[Autonomie Mag.:] Was ist Imperialismus?

Was ist Impe­ria­lis­mus und war­um ist es wich­tig, eine genaue Defi­ni­ti­on zu haben?

Hal­ten wir einen Moment inne und über­le­gen, wie wir die Fra­ge beant­wor­ten wür­den: Was ist Impe­ria­lis­mus? Wir sind eine anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Bewe­gung, wir kämp­fen gegen den Impe­ria­lis­mus und wenn wir auf der Stra­ße ange­hal­ten und gefragt wer­den, woge­gen wir zu kämp­fen ver­su­chen, was sol­len wir dann sagen? Es ist sehr wahr­schein­lich, dass jede/​r Anti­im­pe­ria­lis­tIn eine ande­re Defi­ni­ti­on geben wür­de, die nicht unbe­dingt mit der Defi­ni­ti­on der ande­ren Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen über­ein­stimmt. Das mag ein ein­fa­ches Pro­blem sein, aber es hat sehr tief­grei­fen­de Kon­se­quen­zen: Wenn es kei­nen Kon­sens über das gemein­sa­me Ver­ständ­nis des Pro­blems gibt, dann kann es auch kei­nen Kon­sens über die Lösung geben. Mit ande­ren Wor­ten, wenn wir uns nicht dar­über einig sind, woge­gen wir kämp­fen, wer­den wir wahr­schein­lich gegen unter­schied­li­che Din­ge kämp­fen, so dass es kei­ne Ein­heit im Kampf gibt.

Wenn Men­schen an Impe­ria­lis­mus den­ken, ist das ers­te, was ihnen in den Sinn kommt, mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on oder irgend­ei­ne Art von Ein­mi­schung in die Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Län­der. Mit „Ein­mi­schung“ mei­nen wir eine Ver­let­zung der Sou­ve­rä­ni­tät in jedem Bereich, sei es mili­tä­risch, wirt­schaft­lich oder kul­tu­rell. Daher fin­den wir manch­mal Begrif­fe wie: Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus, Wirt­schafts­im­pe­ria­lis­mus usw. In die­sem Sin­ne wird der Impe­ria­lis­mus als eine Art aggres­si­ve Außen­po­li­tik bestimm­ter Län­der dar­ge­stellt.

Manch­mal begeg­nen wir Vor­stel­lun­gen von Impe­ria­lis­mus im Sin­ne von Herr­schafts- und Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­sen zwi­schen Län­dern. Die­se Ideen gehen über die Vor­stel­lung einer ein­fa­chen Außen­po­li­tik hin­aus und ver­su­chen, den Impe­ria­lis­mus im Sin­ne von Macht­be­zie­hun­gen zwi­schen den rei­chen und armen Län­dern zu erklä­ren.

Die häu­figs­te Defi­ni­ti­on, die wir fin­den, ist die klas­si­sche Defi­ni­ti­on von Lenin. Er defi­niert den Impe­ria­lis­mus in fünf Punk­ten:

  • die Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals erzeugt natio­na­le Mono­po­le,
  • das Indus­trie- und Bank­ka­pi­tal ver­schmilzt zum Finanz­ka­pi­tal, wodurch die Finan­zo­lig­ar­chie ent­steht,
  • der Export von Kapi­tal ersetzt den Export von Waren,
  • die Bil­dung von inter­na­tio­na­len Mono­po­len und
  • die ter­ri­to­ria­le Auf­tei­lung der Welt zwi­schen den kapi­ta­lis­ti­schen Mäch­ten.

Eine alter­na­ti­ve Inter­pre­ta­ti­on

Obwohl die obi­gen Ansät­ze nicht falsch sind und sie die wesent­li­chen Merk­ma­le des­sen, was Impe­ria­lis­mus ist erfas­sen, kann man sagen, dass es ihnen nicht gelingt, das Pro­blem in sei­ner Gesamt­heit anzu­ge­hen und das gan­ze Bild zu sehen. Wenn wir uns also auf einen oder weni­ge Aspek­te des Impe­ria­lis­mus kon­zen­trie­ren, kön­nen wir fal­sche Schluss­fol­ge­run­gen zie­hen, die kon­tra­pro­duk­tiv sein kön­nen und unse­ren Kampf inef­fek­tiv machen oder sogar unse­ren Absich­ten zuwi­der­lau­fen.

