[LCM:] Für den revolutionären Klimakampf

Die Kli­ma­ka­ta­stro­phe schrei­tet unver­min­dert vor­an, wäh­rend sich die bür­ger­li­che Poli­tik im “grü­nen Kapi­ta­lis­mus” übt und tei­le der Kli­ma­be­we­gung immer noch der Hoff­nung in die aus­sicht­lo­se Reform des Kapi­ta­lis­mus zum Kli­ma­schutz hin­ge­ben. Akti­on Kli­ma­kampf in einem Gast­bei­trag war­um eine reo­vo­lu­tio­nä­re anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sie­rung gegen die Kli­ma­ka­ta­stro­phe not­wen­dig ist.

Was bedeu­tet die Erwär­mung der Erde für uns?
Zwei Grad: Die Koral­len­rif­fe ster­ben fast voll­stän­dig ab, Hit­ze­wel­len wie jene in Euro­pa im Jahr 2003, an der zehn­tau­sen­de Men­schen star­ben, wer­den All­tag.
Drei Grad: Vie­le Küs­ten­städ­te der Erde ver­sin­ken im Meer, die Golf­re­gi­on wird für Men­schen unbe­wohn­bar.
Vier Grad: Indi­en, Ban­gla­desch und gro­ße Tei­le Chi­nas zu wer­den zu Wüs­ten, in Euro­pa herrscht per­ma­nen­te Dür­re.

Und das Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men? Wenn alle Staa­ten die Zie­le ein­hal­ten wür­den, die sie sich im Rah­men die­ses Abkom­mens gege­ben haben, dann – so steht das in dem UN-Bericht „Emis­si­on Gap Report“ – lie­fe das auf eine Erwär­mung von 3,2 Grad hin­aus. Aber die Staa­ten hal­ten sich nicht an die­se Kli­ma­zie­le. Das liegt nicht dar­an, dass irgend­je­mand den Ernst der Lage noch nicht begrif­fen hät­te. Seit 1979 ist offi­zi­ell bekannt, dass Treib­haus­ga­se die Erde erwär­men und was das für die Mensch­heit bedeu­tet. Seit­her sind die Emis­sio­nen kon­ti­nu­ier­lich wei­ter ange­stie­gen. Es liegt dar­an, dass kapi­ta­lis­ti­sches Wirt­schaf­ten und Kli­ma­schutz einen unauf­lös­ba­ren Wider­spruch bil­den. Die Kli­ma­be­we­gung in Deutsch­land weiß das.

Das „Sys­tem, wel­ches die Erde zer­stört“, schreibt Extinc­tion Rebel­li­on Deutsch­land in sei­nen „Prin­zi­pi­en und Wer­ten“, basie­re auf fol­gen­den Säu­len: der „Kul­tur des rück­sichts­lo­sen Kon­sums und der Aus­beu­tung von Men­schen und Natur“, „zuneh­men­dem Res­sour­cen­ver­brauch, Pro­fit­ma­xi­mie­rung und auf Wachs­tum basie­ren­den Wirt­schafts­sys­te­men und Finanz­sys­te­men“ und einem Dis­kurs, „der wirt­schaft­li­chen Argu­men­ten mehr Raum gibt, als Demokratie‑, Umwelt- und Sozi­al­aspek­ten“. Den Ruf ihres bri­ti­schen Vor­bilds nach „Chan­ge“, Ver­än­de­rung, über­set­zen sie mit „(System)wandel“.

„Koh­le stop­pen, Sys­tem­wan­del jetzt!“, prangt als Auf­ruf im Hea­der der Ende Gelän­de-Home­page. Und selbst Lui­sa Neu­bau­er schreibt in einem Arti­kel über die Pro­tes­te im Dan­nen­rö­der Forst im Spie­gel: „Wenn eine Auto­bahn gebaut wer­den darf, damit ein Süß­wa­ren­her­stel­ler sei­ne Süß­wa­ren­last­wa­gen ein paar Minu­ten schnel­ler von A nach B fah­ren las­sen kann, müs­sen wir uns fra­gen, was wir dage­gen tun kön­nen, dass in die­sem poli­ti­schen Sys­tem wie selbst­ver­ständ­lich Kon­zern­in­ter­es­sen vor Men­schen­in­ter­es­sen, Wachs­tums­ideo­lo­gie vor Lebens­grund­la­gen­er­halt gestellt wer­den kön­nen.“ Nötig sei „ein Sys­tem­wan­del“.

