[Autonomie Mag.:] Der Limerick Sowjet

Von David Swan­son

Wäh­rend wir ein wei­te­res Mal den Jah­res­tag des Unab­hän­gig­keits­krie­ges (1919–1921) bege­hen, ist es unse­re kol­lek­ti­ve Pflicht, das legi­ti­me Erbe der Teil­neh­mer und Ereig­nis­se zu bewah­ren, die das natio­na­le Wie­der­erwa­chen der anti­ko­lo­nia­len Gefüh­le in ganz Irland fes­tig­ten. Um dies zu tun, müs­sen wir damit begin­nen, eine akku­ra­te Dar­stel­lung die­ser kri­ti­schen Peri­ode zu for­mu­lie­ren, die den kol­lek­ti­ven Kampf des Vol­kes in den Mit­tel­punkt stellt und sei­ne Leh­ren in den Vor­der­grund rückt, damit sie unser heu­ti­ges Han­deln lei­ten kön­nen. Die Akti­vi­tä­ten und Fol­gen des Oster­auf­stands von 1916 leg­ten die ideo­lo­gi­schen Bruch­li­ni­en des wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus offen, der von der Irish Par­lia­men­ta­ry Par­ty (IPP) ver­kör­pert wur­de, mit der Fol­ge, dass sich loka­le Gemein­den auf der gan­zen Insel zur Rebel­li­on erho­ben und sich ent­schlos­sen selbst orga­ni­sier­ten, für eine natio­na­le Befrei­ung, die Hand in Hand ging mit der Eman­zi­pa­ti­on der Arbei­ter.

Der Lime­rick-Sowjet im April wur­de zur Ver­kör­pe­rung die­ses neu ent­deck­ten Ehr­gei­zes, der sich Anfang 1919 über Irland aus­brei­te­te. Er eta­blier­te sich als Sym­bol des Wider­stands, das auf der gan­zen Insel und bei zukünf­ti­gen Genera­tio­nen Wider­hall fin­den soll­te.


Da sich im Nach­gang des Oster­auf­stand radi­ka­le Ideen ver­brei­te­ten, ver­schärf­ten sich die Span­nun­gen zwi­schen der loka­len Bevöl­ke­rung und der Kolo­ni­al­ver­wal­tung. Der popu­lä­re Syn­di­ka­lis­mus und das natio­na­le Bewusst­sein der Irish Citizen’s Army (ICA) und der Irish Trans­port Gene­ral Workers Uni­on (ITGWU) berei­te­ten den Weg für das Sinn Féin Wahl­man­dat vom Janu­ar 1919. Die nach­fol­gen­de Öff­nung des Dáil Éireann und die Grün­dung der pro­vi­so­ri­schen Regie­rung, war mit ihrem Demo­kra­ti­schen Pro­gramm und den dar­in ent­hal­te­nen radi­kal-öko­no­mi­schen Ver­spre­chun­gen eine direk­te Her­aus­for­de­rung für das Empi­re. Die Besei­ti­gung des Ein­flus­ses der IPP auf die natio­na­len Bestre­bun­gen, in Ver­bin­dung mit einem neu ent­deck­tem Klas­sen­be­wusst­sein, bewirk­ten eine deut­li­che­re Oppo­si­ti­on gegen alle Aspek­te der kolo­nia­len Macht­aus­übung. Ver­floch­ten war dies mit den von Gewerk­schaf­tern und poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten geführ­ten loka­len Kam­pa­gnen, die dar­auf bedacht waren die Feh­ler eines Dub­lin zen­trier­ten Ansat­zes zu ver­mei­den, der in der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit zu vie­len Feh­lern geführt hat­te.

Bei der Ein­be­ru­fung des neu­en Par­la­ments bra­chen die Span­nun­gen in einen regel­rech­ten Krieg aus. Frü­he­re Kader der ICA, die sich jetzt ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen ver­pflich­tet hat­ten, began­nen eine straff orga­ni­sier­te Soli­da­ri­täts­be­we­gung mit der pro­vi­so­ri­schen Regie­rung zu koor­di­nie­ren; gleich­zei­tig wei­ger­ten sich Mit­glie­der der ITGWU, Kolo­ni­al­trup­pen und deren Ver­sor­gung im öffent­li­chen Eisen­bahn­netz zu trans­por­tie­ren. Die Reak­ti­on inner­halb Lime­ricks auf den Aus­bruch des Krie­ges war ein dra­ma­ti­sches Bei­spiel für die­se koor­di­nier­te natio­na­le Kam­pa­gne in Akti­on: als der berühm­te Gewerk­schaf­ter Robert Byr­ne und ihn umge­ben­de Orts­an­säs­si­ge wegen Land­frie­dens­bruch von der Roy­al Irish Cons­ta­bu­la­ry (RIC) ver­haf­te­te wur­den, leg­ten die Arbei­ter spon­tan ihre Arbeit nie­der. Wäh­rend­des­sen betei­lig­ten sich die Ver­haf­te­ten an einer Kam­pa­gne des orga­ni­sier­ten Unge­hor­sams, die aus einem Hun­ger­streik und der For­de­rung nach einem neu­en poli­ti­schen Sta­tus bestand.