Das Errei­chen einer gemein­sa­men Defi­ni­ti­on ist eine kol­lek­ti­ve Arbeit aller Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen. Wir wol­len den ers­ten Impuls zu die­sem Dis­kus­si­ons­pro­zess geben und eine Defi­ni­ti­on vor­schla­gen, die auf den neu­es­ten aka­de­mi­schen For­schun­gen auf die­sem Gebiet von Tor­kil Lauesen, Zak Cope und Donald Clel­land, neben vie­len ande­ren, basiert. Wir bau­en auf der Tra­di­ti­on der Theo­rie des unglei­chen Tau­sches, der Depen­denz­theo­rie, der Welt­sys­tem­ana­ly­se und der Schu­le der Glo­bal Capi­ta­lism School auf.

Obwohl es sehr schwie­rig ist, ein so kom­ple­xes Kon­zept auf einen ein­zi­gen Satz zu redu­zie­ren, möch­ten wir den fol­gen­den vor­schla­gen:

Der Impe­ria­lis­mus ist ein hier­ar­chi­sches Sys­tem, das auf dem Wert­trans­fer basiert, der sei­ne öko­no­mi­sche Infra­struk­tur bil­det, die ihrer­seits durch den ideo­lo­gi­schen, poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Über­bau repro­du­ziert wird.“

Der Schlüs­sel zur Defi­ni­ti­on liegt in der Kon­zep­tua­li­sie­rung des Impe­ria­lis­mus als ein inte­gra­les Gan­zes, des­sen Ele­men­te die ein­zel­nen Staa­ten sind die gemein­sa­me Pro­zes­se tei­len – das heißt, es ist ein Sys­tem. Ein­zel­ne Staa­ten pro­du­zie­ren Wert (wir kön­nen ihn auch Reich­tum, öko­no­mi­schen Über­schuss usw. nen­nen), der nicht not­wen­di­ger­wei­se inner­halb ihrer Gren­zen bleibt, son­dern dank öko­no­mi­scher Mecha­nis­men in ande­re Staa­ten fließt. Die Staa­ten in die­sem Sys­tem bil­den eine Hier­ar­chie ent­spre­chend die­ses Wert­flus­ses, so dass sich die Staa­ten, die Wert pro­du­zie­ren und ihn nicht für sich nut­zen, am unte­ren Ende der Hier­ar­chie befin­den, wäh­rend die Staa­ten, die sich den von ande­ren Staa­ten geschaf­fe­nen Wert aneig­nen und für sich nut­zen, an der Spit­ze ste­hen.

Es gibt auch ande­re Bezeich­nun­gen für die­se Ein­tei­lung, z.B.: Glo­ba­ler Nor­den – Glo­ba­ler Süden, Ers­te Welt – Zwei­te Welt – Drit­te Welt, etc. In der Tra­di­ti­on der Depen­denz­theo­rie und der Welt­sys­tem­ana­ly­se wird die­se Art der Ein­tei­lung als Zen­trum-Peri­phe­rie-Hier­ar­chie bezeich­net und besteht aus drei Ele­men­ten:

  1. Peri­phe­rie: die Län­der am unte­ren Ende der Hier­ar­chie
  2. Zen­trum: die Län­der an der Spit­ze und
  3. Semi-Peri­phe­rie: Län­der mit einem Zwi­schen­sta­tus, die von der Wert­schöp­fung der Peri­phe­rie pro­fi­tie­ren, aber gleich­zei­tig einen Teil davon an die Län­der im Zen­trum ver­lie­ren.

Die öko­no­mi­sche Basis des Sys­tems ist der Kapi­ta­lis­mus und sei­ne Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik. Wenn wir über Kapi­ta­lis­mus spre­chen, dann im Rah­men von ein­zel­nen Staa­ten und in abs­trak­ten öko­no­mi­schen Begrif­fen. In der Pra­xis ist der Impe­ria­lis­mus die real exis­tie­ren­de Form des Kapi­ta­lis­mus. Aus die­sem Grund kann der Impe­ria­lis­mus auch als glo­ba­ler Kapi­ta­lis­mus bezeich­net wer­den.