Alle wich­ti­gen Akteu­re der Kli­ma­be­we­gung hier­zu­lan­de sehen, dass das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem die Ursa­che unse­res Pro­blems ist. Das ist – zumin­dest im Fall von XR und FFF – eine rela­tiv neue Ent­wick­lung. Aber es ist eine Ent­wick­lung, die pas­sie­ren muss­te. Weil man nicht ernst­haft für Kli­ma­schutz kämp­fen kann, ohne dass einem an jeder Front das Kapi­tal gegen­über­steht und sei­nen Drang nach Pro­fi­ten und Wirt­schafts­wachs­tum gegen die Bedürf­nis­se von Mensch und Natur ver­tei­digt.

Die Kli­ma­be­we­gung weiß, dass der Kapi­ta­lis­mus der Kli­ma­ge­rech­tig­keit ent­ge­gen­steht. Aber ihr fehlt eine Ana­ly­se davon, was „Kapi­ta­lis­mus“ bedeu­tet. Des­we­gen spielt die­se Erkennt­nis in der Pra­xis bis­lang kaum eine Rol­le. Das muss sich ändern. Es braucht eine Stra­te­gie. Wir sind ein Zusam­men­schluss von Men­schen, die sich als Teil der Kli­ma­be­we­gung in Deutsch­land ver­ste­hen und sich in kon­kre­ten Kämp­fen poli­ti­siert haben. Uns eint die Über­zeu­gung, dass aus unse­rer theo­re­ti­schen Erkennt­nis über die Rol­le des Kapi­ta­lis­mus für die Kli­ma­kri­se prak­ti­sche Kon­se­quen­zen fol­gen müs­sen. Als „Akti­on Kli­ma­kampf“ stre­ben wir den Auf­bau einer ein­heit­li­chen, klas­sen­kämp­fe­ri­schen und revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­ti­on für den Kli­ma­kampf an, deren Struk­tur die prak­ti­sche Kon­se­quenz aus unse­rer Ana­ly­se des herr­schen­den Sys­tems und aus unse­ren Erfah­run­gen im Kampf gegen die Kli­ma­kri­se sein soll.

Der Kern des Kapi­ta­lis­mus

Wenn alle heu­ti­gen Koh­le­kraft­wer­ke so wei­ter­lau­fen wie geplant, dann wür­den deren Emis­sio­nen allei­ne aus­rei­chen, um das 1,5 Grad-„Ziel“ zu über­schrei­ten. Das ist kein Geheim­nis und des­we­gen ist – das zei­gen alle Umfra­gen – eine abso­lu­te Mehr­heit der Men­schen in Deutsch­land für das sofor­ti­ge Ende der Koh­le­kraft. Aber die Mehr­heit der Men­schen hat in die­ser Fra­ge nicht mit­zu­re­den.

Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet, dass Ent­schei­dun­gen, die alle betref­fen, von einer sehr klei­nen Grup­pe sehr rei­cher Men­schen getrof­fen wer­den. Und zwar auf genau einer ein­zi­gen Grund­la­ge: Der des Pro­fits.

Der Grund dafür liegt in den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen. Sie bil­den den Kern des Kapi­ta­lis­mus – und des­we­gen auch den Hebel zu sei­nem Sturz.

Im Kapi­ta­lis­mus ist die Pro­duk­ti­on eine gesell­schaft­li­che. Das bedeu­tet: In die Her­stel­lung und Ver­tei­lung all jener Din­ge, die wir all­täg­lich kon­su­mie­ren, ist – fast – die gan­ze Gesell­schaft ein­ge­bun­den. Bevor eine Toma­te als Ketch­up bei uns auf dem Tel­ler lan­det, ist die Arbeit von hun­der­ten Men­schen dar­in ein­ge­flos­sen: in das Pflü­cken der Toma­ten, die Ver­ar­bei­tung zu Ketch­up, das Design der Ketch­u­pfla­sche, den Ver­kauf und immer wie­der den Trans­port. Die Mit­tel der Pro­duk­ti­on dage­gen – die Toma­ten­plan­ta­gen, Ver­pa­ckungs­kon­zer­ne und Ketch­up­fa­bri­ken – befin­den sich in den Hän­den eini­ger Weni­ger. Die­se Weni­gen tref­fen die Ent­schei­dun­gen über die gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on und zie­hen aus ihr Pro­fi­te. Dabei befin­den sie sich in einem per­ma­nen­ten Wett­streit mit­ein­an­der um die größt­mög­li­che Pro­fit­span­ne. Wer zu wenig Pro­fi­te macht, ver­liert und ver­schwin­det vom Markt. Eine wich­ti­ge Mög­lich­keit, die eige­ne Pro­fit­span­ne zu ver­grö­ßern, ist es, die eige­ne Pro­duk­ti­on aus­zu­bau­en. Wenn BMW eine neue Tech­no­lo­gie imple­men­tiert, die es dem Kon­zern ermög­licht, mehr Autos als frü­her in kür­ze­rer Zeit her­zu­stel­len, dann müs­sen alle ande­ren Auto­mo­bil­kon­zer­ne nach­zie­hen – sonst könn­te BMW sie lang­fris­tig vom Markt ver­drän­gen. Der „Wachs­tums­zwang“ des Kapi­ta­lis­mus ent­springt die­sem Mecha­nis­mus.

