti­ons­mo­to­ren fin­den kann; ich spre­che nicht von einem kla­ren Datum, son­dern dass es sich um die tiefs­ten Ten­den­zen in einer Epo­che der Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen han­delt. In den 1970er Jah­ren ende­te der Nach­kriegs­boom und es begann der Neo­li­be­ra­lis­mus, ein reak­tio­nä­rer Aus­weg des Kapi­ta­lis­mus; es folg­ten meh­re­re Bla­sen. Jetzt kön­nen sie Bla­sen machen, die zwei oder drei Jah­re hal­ten nie­mand sagt, dass sie nicht aus die­ser Kri­se her­aus­kom­men wer­den und dann nächs­tes Jahr zum Bei­spiel in Argen­ti­ni­en zwangs­läu­fig die Revo­lu­ti­on statt­fin­det. Was wir sagen wol­len, ist, dass wir, wenn wir die Mög­lich­kei­ten der Situa­ti­on nicht nut­zen und nur auf Pump vom Erbe des Trotz­kis­mus leben, zu Nicht-Revolutionär:innen wer­den, zu einer nicht-revo­lu­tio­nä­ren Pro­pa­gan­da­grup­pe. Wir kön­nen nicht auf Pump leben und nur sagen: „Wir Trotzkist:innen hat­ten immer Recht, weil wir immer Sta­lins Ver­bre­chen, Hit­lers Ver­bre­chen ange­pran­gert haben, und unse­re Genoss:innen star­ben hel­den­haft in Nazi­deutsch­land, in Vichy-Frank­reich, in der Sowjet­uni­on“. In die­sem Sin­ne müs­sen wir nicht nur die PTS, son­dern die gesam­te FT-CI auf­bau­en. Wir müs­sen uns nicht nur den Kopf zer­bre­chen, um das Ziel einer sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft mit kom­mu­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve erstre­bens­wert zu machen, in der die mensch­li­che Arbeit von den Beschrän­kun­gen, die der Kapi­ta­lis­mus auf­er­legt, befreit wird und auf ein Mini­mum redu­ziert wer­den kann, und in der die Ent­wick­lung von Kul­tur, Wis­sen­schaft und allem, was den Men­schen zum Men­schen macht, ermög­licht wird. Wir müs­sen uns auch den Kopf zer­bre­chen, um die Wege zu arti­ku­lie­ren, wie man die­ses Ziel errei­chen kann.

Lang­fris­ti­ge refor­mis­ti­sche Vari­an­ten gibt es nicht und kann es nicht geben; es kann nur kurz­fris­ti­ge Arti­ku­la­tio­nen geben. Lang­fris­ti­ge Pro­jek­te, die dar­auf basie­ren, dass die Tech­nik als eigen­stän­di­ger Fak­tor die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus über­win­den kann, hal­ten wir weder für wis­sen­schaft­lich fun­diert, noch wol­len wir dar­auf set­zen. Wir set­zen dar­auf, dass die Mobi­li­sie­run­gen, die von ihrem jewei­li­gen Mini­mal­pro­gramm aus­ge­hen, gestei­gert wer­den kön­nen, bis die Arbeiter:innen die Arbeiter:innenmacht in jedem Land und per­spek­ti­visch auf inter­na­tio­na­ler und welt­wei­ter Ebe­ne erobern. Dies ist der Rah­men, in dem wir die Dis­kus­sio­nen der PTS-Kon­fe­renz füh­ren soll­ten. Das heißt, wir dis­ku­tie­ren nicht im Rah­men einer Welt, die von kapi­ta­lis­ti­schen Mäch­ten umge­ben ist, die auf­blü­hen, und in der Argen­ti­ni­en die Aus­nah­me ist. Wir sind von die­ser Situa­ti­on umge­ben; ein gro­ßer Teil der Welt, ein­schließ­lich der Haupt­mäch­te, lebt in die­ser Situa­ti­on. Solan­ge es kei­ne kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Schlä­ge gibt, die uns iso­liert zurück­las­sen, ist es eine sehr viel­ver­spre­chen­de Situa­ti­on für uns. Ich woll­te dies anspre­chen, damit es als Rah­men für die Doku­men­te die­nen kann, die wir in die­sen Tagen der Kon­fe­renz ernst­haft und nüch­tern dis­ku­tie­ren wer­den, um zu sehen, wie wir vor­an­kom­men kön­nen.

Teil 1 die­ses Vor­trags erschien am 14.3.2021 unter dem Titel „Die mar­xis­ti­sche Metho­de und die Aktua­li­tät der Epo­che von Kri­sen, Krie­gen und Revo­lu­tio­nen“. Teil 2 erschien am 21.3.2021 unter dem Titel „Ein uto­pi­scher Post-Kapi­ta­lis­mus“.

Klas­se Gegen Klas­se