[labournet:] [Buch] Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft

Buch: Die Welt nach Corona. Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden GesellschaftAuch im Jahr zwei der Coro­na-Pan­de­mie bestimmt das Virus in wei­ten Tei­len der Welt die poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und gesell­schaft­li­che Rea­li­tät. Nicht weni­ger gra­vie­rend ist die von den Lock­downs aus­ge­lös­te Welt­wirt­schafts­kri­se. Dabei stellt sich die Situa­ti­on sehr unter­schied­lich dar: In man­chen Län­dern Asi­ens und Afri­kas konn­te das Virus erfolg­reich gestoppt wer­den, oft­mals zu einem hohen Preis. Euro­pa und die USA ver­su­chen die zwei­ten Infek­ti­ons­wel­len mit mas­si­ven Not­fall­maß­nah­men unter Kon­trol­le zu bekom­men, wäh­rend in man­chen Staa­ten Latein­ame­ri­kas COVID-19 nahe­zu unbe­grenzt wütet. Zugleich wächst die Hoff­nung, dass Impf­stof­fe den Anfang vom Ende der Pan­de­mie ein­läu­ten könn­ten – auch wenn hier Zwei­fel ange­bracht sind, nicht nur, was deren glo­ba­le Zugäng­lich­keit angeht. Sicher ist hin­ge­gen: »Welt nach Coro­na« wird sich tief­grei­fend ver­än­dert haben. Die mehr als 50 Bei­trä­ge des Buches – das sich als plu­ra­lis­ti­scher, viel­stim­mi­ger Dis­kus­si­ons­band ver­steht – leuch­ten wich­ti­ge Facet­ten der Coro­na-Kri­se in vier the­ma­ti­schen Blö­cken aus…” Aus der Info des Ver­lags Bertz + Fischer zum vom D.F. Bertz her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band, der im Janu­ar 2021 erschie­nen ist. Sie­he wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Buch und die Rezen­si­on von Armin Kamm­rad für das Labour­Net Ger­ma­ny – wir dan­ken!

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“Die Welt nach Corona: Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands
und der kommenden Gesellschaft”


Rezension von Armin Kammrad vom 5. April 2021

Mit die­sem Titel erschien im Janu­ar 2021 bei Bertz und Fischer Ber­lin ein von D. F. Bertz her­aus­ge­ge­be­nes volu­mi­nö­ses Taschen­buch mit Bei­trä­gen von über 50 Autor*innen auf 732 Sei­ten zum Preis von 24 Euro. Nie­mand weiß, wie die Welt nach Coro­na (…), aus­se­hen wird”, dämpft jedoch Bertz gleich am Anfang zu hohe Erwar­tun­gen auf­grund des Titels: “Es ist nicht mal klar, ob es eine Welt danach in abseh­ba­rer Zeit über­haupt geben wird” (S.11). Wäh­rend lei­der selbst frü­her ein­deu­tig anti­ka­pi­ta­lis­tisch ori­en­tier­te Lin­ke gegen­wär­tig ver­su­chen, den – bereits von rechts bekann­ten – Nach­weis zu füh­ren, dass das mit der Coro­na­pan­de­mie epi­de­mio­lo­gisch und viro­lo­gisch betrach­tet, angeb­lich gar nicht so schlimm, son­dern vor allem Pro­pa­gan­da sei[1], betont Bertz das, was beson­ders Mike Davis[2] und Rob Wal­lace[3] schon seit Jah­ren ana­ly­siert und vor dem sie gewarnt haben: Näm­lich dass das Coro­na­vi­rus ein Pro­dukt der glo­ba­len kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung” ist (S.12). Bertz geht des­halb davon aus, dass “Nach der Pan­de­mie (…) vor der Pan­de­mie” ist (S.13), wobei Covid-19 nur ein Aspekt der men­schen­ge­mach­ten Bedro­hun­gen sei, “begüns­tigt durch die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons- und Lebens­wei­se. SARSCoV‑2 ist an der Schnitt­stel­le von Natur und Öko­no­mie ent­stan­den” – und ist sofern mit der Kli­ma­pro­ble­ma­tik eng ver­bun­den, zumin­dest was den Sys­tem­zu­sam­men­hang betrifft, aber auch bezüg­lich der Fra­gen die­ser Ver­öf­fent­li­chung, wie der nach einer lin­ken Gegen­po­si­ti­on zum von oben ver­ord­ne­ten Aus­nah­me­zu­stand.