Gleich­zei­tig ent­sprin­gen alle Pro­fi­te der Aus­beu­tung von Men­schen und Natur. Des­we­gen wer­den sich die Eigentümer:innen und Shareholder:innen nie­mals frei­wil­lig ent­schei­den, die­se Aus­beu­tung zu ver­rin­gern oder zu been­den. Genau­so, wie das Kapi­tal stets ver­sucht, die Löh­ne zu drü­cken und den Arbeits­tag zu ver­län­gern, ver­sucht es auch stets, die Aus­beu­tung der Natur zu inten­si­vie­ren. Ver­gif­te­te Flüs­se. Brand­ro­dung im Regen­wald. Mas­sen­tier­hal­tung. Über­dün­gung von Böden. Abgas­skan­da­le. Hin­ter all die­sen Phä­no­me­nen ste­hen akti­ve Ent­schei­dun­gen. Ent­schei­dun­gen, die Shareholder:innen und Kapitalist:innen getrof­fen haben, getrof­fen im Wett­streit um die höchst­mög­li­che Pro­fit­span­ne. Es gibt nur einen Weg, die­se Mecha­nis­men außer Kraft zu set­zen: Wir müs­sen die Eigen­tums­ver­hält­nis­se umwer­fen, die dahin­ter ste­hen. Denn wenn die Wirt­schaft sich in den Hän­den der Gesell­schaft befin­det, wird das Kon­kur­renz­ver­hält­nis auf­ge­löst – und damit auch der Zwang, die Pro­fi­te zu ver­grö­ßern. Das Ein­zi­ge, was dem ent­ge­gen steht, ist der Eigen­tums­ti­tel. Denn die Pro­duk­ti­on ist ja bereits gesell­schaft­lich. Pri­va­ti­siert sind nur die Pro­fi­te – und die Ent­schei­dungs­macht.

Die hun­dert­tau­sen­den Men­schen, die in Deutsch­land in der Auto­mo­bil­in­dus­trie arbei­ten, haben sich nicht dafür ent­schie­den, jedes Jahr mehr SUVs mit immer höhe­rem Schad­stoff­aus­stoß zu pro­du­zie­ren. Sie haben nicht ein­mal die Ent­schei­dung getrof­fen, unbe­dingt Autos her­stel­len zu wol­len. In ihren Wer­ken lie­ßen sich durch­aus auch ganz ande­re Pro­duk­te pro­du­zie­ren. In der Coro­na-Kri­se haben Zulie­fer­er­be­trie­be wie Bosch Coro­na-Schnell­tests her­ge­stellt und Auto­mo­bil­kon­zer­ne wie Gene­ral Motors und Seat Beatmungs­ge­rä­te gebaut. Die Beschäf­tig­ten tref­fen im Betrieb nicht die Ent­schei­dun­gen. Aber sie kön­nen sich wei­gern, Ent­schei­dun­gen umzu­set­zen. Sie kön­nen strei­ken.

