[KgK:] Erfahrungsbericht: Hausdurchsuchung nach einem halben Gramm Gras

Die­se Erin­ne­run­gen sind nun fast zehn Jah­re her. Damals bin ich Anfang 20 bei einem Kon­zert in Mün­chen. Ein biss­chen abseits ste­he ich mit einer Grup­pe von viel­leicht fünf, sechs Leu­ten. Der Joint, den ich ent­facht habe, kommt gera­de im Uhr­zei­ger­sinn zu mir zurück. Ent­spannt füh­le ich mich, habe etwas Bier getrun­ken und zie­he nun an der Tüte. Aus mei­nen Augen­win­keln sehe ich, wie sich von links und rechts zwei schwarz ange­zo­ge­ne Per­so­nen ziel­stre­big auf mich zube­we­gen. Für einen Moment schaut mir der 30-Jäh­ri­ge Typ direkt in die Augen. Sofort weiß ich: Es sind Zivil­fahn­der. Am Ran­de eines Kon­zerts lun­ger­ten sie rum, offen­sicht­lich auf der Mis­si­on, kri­mi­nel­le Kif­fer zu schnap­pen.

Ich fan­ge an, Rich­tung Kon­zert­saal zu ren­nen. Mei­ne Hoff­nung ist, dass sie es nicht wagen, mit hin­ein zu lau­fen oder dass mir die Men­schen­men­ge Schutz gibt. Aber in dem Moment, in dem ich die Tür auf­rei­ßen will, wer­de ich zu Boden geris­sen. Der eine Cop hat sogleich sein Knie in mei­nem Rücken, der ande­re schirmt mich von den ver­wirrt drein­bli­cken­den umste­hen­den Per­so­nen ab. Gemur­re, was das soll. Da trifft gleich die Kaval­le­rie ein. Zwei Strei­fen­wa­gen, die Besat­zung springt her­aus. Macht sich wich­tig. Taschen- und Kör­per­kon­trol­le. „Haben Sie etwas, wor­an ich mich ver­let­zen könn­te?“ Ein hal­bes Gramm Gras im Geld­beu­tel. Ich krie­ge Hand­schel­len an, wer­de zum Auto mit­ge­nom­men und ab.

Das Verhör 

Die Poli­zis­ten fah­ren mich zur Wache. Erken­nungs­dienst­li­che Behand­lung wegen § 81 b StPO: Ver­dacht einer Straf­tat. Ich wer­de von links, rechts, vor­ne mit glei­ßen­dem Licht abfo­to­gra­fiert. Fin­ger­ab­drü­cke wer­den mir genom­men. Die DNA-Pro­be ver­wei­ge­re ich. Dann tref­fe ich wie­der auf mei­nen vor­he­ri­gen Bekann­ten, den 30-jäh­ri­gen Zivil­fahn­der von der Kri­mi­nal­po­li­zei. Ein jun­ger, dyna­mi­scher Typ. Mit sei­nem etwas älte­ren Kol­le­gen, einem etwas gemüt­li­cher anmu­ten­den 50-Jäh­ri­gen, lei­tet er die Ermitt­lun­gen. Ich kön­ne Du zu ihm sagen. Wie nett von ihm. Er will mich zum plau­dern brin­gen.

An die­ser Stel­le: Wenn Cops euch als Beschul­dig­te noch so sehr Honig ums Maul schmieren, lasst euch nicht drauf ein. Nicht mal auf Gesprä­che über das Wet­ter. Das gehört zu ihrer Tak­tik. Sie wol­len euch ein­lul­len, Glau­ben machen, dass das hier ein ganz nor­ma­ler Talk zwi­schen Per­so­nen auf Augen­hö­he ist. Aber sie lügen. Reagiert nicht mal, wenn sie euch das Du anbie­ten. Wenn sie wis­sen wol­len, was euer Lieb­lings-Fuß­all­team ist, ob ihr allei­ne wohnt (sehr ver­däch­tig! Ich habe lei­der ja gesagt), oder ob ihr ein Kilo Hasch gebun­kert habt. Egal wel­che Fra­ge – ver­wei­gert eine Ant­wort. Ich mach­te damals den Feh­ler, mich auf den Small­talk ein­zu­las­sen, aber das macht es der Poli­zei nur leich­ter, euch in fal­scher Sicher­heit zu wie­gen und euch bei den heik­len Fra­gen ins Schleu­dern zu brin­gen.

