[Autonomie Mag.:] Migration, Rassismus, Grenzregime und der globale Arbeitsmarkt

Labor Arbi­tra­ge

Die Glo­ba­li­sie­rung der Pro­duk­ti­on wird cha­rak­te­ri­siert, durch die Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on in Nied­rig­lohn­län­der. Um die­sen Pro­zess zu beschrei­ben, hat der Öko­nom John Smith den Begriff „labor arbi­tra­ge“1 benutzt. Arbi­tra­ge ist ein öko­no­mi­scher Begriff, wel­cher den Han­del einer Ware (in die­sem Fall Arbeits­kraft) zwi­schen ver­schie­de­nen Märk­ten beschreibt (in die­sem Fall zwi­schen einem Hoch­lohn­land einer­seits und einem Nied­rig­lohn­land ande­rer­seits). Die Arbi­tra­ge erlaubt es einem Unter­neh­men Pro­fit zu machen, indem es auf dem einen Markt bil­lig ein­kauft und auf dem ande­ren teu­er ver­kauft. Des­to unglei­cher die Märk­te sind, des­to höher ist der Pro­fit. Es gibt kaum Märk­te die unglei­cher sind, als die für Arbeit im Glo­ba­len Nor­den und im Glo­ba­len Süden.

Die Arbi­tra­ge der Arbeit hat zwei For­men: Ers­tens, die Pro­duk­ti­on wird in Nied­rig­lohn­län­der ver­la­gert. Zwei­tens, die Arbeit wird aus den Nied­rig­lohn­län­dern impor­tiert. Das Ers­te ist mit Abstand das wich­tigs­te, weil die Mobi­li­tät der Arbeit durch Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze stark begrenzt wird, wie die mili­ta­ri­sier­ten Gren­zen der Euro­päi­sche Uni­on und der USA schmerz­lich sicht­bar machen. Wirt­schafts­zwei­ge die nicht ein­fach ver­la­gert wer­den kön­nen, wie zum Bei­spiel die Land­wirt­schaft, der Bau oder der Care-Bereich, machen was nötig ist, um bil­li­ge Arbeits­kräf­te zu impor­tie­ren. Migran­ti­sche Arbei­ter schuf­ten auf US und EU Bau­stel­len. Ihre Löh­ne sind gerin­ger als die der „ein­hei­mi­schen“ Arbei­ter­klas­se, aber sie sind auch erheb­lich höher, als das was sie Zuhau­se ver­die­nen könn­ten. Laut der Welt­bank hat jeder der 210.000 ban­gla­de­schi­schen Immi­gran­ten, wel­che 2013 in Eng­land wohn­haft waren, im Durch­schnitt 4.058$ an sei­ne Fami­lie in Ban­gla­desch geschickt. Im sel­ben Jahr betrugt das Durch­schnitts­ein­kom­men einer Arbei­te­rin in der Tex­til­in­dus­trie in Ban­gla­desch 1.380$. Das bedeu­tet, dass zuge­wan­der­te Arbei­ter aus Ban­gla­desch im Ver­ei­nig­ten König­reich, mehr als das Drei­fa­che spa­ren konn­ten, als das was eine ban­gla­de­schi­sche Arbei­te­rin in der Tex­til­in­dus­trie ver­die­nen könn­te.2

Län­der wie Sau­di-Ara­bi­en, Kuwait und ande­re Golf­staa­ten, sind inzwi­schen kom­plett abhän­gig vom Import bil­li­ger Arbeits­kräf­te. Arbeits­mi­gran­ten wer­den ins Land geholt wenn sie gebraucht wer­den und weg­ge­schickt, wenn es kei­nen Bedarf mehr gibt. Dies ist beson­ders aus­ge­prägt in der Bau- und Dienst­leis­tungs­bran­che. Die Sky­lines von Dubai und Katar wur­de von Arbei­tern aus Ban­gla­desch, Nepal und den Phil­ip­pi­nen erbaut. Wil­liam Robin­son hat ihre Situa­ti­on wie folgt beschrei­ben: „Weder die Arbeit­ge­ber, noch der Staat, wol­len die Arbeits­mi­gra­ti­on abschaf­fen. Im Gegen­teil, sie wol­len … deren maxi­ma­le Aus­beu­tung zusam­men mit ihrer Ent­sor­gung, wenn nötig.“3

