[KgK:] Werksschließung bei Mann+Hummel: „Das Schlimmste ist, dass man es aus der Zeitung erfährt.“

Wir sind schon immer zu teu­er gewe­sen, weil man an den Pro­duk­ten angeb­lich kein Geld ver­dient. Ja dann fra­ge ich mich: ‚Was haben wir die letz­ten 30, 40 Jah­re gemacht?’

Im baden-würt­tem­ber­gi­schen Lud­wigs­burg droht in Kür­ze etwa 400 Beschäf­tig­ten des Luft­fil­ter­sys­tem­her­stel­lers und Auto­zu­lie­fe­rers Mann+Hummel die Arbeits­lo­sig­keit. Wäh­rend der Kon­zern erst im Jahr 2019 einen Rekord­um­satz von über 4,2 Mil­li­ar­den Euro ver­bu­chen konn­te, soll nun der Pro­duk­ti­ons­stand­ort Lud­wigs­burg, der Stamm­sitz der Fir­ma, geschlos­sen wer­den, weil das Werk laut Geschäfts­füh­rung nicht pro­fi­ta­bel genug ist. Die Pro­duk­ti­on soll in ande­re Län­der ver­la­gert wer­den, in denen bil­li­ger pro­du­ziert wer­den kann. All das ereig­net sich wäh­rend einer glo­ba­len Pan­de­mie; in einer Zeit, in der Luft­fil­ter­sys­te­me für Innen­räu­me so gefragt sind wie nie zuvor. Auch die star­ke Schad­stoff­be­las­tung in urba­nen Lebens­räu­men macht Fein­staub­fil­ter not­wen­dig. Der gro­ße Bedarf an Fil­ter­sys­te­men zeigt: Der Beschluss, das Werk in Lud­wigs­burg zu schlie­ßen fußt nicht auf man­geln­der Auf­trags­la­ge.

Die Werks­schlie­ßung soll vor­aus­sicht­lich Mit­te 2022 statt­fin­den. Die Beschäf­tig­ten gehen davon aus, dass es bis zu die­sem Zeit­punkt bereits meh­re­re Kün­di­gungs­wel­len geben wird. Ein Groß­teil der Beschäf­tig­ten fürch­tet, bis dahin bereits ihren Arbeits­platz ver­lo­ren zu haben. Von die­sen Plä­nen erfuh­ren die Beschäf­tig­ten nicht von der Geschäfts­füh­rung, son­dern durch die loka­len Zei­tun­gen. Die wis­sen zu die­sem Zeit­punkt augen­schein­lich mehr als die von Erwerbs­lo­sig­keit bedroh­ten Arbeiter:innen.

Man kriegt ein­fach ein State­ment vom Bür­ger­meis­ter, wie froh er ist, dass das hier alles zu Ende ist, weil er das Gelän­de kriegt.

Wäh­rend die Arbeiter:innen um ihre Jobs ban­gen müs­sen, bringt der Lud­wigs­bur­ger Ober­bür­ger­meis­ter außer unauf­rich­tig anmu­ten­den Bei­leids­be­kun­dun­gen kei­ner­lei Ver­ständ­nis und Mit­ge­fühl für die Beschäf­tig­ten auf. Das Gelän­de, auf dem sich die Pro­duk­ti­on von Mann+Hummel befin­det, wur­de laut Aus­sa­gen der Beschäf­tig­ten bereits an die Stadt Lud­wigs­burg ver­kauft. Laut den Arbeitnehmer:innen schmie­de der Ober­bür­ger­meis­ter ver­mut­lich schon Plä­ne, wie er die Flä­che mög­lichst gewinn­brin­gend an den nächs­ten Kon­zern über­ge­ben kann.

Die Per­spek­ti­ven für die Beschäf­tig­ten sind begrenzt. Das Durch­schnitts­al­ter der Beschäf­tig­ten liegt bei 55 Jah­ren. Vie­le Arbeiter:innen haben nahe­zu ihr gan­zes Leben für Mann+Hummel gear­bei­tet. Eine kon­kre­te Aus­sicht auf eine ange­mes­se­ne Abfin­dung besteht nicht.

Auch die Chan­ce, erneut eine Stel­le in einem ähn­li­chen Sek­tor zu bekom­men, schwin­det für die Betrof­fe­nen zuneh­mend, da neben Mann+Hummel bereits wei­te­re Kon­zer­ne ange­kün­digt haben, ihre Pro­duk­ti­on ins Aus­land zu ver­la­gern. Die ein­zi­gen poten­ti­el­len Maß­nah­men, die aus den Ver­hand­lun­gen der Kon­zern­füh­rung mit dem Betriebs­rat durch­si­ckern, sind Ver­set­zun­gen der Arbeiter:innen an einen ande­ren Pro­duk­ti­ons­stand­ort. Die­se lie­gen jedoch aus­nahms­los in ande­ren Bun­des­län­dern, teil­wei­se sogar im Aus­land, und kom­men somit für keine:n der Beschäf­tig­ten ernst­haft in Fra­ge. Das liegt neben der fami­liä­ren und sozia­len Ver­an­ke­rung der über­wie­gend älte­ren Beleg­schaft auch an der oft genera­tio­nen­über­grei­fen­den Bin­dung an den und der Beschäf­ti­gung im Stand­ort Lud­wigs­burg.

Ob ich jetzt 4% mehr oder weni­ger ver­die­ne ist mir völ­lig egal – Haupt­sa­che, ich hab mei­nen Arbeits­platz.