Der poli­ti­sche Streik ist das wirk­sams­te Mit­tel der Eigen­tums­lo­sen, ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen. Er war und bleibt ein wich­ti­ges Kampf­mit­tel, um die Eigen­tums­ver­hält­nis­se der Gesell­schaft anzu­grei­fen. Für uns bedeu­tet das, dass wir in unse­ren Kämp­fen gegen die Kli­ma­kri­se stets ver­su­chen wol­len, eine Ver­bin­dung zur orga­ni­sier­ten Arbeiter:innenbewegung zu schla­gen. Wir wol­len die kämp­fe­rischs­ten Tei­le der Beleg­schaf­ten anspre­chen, uns mit ihnen ver­net­zen und ihre Kämp­fe mit unse­ren ver­bin­den. Aller­dings hat die Arbeiter:innenbewegung in Deutsch­land in den letz­ten Jahr­zehn­ten viel von ihrer Kampf­kraft ver­lo­ren. Durch Sozi­al­part­ner­schaft und Ver­ein­ze­lung, durch Bestechung und Spal­tung. Wir wol­len aktiv dabei mit­hel­fen, die­sen Zustand zu durch­bre­chen. Der Klas­sen­kampf ist kei­ne Paro­le von vor­ges­tern – er ist unser wirk­sams­tes Mit­tel im Kampf gegen die Kli­ma­kri­se.

Die Rol­le des Staa­tes

Wenn das Ein­zi­ge, was uns von wirk­sa­men Ent­schei­dun­gen im Kampf gegen die Kli­ma­kri­se trennt, der Eigen­tums­ti­tel ist – war­um hal­ten wir ihn dann immer wei­ter auf­recht? Der Grund dafür ist, dass das Kon­zept des kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tums einen mäch­ti­gen Beschüt­zer hat: den Staat. Der Natio­nal­staat, wie wir ihn heu­te ken­nen, ist mit der Durch­set­zung des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems ent­stan­den. Die Auf­ga­be des Staa­tes im Kapi­ta­lis­mus ist es damit seit sei­ner Ent­ste­hung, sei­ne natio­na­len Kon­zer­ne nach außen zu schüt­zen – und die Eigen­tums­ver­hält­nis­se nach innen auf­recht zu erhal­ten.

Wenn der deut­sche Staat mit dem Mer­co­sur-Abkom­men dazu bei­trägt, dass der Regen­wald in Bra­si­li­en noch schnel­ler für Soja nie­der­ge­brannt wird, dann tut er das für die Unter­stüt­zung sei­ner Che­mie- und Fleisch­kon­zer­ne. Und wenn er Men­schen, die Essen aus dem Müll fischen, mit Stra­fen über­zieht, wäh­rend gleich­zei­tig Mode­kon­zer­ne unge­straft Mil­lio­nen Ton­nen Klei­dung ver­bren­nen dür­fen, dann tut er das, weil es sei­ne wich­tigs­te Auf­ga­be ist, die Eigen­tums­ver­hält­nis­se durch­zu­set­zen – unge­ach­tet der gesell­schaft­li­chen Fol­gen.

Die­se Auf­ga­be hat der Staat unab­hän­gig von der Fra­ge, wel­che Regie­rung gera­de an der Macht ist. Auch die Grü­nen tra­gen in Hes­sen in der Regie­rung die Rodung des Dan­nen­rö­der Forsts mit, auch die Links­par­tei ver­hin­dert in der Regie­rung in Ber­lin kei­ne Abschie­bun­gen. Im kapi­ta­lis­ti­schen Staat regie­ren bedeu­tet, die Inter­es­sen des Kapi­tals durch­zu­set­zen. An den Staat zu appel­lie­ren oder zu „Kli­ma­wah­len“ auf­zu­ru­fen, wie es Fri­days For Future immer wie­der tut, hal­ten wir des­we­gen für aus­sichts­los – und gewis­ser­ma­ßen sogar für gefähr­lich. Denn wenn eine so gro­ße und wich­ti­ge Bewe­gung wie FFF die Bot­schaft ver­mit­telt, man kön­ne die Kli­ma­kri­se „abwäh­len“, dann stär­ken sie damit das Ver­trau­en der Men­schen in eine Insti­tu­ti­on, von der sie sich nichts zu ver­spre­chen haben.

Der wich­tigs­te Geg­ner des Staa­tes – und sei­ner Poli­zei – sind all jene Bewe­gun­gen, die akti­ven Wider­stand gegen die Durch­set­zung der Inter­es­sen des Kapi­tals leis­ten. Des­we­gen wer­den im Dan­nen­rö­der Forst fried­li­che Baum­be­set­zer so bru­tal von der Poli­zei zusam­men­ge­schla­gen; wer­den Haus­be­set­zun­gen mit Hun­dert­schaf­ten geräumt und wird das pri­va­te Betriebs­ge­län­de von RWE jedes Jahr zu Ende Gelän­de mit tau­sen­den Poli­zei­ein­hei­ten gesi­chert.