Arbei­ter wie die­se bil­den das heu­ti­ge Welt­pro­le­ta­ri­at. Im gesam­ten Glo­ba­len Süden schuf­ten Mil­lio­nen in Fabri­ken, Minen und Plan­ta­gen. Der Welt­markt für Arbeit, wird durch die glo­ba­le Arbi­tra­ge der Arbeit bestimmt, wel­che direkt ver­knüpft ist sowohl mit der Begren­zung der Mobi­li­tät der Arbeit, als auch der im Glo­ba­len Süden exis­tie­ren­de rie­si­ge indus­tri­el­len Reser­ve­ar­mee. Laut der Welt­bank über­tref­fen „inter­na­tio­na­le Lohn­preis­un­ter­schie­de jede ande­re Form der durch Gren­zen beding­ten Preis­un­ter­schie­de um eine gan­ze Grö­ßen­ord­nung oder mehr.“4 Die Arbi­tra­ge der Arbeit, ermög­licht eine Form der Aus­beu­tung, die nicht von poli­ti­scher oder mili­tä­ri­scher Unter­drü­ckung abhän­gig ist son­dern sich auf den glo­ba­len Arbeits­markt stützt. Das bedeu­tet jedoch nicht, dass Unter­drü­ckung und Gewalt ver­schwun­den wären. Sie sind not­wen­dig, um die Staats­macht, die glo­ba­len Pro­duk­ti­ons­ket­ten und die Tei­lung des Arbeits­mark­tes auf­recht­zu­er­hal­ten. Eine der wich­tigs­ten Auf­ga­ben von Staa­ten ist es heut­zu­ta­ge, Bewe­gun­gen über ihre Gren­zen zu kon­trol­lie­ren – nicht die der Waren oder des Kapi­tals, son­dern die von Men­schen.

Gren­zen und Migra­ti­on

Die Bewe­gungs­frei­heit von Kapi­tal, Gütern und rei­chen Men­schen über Staats­gren­zen hin­weg, inklu­si­ve derer, wel­che den Glo­ba­len Nor­den vom Glo­ba­len Süden tren­nen, ist ein wich­ti­ges Merk­mal der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung. Es gibt jedoch kei­ne Bewe­gungs­frei­heit für die­je­ni­gen, wel­che die Waren pro­du­zie­ren. Das ist einer der Grün­de für die welt­wei­ten Lohn­un­ter­schie­de. Betrach­ten wir wie der glo­ba­le Arbeits­markt sich his­to­risch ent­wi­ckelt hat.

Migra­ti­on ist nichts neu­es. Es gab vie­le Migra­ti­ons­be­we­gun­gen in der Geschich­te des Kapi­ta­lis­mus. Die Ers­te bestand aus dem Trans­port gefan­gen­ge­nom­me­ner Afri­ka­ner in die Ame­ri­kas, vom frü­hen sech­zehn­ten bis zum frü­hen neun­zehn­ten Jahr­hun­dert. Die Zwei­te trat auf, wäh­rend der kapi­ta­lis­ti­schen Expan­si­on in Nord­ame­ri­ka, Aus­tra­li­en und Neu­see­land, von Mit­te des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts bis zum ers­ten Welt­krieg.

Vor dem ers­ten Welt­krieg, gab es rela­tiv weni­ge poli­ti­sche Ein­schrän­kun­gen in der Bewe­gungs­frei­heit der Men­schen. Päs­se wur­den sel­ten ver­langt und es war ein­fach für Immi­gran­ten die Staats­bür­ger­schaft zu erlan­gen, zumin­dest wenn du Immi­grant aus West­eu­ro­pa warst.5 Die Migra­ti­on von Euro­pa nach Nord­ame­ri­ka und ande­re Sied­ler­staa­ten, war soge­nann­te „Migra­ti­on mit hohem Ein­kom­men“, das heißt, dass die Men­schen von Län­dern mit rela­tiv hohen Löh­nen in ande­re Län­der mit rela­tiv hohen Löh­nen migrier­ten. Zwi­schen 1850 und 1920 emi­grier­ten cir­ca 70 Mil­lio­nen Men­schen aus Euro­pa. Das redu­zier­te die indus­tri­el­le Reser­ve­ar­mee auf dem Kon­ti­nent erheb­lich, was für die Arbei­ter ein ziem­lich star­kes Druck­mit­tel, in den Ver­hand­lun­gen mit dem Kapi­tal war. Dies steht im direk­ten Zusam­men­hang mit den Lohn­stei­ge­run­gen am Ende des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts.