Ob ich schon mal mit der Poli­zei zu tun hat­te? Von wem ich das Can­na­bis denn habe? Ob ich noch mehr daheim habe? Der Poli­zist wird neu­gie­rig. Ich bin vom Bier und dem Gras ein biss­chen bene­belt, über­for­dert mit den Fra­gen. Ich will mich dazu nicht äußern, aber der Cop riecht, dass ich ner­vös bin. Er bohrt nach. „Der ist ja völ­lig zuge­dröhnt“, sagt er zu sei­nem Kol­le­gen, um mich wei­ter zu ver­un­si­chern. Wenn ich nichts sagen will, kön­ne man ja auch zu mir nach Hau­se fah­ren. Der Ton wird unfreund­li­cher. Da mischt sich der älte­re Bul­le ein. Das muss ja nicht nötig sein, wir wol­len hier nur den Sach­ver­halt auf­klä­ren. In sei­ner gemüt­li­chen baju­wa­ri­schen Art mit dezen­tem Bier­bauch fläzt er fast schon läs­sig zwei Meter von mir ent­fernt auf dem Stuhl. Der Jün­ge­re dage­gen setzt sich jetzt direkt auf die Tisch­kan­te halb zu mir nach vor­ne gelehnt und wird ein­dring­li­cher. „Dir ist schon klar, dass wir hier wegen einer Straf­tat ermit­teln? Denk mal drü­ber nach.“ Er ver­lässt kurz den Raum. „Hey, das ist nicht so tra­gisch. Wir haben alle frü­her mal an einem Joint gezo­gen, du kannst es ruhig erzäh­len“, meint da wie­der der Älte­re. Damals war ich viel­leicht naiv, aber ganz so blöd dann auch nicht. Guter Bul­le, böser Bul­le. Ich wäre fast schon amü­siert. Wäre da nicht das unan­ge­neh­me Gefühl, dass bei mir daheim noch mehr Gras rum­liegt.

Die Durchsuchung

Das Ver­hör zieht sich. Es müs­sen min­des­tens zwei Stun­den sein, genau­er kann ich es nicht sagen. Mein Han­dy wird mir abge­nom­men. Ich wer­de es ein hal­bes Jahr nicht wie­der sehen und danach sind all mei­ne Daten und Chats gelöscht. Irgend­wann platzt dem jun­gen Cop der Gedulds­fa­den: „Wir sehen doch, dass du was zu ver­ber­gen hast. Wir kön­nen jetzt auch mit einem Spür­hund zu dir fah­ren und nach­se­hen.“ Ich sage ihm, dass es dafür eine rich­ter­li­che Anord­nung braucht. Es ist ihm egal: Gefahr im Ver­zug, Art. 13 Abs. 2 GG. Sie ste­cken mich wie­der in das Auto. Der Hund kommt nicht mit – angeb­lich kei­ner frei, viel­leicht war es auch nur ein Bluff.