In den meis­ten Fäl­len tritt der Staat in Deutsch­land noch ver­hält­nis­mä­ßig wenig aggres­siv gegen die Kli­ma­be­we­gung auf. Das liegt dar­an, dass die­se lan­ge kei­ne Gefahr für Pro­fi­te oder Eigen­tums­ver­hält­nis­se dar­ge­stellt hat. Demons­tra­tio­nen von Mil­lio­nen von Men­schen im Rah­men von FFF kann der Staat getrost igno­rie­ren; Auto­bahn­blo­cka­den wie von Extinc­tion Rebel­li­on sind zwar sicher­lich ein Ärger­nis, aber stel­len die Eigen­tums­ver­hält­nis­se nicht in Fra­ge. Je erfolg­rei­cher sich die Kli­ma­be­we­gung jedoch der Aus­beu­tung der Natur ent­ge­gen­stellt und je stär­ker sie mit ihrem Wider­stand den Pro­fit des Kapi­tals bedroht, des­to här­ter wird auch die­ser Staat gegen die Bewe­gung vor­ge­hen. Eine offe­ne Koope­ra­ti­on mit der Poli­zei, wie sie Extinc­tion Rebel­li­on betreibt, hal­ten wir des­we­gen für einen gro­ßen Feh­ler.

Wir sind über­zeugt: es ist nötig, uns heu­te schon auf eine Art zu orga­ni­sie­ren, die uns vor den Zugrif­fen des Staa­tes schüt­zen kann: Wir tre­ten nicht alle offen nach außen auf und ver­su­chen, unse­re Struk­tu­ren so undurch­sich­tig wie mög­lich zu hal­ten. Der Weg zwi­schen ver­deck­ter Orga­ni­sie­rung und Anschluss­fä­hig­keit ist schwer zu fin­den. Aber die Erfah­rung zeigt: Es ist mög­lich.

Indi­vi­dua­lis­mus und Kol­lek­ti­vi­tät

Von außen betrach­tet, sieht es aus, als sei­en all die­se Über­le­gun­gen von der Kli­ma­be­we­gung in Deutsch­land sehr weit weg. Zei­tun­gen publi­zie­ren Inter­views mit FFF-Aktivist:innen, die bei den Grü­nen sind oder Kli­ma­lis­ten für die nächs­ten Wah­len in ihrer Regi­on grün­den wol­len. Politiker:innen regen Tref­fen mit Kli­ma­grup­pen an und las­sen sich dabei foto­gra­fie­ren. Und hun­der­te Kapitalist:innen kön­nen Brie­fe mit freund­li­chen Appel­len der Klimaaktivist:innen mit nach­sich­ti­gem Lächeln in den Papier­korb wer­fen.

Aber der Ein­druck täuscht. Ein gro­ßer Teil der Kli­ma­be­we­gung in Deutsch­land steht weit links von die­sen Bil­dern. Man sieht sie nur nicht. Ein wich­ti­ger Grund dafür ist der Indi­vi­dua­lis­mus der Bewe­gung. Die Kli­ma­be­we­gung hat den kol­lek­ti­ven Beschluss gefasst, kei­ne kol­lek­ti­ven Beschlüs­se zu fas­sen. Der „Kli­ma­plan von unten“ ist ein Bei­spiel dafür. 2019 hat­te die Grup­pe gerechte1komma5 die Bewe­gung zur Dis­kus­si­on auf­ge­ru­fen: Wo wol­len wir hin? Dut­zen­de Kli­ma­grup­pen in Deutsch­land tra­fen sich zur Dis­kus­si­on. Orts­grup­pen von Ende Gelän­de und Extinc­tion Rebel­li­on ver­an­stal­te­ten Semi­na­re; gemein­sam tru­gen wir alle unse­re Vor­stel­lun­gen zusam­men. Jeder und jede soll­te die Mög­lich­keit haben, sei­ne oder ihre Exper­ti­se mit ein­zu­brin­gen. Ein wich­ti­ger Schritt. Aber eines fehl­te: Der Wil­le, sich zu eini­gen.

