[gfp:] Manöver in Ostasien

Verschmelzung von Außen- und Militärpolitik

Die Bun­des­re­gie­rung hat in den ver­gan­ge­nen Wochen meh­re­re Schrit­te zur Inten­si­vie­rung der Bezie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und Japan unter­nom­men. Am 22. März unter­zeich­ne­ten bei­de Län­der ein bila­te­ra­les Geheim­schutz­ab­kom­men, das nicht nur die Zusam­men­ar­beit der Nach­rich­ten­diens­te bei­der Län­der, son­dern auch die Rea­li­sie­rung gemein­sa­mer Rüs­tungs­pro­jek­te und Mili­tär­ein­sät­ze erleich­tern soll.[1] Am 13. April kamen zum ers­ten Mal die Außen- und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Deutsch­lands und Japans zu einem soge­nann­ten Zwei-plus-zwei-Gespräch zusam­men, pan­de­mie­be­dingt frei­lich nur online; der­ar­ti­ge Kon­sul­ta­tio­nen sind künf­tig regel­mä­ßig geplant. Sie beschrän­ken sich nicht auf die deutsch-japa­ni­schen Bezie­hun­gen: Zwei-plus-zwei-Gesprä­che führ­ten Mit­te März US-Außen­mi­nis­ter Ant­o­ny Blin­ken und US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Lloyd Aus­tin mit ihren Amts­kol­le­gen in Tokio; zuvor hat­ten sich – frei­lich online – die Außen- und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Japans und Groß­bri­tan­ni­ens im Zwei-plus-zwei-Rah­men aus­ge­tauscht. Die wach­sen­de Vor­lie­be für das For­mat zeigt, dass im Wes­ten sowie bei des­sen Ver­bün­de­ten eine zuneh­men­de Ver­schmel­zung der Außen- mit der Mili­tär­po­li­tik zu beob­ach­ten ist.

Vereinigte Front gegen Beijing

Als Erläu­te­rung für die Abhal­tung der Zwei-plus-zwei-Gesprä­che ver­wies Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas auf den glo­ba­len Macht­an­spruch Ber­lins: Um „die Welt wei­ter­hin aktiv mit­zu­ge­stal­ten“, müss­ten „Deutsch­land und Euro­pa“ sich „gera­de auch in Asi­en stär­ker enga­gie­ren“, denn dort fän­den „in die­sem Jahr­hun­dert wich­ti­ge glo­ba­le Wei­chen­stel­lun­gen statt“.[2] Genaue­re Anga­ben über den Inhalt der Gesprä­che wur­den in Tokio bekannt. Dem­nach kon­zen­trier­ten sich die vier Minis­ter vor allem auf Bemü­hun­gen, „eine ver­ei­nig­te Front“ zu eta­blie­ren, um „den ter­ri­to­ria­len Ambi­tio­nen Bei­jings entgegenzutreten“.[3] Gemeint sind die Kon­flik­te um Inseln im Süd- und im Ost­chi­ne­si­schen Meer und der Kon­flikt um Tai­wan, die ein­sei­tig der Volks­re­pu­blik ange­las­tet wer­den. Jun Okum­ura, ein Exper­te des Mei­ji Insti­tu­te for Glo­bal Affairs in Japans Haupt­stadt, urteilt, Tokio sei an „jeg­li­chem neu­en Bünd­nis“ inter­es­siert, „das hilft, Chi­na ent­ge­gen­zu­tre­ten“. Angel­punkt für die japa­ni­schen Eli­ten ist dabei ihre Alli­anz mit den USA, deren aktu­el­le Zie­le bei den Zwei-plus-zwei-Gesprä­chen mit Blin­ken und Aus­tin Mit­te März bespro­chen wur­den. Dabei wur­den ins­be­son­de­re etwai­ge mili­tä­ri­sche Bei­trä­ge Japans im Fal­le eines Krie­ges um Tai­wan diskutiert.[4]