Der Impe­ria­lis­mus im Sin­ne des Wert­flus­ses von der Peri­phe­rie zum Zen­trum des Sys­tems, ist insti­tu­tio­na­li­siert und sei­ne Insti­tu­tio­nen wur­den in jeder Epo­che ver­än­dert und ange­passt. So kön­nen wir his­to­ri­sche Peri­oden der Ent­wick­lung des Sys­tems in die Peri­oden des klas­si­schen Kolo­nia­lis­mus, des Neo­ko­lo­nia­lis­mus und des Neo­li­be­ra­lis­mus unter­schei­den.

Der klas­si­sche Kolo­nia­lis­mus ver­such­te nicht-kapi­ta­lis­ti­sche Ter­ri­to­ri­en durch mili­tä­ri­sche Erobe­rung in das Sys­tem ein­zu­glie­dern, das Sys­tem durch Gewalt und direk­te Ver­wal­tung der kolo­nia­len Gebie­te auf­recht­zu­er­hal­ten und extre­me For­men von Zwang, wie zum Bei­spiel der Skla­ve­rei, anzu­wen­den um Wer­te aus den peri­phe­ren Arbeits­kräf­ten zu extra­hie­ren.

Im Neo­ko­lo­nia­lis­mus wur­de die direk­te Gewalt­an­wen­dung durch die for­ma­le Unab­hän­gig­keit der peri­phe­ren Regio­nen und deren fak­ti­sche Abhän­gig­keit durch mili­tä­ri­sche „Hil­fe“ und wirt­schaft­li­che „Koope­ra­ti­on“ ersetzt.

Die aktu­el­le Ära des Neo­li­be­ra­lis­mus basiert auf Insti­tu­tio­nen, die über der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten ste­hen und Markt­me­cha­nis­men kon­trol­lie­ren: IWF, Welt­bank, etc.

Was die Inte­gri­tät die­ser wirt­schaft­li­chen Basis garan­tiert, ist der Über­bau des Sys­tems. Der Über­bau mani­fes­tiert sich in der mili­tä­ri­schen, poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Poli­tik. Wäh­rend mili­tä­ri­sche Gewalt und poli­ti­sche Bezie­hun­gen das Gleich­ge­wicht des öko­no­mi­schen Sys­tems der Aus­plün­de­rung auf­recht­erhal­ten, ver­leiht die Ideo­lo­gie ihm Legi­ti­mi­tät und baut das mora­li­sche Sys­tem auf, um die Ste­reo­ty­pen auf­recht­zu­er­hal­ten, die es ermög­li­chen, dass der Sta­tus quo nicht in Fra­ge gestellt wird.

Was mei­nen wir mit Gleich­ge­wicht im Sys­tem? Die Län­der der Peri­phe­rie befin­den sich in einer Situa­ti­on, die sie zu stän­di­ger Unter­ent­wick­lung ver­dammt. Eine Situa­ti­on, die sie ändern wol­len. Um sie ändern zu kön­nen, müs­sen sie das Wirt­schafts­mo­dell ändern, zu einem der Logik des Sys­tems wider­spre­chen­dem Modell. Eine sol­che Ver­än­de­rung und mög­li­che Ent­kopp­lung kann zu Sys­temrki­sen und zur Blo­cka­de im Pro­zess der Akku­mu­la­ti­on von Kapi­tal und Reich­tum füh­ren. Bei­spie­le die­ser Art sind in Län­dern zu sehen, die sich der Sys­tem­lo­gik wider­set­zen, wie die Demo­kra­ti­sche Volks­re­pu­blik Korea, Kuba, Vene­zue­la usw.

In der semi-peri­phe­ren Zone haben wir Staa­ten, die in der Hier­ar­chie des Sys­tems auf­stei­gen wol­len und dabei die Län­der des Zen­trums und deren Hege­mo­nie her­aus­for­dern. Heu­te haben wir das Bei­spiel von Chi­na und Russ­land, deren Ent­wick­lung eine Gefahr für die Inter­es­sen z.B. der USA dar­stellt. In der Ver­gan­gen­heit droh­te die UdSSR, die wirt­schaft­li­che Infra­struk­tur des Sys­tems selbst zu ver­än­dern.

Wäh­rend die Län­der am unte­ren Ende dar­um kämp­fen, ihre Posi­ti­on inner­halb der Hier­ar­chie zu ver­bes­sern, kämp­fen die Län­der im Zen­trum dar­um, ihre domi­nan­te Posi­ti­on zu erhal­ten. Ein Bei­spiel dafür sind die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die mit allen Mit­teln ver­su­chen, ihre hege­mo­nia­le Posi­ti­on zu sichern.

