[LCM:] Massenabschiebung von Tamil:innen: Deutsche Rückendeckung für den genozidalen sri-lankischen Staat

Ges­tern depor­tier­te Deutsch­land inmit­ten der COVID-19 Pan­de­mie min­des­tens 31, ande­ren Quel­len zufol­ge an die hun­dert tami­li­sche und mus­li­mi­sche Asyl­be­wer­ber nach Sri Lan­ka. Vier Men­schen konn­ten legal vor der Abschie­bung bewahrt wer­den. In den letz­ten Tagen waren tami­li­sche Flücht­lings­ge­mein­schaf­ten in Deutsch­land einer Wel­le von Raz­zi­en und Ver­haf­tun­gen aus­ge­setzt. Dabei wur­den eini­ge Per­so­nen mit der Ver­spre­chung eines Zwei­jah­res­vi­sums zur Aus­län­der­po­li­zei gelockt, wo sie dann ver­haf­tet wur­den. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Inhaf­tie­ren­den wur­de unter­bun­den, da ihnen die Tele­fo­ne abge­nom­men wur­den.

Freun­de und Ver­wand­te ken­nen ihren momen­ta­nen Auf­ent­halt und ihre Situa­ti­on nicht, so IMRV-Human Rights. Aus unter­schied­li­chen Quel­len konn­te recher­chiert wer­den, dass etwa 31 Tamil:innen in Düs­sel­dorf, ca. 50 in Frank­furt und 11 in Stutt­gart fest­ge­nom­men wur­den. In Nord­rhein-West­fa­len kamen alle fest­ge­nom­me­nen Tamil:innen in das berüch­tig­te Abschie­be­ge­fäng­nis Büren.

Die Zah­len zu veri­fi­zie­ren und wie vie­le letzt­end­lich tat­säch­lich abge­scho­ben wur­den, ist ange­sichts der abge­bro­che­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Opfern schwie­rig. Die deut­schen Behör­den sind bemüht die­se Abschie­bun­gen mit maxi­ma­ler Heim­lich­keit durch­zu­füh­ren, vor allem da Deutsch­land weni­ge Tage vor­her für eine UN-Reso­lu­ti­on zu Sri Lan­ka gestimmt hat­te.

Deutsch­lands Akti­on ist besorg­nis­er­re­gend, da es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kei­ne Abschie­bun­gen nach Sri Lan­ka gab und erkannt wur­de, dass die Men­schen­rechts­la­ge in Sri Lan­ka abso­lut kri­tisch ist. Selbst nach Ende des Bür­ger­krie­ges durch einen Mas­sen­mord der Armee (1983 – 2009) mit dem Tod des LTTE-Anfüh­rers Velu­pil­lai Prabha­ka­ran am 18. Mai 2009 besteht der Kon­flikt wei­ter­hin. Die Repres­sa­li­en gegen die tami­li­sche und die tami­lisch­spra­chi­ge mus­li­mi­sche Min­der­heit wer­den immer dras­ti­scher, wäh­rend die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft taten­los zuschaut, wenn nicht sogar die Repres­si­on unter­stützt. Nach wie vor wer­den bis heu­te mehr als 146 000 Tamil*innen ver­misst, von denen es kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen gibt. Der Krieg ende­te mit einem Geno­zid an der tami­li­schen Zivil­be­völ­ke­rung. Die Auf­ar­bei­tung des Völ­ker­mords sowie zahl­rei­cher Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit in Sri Lan­ka wird bis heu­te von der Regie­rung aktiv ver­hin­dert. Die Auf­trag­ge­ber des Mas­sen­mor­des an Tamil*innen in der letz­ten Pha­se des Bür­ger­krie­ges 2009 befin­den sich nun an der poli­ti­schen Spit­ze Sri Lan­kas, Gota­ba­ya Raja­pak­sa als Prä­si­dent und sein Bru­der Mahin­da Raja­pak­sa als Pre­mier­mi­nis­ter.

Erst nach 12 Jah­ren, nach dem offi­zi­el­len Ende des Bür­ger­krie­ges wur­de am 23. März 2021 nach gro­ßen jah­re­lan­gen Bemü­hun­gen sei­tens tami­li­scher Zivil­or­ga­ni­sa­tio­nen und tami­li­schen Par­tei­en eine UN-Reso­lu­ti­on ver­ab­schie­det, die das UN-Hoch­kom­mis­sa­ri­at für Men­schen­rech­te beauf­tragt, Bewei­se für schwe­re Ver­stö­ße gegen das Völ­ker­recht in Sri Lan­ka zu sam­meln und zu sichern, um anschlie­ßend mög­li­che Rechen­schafts­pflich­ten für die­se Ver­bre­chen ein­zu­for­dern.