Die­ser Pro­ble­ma­tik wid­met sich dann auch der ers­te Teil, “Aus­nah­me­zu­stand & Gesund­heits­not­stand” (S.85–190), die­ser vier­tei­li­gen Ver­öf­fent­li­chung. Trotz durch­aus unter­schied­li­cher Betrach­tungs­wei­sen in den sie­ben Bei­trä­gen, ist doch allen Autor*innen klar, dass eine lin­ke staats­recht­li­che Debat­te nur rea­li­täts­be­zo­gen geführt wer­den kann, also jeg­li­ches Leug­nung der epi­de­mio­lo­gi­schen und gesund­heit­li­chen Gefah­ren unan­ge­bracht ist und in die Irre, wenn nicht gar in ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Gefil­de, führt. So setzt sich zunächst Jens Kas­t­ner damit aus­ein­an­der, war­um Gior­gio Agam­bens Phi­lo­so­phie vom Aus­nah­me­zu­stand anbe­tracht der Pan­de­mie “wenig hilf­reich ist und was wir dar­aus ler­nen kön­nen”. Axel Gehring weist dar­auf­hin, dass die ver­brei­te­te Vor­stel­lung von einem “star­ken Coro­na-Staat” ein Mythos ist. “Die­se Debat­te lei­det lei­der noch immer und immer wie­der unter Angst, Ein­sei­tig­keit und Kon­for­mi­täts­druck, auch unter Dif­fa­mie­rung und Aus­gren­zung”, stellt danach Rolf Göss­ner fest; er ver­sucht mit “skep­ti­schen Gedan­ken und zuspit­zen­den The­sen” dazu bei­zu­tra­gen, “die kom­ple­xe und unüber­sicht­li­che Pro­ble­ma­tik eini­ger­ma­ßen in den Griff zu bekom­men und bür­ger­recht­li­che Ori­en­tie­rung zu bie­ten für eine offe­ne und kon­tro­ver­se Debat­te.” Denn bei “so viel Angst und sel­te­ner Ein­tracht sind Skep­sis und kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen ver­meint­li­cher Gewiss­hei­ten und auto­ri­tä­rer Ver­ord­nun­gen nicht nur ange­zeigt, son­dern drin­gend gebo­ten.” Dem wid­met sich auch die CIL­IP-Redak­ti­on im Coro­na-Gespräch mit der Fest­stel­lung: »Poli­tik wird dis­ku­tiert wie sel­ten«, wobei aus­führ­lich die gesam­te Rechts­si­tua­ti­on (inkl. des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes) kri­tisch beleuch­tet wird. Ste­phan Les­se­nich kri­ti­siert schließ­lich noch den herr­schen­den “Coro­na-Natio­na­lis­mus”, und Johan­nes Hau­er beschäf­tigt sich mit der “Kon­junk­tur mili­tä­ri­scher Rhe­to­rik und ihre Bedeu­tung” in der Coro­na-Kri­se. Lia Becker und Alex Demi­ro­vić geht es in ihren “kri­ti­schen Rück­blick” auf ein Jahr Coro­na vor allem um eine trag­ba­re Alter­na­ti­ve “zwi­schen Lock­down und Exit”.