In all die­sen vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­spie­len kön­nen wir sehen, wie mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on, poli­ti­sche Ein­mi­schung, wirt­schaft­li­cher Druck und ihre ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung dazu die­nen, Ver­än­de­run­gen in der Logik des Sys­tems zu ver­hin­dern und das „Gleich­ge­wicht“ zu bewah­ren, wel­ches das Wohl­erge­hen der weni­gen auf Kos­ten des Elends der vie­len garan­tiert.

Anstatt den Impe­ria­lis­mus als eine Ansamm­lung von Staa­ten in Form von mehr oder weni­ger auto­no­men Ein­hei­ten zu ver­ste­hen, schla­gen wir daher vor, ihn als ein ganz­heit­li­ches Sys­tem mit gemein­sa­men Pro­zes­sen zu ana­ly­sie­ren.

Die Kon­se­quen­zen unse­rer Inter­pre­ta­ti­on

Wenn wir unse­ren Ansatz mit den ande­ren Vor­stel­lun­gen über Impe­ria­lis­mus ver­glei­chen, kön­nen wir eini­ge wich­ti­ge Schluss­fol­ge­run­gen zie­hen, wel­che die Stra­te­gie des Kamp­fes beein­flus­sen.

Wenn wir über Impe­ria­lis­mus im aus­schließ­li­chen Sin­ne einer aggres­si­ven und ein­mi­schen­den Außen­po­li­tik spre­chen, wird er gewöhn­lich in den Kon­text eines bestimm­ten Lan­des oder einer bestimm­ten Macht gestellt, zum Bei­spiel: „ame­ri­ka­ni­scher Impe­ria­lis­mus“, „fran­zö­si­scher Impe­ria­lis­mus“, „eng­li­scher Impe­ria­lis­mus“… Wenn es sich um eine Poli­tik han­delt und wir alle unse­re Kräf­te ein­set­zen, um sie zu stop­pen, kön­nen wir dann sagen, dass das Ende die­ser Poli­tik das Ende des Impe­ria­lis­mus bedeu­tet? Nach unse­rer Sicht, nein. Aus unse­rer Sicht ist die aggres­si­ve Poli­tik ein Mit­tel, um die Posi­ti­on in der Hier­ar­chie zu hal­ten, des­halb wür­de das Ende die­ser Poli­tik ein­fach bedeu­ten, dass eine ande­re Macht die Chan­ce hat, ein­zu­grei­fen und die „Beu­te“ zu machen.

Genau­so wenn wir den Impe­ria­lis­mus nur als ein Abhän­gig­keits­ver­hält­nis betrach­ten. Kön­nen wir dann anneh­men, dass die Ach­tung der Sou­ve­rä­ni­tät des abhän­gi­gen Lan­des dem Impe­ria­lis­mus ein Ende set­zen wür­de? Auch hier: nein. Frü­he­re Epo­chen zei­gen uns, dass dies nicht der Fall sein kann. Die Wel­le des anti­ko­lo­nia­len Kamp­fes und des Kamp­fes für die natio­na­le Befrei­ung hat zwar eine unge­heu­re Eman­zi­pa­ti­on der unter­drück­ten Völ­ker gebracht, wuss­te aber die Logik der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­on nicht zu besie­gen und geriet wie­der in die Posi­ti­on der Abhän­gig­keit. Der Impe­ria­lis­mus pass­te sich den neu­en Umstän­den an und fand einen Weg, das „Gleich­ge­wicht“ wie­der­her­zu­stel­len.

Über Lenins Defi­ni­ti­on kön­nen wir sagen, dass sie zu einer bestimm­ten his­to­ri­schen Epo­che gehört und nicht alle Wege der impe­ria­lis­ti­schen Ent­wick­lung bis heu­te wider­spie­gelt.

Für eine gemein­sa­me Stra­te­gie

Um unse­re Per­spek­ti­ve in die Pra­xis umzu­set­zen, wäre es wich­tig, über die Metho­de der Ana­ly­se zu spre­chen. Die mar­xis­ti­sche Tra­di­ti­on bie­tet uns ein sehr mäch­ti­ges Werk­zeug: die Dia­lek­tik. Basie­rend auf Maos Arbeit über den Wider­spruch hat der däni­sche anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Aka­de­mi­ker Tor­kil Lauesen in sei­nem Werk „Der Haupt­wi­der­spruch“ einen Weg zur Ent­wick­lung einer Stra­te­gie, durch die Ana­ly­se von Wider­sprü­chen inner­halb des Sys­tems vor­ge­stellt.

