[gfp:] In der Eskalationsspirale (II)

Neue US-Sanktionen

Den Kon­flikt zwi­schen dem Wes­ten und Russ­land ver­schärft haben zuletzt die jüngs­ten US-Straf­maß­nah­men, die die Biden-Admi­nis­tra­ti­on am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag bekannt­ge­ge­ben hat. Neben der Aus­wei­sung von zehn Diplo­ma­ten, die bis­her an der rus­si­schen Bot­schaft in Washing­ton tätig waren, sehen sie eine erneu­te Aus­wei­tung der Sank­tio­nen gegen Russ­land vor. Dem­nach wer­den indi­vi­du­el­le Sank­tio­nen gegen ins­ge­samt 40 Per­so­nen oder Orga­ni­sa­tio­nen ver­hängt; acht von ihnen wur­den gemein­sam mit US-Ver­bün­de­ten in Euro­pa aus­ge­wählt. Zudem wer­den sechs Tech­no­lo­gie­fir­men sank­tio­niert, da sie angeb­lich mit rus­si­schen Geheim­diens­ten koope­rie­ren. Als Grün­de wer­den angeb­lich von Mos­kau ver­ant­wor­te­te Hacker­at­ta­cken auf Zie­le in den USA sowie angeb­li­che rus­si­sche Ein­mi­schung in die US-Prä­si­den­ten­wahl genannt. Bewei­se für sei­ne Vor­wür­fe hat Washing­ton, wie üblich, nicht vor­ge­legt. Dies gilt auch für eine wei­te­re Behaup­tung, die die Biden-Admi­nis­tra­ti­on zum Anlass nimmt, wei­te­re, aus „geheim­dienst­li­chen Grün­den“ nicht näher spe­zi­fi­zier­te Sank­tio­nen zu ver­hän­gen: Dies gesche­he, heißt es, weil Mos­kau den Tali­ban ein Kopf­geld für Angrif­fe auf US-Sol­da­ten in Aus­sicht gestellt habe.[1] EU und NATO – und mit ihnen auch Deutsch­land – haben sich inzwi­schen zustim­mend zu den US-Sank­tio­nen geäußert.[2]

Ausweitung befürchtet

Wohl am schwers­ten wiegt, dass die aktu­el­len US-Sank­tio­nen auch den rus­si­schen Finanz­sek­tor tref­fen. So dür­fen US-Finanz­un­ter­neh­men Anlei­hen, die das rus­si­sche Finanz­mi­nis­te­ri­um, die Zen­tral­bank sowie der Staats­fonds RDIF vom 14. Juni an aus­ge­ben wol­len, nicht erwer­ben. Zwar wer­den die unmit­tel­ba­ren Fol­gen des Schritts noch als beherrsch­bar ein­ge­schätzt: Laut Aus­kunft von Oxford Eco­no­mics hal­ten US-Inves­to­ren nur sie­ben Pro­zent aller in Rubel aus­ge­ge­be­nen rus­si­schen Staatsanleihen.[3] Aller­dings hat US-Prä­si­dent Biden gedroht, die US-Sank­tio­nen bei Bedarf künf­tig aus­zu­wei­ten. Gegen­über US-Medi­en äußer­ten Mit­ar­bei­ter gro­ßer Finanz­kon­zer­ne, man füh­le sich mit der aktu­el­len Situa­ti­on „unbe­hag­lich“; es herr­sche die Sor­ge, da kön­ne bald „mehr nachkommen“.[4] Gegen­über dem „Han­dels­blatt“ wie­sen Bran­chen­ver­tre­ter dar­auf hin, in der Ver­gan­gen­heit hät­ten etwa die Iran-Sank­tio­nen zunächst US-Finanz­un­ter­neh­men getrof­fen, bevor sie auf sämt­li­che Fir­men mit Geschäfts­in­ter­es­sen in den USA aus­ge­wei­tet wor­den sei­en. In der Tat hat sich das rus­si­sche Finanz­mi­nis­te­ri­um bereits kurz nach Bekannt­ga­be der neu­en US-Sank­tio­nen ver­an­lasst gese­hen, Auk­tio­nen von rus­si­schen Schuld­ver­schrei­bun­gen zu ver­schie­ben und sein Anlei­he­pro­gramm um zunächst zehn Mil­li­ar­den Euro zu reduzieren.[5]