Der zwei­te, the­ma­tisch sehr weit­ge­fass­te Teil ist mit “Coro­na-Kapi­ta­lis­mus & Sozi­al­epi­de­mio­lo­gie” über­schrie­ben (S.191–346). Hier wer­den auch die viel­fäl­ti­gen sozia­len Aspek­te ange­spro­chen. So ana­ly­sie­ren Sil­ke van Dyk, Ste­fa­nie Grae­fe und Tine Haub­ner in “Das Über­le­ben der »Ande­ren«” die sehr wider­sprüch­li­che Situa­ti­on der älte­ren Men­schen in der Pan­de­mie. “Die Coro­na-Kri­se, die Kran­ken­häu­ser und die Zukunft der Gesund­heits­ver­sor­gung” unter­sucht Julia Dück. Caro­lin Wie­de­mann beschäf­tigt sich unter der Über­schrift “Nach der Pan­de­mie: Smash Patri­ar­chy. Jetzt erst recht” mit der häus­li­chen und sons­ti­gen Zunah­me von Gewalt gegen Frau­en (nicht nur in Deutsch­land); sie ist über­zeugt: “In Kri­sen­zei­ten zei­gen sich Pro­ble­me wie unter dem Brenn­glas”. Mit dem Slo­gan »Geld oder Leben« spitzt Sabi­ne Nuss die beson­de­re Ver­wund­bar­keit der Eigen­tums­lo­sen” unter Shut­down-Bedin­gun­gen zu, wäh­rend Tho­mas Sablow­ski unter der Über­schrift Klas­sen­kämp­fe in der Coro­na-Kri­se” die Aus­ein­an­der­set­zung um die wirt­schafts­po­li­ti­schen Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung” pro­ble­ma­ti­siert. Mit Asyl statt Coro­na” unter­sucht Caro­lin Wie­de­mann die oft völ­lig ver­nach­läs­sig­te Pan­de­mie-Situa­ti­on in den Anker­zen­tren und Timo Stu­ken­berg zeigt, wie sich das Gefäng­nis in der Coro­na-Kri­se selbst erhält – auf Kos­ten der Gefan­ge­nen”. Am “Bei­spiel Bay­er” kri­ti­siert Jan Pehr­ke schließ­lich das Prin­zip: “Pro­fit first” als typisch für “Big Phar­ma & das Virus”. Nata­scha Stro­bl kri­ti­siert die “Rechts­ex­tre­me Ant­wor­ten auf die Coro­na-Kri­se”, Ingar Sol­ty und Vel­ten Schä­fer erklä­ren wie “Ver­schwö­rungs­theo­rien funk­tio­nie­ren, wann sie florie­ren – und wie man ihnen begeg­net”. Theo­dor Schaar­schmidt kri­ti­siert anschlie­ßend die herr­schen­de Pro­pa­gan­da vom “pan­de­mi­schen Wir-Gefühl” mit dem gegen­tei­li­gen Nach­weis: “Das Virus wirk­te an vie­len Stel­len wie ein Kon­trast­ver­stär­ker für bestehen­de Macht­ge­fäl­le.” Georg Seeß­len schließt mit Sex mit Min­dest­ab­stand – Lie­be und Begeh­ren in Zei­ten der Pan­de­mie” den zwei­ten Teil stil­voll ab.

