[gfp:] „Der Versöhnung verpflichtet“

„Ein äußerst fatales Signal“

Ver­tre­ter von Kir­chen, Men­schen­rechts- und Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen for­dern den sofor­ti­gen Stopp einer wohl unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Sam­mel­ab­schie­bung tami­li­scher Flücht­lin­ge nach Sri Lan­ka. Laut Berich­ten sind in den ver­gan­ge­nen Tagen Dut­zen­de, womög­lich bis zu 100 Flücht­lin­ge aus dem süd­asia­ti­schen Insel­staat in Abschie­be­haft genom­men wor­den. Dem­nach wur­den eini­ge von ihnen unter dem Vor­wand, sie wür­den eine erneu­er­te Auf­ent­halts­er­laub­nis bekom­men, zu den zustän­di­gen Behör­den gelockt, dort dann aber von der Poli­zei ergrif­fen und in ein­schlä­gig bekann­te Haft­an­stal­ten über­führt. Ande­re wur­den im Mor­gen­grau­en aus ihren Woh­nun­gen geholt. Ihren Ver­wand­ten und Unter­stüt­zern gelingt es nicht mehr, Kon­takt zu ihnen auf­zu­neh­men, weil ihnen ihre Mobil­te­le­fo­ne abge­nom­men wur­den. Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen gehen von ihrer Abschie­bung am mor­gi­gen Diens­tag aus.[1] Die umge­hen­de Absa­ge des Abschie­be­flugs ver­lan­gen unter ande­ren der Flücht­lings­rat NRW, das Euro­pean Cen­ter for Con­sti­tu­tio­nal and Human Rights (ECCHR) aus Ber­lin sowie der Kre­fel­der Pfar­rer Albert Koo­len. Eine Sam­mel­ab­schie­bung sei, urteilt Koo­len, ange­sichts der men­schen­recht­li­chen Lage in Sri Lan­ka ein „äußerst fata­les Signal“.[2]

Keine Aufarbeitung mehr

Mit der men­schen­recht­li­chen Lage in Sri Lan­ka hat sich erst kürz­lich der Men­schen­rechts­rat der Ver­ein­ten Natio­nen befasst – im Anschluss an die Vor­la­ge eines UN-Berichts zur aktu­el­len dor­ti­gen Ent­wick­lung am 27. Janu­ar. Hin­ter­grund ist der alte, aber nach wie vor unge­lös­te Kon­flikt um die blu­ti­ge Been­di­gung des Bür­ger­kriegs im Jahr 2009, in deren Ver­lauf Sri Lan­kas Regie­rungs­trup­pen zahl­lo­se schwers­te Ver­bre­chen an auf­stän­di­schen Tami­len, aber auch an Zivi­lis­ten begin­gen. Die Regie­rung in Colom­bo hat­te dem UN-Men­schen­rechts­rat im Jahr 2015 ursprüng­lich zuge­sagt, eine Auf­ar­bei­tung der Ver­bre­chen – sowie mut­maß­li­cher Kriegs­ver­bre­chen der Auf­stän­di­schen – in die Wege zu lei­ten. Der Pro­zess ist aller­dings zum Still­stand gekom­men, nach­dem die Prä­si­den­ten­wahl vom Novem­ber 2019 den Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter des Jah­res 2009, Gota­ba­ya Raja­pak­sa, an die Staats­spit­ze brach­te. Gota­ba­ya ernann­te sei­nen Bru­der Mahin­da Raja­pak­sa zum Pre­mier­mi­nis­ter; Mahin­da hat­te von 2004 bis 2015 das Prä­si­den­ten­amt in Colom­bo inne. Ent­spre­chend kün­dig­te die Regie­rung Sri Lan­kas am 27. Febru­ar 2020 offi­zi­ell an, die vor­sich­tig gestar­te­te Auf­ar­bei­tung der Kriegs­ver­bre­chen nicht weiterzuführen.[3] Dar­an hält sie bis heu­te unver­än­dert fest.

„Diskriminierende Rhetorik“

Dies stößt beim UN-Men­schen­rechts­rat auf Pro­test. In dem am 27. Janu­ar vor­ge­leg­ten UN-Bericht heißt es, die Wei­ge­rung, Ver­bre­chen aus dem Bür­ger­krieg auf­zu­ar­bei­ten, sei nicht nur an sich sehr bedau­er­lich; sie erhö­he vor allem auch „das Risi­ko signi­fi­kant, dass Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen sich wie­der­ho­len“. Der Bericht attes­tiert der Regie­rung eine „eth­no-natio­na­lis­ti­sche Rhe­to­rik“, die „Ein­schüch­te­rung der Zivil­ge­sell­schaft“ sowie eine „Mili­ta­ri­sie­rung von Regierungsposten“.[4] So wür­den die Min­der­hei­ten der Tami­len und der Mus­li­me in den Stel­lung­nah­men und in der Poli­tik der Regie­rung „zuneh­mend mar­gi­na­li­siert“; „spal­te­ri­sche und dis­kri­mi­nie­ren­de Rhe­to­rik“ sei­tens rang­höchs­ter Staats­stel­len dro­he zu immer „wei­te­rer Pola­ri­sie­rung und Gewalt“ zu füh­ren. Zu bekla­gen sei, heißt es, eine zuneh­men­de Über­wa­chung und Ein­schüch­te­rung zivil­ge­sell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen sowie von Men­schen­recht­lern und von über­le­ben­den Opfern des Bür­ger­kriegs. Es dro­he „eine Wie­der­kehr der Poli­ti­ken und Prak­ti­ken, die zu schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen führ­ten“. Ver­stärkt wer­de die Gefahr dadurch, dass die Regie­rung mitt­ler­wei­le 28 Füh­rungs­pos­ten mit Mili­tärs und Geheim­dienst­lern besetzt habe, dar­un­ter eini­ge, denen Ver­ant­wor­tung für schwe­re Kriegs­ver­bre­chen vor­ge­wor­fen wird.