„Ungeheuerliche Kollateralschäden möglich“

Der Kon­flikt droht wei­ter zu eska­lie­ren. Mos­kau hat scharf gegen die US-Maß­nah­men pro­tes­tiert und sei­ner­seits Gegen­sank­tio­nen ver­hängt. Zum einen tref­fen sie zehn Per­so­nen, dar­un­ter die US-Minis­ter für Jus­tiz sowie für Hei­mat­schutz, FBI-Direk­tor Chris­to­pher Wray sowie die US-Geheim­dienst­ko­or­di­na­to­rin Avril Hai­nes; ihnen ist künf­tig die Ein­rei­se nach Russ­land unter­sagt. Mit­ar­bei­tern von US-Regie­rungs­be­hör­den wer­den Ein­rei­se­er­laub­nis­se für kurz­fris­ti­ge Akti­vi­tä­ten ent­zo­gen; zudem wird die Arbeit von US-Stif­tun­gen und US-Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in Russ­land wei­ter ein­ge­schränkt. Mos­kau behält sich laut Aus­kunft des Außen­mi­nis­te­ri­ums dar­über hin­aus vor, die Zahl der Mit­ar­bei­ter von Bot­schaft und Kon­su­la­ten der USA in Russ­land von rund 450 auf 300 zu redu­zie­ren und zudem Maß­nah­men gegen US-Unter­neh­men zu verhängen.[6] Wirt­schafts­krei­se fürch­ten, die Lage kön­ne außer Kon­trol­le gera­ten: In Russ­land wer­den Stim­men laut, Mos­kau sol­le sei­ne ver­blie­be­nen US-Staats­an­lei­hen auf den Markt wer­fen, um Washing­ton etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. „Wenn man anfängt, eine Volks­wirt­schaft wie Russ­land anzu­ge­hen“, äußert ein ehe­ma­li­ger Bera­ter der Sank­ti­ons­ab­tei­lung im US-Finanz­mi­nis­te­ri­um, „wird einem klar, dass mög­li­che Kol­la­te­ral­schä­den … unge­heu­er­lich sein können“.[7]

„Von SWIFT ausschließen“

Wei­te­re Sank­ti­ons­for­de­run­gen äußern inzwi­schen auch deut­sche Poli­ti­ker. Grund ist, dass Mos­kau sich auch auf mili­tä­ri­schem Gebiet den west­li­chen Aggres­sio­nen zuneh­mend wider­setzt. Dies trifft etwa auf aktu­el­le Manö­ver in West­russ­land unweit der Gren­ze zur Ukrai­ne zu. NATO-Ein­hei­ten füh­ren seit Jah­ren Kriegs­übun­gen in größt­mög­li­cher Nähe zur rus­si­schen Gren­ze durch; im ver­gan­ge­nen Jahr haben die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und ihre euro­päi­schen Ver­bün­de­ten mit „Defen­der Euro­pe“ zudem ein neu­es Manö­ver­for­mat geschaf­fen, in des­sen Rah­men gro­ße US-Ver­bän­de den Atlan­tik über­que­ren und aus West- und Süd­eu­ro­pa in Rich­tung Russ­land ver­legt wer­den. Nahe der Gren­ze wer­den dann kon­kre­te, gegen Russ­land gerich­te­te Kriegs­übun­gen durch­ex­er­ziert. Das dies­jäh­ri­ge „Defen­der Europe“-Manöver hat vor kur­zem begon­nen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [8]). Auf die rus­si­schen Manö­ver haben Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel sowie US-Prä­si­dent Joe Biden hin­ge­gen mit der For­de­rung reagiert, Mos­kau müs­se die Trup­pen – die­se üben auf eige­nem Ter­ri­to­ri­um – umge­hend „abziehen“.[9] Man­fred Weber (CSU), der Vor­sit­zen­de der EVP-Frak­ti­on im Euro­pa­par­la­ment, stellt für den Fall, dass Mos­kau „die Lage in der Ost­ukrai­ne eska­lie­ren“ las­se oder gar „dort einmarschier[e]“, Russ­lands Aus­schluss vom inter­na­tio­na­len Zah­lungs­sys­tem SWIFT in den Raum.[10]

Vernichtungsschlag gegen Nord Stream 2?

Die Eska­la­ti­on erfolgt kurz nach dem Bekannt­wer­den von Bemü­hun­gen Ber­lins, im Inter­es­se der deut­schen Indus­trie eine gewis­se Zusam­men­ar­beit mit Mos­kau zu bewah­ren. Dies bezog sich auf die Erd­gas­pipe­line Nord Stream 2 sowie auf Plä­ne, mit Russ­land bei der Nut­zung von Was­ser­stoff als Ener­gie­trä­ger zu koope­rie­ren (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [11]). Dar­über hin­aus hat die Bun­des­re­gie­rung kürz­lich bestä­tigt, sie zie­he den Kauf des rus­si­schen Covid 19-Impf­stoffs Sput­nik V in Betracht.[12] Im US-Kon­gress steigt nun aller­dings über­par­tei­lich der Druck auf die Biden-Admi­nis­tra­ti­on, Nord Stream 2 mit neu­en, wohl ver­nich­ten­den Sank­tio­nen end­gül­tig zu ver­hin­dern. Im Gespräch sind dem­nach Maß­nah­men, die sich direkt gegen die Nord Stream 2 AG rich­ten, die Betrei­ber­ge­sell­schaft, zu deren Finanz­in­ves­to­ren neben der bri­tisch-nie­der­län­di­schen Shell, der fran­zö­si­schen Engie und der öster­rei­chi­schen OMV die deut­schen Kon­zer­ne Uni­per und Win­ters­hall gehören.[13]