2020 wur­de der „Kli­ma­plan von unten“ schließ­lich ver­öf­fent­licht. Er umfasst mehr als 100 ver­schie­de­ne Ideen. Von „Zer­ti­fi­ka­te­han­del mit CO2“ bis „Ent­eig­nung der Ener­gie­kon­zer­ne“ ist alles dabei. Vie­le der Maß­nah­men wider­spre­chen sich. Aber wenn 100 ver­schie­de­ne Maß­nah­men zur Aus­wahl ste­hen, dann kön­nen sich Medi­en und Poli­tik aus­su­chen, wel­che davon sie in den Fokus stel­len – und wel­che sie igno­rie­ren. Die Wei­ge­rung, kol­lek­ti­ve Beschlüs­se zu fas­sen, macht lin­ke Posi­tio­nen in der Kli­ma­be­we­gung unsicht­bar.

Wür­de FFF Deutsch­land eine kla­re Ent­schei­dung dazu tref­fen, wie sie zu die­sem Sys­tem und sei­nen Insti­tu­tio­nen ste­hen, dann könn­te nicht mehr Lui­sa Neu­bau­er als (von den Medi­en gekür­tes) Gesicht der Bewe­gung mit Ver­tre­tern der NATO über grü­ne Krie­ge dis­ku­tie­ren. Denn es gäbe nur zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der, die Bewe­gung ent­schei­det, gegen impe­ria­lis­ti­sche Krie­ge und ihre Ver­tre­ter zu sein. Dann müss­te Neu­bau­er die­se Posi­ti­on mit­tra­gen – oder sie könn­te nicht mehr im Namen von FFF spre­chen. Oder aber die Bewe­gung ent­schei­det, impe­ria­lis­ti­sche Krie­ge und grü­ne Bom­ben in Ord­nung zu fin­den. Dann wür­den sich die lin­ken Tei­le der Bewe­gung eine neue Orga­ni­sie­rung suchen. Aber FFF trifft kei­ne Ent­schei­dun­gen in sol­chen Fra­gen.

Genau­so, wie die Kli­ma­be­we­gung ins­ge­samt kei­ne Ent­schei­dung zu der Fra­ge tref­fen möch­te, was „Sys­tem­wan­del“ eigent­lich bedeu­ten soll. „XR hat die stra­te­gi­sche Ent­schei­dung getrof­fen, kei­ne kon­kre­ten Vor­schlä­ge zu unter­brei­ten, wie die Kli­ma- und Umwelt­kri­se zu lösen ist“, schreibt Extinc­tion Rebel­li­on. Aber eine Stra­te­gie ohne eine Vor­stel­lung, wie man zu sei­nem Ziel gelangt, ist kei­ne Stra­te­gie. Wir sind über­zeugt: Wenn wir die Ursa­chen der Kli­ma­kri­se besei­ti­gen wol­len, dann brau­chen wir eine Einig­keit dar­über, wor­in die­se bestehen – und wie man sie bekämp­fen kann.

Die­ses Papier und unse­re Orga­ni­sie­rung sol­len ein ers­ter Schritt in die­se Rich­tung sein. Wir rufen alle in der Kli­ma­be­we­gung Akti­ven und jede Kli­ma­grup­pe auf, mit uns zu dis­ku­tie­ren, uns zu kri­ti­sie­ren, zu ver­bes­sern, wo wir falsch lie­gen – und sich mit uns zu orga­ni­sie­ren. Nicht nur in der Theo­rie, son­dern vor allem in der Pra­xis. Denn nur durch die Pra­xis kön­nen wir den rich­ti­gen Weg fin­den, um die Ursa­chen die­ser Kri­se wirk­sam ange­hen zu kön­nen. Es gibt kein his­to­ri­sches Bei­spiel dafür, dass kapi­ta­lis­ti­sche Staa­ten oder Kon­zer­ne frei­wil­lig die Inter­es­sen der Men­schen oder der Umwelt vor die Pro­fi­te gestellt hät­ten. Aber es gibt his­to­ri­sche Bei­spie­le für Revo­lu­tio­nen. Revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen haben in der Ver­gan­gen­heit Krie­ge been­det, Sys­te­me gestürzt und kolo­nia­le Besat­zer davon­ge­jagt. Sie kön­nen auch die Kli­ma­kri­se auf­hal­ten.

Die Zeit für den revo­lu­tio­nä­ren Kli­ma­kampf ist jetzt.

Wir haben eine Welt zu ver­lie­ren.

Der Bei­trag Für den revo­lu­tio­nä­ren Kli­ma­kampf erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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