Bei mir ange­kom­men trifft Ver­stär­kung ein. Zwei Strei­fen­po­li­zis­ten aus dem nahe­ge­le­ge­nen Poli­zei­re­vier. Zu viert ste­hen die Her­ren nun in mei­ner Woh­nung. Ich über­ge­be ich ihnen das Gras aus mei­ner Schub­la­de, cir­ca zehn Gramm. Ich habe kei­ne Lust, dass sie alles durch­wüh­len. Sie tun es natür­lich trotz­dem. Der Inhalt mei­ner Schrän­ke liegt danach im Zim­mer ver­teilt. Der jun­ge Bul­le macht wei­ter Druck. Bei einer sol­chen Men­gen betrei­be ich ja offen­sicht­lich Han­del. Dafür kön­ne ich in den Knast gehen. Ich sol­le jetzt end­lich mit der gan­zen Sto­ry aus­pa­cken, sonst wer­de ich noch grö­ße­re Pro­ble­me krie­gen. Was denn für eine ver­fick­te Sto­ry, den­ke ich mir. Meint er, ich bin Pablo Esco­bar? Er baut eine absur­de Droh­ku­lis­se auf. Dabei haben sie eigent­lich schon alles, was sie wol­len. Wenn ich mag, kann ich mich ihm anver­trau­en, meint der Gute Bul­le. Es ist mitt­ler­wei­le schon drei oder vier in der Nacht. Das gan­ze Pro­ze­de­re wie­der­holt sich immer wie­der, es fängt an, mich zu lang­wei­len. Lang­sam che­cken auch mei­ne Gäs­te, dass der Abend gelau­fen ist. Bevor sie gehen, klau­en sie noch eine Pipe und ein Buch über Can­na­bis. „Beweis­mit­tel.“ Ich soll unter­schrei­ben, dass ich mit der Beschlag­nah­mung ein­ver­stan­den bin. Als ob es einen Unter­schied machen wür­de.

Ein hal­bes Jahr nach der Haus­durch­su­chung kommt ein Straf­be­fehl wegen Besitz von Betäu­bungs­mit­teln mit einer mitt­le­ren drei­stel­li­gen Sum­me rein. Irgend­wie müs­sen die sinn­lo­sen Kos­ten für den Poli­zei­ein­satz ja gedeckt wer­den. Was ler­ne ich dar­aus? Seid vor­sich­tig, wo ihr kifft. Und wenn ihr schon meint, mit Dro­gen irgend­wo unter­wegs sein zu müs­sen, passt auf, was ihr auf euren Han­dys und Rech­nern habt. Bei mir konn­ten sie wegen (ursprüng­lich) 0,5 Gramm all mei­ne Chats lesen. Ich war sicher­lich zu unvor­sich­tig. Aber ich ken­ne von ande­ren Leu­ten ähn­li­che Sto­rys. Ein Freund, der wegen 0,2 Gramm (!) eine Haus­durch­su­chung hat­te… 

Wenn die­se Gangs­ter in Uni­form Bock haben, euch übel mit­zu­spie­len, wer­den sie es tun. Sie sind die wah­ren Ver­bre­cher. Bei mir war es unan­ge­nehm, aber es ver­lief letzt­lich glimpf­lich. In Del­men­horst brach­ten sie hin­ge­gen den 19-Jäh­ri­gen Qosay K. um, nach­dem sie ihn beim Kif­fen im Park erwischt haben. Sie atta­ckier­ten ihn mit Schlä­gen und Pfef­fer­spray, sodass er spä­ter in der Poli­zei­zel­le tot zusam­men­brach. Der Job der Cops ist es, euch Respekt vor den Geset­zen ein­zu­prü­geln. Nur sind die­se Geset­ze gegen uns, wie das Ver­bot von Can­na­bis. Und wie die Eigen­tums­ord­nung, in der die Super­rei­chen alles haben und die gro­ße Mehr­heit nichts. In Wahr­heit sind die Bul­len nur die Schlä­ger der Bon­zen in den Vil­len und Chef­eta­gen. Ihnen gehört kein Respekt. Wir müs­sen uns orga­ni­sie­ren in den Schu­len, Unis und Arbeits­plät­zen und für unse­re Rech­te kämp­fen. Für das Recht, ein gutes Leben zu haben und von den Bul­len in Ruhe gelas­sen zu wer­den.

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