Der drit­te Teil, “Glo­ba­le Seu­che & glo­ba­le Kri­se” (S.347–604), ist sehr umfang­reichs­ten aus­ge­fal­len und ent­hält vie­le infor­ma­ti­ve Lecker­bis­sen zu The­men, die im natio­nal beschränk­ten Gesichts­kreis oft völ­lig unter­ge­hen. Ste­phan Kauf­mann und Anto­nel­la Muz­zu­pap­pa begin­nen den glo­ba­len Rund­gang mit der Dar­stel­lung, wie ein Virus “die Welt­wirt­schaft ins Wan­ken” bringt. Chris­ti­an Stock zeigt wie sich in der Coro­na-Kri­se, z.B. in Kenia, Süd­afri­ka, Nige­ria, Indi­en oder auf den Phil­ip­pi­nen, “ein auto­ri­tä­rer Poli­tik­mo­dus” bru­tal durch­setzt. Ramo­na Lenz kri­ti­siert Grenz­schutz statt Flücht­lings­schutz in Zei­ten von Coro­na”. Ansons­ten gibt es aus­führ­li­che län­der­be­zo­ge­ne Berich­te und Ana­ly­sen, begin­nend mit Ber­nard Schmid zu Frank­reich, Chris­ti­an Bun­ke zu Groß­bri­tan­ni­en und Andrea Seli­ger zu Schwe­den, dem Land ohne Coro­na-Lock­down”. Jens Ren­ner stellt das sys­te­ma­ti­sche Ver­sa­gen von Regie­rung, Kapi­tal und Poli­tik in Ita­li­en dar, wäh­rend für Car­me­la Negre­te in Spa­ni­en ein har­ter Lock­down auf eine befan­ge­ne Lin­ke trifft, was dazu führt, dass sich vie­le Men­schen “von Pode­mos wie von der Poli­tik über­haupt ent­täuscht” abge­wen­de­ten. In Ungarn regis­triert Aert van Riel den für Orban typi­schen Demo­kra­tie­ab­bau, nun mit dem Vor­wand der Pan­de­mie; aber auch in Russ­land spit­zen sich für Lutz Brangsch die sozia­len und wirt­schaft­li­chen Wider­sprü­che zu und wird die Pan­de­mie für die Unter­neh­men – “sei­en sie pri­va­te, staat­li­che oder kom­mu­na­le” – zu einer guten Gele­gen­heit für den Abbau von Sozi­al- und Arbeits­rech­ten. Und natür­lich “trifft SARS-CoV‑2 auch in der Tür­kei die Schwächs­ten” und wird zum wei­te­ren Mit­tel auto­ri­tä­rer Staats­füh­rung, wie Alp Kay­se­ri­lioğlu berich­tet. Harald Etz­bach stellt ein Jahr Coro­na-Pan­de­mie in Syri­en und Miri­am Younes im Liba­non dar. Für Asi­en berich­tet Nata­lie May­roth über den Umgang der hin­du-natio­na­lis­ti­schen Regie­rung in Indi­en mit der Pan­de­mie, Mari­na Mai zeigt den Umgang damit in Viet­nam, wäh­rend Ste­fan Schmalz Chi­na eng in den glo­ba­len wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang stellt mit der Fol­ge, “dass sich der Konflikt zwi­schen den US und Chi­na wei­ter zuspitzt”. Was Afri­ka betrifft, zeigt zunächst Simo­ne Schlind­wein, wie “die Pan­de­mie die Kri­sen auf dem Kon­ti­nent ver­stärkt”, wobei Dem­ba San­oh zeigt, dass und wie “COVID-19 das Bild Afri­kas im Glo­ba­len Nor­den infra­ge stellt”; für Chris­ti­an Selz ist Süd­afri­ka zu “arm für den Lock­down”. Für Latein­ame­ri­ka ver­fol­gen Otto König und Richard Detje den Weg von “der Coro­na- in die Wirt­schafts­kri­se” und sehen eine sozia­le “und gesund­heit­li­che Zeit­bom­be”, was beson­ders Bra­si­li­en auf­grund neo­li­be­ra­le “Ideo­lo­gie, reli­giö­ser Fana­tis­mus und Anti­kom­mu­nis­mus” ein­schließt, wie Niklas Fran­zen auf­zeigt, wäh­rend sich für Chi­le, wie Jakob Graf und Anna Land­herr her­aus­ar­bei­ten, das inter­es­san­te Pro­blem eines “Volksaufstand[s] unter Aus­gangs­sper­re” stell­te. Den Abschluss des drit­ten Teils bil­det Moritz Wich­mann bezüg­lich USA und das “»Chi­na-Virus« in Trump-Coun­try”.

Der vier­te Teil geht mit “Neue Nor­ma­li­tät & Post-Coro­na” (S.605–712) nun tat­säch­lich abschlie­ßend etwas in die Rich­tung der ers­ten Aus­sa­ge des Buch­ti­tels, wobei sich zunächst Andre­as Wulf mit dem aktu­el­lem Pro­blem des “Impf­stoff-Natio­na­lis­mus” und “den Aus­ein­an­der­set­zun­gen über den Zugang zu COVID-19-Vak­zi­nen” beschäf­tigt. “Schlag­lich­ter auf die Lage der Beschäf­tig­ten in »sys­tem­re­le­van­ten Beru­fen«” wer­fen Sebas­ti­an Fried­rich und Nina Scholz in ihrem Bei­trag “Klas­sen­kämp­fe wäh­rend Coro­na – und Per­spek­ti­ven für die Zeit danach”, wäh­rend Lia Becker und Alex Demi­ro­vić eine “Sozia­lis­ti­sche Ratio­na­li­tät und soli­da­ri­sche Pra­xen” als das betrach­ten, was “aus der Kri­se gelernt wer­den kann” und soll­te; ähn­lich Ingar Sol­ty, der dar­stellt, wie “aus dem Elend der Gegen­wart eine neue, demo­kra­ti­sche­re, sozia­le­re und öko­lo­gi­sche­re Pro­duk­ti­ons- und Lebens­wei­se ent­ste­hen könn­te”. Nico­le May­er-Ahu­ja ist der Ansicht: Denk­ver­bo­te fal­len, Konflikt­li­ni­en ver­tie­fen sich”. Ein Grund für May­er-Ahu­ja fest­zu­stel­len: Der Streit um das künf­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen Wirt­schaft und Staat nimmt also Fahrt auf – und dies eröff­net Spiel­räu­me für lin­ke Poli­tik”. Doch wenn “man die Gesund­heits­ver­sor­gung dem »frei­en Spiel der Markt­kräf­te« über­lässt, ster­ben Men­schen”. Lukas Obern­dor­fer unter­sucht die EU-Plä­ne für einen »grü­nen« Auf­bau­plan zur Bewäl­ti­gung der Coro­na-Kri­se” und sieht, was den Neo­li­be­ra­lis­mus betrifft, eher die Gefahr, dass der aus­ta­rier­te Auf­bau­plan, nur “mit neo­li­be­ra­len Dog­men” bricht, “um sicher­zu­stel­len, dass die neo­li­be­ra­le Glo­ba­li­sie­rung in ihrer euro­päi­schen Form als sol­che fort­ge­setzt wer­den kann”. Tho­mas Rud­hof-Sei­bert geht schließ­lich davon aus, dass die Regie­ren­den gar kei­ne beson­de­re Absicht ver­folgt, son­dern schlicht »bio­po­li­tisch« gehan­delt haben” und stellt dem sei­ne For­de­rung nach einer ech­ten Revo­lu­ti­on der Men­schen­rech­te” ent­ge­gen. Den letz­ten Teil schließt Julia Fritz­sche mit Abhän­gig und frei!” ab, und erklärt die­sen Wider­spruch damit, dass die “indi­vi­dua­lis­ti­sche Denk­wei­se (…) nicht nur patri­ar­chal, son­dern auch spe­zifisch west­lich” ist. Statt Abhän­gig­keit zu fürch­ten, zu leug­nen oder abzu­weh­ren, soll­ten wir sie aner­ken­nen (sie ist ein­fach da) und dar­aus poli­ti­sche Schlüs­se zie­hen. Femi­nis­tin­nen beto­nen schon lan­ge unse­re Abhän­gig­keit von gegen­sei­ti­ger Für­sor­ge, Umweltaktivist*innen unse­re Abhän­gig­keit von der Natur, Globalisierungskritiker*innen unse­re Abhän­gig­keit von Men­schen ande­ren Orts auf der Welt.”