Gemeinsame Manöver und Operationen

Auch bei den japa­nisch-deut­schen Zwei-plus-zwei-Gesprä­chen stan­den mili­tä­ri­sche Vor­ha­ben auf dem Pro­gramm, vor allem der bevor­ste­hen­de Besuch der deut­schen Fre­gat­te Bay­ern, die im August mit Kurs auf Asi­en auf­bre­chen und nach meh­re­ren Zwi­schen­sta­tio­nen in Japan ein­tref­fen wird. Wie die Tages­zei­tung Mai­ni­chi Shim­bun berich­tet, wünscht Tokio für die Zeit des Auf­ent­halts der Fre­gat­te gemein­sa­me Manö­ver mit den japa­ni­schen Streitkräften.[5] Dar­über hin­aus sind, wie das deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um bestä­tigt, gemein­sa­me deutsch-japa­ni­sche Ope­ra­tio­nen zur Über­wa­chung des UN-Waf­fen­em­bar­gos gegen Nord­ko­rea geplant. Neben mili­tä­ri­schen Vor­ha­ben the­ma­ti­sier­ten bei­de Sei­ten bei den Zwei-plus-zwei-Gesprä­chen auch die Absicht, in Zukunft in der Rüs­tung enger zu koope­rie­ren. Japan bezieht sein Kriegs­ge­rät zur Zeit vor­wie­gend aus den USA. Eine enge­re Mili­tär­ko­ope­ra­ti­on mit Japan stre­ben neben Deutsch­land auch Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich an. Lon­don wird im Mai sei­nen neu­en Flug­zeug­trä­ger „Queen Eliza­beth“ nach Ost­asi­en ent­sen­den; am Ziel­punkt der Rei­se, in Japan, sind gemein­sa­me Manö­ver mit den japa­ni­schen und den US-ame­ri­ka­ni­schen Streit­kräf­ten geplant.[6]

Der transpazifische Viererpakt

Frank­reich wie­der­um hat vom 5. bis zum 7. April im Golf von Ben­ga­len das Mari­ne­ma­nö­ver „La Pérou­se“ durch­ge­führt, an dem auch die japa­ni­schen Streit­kräf­te betei­ligt waren. „La Pérou­se“, benannt nach einem fran­zö­si­schen Mari­ne­of­fi­zier, der im Jahr 1788 auf einer Erkun­dungs­fahrt im Pazi­fik ver­schwand, wur­de erst­mals 2019 abge­hal­ten; invol­viert waren damals Kriegs­schif­fe nicht nur Japans, son­dern auch Aus­tra­li­ens und der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Dies­mal nahm zusätz­lich auch die indi­sche Mari­ne teil; damit übten erst­mals alle vier Staa­ten des „Quad“ (Qua­dri­la­te­ral Secu­ri­ty Dia­lo­gue), eines infor­mel­len Bünd­nis­ses der USA, Japans, Aus­tra­li­ens und Indi­ens, unter der mili­tä­ri­schen Füh­rung Frankreichs.[7] Die vier Quad-Staa­ten wie­der­um hat­ten im Novem­ber 2020 bereits ein gemein­sa­mes Manö­ver („Mala­bar 2020“) abge­hal­ten, eben­falls im Golf von Ben­ga­len; Aus­rich­ter war Indien.[8] Hoch­ran­gi­ge US-Mili­tärs for­dern, gemein­sa­me Manö­ver der Quad-Mit­glie­der zu ver­ste­ti­gen und sie mit­tel­fris­tig wei­ter aus­zu­bau­en; zudem kön­ne man schon in drei bis vier Jah­ren etwa eine gemein­sa­me Insti­tu­ti­on grün­den („Quad Cen­ter of Excel­lence“), deren Auf­ga­be es sei, gemein­sa­me stra­te­gi­sche Dok­tri­nen zu entwickeln.[9]