Sputnik V im Visier

Zudem wer­den offen­bar Sank­tio­nen im Fal­le eines Erwerbs von Sput­nik V nicht aus­ge­schlos­sen. Ursa­che ist, dass ein rus­si­sches For­schungs­in­sti­tut, das an der Ent­wick­lung von Sput­nik V betei­ligt war, von US-Behör­den mit einem angeb­li­chen rus­si­schen Che­mie­waf­fen­ein­satz in Ver­bin­dung gebracht wird – wie üblich ohne Beweis – und des­halb vor kur­zem mit Sank­tio­nen belegt wur­de; es han­delt sich um das 48th Cen­tral Rese­arch Institute.[14] Zwar wird ein US-Regie­rungs­mit­ar­bei­ter mit der Äuße­rung zitiert, US-Sank­tio­nen rich­te­ten sich „all­ge­mein nicht gegen legi­ti­me huma­ni­tä­re Lie­fe­run­gen oder Hilfe“.[15] Aller­dings weist die US-Poli­tik­pro­fes­so­rin Judy Twigg von der Vir­gi­nia Com­mon­wealth Uni­ver­si­ty dar­auf hin, dass Sput­nik V nicht als „huma­ni­tä­re Lie­fe­rung“, son­dern in Form eines regu­lä­ren Kaufs nach Deutsch­land und in wei­te­re EU-Staa­ten gelan­gen soll. Spä­tes­tens dann, wenn genü­gend ande­re Impf­stof­fe zur Ver­fü­gung stün­den, kön­ne Washing­ton, warnt Twigg, zu Sank­tio­nen gegen das rus­si­sche Vak­zin übergehen.[16]

[1] Biden bestraft Russ­land. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 16.04.2021.

[2] US impo­ses sanc­tions on Rus­sia over cyber-attacks. bbc​.co​.uk 16.04.2021.

[3] David E. San­ger, Andrew E. Kra­mer: U.S. Impo­ses Stiff Sanc­tions on Rus­sia, Bla­ming It for Major Hacking Ope­ra­ti­on. nyti​mes​.com 15.04.2021.

[4] Micha­el R. Gor­don, Vivi­an Sala­ma, Anna Hir­ten­stein: U.S. Puts Fresh Sanc­tions on Rus­sia Over Hacking, Elec­tion Inter­fe­rence. wsj​.com 15.04.2021.

[5] Mathi­as Brügg­mann: Russ­land und die USA: Es droht ein neu­er Wirt­schafts­krieg. han​dels​blatt​.com 16.04.2021.

[6] Ann M. Sim­mons: Rus­sia to Expel 10 U.S. Diplo­mats From Embas­sy in Moscow. wsj​.com 16.04.2021.

[7] Mathi­as Brügg­mann: Russ­land und die USA: Es droht ein neu­er Wirt­schafts­krieg. han​dels​blatt​.com 16.04.2021.

[8] S. dazu Kein Lock­down für Mili­tärs.

[9] Mer­kel und Biden für Abzug rus­si­scher Trup­pen. tages​schau​.de 15.04.2021.

[10] Weber for­dert neue Sank­tio­nen gegen Mos­kau. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 12.04.2021.

[11] S. dazu Deutsch-rus­si­sche Brü­cken­en­er­gien.

[12] Bun­des­re­gie­rung plant bila­te­ra­le Gesprä­che über Sput­nik V. aerz​te​blatt​.de 08.04.2021.

[13] Jes­si­ca Dona­ti, Micha­el R. Gor­don, Brett For­rest: Biden Faces New Pres­su­re to Act on Russia’s Nord Stream 2 Gas Pipe­line. wsj​.com 16.04.2021.

[14] U.S. Sanc­tions and Other Mea­su­res Impo­sed on Rus­sia in Respon­se to Russia’s Use of Che­mi­cal Wea­pons. sta​te​.gov 02.03.2021.

[15], [16] Andrew Rett­man: Could US sanc­tions hit Rus­sia vac­ci­ne sales to EU? euob​ser​ver​.com 16.04.2021.

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