Unter schärfster Beobachtung

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der UN-Men­schen­rechts­rat am Diens­tag ver­gan­ge­ner Woche eine Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, in der er eine stär­ke­re Befas­sung mit den Men­schen­rech­ten in Sri Lan­ka ver­langt. So sol­len die zustän­di­gen UN-Stel­len nicht nur „Infor­ma­tio­nen und Beweis­mit­tel“ zu frü­he­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen „sam­meln, ver­dich­ten, ana­ly­sie­ren und bewah­ren“, son­dern auch „mög­li­che Stra­te­gien ent­wi­ckeln“, um in Zukunft die Ver­ant­wort­li­chen für gra­vie­ren­de Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zur Rechen­schaft zu zie­hen. Ins­be­son­de­re gel­te es, die aktu­el­le Lage der Men­schen­rech­te in Sri Lan­ka noch aus­führ­li­cher als zuvor „zu beob­ach­ten und über sie zu berichten“.[5] Der UN-Men­schen­rechts­rat hält es dar­über hin­aus für unum­gäng­lich, sich in sei­nen nächs­ten Sit­zun­gen jeweils aus­führ­lich mit der wei­te­ren Ent­wick­lung in Sri Lan­ka zu befas­sen. Dazu for­dert er aus­führ­li­che münd­li­che und schrift­li­che Stel­lung­nah­men ein.

„Das Prinzip der Verantwortlichkeit“

Die Kri­tik und die War­nun­gen des UN-Men­schen­rechts­rats wer­den von der Bun­des­re­pu­blik, die dem Gre­mi­um zur Zeit ange­hört, ver­bal unter­stützt. So äußer­te die Men­schen­rechts­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Bär­bel Kof­ler, am 28. Janu­ar auf Twit­ter, der tags zuvor vor­ge­leg­te UN-Bericht gebe „Anlass für erns­te Sor­gen über die Men­schen­rechts­la­ge in Sri Lan­ka“; sie „freue“ sich, teil­te Kof­ler mit, „dass Deutsch­land der Ver­söh­nung und dem Prin­zip der Ver­ant­wort­lich­keit ver­pflich­tet bleibt“. Ent­spre­chend betei­lig­ten sich die zustän­di­gen deut­schen Stel­len an der Aus­ar­bei­tung der Reso­lu­ti­on, in der der UN-Men­schen­rechts­rat vor einer gra­vie­ren­den Ver­schlech­te­rung der Lage in Sri Lan­ka warn­te und die am ver­gan­ge­nen Diens­tag – mit deut­scher Zustim­mung – ver­ab­schie­det wur­de. Nur weni­ge Tage spä­ter will die Bun­des­re­gie­rung frei­lich meh­re­re Dut­zend, womög­lich bis zu 100 tami­li­sche Flücht­lin­ge nach Sri Lan­ka abschie­ben, wo ihnen die – aus­drück­lich vom UN-Men­schen­rechts­rat beschrie­be­ne – staat­li­che Repres­si­on gegen Min­der­hei­ten droht.

Im Machtkampf gegen China

Mit der Sam­mel­ab­schie­bung stellt Ber­lin Sri Lan­kas gegen­wär­ti­ge Regie­rung zufrie­den, die damit Zugriff auf eini­ge ihrer Geg­ner erhält. Der Insel­staat, stra­te­gisch vor­teil­haft mit­ten im Indi­schen Oze­an gele­gen, ist einer der Schau­plät­ze, auf denen der Macht­kampf des Wes­tens gegen Chi­na aus­ge­tra­gen wird. Colom­bo koope­riert wirt­schaft­lich eng mit Bei­jing, von dem es nicht zuletzt Kre­di­te erhal­ten hat; ent­spre­chend set­zen die west­li­chen Mäch­te, aber auch Indi­en alles dar­an, Sri Lan­ka ander­wei­tig mög­lichst eng an sich zu bin­den. Die Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) sag­te unlängst vor­aus, Colom­bo wer­de „ver­su­chen, einen Aus­gleich in sei­nen Bezie­hun­gen zu Chi­na und zu Indi­en zu finden“.[6] Das setzt aller­dings vor­aus, dass der Wes­ten die Regie­rung des eins­ti­gen Bür­ger­kriegs-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Gota­ba­ya Raja­pak­sa nicht ver­prellt.

[1] Kei­ne Abschie­bung nach Sri Lan­ka! frnrw​.de 26.03.2021.

[2] „Äußerst fata­les Signal“. dom​ra​dio​.de 27.03.2021.

[3] Sri Lan­ka: Poli­ti­sches Por­trät. aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 06.11.2020.

[4] Sri Lan­ka on alar­ming path towards recur­rence of gra­ve human rights vio­la­ti­ons – UN report. ohchr​.org 27.01.2021.

[5] Human Rights Coun­cil Renews Man­da­te of Spe­cial Rap­por­teur on the Envi­ron­ment, Adopts Reso­lu­ti­ons on Sri Lan­ka, Nica­ra­gua, Occu­p­ied Pales­ti­ni­an Ter­ri­to­ry, and on Uni­la­te­ral Coer­ci­ve Mea­su­res. ohchr​.org 23.03.2021.

[6] Chris­ti­an Wag­ner: Poli­ti­scher Umbruch in Sri Lan­ka. SWP-Aktu­ell Nr. 69. Sep­tem­ber 2020.

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