Ins­ge­samt haben 22 Rats­mit­glie­der für die Reso­lu­ti­on gestimmt, wäh­rend 11 dage­gen waren und 14 sich ent­hiel­ten. Deutsch­land unter­stütz­te die Reso­lu­ti­on und stimm­te dafür. Die Reso­lu­ti­on wird den gemein­sa­men kla­ren For­de­run­gen der tami­li­schen poli­ti­schen Par­tei­en und den zivil­ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen nicht gerecht, den­noch ist dies ein posi­ti­ver Schritt in Rich­tung Gerech­tig­keit für die Tamil:innen mit dem Poten­zi­al, Ver­bre­cher in einem inter­na­tio­na­len Rechen­schafts­sys­tem zu ver­ur­tei­len, wofür Tamil*innen schon lan­ge gekämpft haben. Für die UN-Reso­lu­ti­on zu Sri Lan­ka wur­de im Vor­feld der Ver­ab­schie­dung ein Bud­get von 2,8 Mil­lio­nen US-Dol­lar ange­for­dert. Die­ses Bud­get die­ne dazu, die Samm­lung von Bewei­sen für Mas­sen­gräu­el­ta­ten zu begin­nen, die für zukünf­ti­ge Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­se ver­wen­det wer­den könn­ten. Zum Ermitt­ler­team gehö­ren Analyst:innen, Men­schen­rechts­be­auf­trag­te und Jurist:innen. Aller­dings sind noch ent­schei­den­de Maß­nah­men außer­halb des UN-Men­schen­rechts­ra­tes not­wen­dig.

Weni­ge Tage nach Ver­ab­schie­dung die­ser UN Reso­lu­ti­on sam­mel­te Deutsch­land dann bis zu 100 tami­li­sche Flücht­lin­ge zur Abschie­bung nach Sri Lan­ka ein, die zusam­men am 30. März abge­scho­ben wer­den soll­ten. Die UN-Reso­lu­ti­on wird damit unter­gra­ben. Deutsch­lands Akti­on ver­höhnt die Reso­lu­ti­on und gibt Sri Lan­ka Rücken­de­ckung.

Die Aktivist*in Sin­thu­jan Varat­ha­ra­jah kom­men­tiert die Abschie­bung auf Twit­ter: „2009 wur­den inner­halb von 138 Tagen bis zu 170.000 Tamil*innen von Sri Lan­ka ermor­det. Es gab weder Auf­klä­rung noch Gerech­tig­keit. Tamil*innen sind noch immer unter­drückt (…).“ In Büren, Pforz­heim, Ber­lin und in Düs­sel­dorf haben sich in den Tagen vor der Abschie­bung Hun­der­te ver­sam­melt, um gegen die Raz­zia und die geplan­ten Abschie­bun­gen zu demons­trie­ren. Die Demons­tra­tio­nen wur­de vom Volks­rat der Eelam Tami­len – Deutsch­land e.V. (VETD) orga­ni­siert. Laut­stark demons­trier­ten Tamil*innen in Ber­lin vor dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern mit den Slo­gans „Kein Mensch ist ille­gal“ oder „Kei­ne Abschie­bung in die Fol­ter“. Am Tag der Abschie­bung pro­tes­tier­ten Dut­zen­de am Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fen, um in letz­ter Minu­te die Abschie­bun­gen zu stop­pen. Es konn­ten schließ­lich vier inhaf­tier­te tami­li­sche Asyl­be­wer­ber aus Baden Würt­tem­berg am Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fen frei­ge­las­sen und mit dem Zug nach Hau­se geschickt wer­den.

Prof. Dr. Nim­mi Gowri­nathan kom­men­tiert bei Twit­ter, dass das Risi­ko der Rück­füh­rung, für die­je­ni­gen, die im Aus­land Asyl gesucht haben, extrem hoch bleibt. Abschie­bun­gen aus Deutsch­land zurück nach Sri Lan­ka garan­tie­ren Ver­hö­re, Über­wa­chung und mög­li­che Fol­ter. Berî­van Aymaz, Spre­che­rin für Inte­gra­ti­ons- und Flücht­lings­po­li­tik und Internationales/​Eine Welt der Frak­ti­on Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, for­der­te: „NRW darf sich an die­ser Sam­mel­ab­schie­bung nicht betei­li­gen. Flücht­lings­mi­nis­ter @JoachimStamp muss hier eine men­schen­rechts­ori­en­tier­te Hal­tung an den Tag legen und jeden Ein­zel­fall aus NRW auf die Mög­lich­keit zur Ertei­lung einer Auf­ents­halts­er­laub­nis prü­fen las­sen. @FRNRW.“

Die Pres­se­stel­le der LINKE ließ ver­laut­ba­ren: „Ange­sichts der Men­schen­rechts­la­ge in #Sri­Lan­ka sind wir sehr besorgt. Wir for­dern Bun­des­in­nen­mi­nis­ter #See­hofer auf, die geplan­te #Sam­mel­ab­schie­bung sofort zu stop­pen.“ Zahl­rei­che Tamil*innen haben zudem Pro­test­brie­fe an die deut­sche Regie­rung geschrie­ben, mit der For­de­rung, die Mas­sen­ab­schie­bun­gen zu stop­pen. Selbst natio­na­le tami­li­sche Nach­rich­ten­diens­te von Sri Lan­ka sind scho­ckiert über die Abschie­bun­gen in Deutsch­land.