Ins­ge­samt muss die­ses Ver­öf­fent­li­chung zum The­ma “Coro­na-Welt” wohl als gelun­gen bezeich­net wer­den, auch wenn sich hier zur The­ma­tik sicher noch mehr sagen lässt und die Aus­ein­an­der­set­zung um lin­ke Poli­tik in der Coro­na-Kri­se sicher wei­ter­geht. Ein sel­te­nes High­light bil­det ein­deu­tig der inter­na­tio­na­lis­ti­sche und glo­ba­le Teil. Was den Bereich “Sozi­al­epi­de­mio­lo­gie” betrifft, ist die Pro­ble­ma­tik sicher noch umfang­rei­cher und wer­den sich wohl bereits in Bäl­de die Haupt­ausein­an­der­set­zun­gen um die Fra­ge dre­hen: “Wer gewinnt, wer ver­liert”. Dies tan­giert unmit­tel­bar auch den recht­li­chen Bereich: Wenn die Not­stands­maß­nah­men erst sozia­le Not erzeu­gen, wie sich dann gegen die­se Not erfolg­reich unter epi­de­mio­lo­gi­schen Bedin­gun­gen weh­ren, die man tat­säch­lich unmög­lich leug­nen kann? Die zum Teil unter­schied­li­chen Sicht­wei­se im ers­ten Teil sind in sofern kein Zufall. Die Pan­de­mie stellt hohe Erwar­tun­gen auch an eine lin­ke Poli­tik, die ihren Namen auch ver­dient. So bedeu­tet Gesund­heits­schutz nicht auto­ma­tisch das, was Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve, aber u.U. auch die Judi­ka­ti­ve dar­un­ter ver­ste­hen. In sofern lässt sich zu einer “Welt nach Coro­na” zwei­fel­los noch viel mehr sagen. Ins­ge­samt ist aber fest­zu­stel­len, dass die­se Ver­öf­fent­li­chung mit die­ser Pro­ble­ma­tik recht gut umgeht. Und letzt­lich geht es vor allem um Pra­xis, um Wider­stand, der sich weder hin­ter einen epi­de­mio­lo­gi­schen und viro­lo­gi­schen Ver­harm­lo­sung, oder gar Leug­nung ver­ste­cken kann, noch sich damit zufrie­den geben kann, alles am Schreib­tisch zu lösen. Was jedoch die theo­re­ti­sche Sei­te betrifft, ist die­se Ver­öf­fent­li­chung sicher ein brauch­ba­res Instru­ment für Infor­ma­ti­on, Ori­en­tie­rung und auch Anre­gung zum Wei­ter­ma­chen.