Weil die Natio­nal­ver­tei­di­gung des Dáil Éireann wei­ter­hin glaub­wür­di­ge Sie­ge gegen die Kolo­ni­al­trup­pen errang, fühl­ten sich die loka­len Trup­pen in Lime­rick bei ihrem andau­ern­den Ver­such ermu­tigt, die Kon­trol­le über die Stadt zu erlan­gen. Das mili­tan­te Bei­spiel des Indus­trie­syn­di­ka­lis­mus hielt wei­ter­hin gegen kolo­nia­le Straf­ge­setz­ge­bungs­maß­nah­men wie den Defence of the Realm Act (DORA) stand, der pro­mi­nen­te repu­bli­ka­ni­sche Füh­rer ohne Pro­zess ins Gefäng­nis brach­te. Anfang April war die loka­le Füh­rung selbst­be­wusst genug, um Rober Byr­ne aus dem Gefäng­nis zu ret­ten. Der Befrei­ungs­ver­such im Schut­ze der Dun­kel­heit am 6. April, wur­de zum Dreh- und Angel­punkt der loka­len Kam­pa­gne der Stadt im Kampf gegen die Besat­zung: als RIC-Beam­te die Ret­ter aus dem Hin­ter­halt angriff, geriet Byr­ne ins Kreuz­feu­er und wur­de töd­lich ver­wun­det. Wäh­rend (erfolg­los) behörd­lich ver­sucht wur­de, mit den DORA-Straf­ge­setz­ge­bungs­maß­nah­men als Mit­tel, eine Beer­di­gung mit vol­len mili­tä­ri­schen Ehren zu ver­hin­dern, ver­brei­te­te sich die Nach­richt vom Tod Byr­nes in der Stadt und die Span­nun­gen nah­men wei­ter zu. Als es trotz der juris­ti­schen Unter­su­chung zu den Umstän­den von Byr­nes Tod zu mas­sen­haf­tem zivi­len Unge­hor­sam kam, erklär­ten die loka­len Kolo­ni­al­be­hör­den am 13. April Lime­rick zur Spe­cial Mili­ta­ry Area (SMA). Inmit­ten des Auf­schwungs gewerk­schaft­li­cher Rekru­tie­rung, wur­de die Stadt unter dem Kom­man­do der Kolo­ni­al­be­hör­den abge­rie­gelt und alle ohne staat­li­che Päs­se, wur­den dar­an gehin­dert die Stadt zu betre­ten oder zu ver­las­sen. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den ver­schie­de­nen Frei­wil­li­gen­ver­bän­den wur­de zuneh­mend erschwert.

