[GWR:] Stichworte zum Postanarchismus 26

„Wir woll­ten eine Kat­zen­de­mons­tra­ti­on machen, sag­te Ull­rich, nachts durch die Vil­len­vier­tel.“ Es ist die Zeit der Stu­die­ren­den­re­vol­ten um 1968. Die Fron­ten inner­halb der Bewe­gung haben sich schon ver­här­tet, die Leu­te beschimp­fen sich gegen­sei­tig als Revi­sio­nis­ten, Semi­nar­mar­xis­ten, Arbei­ter­ver­rä­ter (an geschlech­ter­ge­rech­te Schimpf­nor­men denkt noch nie­mand). Ull­rich, der Prot­ago­nist aus Uwe Timms Roman „Hei­ßer Som­mer“ (1974) wen­det sich vom Dis­ku­tier­klub im SDS-Kel­ler ab und der anti­au­to­ri­tä­ren Spaß­gue­ril­la-Frak­ti­on zu. „Rena­te vor­an mit der schwar­zen Fah­ne der Anar­chie und hin­ter ihr Tau­sen­de von Kat­zen in allen Far­ben, schwar­ze, wei­ße, brau­ne, gescheck­te, auch eini­ge Siam­kat­zen, die auf ihre bür­ger­li­chen Pri­vi­le­gi­en frei­wil­lig ver­zich­tet haben“ ((1)). Sei­ne bekiff­te Phan­ta­sie wei­tet sich dann auf Tier­de­mons­tra­tio­nen schlecht­hin aus, Tie­re sei­en die Pari­as der Gesell­schaft und das erbärm­li­che Schrei­en des Schlacht­viehs wer­de die Bürger*innen aus ihrem Trott rei­ßen. So sah es zumin­dest der Plan der Sub­ver­si­on vor, auf­ge­gan­gen ist er nicht. Der Schock, die Idee des Wach­rüt­telns, des Unter­lau­fens von gewohn­ten Blick­win­keln, die Respekt­lo­sig­kei­ten gegen­über Auto­ri­tä­ten, das Bloß­stel­len ihrer Häkel­deck­chen­spie­ßig­keit – das alles hat sich nicht nur abge­nutzt. Um die „sub­ver­si­ven Bedeu­tun­gen von Stil“ ((2)), von denen der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Dick Heb­di­ge einst sprach und mit denen er Aus­drucks- und Ver­wei­ge­rungs­for­men gesell­schaft­lich unter­ge­ord­ne­ter Grup­pen mein­te, ist es schlecht bestellt. Die­ses in den 1960er und 70er Jah­ren von Hip­pies, Pro­vos und spä­ter Punks stän­dig benutz­te und von den Cul­tu­ral Stu­dies unter­such­te Akti­ons­re­per­toire ist min­des­tens in der Mid­life Cri­sis.

Spä­tes­tens nach­dem einer der Kapitol-Besetzer*innen vom 6. Janu­ar 2021 sei­ne Stie­fel auf den Schreib­tisch von Nan­cy Pelo­si, der demo­kra­ti­schen Vor­sit­zen­den des Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, gelegt hat­te, soll­te über Sub­ver­si­on neu nach­ge­dacht wer­den. Das Bild ging um die Welt, und es ver­deut­licht ein­mal mehr die Tie­fe Kri­se der Sub­ver­si­ons­idee. (Die Sym­pa­thie­be­kun­dun­gen John Lydons, des ehe­ma­li­gen Sän­gers der Sex Pis­tols, für Donald Trump, sind nur ein wei­te­res Indiz für die­se Kri­sen­haf­tig­keit). Die sub­ver­si­ve Stra­te­gie der respekt­lo­sen sym­bo­li­schen Über­nah­me, dazu gedacht, die Herr­schen­den bloß­zu­stel­len und ihre Herr­schafts­ri­tua­le als ver­schlei­ern­den Pomp zu kri­ti­sie­ren, der die Ille­gi­ti­mi­tät ihrer Macht ver­steckt, soll­te über­dacht wer­den. Denn sie wird längst auch von Nazis benutzt, von rech­ten Spin­nern und Verschwörungsphantast*innen aller Art. Nicht nur, dass Kat­zen­de­mos nie­man­den mehr hin­ter der Gar­di­ne her­vor­lo­cken wür­den. Ihre Absicht läßt sich viel zu leicht ins Gegen­teil ver­keh­ren. Eman­zi­pa­ti­on ist dem Tier­ge­brüll im Vil­len­vier­tel eben­so wenig ein­ge­schrie­ben wie den Stie­feln auf dem Reprä­sen­tan­tin­nen­tisch.