Die Men­schen aus den Kolo­nien sind nicht unter den sel­ben Bedin­gun­gen aus­ge­wan­dert. Sie erreich­ten Nord­ame­ri­ka und Ozea­ni­en als Zwangs­ar­bei­ter, mit wenig Rech­ten und kei­ner Aus­sicht dar­auf jemals Staats­bür­ger zu wer­den. Die „Kulis“ aus Indi­en oder Chi­na, wur­den zur Arbeit auf den Plan­ta­gen, in den Minen und ent­lang der Eisen­bahn­stre­cke ein­ge­setzt, wo sie här­ter arbei­te­ten und weni­ger ver­dien­ten, als ihre euro­päi­schen Kol­le­gen.

Eine drit­te Migra­ti­ons­be­we­gung fand wäh­rend 1950 und 1975 statt. Der keyne­sia­ni­sche Wie­der­auf­bau Euro­pas nach dem zwei­ten Welt­krieg, schuf eine Nach­fra­ge nach Arbeits­kräf­ten, die von Euro­pä­ern allei­ne nicht gedeckt wer­den konn­te. Deutsch­land rekru­tier­te Gast­ar­bei­ter aus der Tür­kei, Frank­reich aus den fran­zö­si­schen Kolo­nien, Eng­land aus Asi­en und West-Indi­en. Die „Gast­ar­bei­ter“ besetz­ten die schlecht bezahl­ten Jobs, wäh­rend die „ein­hei­mi­schen“ Arbei­ter in der Arbeits­hier­ar­chie nach oben gerutscht sind. Solan­ge sie gebraucht wur­den, haben die euro­päi­schen Län­dern die Gast­ar­bei­ter will­kom­men gehei­ßen, mit der Wirt­schafts­kri­se der 1970er begann man sie als Pro­blem anzu­se­hen. Aus Gast­ar­bei­tern wur­den Aus­län­der. Dies stopp­te die Immi­gra­ti­on jedoch nicht; statt­des­sen begann eine gro­ße Anzahl Flüch­ten­der aus dem kriegs­ge­beu­tel­ten Mitt­le­ren Osten anzu­kom­men.

Die Anzahl der Migran­ten, die es vom Glo­ba­len Süden in den Glo­ba­len Nor­den zieht, ver­blasst im Ver­gleich mit der Anzahl der Euro­pä­er, die zwi­schen 1850 und 1920 emi­griert sind. Wäh­rend die­ser Peri­ode haben damals 17% der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung ihre Hei­mat­län­der ver­las­sen. In den letz­ten Jahr­zehn­ten sind ledig­lich 0,8% der Arbeits­kräf­te aus dem Glo­ba­len Süden in den Glo­ba­len Nor­den gekom­men.6 Wenn wir mal die Umstän­de betrach­ten, ist es beson­ders auf­fäl­lig, dass die­se Zahl nicht höher ist. Die Euro­pä­er zog es in Län­der, in denen die Löh­ne ver­gleich­bar waren, mit denen die sie gewohnt waren. Migran­ten aus dem Glo­ba­len Süden zieht es in Län­der, in denen die Löh­ne oft­mals 10mal so hoch sind, als die wel­che sie gewöhnt sind. Trans­port­mit­tel sind schnel­ler und siche­rer gewor­den und es ist wesent­lich ein­fa­cher gewor­den, mit Freun­den und Fami­lie in Kon­takt zu blei­ben. Was Men­schen aus dem Glo­ba­len Süden, trotz all­dem fern­hält, ist ein­fach zu erken­nen: öko­no­mi­sche, recht­li­che und phy­si­sche Restrik­tio­nen. Nur 3% der Welt­be­völ­ke­rung besteht aus Men­schen, die in Län­dern leben, die nicht ihre Geburts­län­der sind – nur 35% davon sind vom Glo­ba­len Süden in den Glo­ba­len Nor­den gewan­dert. Im Ver­gleich: In jedem belie­bi­gen Jahr in der zwei­ten Hälf­te des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, mach­ten im Aus­land gebo­re­ne Ein­woh­ner 10% der Welt­be­völ­ke­rung aus.7