Möch­te die deut­sche Regie­rung über tami­li­sche Men­schen­le­ben ver­han­deln und öko­no­mi­sche sowie poli­ti­sche Inter­es­sen in Sri Lan­ka wah­ren? Wel­che Moti­va­ti­on hat die deut­sche Regie­rung, direkt nach Ver­ab­schie­dung der UN-Reso­lu­ti­on gegen Sri Lan­ka heim­lich mit Sam­mel­ab­schie­bun­gen von Tamil*innen nach Sri Lan­ka zu begin­nen? Wer hat die Ent­schei­dung getrof­fen, die­se Sam­mel­ab­schie­bun­gen umzu­set­zen? Wie ist der Pro­zess der Ent­schei­dungs­fin­dung und der Durch­set­zung der Abschie­bun­gen von­stat­ten­ge­gan­gen? Inter­es­san­te Fra­gen, die unter­sucht wer­den müs­sen.

Es ist die Auf­ga­be der deut­schen Bot­schaft, die Situa­ti­on der Abge­scho­be­nen in Sri Lan­ka im Auge zu behal­ten. Aller­dings kann man sich dar­auf nicht ver­las­sen, da die deut­sche Bot­schaft in Sri Lan­ka erfah­rungs­ge­mäß dem nicht nach­kommt. Inter­na­tio­nal Human Rights Asso­cia­ti­on Bre­men e.V. hat beschlos­sen, ein Team von Beob­ach­tern aus Deutsch­land und ande­ren Län­dern nach Sri Lan­ka zu schi­cken, sodass die Situa­ti­on der abge­scho­be­nen Men­schen ver­folgt wer­den und mit Menschenrechtsaktivist*innen zusam­men­ge­ar­bei­tet wer­den kann.

Zeit­gleich hat die sri lan­ki­sche Regie­rung eine plötz­li­che und weit­rei­chen­de Äch­tung von Hun­der­ten von Ein­zel­per­so­nen und meh­re­ren tami­li­schen Dia­spo­ra-Orga­ni­sa­tio­nen ange­kün­digt und geht dabei wei­ter­hin gegen die tami­li­sche Zivil­ge­sell­schaft und Aktivist*innen vor. Die Lis­te ent­hält die voll­stän­di­gen Namen und Adres­sen vie­ler tami­li­scher Aktivist*innen. Eini­ge davon sind als ehe­ma­li­ge LTTE-Kader (Libe­ra­ti­on Tigers of Tamil Eelam) auf­ge­führt. Eini­ge der auf­ge­führ­ten Orga­ni­sa­tio­nen sind pro-tami­li­sche Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Tamil Youth Orga­ni­sa­ti­on (TYO) – Aus­tra­lia und das World Tamil Coor­di­na­ting Com­mit­tee (WTCC), Glo­bal Tamil Forum, (GTF), Bri­tish Tamils Forum (BTF), TYO (Tamil Youth Orga­ni­sa­ti­on), Natio­nal Coun­cil of Cana­di­an Tamils (NCCT) und Cana­di­an Tamil Con­gress (CTC). Sie wur­den 2015 aus der Lis­te gestri­chen. Das ers­te Ver­bot im Jahr 2014 kam eben­falls im März, wäh­rend einer Sit­zung des UN-Men­schen­rechts­ra­tes, in der die Men­schen­rechts­la­ge in Sri Lan­ka unter­sucht wur­de. Die neue Lis­te hat auch meh­re­re neue indi­vi­du­el­le Namen hin­zu­ge­fügt, tami­li­sche und mus­li­mi­sche, so Mario Arul­thas, PhD Stu­dent und Mit­glied von PEARL (Peop­le for Equa­li­ty and Reli­ef in Lan­ka) auf Twit­ter. Wie bei der ursprüng­li­chen Lis­te von 2014 sind vie­le Details nicht mehr aktu­ell, ein­schließ­lich Ort, Alter usw. Eini­ge der genann­ten Per­so­nen sind tot. Vie­le sind bekann­te Aktivist*innen, die wich­ti­ge Arbeit geleis­tet haben und immer noch leis­ten. Eini­ge waren seit Jah­ren nicht mehr aktiv. Das staat­li­che Ouring bringt sie und ihre Fami­li­en in enor­me Gefahr.

Mario Arul­thas kom­men­tiert:“ Das wird die Dia­spo­ra-Hei­mat-Ver­bin­dun­gen für die Men­schen auf der Insel noch ris­kan­ter machen und es den Dia­spo­ra-Tami­len erschwe­ren, zurück­zu­rei­sen. Und das ist die Absicht.“

Deutsch­lands Abschie­bung von Hun­der­ten von Tami­len und Mus­li­men in so einer Situa­ti­on nach Sri Lan­ka zeigt die scho­ckie­ren­de Nich­tig­keit der erst kürz­lich ver­ab­schie­de­ten UN-Reso­lu­ti­on.

#Bild­quel­le: wikimedia.commons

Der Bei­trag Mas­sen­ab­schie­bung von Tamil:innen: Deut­sche Rücken­de­ckung für den geno­zi­da­len sri-lan­ki­schen Staat erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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