Ständige Marinepräsenz im Indischen Ozean

Wenn­gleich noch unklar ist, ob sich die Quad-Mili­tär­ko­ope­ra­ti­on tat­säch­lich in einem sol­chen Maß inten­si­vie­ren lässt, drin­gen seit gerau­mer Zeit Exper­ten in der EU auf enge­re Zusam­men­ar­beit auch der Staa­ten Euro­pas mit dem Quad.[10] Zuletzt hat sich in die­sem Sinn Ende ver­gan­ge­ner Woche der Euro­pean Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons (ECFR) zu Wort gemel­det. Wie es in einer Ana­ly­se des Think-Tanks heißt, kön­ne der tran­spa­zi­fi­sche Vie­rer­pakt der EU „als Andock­stel­le“ für eine Aus­wei­tung ihrer Akti­vi­tä­ten in der Regi­on die­nen; die Uni­on und ihre Mit­glied­staa­ten soll­ten ihn unbe­dingt „in ihre stra­te­gi­sche Annä­he­rung an den Indo-Pazi­fik ein­be­zie­hen“. Das gel­te nicht nur, aber auch für mili­tä­ri­sche Akti­vi­tä­ten. Woll­ten „die Euro­pä­er“ den Ein­fluss ihrer mili­tä­ri­schen Res­sour­cen in der Regi­on maxi­mie­ren, soll­ten sie sie außer­dem gezielt stra­te­gisch ein­set­zen. So sei etwa mög­lich, sich unter­ein­an­der so abzu­stim­men, dass eine stän­di­ge euro­päi­sche Mari­ne­prä­senz im Indi­schen Oze­an gewähr­leis­tet sei; dazu soll­ten Deutsch­land, die Nie­der­lan­de, Spa­ni­en und Por­tu­gal die Res­sour­cen ihrer See­streit­kräf­te mit den­je­ni­gen Frank­reichs koor­di­nie­ren, das schon jetzt eine Mari­ne­prä­senz in der Indo-Pazi­fik-Regi­on unterhalte.[11] Damit kön­ne man dem Ein­fluss Chi­nas ent­schlos­sen ent­ge­gen­tre­ten.

[1] Zei­chen des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens: Japan und Deutsch­land unter­zeich­nen Geheim­schutz­ab­kom­men. aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 22.03.2021.

[2] Außen- und sicher­heits­po­li­ti­sche Kon­sul­ta­tio­nen zwi­schen Japan und Deutsch­land. aus​wa​er​ti​ges​-amt​.de 13.04.2021.

[3] Juli­an Ryall: Japan seeks Ger­man help to coun­ter China’s clout in Indo-Paci­fic. dw​.com 14.04.2021.

[4] Japan and U.S. defen­se chiefs affirm coope­ra­ti­on over Tai­wan emer­gen­cy. japan​ti​mes​.co​.jp 21.03.2021.

[5] Japan, Ger­ma­ny hold 1st secu­ri­ty talk to deter Chi­na. mai​ni​chi​.jp 13.04.2021.

[6] S. dazu Die neue deut­sche Kano­nen­boot­po­li­tik (II).

[7] Phil­ip­pe Chap­leau: L’In­de aux côtés de la Fran­ce pour l’e­x­er­ci­ce naval « La Pérou­se » dans le gol­fe du Ben­ga­le. ouest​-fran​ce​.fr 07.04.2021.

[8] S. dazu Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (VI).

[9] Jef­frey T. Vanak, Jack Sou­ders, Ken­neth del Mazo: How to Ope­ra­tio­na­li­ze the Quad. the​di​plo​mat​.com 30.03.2021.

[10] S. dazu Im Osten des Indi­schen Oze­ans.

[11] Mani­sha Reu­ter: Friends in deed: How the EU and the Quad can pro­mo­te secu­ri­ty in the Indo-Paci­fic. ecfr​.eu 16.04.2021.

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