Laut einem Bericht der Ver­ein­ten Natio­nen von 2005, lag die abso­lu­te Zahl der Migran­ten die vom Glo­ba­len Süden in den Nor­den gin­gen, bei 62 Mil­lio­nen.8 Cir­ca 75% der Migran­ten leb­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wel­che die am wenigs­ten restrik­ti­ven Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze im Glo­ba­len Nor­den hat­ten. Über 7,5 Mil­lio­nen leb­ten in der EU. Die meis­ten die­ser Men­schen kamen in den 1990ern an, seit­dem wur­de die Ein­wan­de­rung in die EU jedoch erschwert. In Japan gibt es weni­ger als 1 Mil­lio­nen Ein­wan­de­rer aus dem Glo­ba­len Süden, was nach­weis­lich 1,4% der Arbeits­kräf­te sind. Ein Groß­teil der Migra­ti­on vom Glo­ba­len Süden in den Glo­ba­len Nor­den, ent­spricht einem „Brain-Drain“, da es für höher qua­li­fi­zier­te Migran­ten ein­fa­cher ist, Auf­ent­halts- und Arbeits­er­laub­nis­se zu bekom­men, als für ande­re.

Der Kapi­ta­lis­mus pro­fi­tiert immens von der Hier­ar­chie auf dem inter­na­tio­na­len Arbeits­markt. Die Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on in den Glo­ba­len Süden, hat dazu bei­getra­gen die Pro­fi­te zu erhö­hen, wovon eben­falls die Arbei­ter­klas­se der impe­ria­lis­ti­schen Län­der pro­fi­tiert. Ihr Lohn ist immer­hin eini­ger­ma­ßen sta­bil geblie­ben und Kon­sum­gü­ter sind bil­li­ger gewor­den. Hät­te das Kapi­tal es nicht geschafft, den Rück­gang der Pro­fi­tra­te in den 1970ern zu stop­pen, wären sozia­le Unru­hen und das Ende des his­to­ri­schen Klas­sen­kom­pro­mis­ses denk­bar gewe­sen.9 Da die Migra­ti­on einen enor­men Druck auf es aus­übt ist das Kapi­tal immer noch in Schwie­rig­kei­ten. Das Kapi­tal ist an bil­li­gen, migran­ti­schen Arbeits­kräf­ten inter­es­siert, dies gefähr­det jedoch den Klas­sen­kom­pro­miss. Zu beob­ach­ten ist das bei dem Skep­ti­zis­mus und sogar der Feind­schaft, mit der vie­le euro­päi­sche Arbei­ter der Migra­ti­on gegen­über­ste­hen. Sie fürch­ten einen gestei­ger­ten Wett­be­werb auf dem Arbeits­markt und dass ihre Löh­ne und das Sozi­al­sys­tem bedroht sein könn­ten.

Der poli­ti­sche Rah­men des Klas­sen­kom­pro­mis­ses ist die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie. Heut­zu­ta­ge wäh­len immer mehr Men­schen aus der Arbei­ter­klas­se rech­te Par­tei­en. Als Ant­wort dar­auf, haben sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en die Poli­tik und Rhe­to­rik der Rech­ten adap­tiert. Indes befin­den sich die neo­li­be­ra­len Par­tei­en in einem Dou­ble Bind: weder kön­nen sie eine unbe­grenz­te Anzahl Migran­ten holen, noch kön­nen sie das öko­no­mi­sche Sys­tem ver­än­dern, dass Migra­ti­on erzeugt.

Es gibt weni­ge Orte, an denen der Glo­ba­le Nor­den geo­gra­phisch auf den Glo­ba­len Süden trifft. An die­sen Orten, sol­len Minen, Mau­ern, Sta­chel­draht­zäu­ne, Sol­da­ten und Mari­ne­schif­fe, die Migra­ti­on ver­hin­dern. Im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert träum­ten Migran­ten davon, ihr eigens Stück Land zu besit­zen. Heu­te träu­men sie davon einen Job zu bekom­men. Nie­mals zuvor woll­ten so vie­le Men­schen emi­grie­ren wie heu­te – und nie­mals zuvor gab es so vie­le, die dazu ent­schlos­sen waren, sie dar­an zu hin­dern. Neo­li­be­ra­le Staa­ten mobi­li­sie­ren eine unglaub­li­che Anzahl an Poli­zis­ten und Sol­da­ten, um Migran­ten und Flüch­ten­de davon abzu­hal­ten, ihre Gren­zen zu über­tre­ten. Das Mit­tel­meer, so wie die Gren­zen zwi­schen den USA und Mexi­ko, wur­den in Todes­zo­nen ver­wan­delt, in denen tau­sen­de ver­zwei­fel­te Men­schen aus Nied­rig­lohn­län­der, beim Ver­such das gelob­te Land zu errei­chen ster­ben.