Ein unun­ter­bro­che­ner Streik kommt für die Beschäf­tig­ten der­zeit nicht in Fra­ge. Zu groß ist die Angst vor einer Kün­di­gung und zu gering ist die Bereit­schaft der IG Metall-Büro­kra­tie, einen Streik unab­hän­gig von den Tarif­run­den ein­zu­lei­ten. Bereits jetzt wer­den vie­le der Beschäf­tig­ten gekün­digt und am nächs­ten Tag durch Arbeiter:innen von Leih­ar­beits­fir­men ersetzt. Für den Kon­zern lohnt sich das, auf Kos­ten der Arbeitnehmer:innen: Vie­le der Leiharbeiter:innen ver­rich­ten die­sel­be Arbeit für die Hälf­te des Lohns. Auch die Gewerk­schafts­bü­ro­ka­tie der IG Metall macht wenig Hoff­nung auf einen kämp­fe­ri­schen Streik. Der Warn­streik zum Auf­takt der Tarif­run­de wur­de offi­zi­ell auch nur als sol­cher kom­mu­ni­ziert. Wäh­rend rund 400 Arbeiter:innen ihre Arbeit für den Erhalt des Werks nie­der­leg­ten, stand für die IG Metall eine Lohn­er­hö­hung von vier Pro­zent im Vor­der­grund. Beson­ders schlimm hin­ge­gen ist für die Beschäf­tig­ten die Unge­wiss­heit: „Offi­zi­ell wis­sen wir bis zum heu­ti­gen Tag noch gar nichts. Wir wis­sen nicht, ob wir zwangs­ver­setzt wer­den, wis­sen nicht, ob wir ohne Abfin­dung raus­kom­men, wis­sen gar nichts. Das ist das Schlim­me.”.

Mitt­ler­wei­le ist eine Stra­te­gie zur Pro­duk­ti­ons­schlie­ßung sei­tens Mann+Hummels bekannt gewor­den. Die­se umfasst eine Ren­ten­brü­cke, eine Mobi­li­täts­un­ter­stüt­zung im Fal­le eines Wech­sels in eines der ande­ren Mann+Hummel Wer­ke sowie eine Abfin­dungs­zah­lung, deren Höhe sich nach Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit rich­tet. Es bleibt abzu­war­ten, inwie­fern die­se Ver­spre­chen ein­ge­hal­ten wer­den. Einen fes­ten Arbeits­platz in der Hei­mat­stadt erset­zen die­se Maß­nah­men auf kei­nen Fall.

Die Schlie­ßung eines Wer­kes, wäh­rend der Kon­zern Mil­li­ar­den-Umsät­ze erwirt­schaf­tet darf nicht pas­sie­ren. Wir müs­sen dar­an arbei­ten, dass sich die Arbeiter:innenklasse als poli­ti­sche Kraft begreift und dem­entspre­chend han­delt. Dazu braucht es eine poli­ti­sche, kämp­fe­ri­sche Füh­rung und Gewerk­schaf­ten, die gewillt sind für die Rech­te der Beschäf­tig­ten ein­zu­ste­hen. Für uns sind die ein­zig mög­li­chen Optio­nen im Fal­le einer Werks­schlie­ßung Voll­streiks der kom­plet­ten Beleg­schaft und die Ver­staat­li­chung des Betriebs unter Arbeiter:innenkontrolle. Die­se Ver­staat­li­chung darf nicht so aus­se­hen, dass der Kon­zern ledig­lich in Besitz des Staats fällt und nun die­ser die Arbeits­kraft der Beleg­schaft aus­beu­tet, son­dern, dass das Werk tat­säch­lich von den Arbeiter:innen geführt und ver­wal­tet wird.

Die Schlie­ßung eines Wer­kes, wäh­rend der Kon­zern Mil­li­ar­den-Umsät­ze erwirt­schaf­tet darf nicht pas­sie­ren. Wir müs­sen dar­an arbei­ten, dass sich die Arbeiter:innenklasse als poli­ti­sche Kraft begreift und dem­entspre­chend han­delt. Dazu braucht es eine poli­ti­sche, kämp­fe­ri­sche Füh­rung und Gewerk­schaf­ten, die gewillt sind für die Rech­te der Beschäf­tig­ten ein­zu­ste­hen. Für uns sind die ein­zig mög­li­chen Optio­nen im Fal­le einer Werks­schlie­ßung Voll­streiks der kom­plet­ten Beleg­schaft und die Ver­staat­li­chung des Betriebs unter Arbeiter:innenkontrolle.

Wir haben genug von die­sem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem, das die Rech­te der Arbeiter:innen mit Füßen tritt. Wir haben genug von der Büro­kra­ti­sie­rung der Gewerk­schaf­ten und for­dern die­se dazu auf, ihre Rol­le als Ver­tre­tung der Arbeitnehmer:innen ernst zu neh­men und den Kapitalist:innen zu zei­gen, wer hier das Sagen hat!

Wir for­dern, dass nicht nur das Werk von Mann+Hummel, son­dern alle von Schlie­ßung bedroh­ten Wer­ke unter Arbeiter:innekontrolle gestellt wer­den! Gegen eine pro­fit­ori­en­tier­te Wirt­schafts­po­li­tik, die auf dem Rücken der Arbeiter:innenklasse getra­gen wird und für eine Wirt­schafts­po­li­tik, die die Men­schen in den Vor­der­grund stellt!

Vol­le Soli­da­ri­tät mit den Beschäf­tig­ten von Mann+Hummel und allen ande­ren Arbeiter:innen, die sich wäh­rend einer Pan­de­mie mit der Angst vor Ver­lust ihres Arbeits­plat­zes kon­fron­tiert sehen!

Klas­se Gegen Klas­se