Ers­tens, was ist ein Wider­spruch? Ver­ein­facht kann man sagen, dass es sich um zwei von­ein­an­der abhän­gi­ge Tei­le han­delt, die im Gegen­satz zuein­an­der ste­hen.

Die Pro­zes­se im Sys­tem wer­den durch Wider­sprü­che ent­wi­ckelt. Wenn wir zum Bei­spiel über die Bezie­hun­gen zwi­schen denen, die den Wert pro­du­zie­ren, und denen, die ihn sich aneig­nen, nach­den­ken, kön­nen wir Wider­sprü­che auf ver­schie­de­nen Ebe­nen iden­ti­fi­zie­ren: zwi­schen Staa­ten auf regio­na­ler oder glo­ba­ler Ebe­ne, zwi­schen Regio­nen inner­halb eines Staa­tes, zwi­schen Klas­sen inner­halb einer Gesell­schaft, usw.

Dar­über hin­aus kön­nen wir in der gegen­wär­ti­gen neo­li­be­ra­len Ära die Wider­sprü­che zwi­schen dem Staat und der Akku­mu­la­ti­on (das Bedürf­nis der Men­schen, den Wohl­fahrts­staat auf­recht­zu­er­hal­ten, und das Bedürf­nis der Kapi­ta­lis­ten, ihn zu besei­ti­gen, um die Akku­mu­la­ti­on von Reich­tum zu erleich­tern), zwi­schen dem Wirt­schafts­wachs­tum und den natür­li­chen Gren­zen (das Bedürf­nis, die Pro­duk­ti­on und die Märk­te aus­zu­wei­ten, um die Pro­fi­te zu stei­gern, auf der einen Sei­te und die begrenz­ten Res­sour­cen des Pla­ne­ten auf der ande­ren Sei­te) fin­den.

Die Wider­sprü­che sind zahl­reich, aber nur einer ist domi­nant. Wenn also der Impe­ria­lis­mus ein Sys­tem ist, dann erge­ben sich alle Wider­sprü­che aus sei­ner Struk­tur. In die­sem Sin­ne erscheint der wich­tigs­te und domi­nan­te Wider­spruch in der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik. Sei­ne Fol­gen sind die Kon­kur­renz zwi­schen den Län­dern des Zen­trums um den Zugang zu Res­sour­cen und neu­en Märk­ten sowie die Blo­ckie­rung der Ent­wick­lung der Peri­phe­rie (ver­ur­sacht durch den Wert­trans­fer).

Mit ande­ren Wor­ten, alle Pro­ble­me, die wir heu­te beob­ach­ten: Armut, Krie­ge, öko­lo­gi­sche Kata­stro­phen, Dis­kri­mi­nie­rung und Flucht, sind alle fes­te Bestand­tei­le und gleich­zei­tig Fol­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik. Sie wer­den unwei­ger­lich wie­der auf­tau­chen, wenn ihr Ursprung, der Haupt­wi­der­spruch des Impe­ria­lis­mus, nicht besei­tigt wird. Indem er besei­tigt wird, wird auch der Impe­ria­lis­mus besei­tigt.

Das Nicht-Erken­nen der Hier­ar­chie der Wider­sprü­che inner­halb des Sys­tems, kann unse­re Kampf­stra­te­gie so beein­flus­sen, dass wir ohne uns des­sen bewusst zu sein, am Ende eine Poli­tik, Grup­pen oder Bewe­gun­gen unter­stüt­zen, die den Impe­ria­lis­mus stär­ken, anstatt ihn zu schwä­chen. Die häu­figs­te Fal­le ist der soge­nann­te „drit­te Weg“ oder „weder-noch“, der sich auf die sekun­dä­ren Wider­sprü­che kon­zen­triert, wäh­rend er die pri­mä­ren stärkt. Bei­spie­le für sol­che Posi­tio­nen fin­den sich in Hal­tun­gen wie „Weder Assad noch die NATO“, „Weder Maduro/Lukaschenko/Ortega/(nennen Sie Ihren Lieb­lings-Dik­ta­tor) noch die Oppo­si­ti­on“, usw. Abge­se­hen davon, dass sie die Opfer mit den Hen­kern ver­wech­seln, igno­rie­ren die­je­ni­gen, die auf die­se Wei­se argu­men­tie­ren, auch die Mar­gi­na­li­tät ihrer eige­nen Stär­ke und ihre man­geln­de Fähig­keit, ein rele­van­ter Akteur zu wer­den, um ihr idea­les Ziel zu ver­wirk­li­chen. Auf die­se Wei­se wird ihre Hal­tung zu einer indi­rek­ten Unter­stüt­zung der sys­te­mi­schen Kräf­te.