Aber selbst wenn sie es schaf­fen, ist ihnen kein Glück garan­tiert. Es wird zuneh­mend schwe­rer, in den Län­der des Glo­ba­len Nor­dens eine Staats­bür­ger­schaft zu erlan­gen. Nur weni­ge der ankom­men­den Migran­ten, fin­den Zugang zu lega­ler Arbeit oder den Insti­tu­tio­nen des Sozi­al­sys­tems. Die Staats­bür­ger­schaft ist eine bio-poli­ti­sche Gren­ze gewor­den. Um sie zu erhal­ten, muss man in der Hier­ar­chie der Migran­ten hoch­ar­bei­ten. Es gibt Men­schen mit tem­po­rä­ren Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen, wel­che mit per­ma­nen­ten und noch wel­che, denen es erlaubt ist die Fami­lie nach­zu­ho­len, etc..

Das Ein­wan­de­rungs­sys­tem unter­schei­det außer­dem zwi­schen „poli­ti­schen Flücht­lin­gen“ und „Wirt­schafts­mi­gran­ten“, wobei letz­te­re manch­mal zynisch „Migran­ten aus per­sön­li­cher Bequem­lich­keit“ genannt wer­den. In der Kon­se­quenz heißt das, dass poli­ti­sche Ver­fol­gung als Flucht­weg raus aus der Armut gese­hen wird, aber nicht nur poli­ti­sche Ver­fol­gung, son­dern auch Armut, hat phy­si­sche Schä­den und den Tod zur Fol­ge. Selbst eine libe­ra­le Flücht­lings­po­li­tik begüns­tigt Intel­lek­tu­el­le auf Kos­ten armer Arbei­ter und Bau­ern. Fol­ter recht­fer­tigt einen Flücht­lings­sta­tus, aber Hun­ger nicht. Wil­ma A. Duna­way und Donald A. Clel­land schrei­ben: „Im frü­hen 21. Jahr­hun­dert, ist eine der schlimms­ten eth­ni­schen Ungleich­hei­ten des Welt­sys­tems dar­in begrün­det, wie die Kern­län­der kri­sen­be­ding­te Flücht­lings­strö­me mana­gen. Wäh­rend west­li­che und japa­ni­sche Poli­ti­ker und Medi­en öffent­li­che Ängs­te schü­ren, dass ihre Län­dern von Aus­län­dern über­schwemmt wer­den, schie­ben die Kern­län­der die­se mensch­li­che Bür­de auf Län­der ab, die kaum die Res­sour­cen haben um die Kos­ten zu stem­men.“10

Trotz des Aus­beu­tungs­gra­des unter dem die Län­der der Peri­phe­rie des kapi­ta­lis­ti­schen Welt­sys­tems bereits lei­den, las­sen die Kern­län­der sie für eine „Flücht­lings­kri­se“, wel­che sie selbst ver­ur­sacht haben, bezah­len. Ein wich­ti­ger Aspekt davon sind Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen. Mehr als die Hälf­te aller welt­weit Flüch­ten­den die 2014 ihre Hei­mat ver­lie­ßen, taten das, auf­grund der mili­tä­ri­schen Betei­li­gung der impe­ria­lis­ti­schen Län­der im Mitt­le­ren-Osten und Afgha­ni­stan.11 Im sel­ben Jahr fan­den 48% der welt­weit Flüch­ten­den in Län­dern des Glo­ba­len Südens Zuflucht, in Län­dern des Glo­ba­len Nor­dens wur­den ledig­lich 9% Asyl gewährt.

Die Mehr­heit der welt­weit Flüch­ten­den fin­det in Län­dern Schutz, deren Arbeits­lo­sen­quo­te bis zu acht mal höher ist, als in den Län­dern des Glo­ba­len Nor­den. Min­des­tens die Hälf­te der Flüch­ten­den welt­weit, kommt in Län­dern unter, in wel­chen die Mehr­heit der Ein­woh­ner von weni­ger als 2$ am Tag lebt.12