Die Kri­se hat­te sich schon abge­zeich­net. Aus dem Latei­ni­schen kom­mend – sub­ver­te­re: umstür­zen, ver­der­ben –, basiert die gan­ze Idee der Sub­ver­si­on auf der Vor­stel­lung klei­ner Gra­bun­gen an ent­schei­den­den Stel­len, die schließ­lich ein gro­ßes Gan­zes zum Ein­sturz brin­gen. Eine klei­ne abwei­chen­de Min­der­heit nagt an der gro­ßen, ziem­lich kon­sen­su­al gedach­ten Norm. Ein paar bun­te Hip­pies gegen die Mas­se grau­er Anzug­trä­ger und ihre nicht viel far­ben­fro­her gedach­ten Haus­frau­en. Nur ist die Homo­ge­ni­tät sozia­ler Nor­men und ihrer sti­lis­ti­schen Aus­drucks­for­men längst dahin. Sicher­lich auch als Neben­ef­fekt der Auf­wei­chun­gen der „68er Jah­re“, haben sich Lebens­for­men, Wert­vor­stel­lun­gen und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um ihre Legi­ti­mi­tät ver­viel­facht. Es gibt kein homo­ge­nes Gan­zes, dass sich durch ein paar ange­säg­te Stel­zen zum Ein­sturz brin­gen lie­ße. Im Gegen­teil, vie­le klei­ne Unter­schie­de wer­den gefei­ert, bestimm­te Dif­fe­ren­zen wer­den hofiert und geför­dert, nicht unter­drückt. Nicht zuletzt sicher­lich, weil sie ein Mehr an Ver­kaufs­zah­len gene­rie­ren. Ull­rich und Rena­te trin­ken stän­dig Jas­min­tee, was wür­den sie mit der Viel­falt des „Kraft und Stär­ke“-, „Wohl­fühl“-, „Matcha-Green“-, „Night Time“-, „Frau­en­glück“-, „Kukur­ma Aktiv“- usw. usf. Tee­sor­ten­sor­ti­ments von heu­te anfan­gen?!

In einer zwei­ten Hin­sicht zeich­ne­te sich die Kri­se der Sub­ver­si­on schon seit Län­ge­rem ab. Dabei geht es nicht um das Gegen­über der Sub­ver­si­on, son­dern es geht um sie selbst. Die Tra­di­ti­on der Sub­ver­si­ven Akti­on, jener Grup­pe glei­chen Namens, die zwi­schen 1963 und 1966 für erhei­tern­de Politspä­ße sorg­te und die sich auch für Kat­zen­de­mos begeis­tert hät­te, ist ja nur ein Strang der Sub­ver­si­on. Neben die­ser ethisch-poli­ti­schen Linie lie­ßen sich – mit dem bel­gi­schen Kunst­theo­re­ti­ker Lie­ven De Cau­ter – noch zwei wei­te­re Strän­ge von Sub­ver­si­on unter­schei­den, näm­lich die wis­sen­schaft­lich-theo­re­ti­sche und die künst­le­risch-ästhe­ti­sche. Alle drei kön­nen gemein­sam auf­tre­ten, müs­sen es aber nicht: Poli­ti­sche Sub­ver­si­on kann ästhe­tisch sehr kon­ven­tio­nell sein, wis­sen­schaft­li­che Umbrü­che waren häu­fig poli­tisch sehr ent­halt­sam und ästhe­ti­sche Sub­ver­sio­nen muss­ten kei­nes­wegs eman­zi­pa­to­risch sein (wie etwa der Faschis­mus der Futu­ris­ten oder das Macho­tum der Beat-Lite­ra­ten bezeu­gen kön­nen). ((3)) Der mit Ull­richs Kat­zen­auf­lauf anvi­sier­te Umsturz des gro­ßen Gan­zen erwies sich doch als kom­ple­xe und klein­tei­li­ge Ange­le­gen­heit.

Trotz bei­der, sich lan­ge anbah­nen­der Kri­sen­mo­men­te erleb­te die Sub­ver­si­on als Begriff und Stra­te­gie Anfang der 1990er Jah­re aber noch ein­mal ein Come­back. Gesell­schaft­li­che Nor­men wur­den inner­halb des ent­ste­hen­den Queer-Femi­nis­mus als Regel­haf­tig­keit begrif­fen, die sich durch stän­dig wie­der­ho­len­de Prak­ti­ken eta­bliert. Was also lag näher, als die Wie­der­ho­lun­gen zu stö­ren und die Pra­xis zu vari­ie­ren? Die Phi­lo­so­phin Judith But­ler plä­dier­te damals für eine „Stra­te­gie der sub­ver­si­ven Wie­der­ho­lung […]“ ((4)) in der Hoff­nung auf anti­pa­tri­ar­cha­le Eman­zi­pa­ti­on. Es muss dabei weder von der einen kon­sen­sua­len Norm als Sys­tem­stüt­ze noch vom ein­heit­li­chen Nagen dar­an aus­ge­gan­gen wer­den. Es gibt von bei­dem vie­le, eine Viel­falt an Nor­ma­ti­vi­tä­ten und eine gro­ße Band­brei­te an ver­än­dern­dem Klein-Klein.

Viel­leicht lässt sich damit noch etwas rei­ßen: Mit Mikro­po­li­ti­ken. Soll­te aber trotz dop­pel­ter Kri­se an irgend­ei­ner Form sub­ver­si­ven Poten­zi­als im Sin­ne eman­zi­pa­to­ri­scher Ver­än­de­run­gen fest­ge­hal­ten wer­den, wäre die Abgren­zung zu den rechts­spin­ner­ten Stie­feln auf dem Tisch die ers­te Auf­ga­be. Statt Respekt­lo­sig­keit wäre dafür wohl, auch wenn es bie­der klingt, eine grund­le­gen­de „gegen­sei­ti­ge Ach­tung“ ((5)) (Kro­pot­kin) die Vor­aus­set­zung. Das Nie­der- und Ver­ächt­lich­ma­chen soll­ten wir den Rech­ten über­las­sen. Es hat der Lin­ken auch nichts gebracht, im Gegen­teil: Bei Uwe Timm fol­gen auf die Spaß­ak­tio­nen der Pro­let­kult und spä­ter das Ende der Bewe­gung in Form von immer mehr Frak­tio­nen, die sich gegen­sei­tig anschrei­en. Der hei­ße Som­mer ist vor­bei. Drau­ßen schneit es. „Ein feuch­ter, dicht­flo­cki­ger Schnee“ ((6)).
Oskar Lub­in
(Für Izy)

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