Des­halb ist es bei der Ana­ly­se der Wider­sprü­che das Wich­tigs­te:

  • den loka­len Kampf in einen glo­ba­len Kon­text zu stel­len, in Bezug auf Pro­zes­se und Akteu­re welt­weit,
  • unse­ren Platz in die­sen Pro­zes­sen zu ver­ste­hen und wie wir den Kampf stär­ken kön­nen und
  • eine kla­re Stra­te­gie zu haben mit dem Ziel, den Impe­ria­lis­mus zu schwä­chen.

Trans­na­tio­na­ler Fokus

Das impe­ria­lis­ti­sche Sys­tem bzw. der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus befin­det sich in einer sys­te­mi­schen Kri­se. Das gegen­wär­ti­ge Sys­tem der Akku­mu­la­ti­on hat die Gren­zen des Wachs­tums erreicht und ist von sei­nen eige­nen Wider­sprü­chen bedroht. Die Fol­ge kann ent­we­der Trans­for­ma­ti­on oder Zusam­men­bruch sein. Was wir nicht wis­sen ist, ob das End­ergeb­nis ein neu­es Sys­tem der Aus­plün­de­rung oder ein gerech­te­res Sys­tem sein wird. Was wir mit Sicher­heit wis­sen, ist, dass ein bes­se­res Sys­tem nicht von selbst erschei­nen wird. Es muss auf­ge­baut wer­den und dafür brau­chen wir eine Bewe­gung.

Wel­che Art von Bewe­gung wird in der Lage sein, eine neue Welt auf­zu­bau­en? Das ers­te Hin­der­nis, das es zu über­win­den gilt, ist die Vor­stel­lung, dass der Umfang des Kamp­fes lokal und natio­nal sein muss. Der Impe­ria­lis­mus ist glo­ba­ler Kapi­ta­lis­mus, er ist ein Sys­tem, das die gan­ze Welt umfasst und die Gren­zen nicht respek­tiert. Gren­zen sind kein Hin­der­nis für das Kapi­tal, son­dern nur für die Men­schen. Des­halb muss der Fokus der neu­en Bewe­gung von Anfang an glo­bal sein. Die Bewe­gung muss trans­na­tio­nal sein. Der anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Kampf kann nicht den Zie­len des loka­len Kamp­fes unter­wor­fen wer­den, da das „Loka­le“ die direk­te Fol­ge der glo­ba­len Pro­zes­se ist.

Das zwei­te Hin­der­nis ist die Iden­ti­fi­zie­rung von Grup­pen und Bewe­gun­gen mit einem anti­sys­te­mi­schen Cha­rak­ter. Nicht alle, die sich selbst als Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen bezeich­nen, schwä­chen den Impe­ria­lis­mus, genau­so wie vie­le Bewe­gun­gen, die sich nicht mit dem Anti­im­pe­ria­lis­mus iden­ti­fi­zie­ren, zur Schwä­chung des impe­ria­lis­ti­schen Sys­tems bei­tra­gen kön­nen (bewusst oder unbe­wusst). Des­halb muss die neue Bewe­gung anti­sys­te­misch sein und alle Arten von Bewe­gun­gen ein­schlie­ßen, die dar­auf abzie­len, der Logik der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on ein Ende zu set­zen.


Der Text wur­de von Vidar Lind­strøm aus dem Eng­li­schen über­setzt. Erst­ma­lig wur­de er auf spa­nisch von der Fren­te Anti­im­pe­ria­lis­ta Inter­na­cio­na­lis­ta (FAI) ver­öf­fent­licht.

Ori­gi­nal: https://​anti​-impe​ria​list​.net/​2​0​2​0​/​1​1​/​0​4​/​w​h​a​t​-​i​s​-​i​m​p​e​r​i​a​l​i​sm/

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