Der neue Ras­sis­mus

Seit der Jahr­tau­send­wen­de ist Migra­ti­on zum kon­tro­ver­ses­ten poli­ti­schen The­ma im Glo­ba­len Nor­den gewor­den. Der Ras­sis­mus wächst. In Dis­kus­sio­nen über „Kul­tur“ und „Tra­di­ti­on“ ver­knüp­fen sich Race und Class. Der heu­ti­ge Ras­sis­mus hat wenig mit der Angst vor dem „Selt­sa­men“ oder „Ande­ren“ zu tun. Dies sind ledig­lich ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gun­gen für die Spal­tung der Arbei­ter. Ras­sis­mus ist kein psy­cho­lo­gi­scher Zustand. Er kann weder durch Bil­dung, noch durch Appel­le für Tole­ranz und Respekt, geheilt wer­den. Im heu­ti­gen öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und sozia­len Kli­ma, ist der neue Ras­sis­mus voll­kom­men ratio­nal. Er wird solan­ge exis­tie­ren, solan­ge die­ses Kli­ma exis­tiert.

Mit dem Sieg über den Nazis­mus und der Ära der Deko­lo­ni­sie­rung, wur­de der wis­sen­schaft­lich und bio­lo­gisch begrün­de­te Ras­sis­mus weit­ge­hend dis­kre­di­tiert. Ras­sis­mus drückt sich heut­zu­ta­ge in Form kul­tu­rel­ler Nor­men und Wer­ten aus. Die meis­ten wür­den zustim­men, dass alle Men­schen im Wesent­li­chen gleich sind und, dass jeman­des Haut­far­be nicht wich­tig ist. Solan­ge wir alle den rich­ti­gen Wer­ten und Nor­men fol­gen, so die gän­gi­ge Ansicht, haben wir alle die glei­chen Mög­lich­kei­ten im Leben. In die­sem Sin­ne ist der heu­ti­ge Ras­sis­mus „post-kolo­ni­al“. Der glo­ba­le Lohn­un­ter­schied und strik­te Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze, haben schein­bar nichts damit zu tun. Den­noch wird mit Bezug zu Migran­ten und Flüch­ten­den, der neue Ras­sis­mus schmerz­lich offen­sicht­lich. In sei­ner insti­tu­tio­nel­len Form, bedeu­tet er Aus­schluss von der Staats­bür­ger­schaft. Wäh­rend offen ras­sis­ti­sche oder sogar kul­tu­rel­le Vor­ur­tei­le inak­zep­ta­bel gewor­den sind, bleibt das Recht auf Staats­bür­ger­schaft in einem Land im Glo­ba­len Nor­den, einer klei­nen Min­der­heit der Welt­be­völ­ke­rung vor­be­hal­ten. Race ist nicht die offi­zi­el­le Begrün­dung um jeman­dem die Staats­bür­ger­schaft vor­zu­ent­hal­ten; es sind öko­no­mi­sche Grün­de. Aber das Ergeb­nis ist offen­sicht­lich: die gro­ße Mehr­heit der Men­schen denen eine Staats­bür­ger­schaft in den Län­dern des Glo­ba­len Nor­den ver­wehrt wird, ist nicht weiß. Es gibt sogar ein eige­nes Wort für Migran­ten, wel­che die öko­no­mi­sche Ein­gangs­prü­fung bestan­den haben: „Expats“. Sie kön­nen Dok­to­ren, Inge­nieu­re oder IT-Spe­zia­lis­ten sein. In jedem Fall sind sie akzep­ta­ble Migran­ten. Die Klas­sen­her­kunft mil­dert natür­lich den Aus­schluss. Die Mit­glie­der der natio­na­len Bour­geoi­si­en des Glo­ba­len Südens, kön­nen ohne Pro­ble­me die Gren­zen zum Glo­ba­len Nor­den über­schrei­ten. Sie fre­quen­tie­ren ihre Woh­nun­gen in Paris, gehen zum Wochen­end-Shop­ping nach Lon­don und schi­cken ihre Kin­der auf Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten in New York.


1Smith (2011): 17. Ste­phen S. Roach war der ers­te, der den Begriff „glo­bal labour arbi­tra­ge“ benutzt hat.

2Smith (2015): 6.

3Robin­son (2008): 313.

4Cle­mens, Mon­te­ne­gro, und Prit­chett (2009): 33.

5Hat­ton und Wil­liam­son (2008): 345–361.

6Gho­se (2005): 83.

7Dicken (2011): 515.

8IOM (2008): 80.

9Smith (2010): 107–112.

10Duna­way und Clel­land (2017): 431.

11ebd.: 433.

12ebd.: 432.

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