Im Zuge des eska­lie­ren­den Kon­flikts zwi­schen dem Kolo­ni­al­staat und der städ­ti­schen Bevöl­ke­rung inner­halb Lime­ricks, rief der United Tra­des and Labour Coun­cil, als Reak­ti­on auf die SMA, zu einem Gene­ral­streik in allen Bran­chen in der Stadt auf. Bis zu die­sem Punkt waren Arbeits­nie­der­le­gun­gen und Streik­pos­ten zumeist eine spon­ta­ne Ent­schei­dung, die Not­wen­dig­keit zur Dis­zi­plin, wur­de nun zu einer zen­tra­len Kom­po­nen­te des Wider­stand gegen die impe­ria­len Kräf­te. James Con­nol­lys Visi­on einer Arbei­ter­klas­se die ihre Geschi­cke in die eige­ne Hand nimmt, trug nun Früch­te im Indus­trie­stand­ort Lime­rick. Ein durch die ver­schie­de­nen Gewerk­schafts­zwei­ge in der Stadt, demo­kra­tisch gewähl­tes Streik­ko­mi­tee, orga­ni­sier­te im Kampf um die kol­lek­ti­ve Wür­de und die Kon­trol­le der Stadt, einen Mas­sen­aus­zug aus den Arbeits­stät­ten. Um den Streik auf­recht­zu­er­hal­ten, wur­de die Pro­duk­ti­on lebens­not­wen­di­ger Güter vom Streik­ko­mi­tee gere­gelt; die Ver­tei­lung von Nah­rungs­mit­teln und der Grund­ver­sor­gung wur­de zen­tral geplant um das indi­vi­du­el­le Hor­ten zu ver­hin­dern. Die offi­zi­el­le Zei­tung des Streik­ko­mi­tees, The Worker’s Bul­le­tin, wur­de in der gan­zen Stadt ver­öf­fent­licht und ver­teilt, um die Pro­pa­gan­da der reak­tio­nä­ren Pres­se und des Kle­rus zu bekämp­fen. Eine loka­le Wäh­rung wur­de ein­ge­führt um die Regu­lie­rung der Pro­duk­ti­on und der Prei­se zu ermög­li­chen. Als sich die Nach­rich­ten über den Erfolg in Lime­rick auf die Insel ver­brei­te­ten, wuchs die natio­na­le Unter­stüt­zung – was der Lime­rick-Sowjet begrüß­te. Arbei­ter der ITGWU wei­ger­ten sich kon­stant die Pro­duk­te von Streik­bre­chern zu trans­por­tie­ren, wäh­rend die GAA (Gaelic Ath­le­tic Asso­cia­ti­on) vier Foot­ball und Hur­ling Spit­zen­li­ga-Spie­le orga­ni­sier­te, um Gel­der für die Kas­se des Streik­ko­mi­tees zu sam­meln.

Mehr als zwei Wochen lang wur­de Lime­rick zu einem leuch­ten­den Bei­spiel für kom­mu­na­len Wider­stand gegen die anar­chi­schen Lau­nen einer kolo­nia­len Besat­zung, die wild ent­schlos­sen war, die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten Irlands zu ihrem eige­nen impe­ria­len Nut­zen zu beherr­schen.

Wäh­rend der Druck der kar­rie­ris­ti­schen Abweich­ler (die­sel­ben, die schließ­lich die reak­tio­nä­re par­la­men­ta­ri­schen Struk­tu­ren im Nach­kriegs­ir­land stüt­zen soll­ten) die Bemü­hun­gen des Sowjets zum Still­stand brach­ten, wur­de das Bei­spiel wäh­rend des Unab­hän­gig­keits­kriegs über­all auf der Insel kopiert. Die­se ver­ges­se­ne Revo­lu­ti­on, begra­ben durch zeit­ge­nös­si­sche Bil­dungs­pro­gram­me und kle­ri­ka­le Pro­pa­gan­da, dient dazu, uns dar­an zu erin­nern, dass der Sozia­lis­mus kein „aus­län­di­scher Import“ ist, der den iri­schen Ufern fremd ist, son­dern untrenn­bar in das Gewe­be unse­rer lau­fen­den Kam­pa­gne für natio­na­le Befrei­ung ein­ge­floch­ten ist. Eine mili­tan­te Gewerk­schafts­stra­te­gie, die von einer star­ken poli­ti­schen Füh­rung unter­stützt und von syn­di­ka­lis­ti­schen Zie­len unter­mau­ert wird, kann die sozia­le und wirt­schaft­li­che Wür­de der iri­schen Bür­ger sichern und stellt ein legi­ti­mes Mit­tel des Wider­stands gegen den anhal­ten­den Kar­ne­val der Reak­ti­on dar, den der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus ver­an­stal­tet. Trotz sei­ner kur­zen Exis­tenz ist das Bei­spiel des Lime­rick-Sowjets eines, das es ver­dient, dass man dar­über nach­denkt, sowohl über sei­nen Sta­tus als Sym­bol des Hero­is­mus der iri­schen Arbei­ter­klas­se als auch als Erin­ne­rung dar­an, dass die Iren und in der Tat die Arbei­ter aller Natio­nen nie­mals wirk­lich frei sein kön­nen, bis die Arbei­ter­klas­se alles besitzt, vom Pflug bis zu den Ster­nen.


David Swan­son betreibt den Radi­cal Reflec­tions-Pod­cast, unter @RadReflections auf Twit­ter und online unter radi​cal​re​flec​tions​.co​.uk.

Der Text wur­de zuerst in der Aus­ga­be #2 des Peace, Land & Bread Maga­zins ver­öf­fent­licht. Das Maga­zin fin­det ihr auch hier auf Twit­ter.

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