Anmer­kun­gen:

  • [1] In eine beson­ders bedenk­li­che Rich­tung gin­gen hier die Klar­text-Autoren Rein­hard Frankl, Rai­ner Roth und Tobi­as Wei­ßert. Nach ihrer bereits kri­tik­wür­di­gen Streit­schrift “LOCKDOWN? – nicht noch­mal” vom Juli 2020, behaup­ten die drei in ihrer Ver­öf­fent­li­chung vom März 2021, “Die Schock­stra­te­gie geht wei­ter”, nun sogar, dass Ver­wei­se auf die Coro­na-Muta­tio­nen nur als “Droh­ku­lis­se” die­nen wür­den, und Inzi­denz­wer­te “wert­los” sei­en, da “die Test­po­si­ti­ven, die den Inzi­denz­wer­ten zugrun­de lie­gen, (…) zu einem bedeu­ten­den Teil gar nicht infek­ti­ös” sei­en (S.35).
  • [2] vgl. Mike Davis “The mons­ter at our door: the glo­bal thre­at of avi­an flu”, The Mew Press, New York, 2005. Deutsch: “Vogel­grip­pe: Zur gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on von Epi­de­mien”, Assa­zia­ti­on A. 2006
  • [3] vgl. Rob Wal­lace “Was Covid-19 mit der öko­lo­gi­schen Kri­se, dem Raub­bau an der Natur und dem Agro­busi­ness zu tun hat”, Papy­Ros­sa, 2020

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Sie­he auch aus dem Buch:

  • Fein­de fin­den. Coro­na und die Rech­te
    “… Krank­heit kommt in der extre­men Rech­ten dann vor, wenn sie als von außen her­ein­ge­schleppt dar­ge­stellt wer­den kann, wie es die FPÖ auch noch zu Beginn der Coro­na­kri­se tat. Krank­heit und Seu­che wer­den auch als Meta­phern für unlieb­sa­me Men­schen­grup­pen ver­wen­det. In bei­den Fäl­len geht es nicht um den medi­zi­ni­schen Hin­ter­grund einer Krank­heit, sie dient viel­mehr als Lein­wand oder Sprach­bild für Ras­sis­mus oder Ver­schwö­rungs­theo­rien. Bei­des erle­ben wir auch in der aktu­el­len Kri­se. Das ist nicht neu, son­dern Teil ras­sis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Agi­ta­ti­on seit vie­len Jahr­hun­der­ten. Es gibt noch einen drit­ten Dis­kus­si­ons­strang, bei dem die medi­zi­ni­sche Rea­li­tät zumin­dest aner­kannt wird. Statt die Kri­se zu bekämp­fen, wird sie affir­miert: Hier stirbt das Schwa­che, und das Star­ke behaup­tet sich. (…) Die par­al­le­le Ent­wick­lung zwei­er ver­schie­de­ner sozi­al­dar­wi­nis­ti­scher Strän­ge (eines völ­ki­schen und eines wirt­schafts­li­be­ra­len) ist nur eine schein­ba­re. Viel­mehr ist Sozi­al­dar­wi­nis­mus dort popu­lär, wo die­se bei­den Spek­tren auf­ein­an­der­tref­fen: Wirt­schafts­li­be­ra­le, die völ­kisch den­ken. Sie unter­schei­den sich somit sowohl von gesell­schafts­li­be­ra­len Wirt­schafts­li­be­ra­len als auch von wirt­schafts­pro­tek­tio­nis­ti­schen Faschis­ten. Die­ses Spek­trum hat im deutsch­spra­chi­gen Raum sei­nen publi­zis­ti­schen Aus­druck vor allem in der Zeit­schrift Eigen­tüm­lich frei. Es ist kein Zufall, dass Thi­lo Sar­ra­zin im dazu­ge­hö­ri­gen Ver­lag publi­ziert. Dort wird Covid-19 ver­harm­lost und in den Coro­na­maß­nah­men ein Gene­ral­an­griff auf kapi­ta­lis­ti­sche Frei­hei­ten ver­mu­tet. Die Ehr­li­chen und Star­ken (Ver­mie­ter, Arbei­ten­de, Unter­neh­mer) wür­den zuguns­ten der Schwa­chen (der Mie­ter, die kei­ne Mie­te zah­len möch­ten, der Arbeits­lo­sen) geschröpft. Die­ser Umstand müs­se been­det wer­den. Einen völ­ki­schen Sozi­al­dar­wi­nis­mus pro­pa­giert hin­ge­gen das Zen­tral­or­gan der Neu­en Rech­ten, die Sezes­si­on. Dort spot­ten die Autoren über den ver­wöhn­ten, moder­nen Men­schen, der an aller­lei Unver­träg­lich­kei­ten lei­de und nichts mehr aus­hal­te und sich zudem im Ange­sicht des Todes wür­de­los ver­hal­te. Wenn der Tod einen erei­le, so habe man ihn gelas­sen und wür­de­voll zu ertra­gen. Auch hier spricht sich der Autor, im Glau­ben an die eige­ne Unver­wund­bar­keit, für ein Durch­lau­fen des Virus aus. Wen es erwischt, den erwischt es eben. Man muss aber gar kein extre­mes rech­tes Nischen­blatt lesen, denn fast wort­gleich tönt es wäh­rend der ers­ten Wel­le auch aus der repu­ta­blen NZZ, wenn nicht weni­ger als der »Seu­chen­so­zia­lis­mus« her­bei­phan­ta­siert wird oder der Grü­nen-Poli­ti­ker Boris Pal­mer meint, dass wir zuviel Auf­wand in Leu­te ste­cken, die ohne­hin bald gestor­ben wären. (…) In Zei­ten einer star­ken Kli­ma­schutz­be­we­gung und einer (ver­meint­li­chen) Aneig­nung ihrer Zie­le quer durch alle ideo­lo­gi­schen Lager ist es wich­tig, öko­fa­schis­ti­sche Regun­gen nicht aus dem Blick zu ver­lie­ren. Ihre Logik dringt oft unbe­merkt bis weit in pro­gres­si­ve Krei­se vor bezie­hungs­wei­se man spielt und agi­tiert mit ihr, wie Sti­cker mit dem Spruch »Humans are the dise­a­se, Coro­na is the cure« zei­gen, die von extre­men Rech­ten ange­fer­tigt wur­den, die sich als »XR Rebel­li­on« aus­ga­ben. Bil­der mit den Sti­ckern wur­den viral in den sozia­len Medi­en ver­brei­tet, »XR Rebel­li­on« distan­zier­te sich, aber bei vie­len Men­schen war die mög­li­che Ver­bin­dung schon her­ge­stellt. In poli­ti­schen Kri­sen­zei­ten haben Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien Hoch­kon­junk­tur. (…) Es gibt viel­fäl­ti­ge Ant­wor­ten rech­ter und extrem rech­ter Akteu­re auf die Coro­na­kri­se. Auf­fäl­lig ist, dass zu Beginn eine gro­ße Sprach­lo­sig­keit vor­herrsch­te. Eine medi­zi­ni­sche Kri­se gehört nicht zum Kon­zept die­ser Ideo­lo­gien. Auf­fäl­lig ist auch, dass eine rasche Bereit­schaft zur Adap­ti­on und Inkor­po­ra­ti­on zu erken­nen war. Bestehen­de Mus­ter, Ideo­lo­gien und Kon­zep­te wur­den ange­passt. Dabei reich­te die Band­brei­te von Leug­nung bis zu der Idee, dass es eigent­lich in Ord­nung ist, wenn Schwa­che und Alte ster­ben. Die auto­ri­tä­ren Ant­wor­ten auf die Kri­se sind also wider­sprüch­lich und ste­hen durch­aus in Kon­flikt mit­ein­an­der. Sie docken aber alle an Spek­tren an, die weit über das je eige­ne hin­aus­ge­hen…” Arti­kel von Nata­scha Stro­bl in der jun­gen Welt vom 08.01.2021 als Vor­ab­druck aus dem Buch externer Link, dort unter dem Titel “Sozi­al­dar­wi­nis­mus – Öko­fa­schis­mus – Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien. Die extre­me Rech­te reagiert in ver­schie­de­ner Wei­se auf die Coro­na­kri­se”

Siehe unter vielen zum Thema im LabourNet Germany die Dossiers:

Der Bei­trag [Buch] Die Welt nach Coro­na. Von den Risi­ken des Kapi­ta­lis­mus, den Neben­wir­kun­gen des Aus­nah­me­zu­stands und der kom­men­den Gesell­schaft erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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