[UG-Blättle:]Wie wird der Mann zum Mann?

Der Auf­schwung der femi­nis­ti­schen Bewe­gung ist unge­bro­chen und damit auch die Kri­tik am Patri­ar­chat.

Bild: Rug­by-Match zwi­schen ST und Glouces­ter, Novem­ber 2011. /​Pier­re­Selim (CC BY-SA 3.0 unpor­ted – crop­ped)

Lin­ke Män­ner tun sich aller­dings schwer damit, ihre Posi­ti­on und Sozia­li­sa­ti­on in der patri­ar­cha­len Gesell­schaft zu reflek­tie­ren. Die­ser Text wagt einen Ver­such.

Das Selbst­bild west­li­cher Gesell­schaf­ten ist heut­zu­ta­ge durch die Idee der Chan­cen­gleich­heit geprägt. Es wird moniert, dass es noch eini­ge Män­gel zu behe­ben gebe, aber ansons­ten bewe­ge sich die Gesell­schaft kon­ti­nu­ier­lich in Rich­tung Gleich­be­rech­ti­gung. Patri­ar­cha­le Ver­hält­nis­se wer­den vor allem in «ande­ren Kul­tu­ren» ver­mu­tet. Erin­nern wir uns bei­spiels­wei­se an den media­len Auf­schrei rund um die «Sil­ves­ter­nacht von Köln» im Jahr 2015, im Zuge des­sen sich auch vie­le Libe­ra­le den ekel­haf­tes­ten ras­sis­ti­schen Kli­schees hin­ga­ben.

Über­spitzt for­mu­liert lässt sich die «Debat­te» wie folgt zusam­men­fas­sen: In einer angeb­lich «auf­ge­klär­ten» west­li­chen Welt sei sexua­li­sier­te Gewalt ein Import­pro­dukt «zurück­ge­blie­be­ner Kul­tu­ren». So insze­nier­ten sich selbst hyper­mas­ku­li­ne rech­te Män­ner als Beschüt­zer west­li­cher Wert­vor­stel­lun­gen im Umgang mit Frau­en. Über hege­mo­nia­le Männ­lich­keit wur­de im Zuge der Über­grif­fe, wenn über­haupt, nur am Ran­de gespro­chen.

Der femi­nis­ti­sche Auf­schwung der letz­ten Jah­re führ­te dazu, dass das The­ma Männ­lich­keit selbst im media­len Main­stream ver­mehrt behan­delt wird. So ist etwa im Mode­ma­ga­zin «Vogue» zu lesen, dass tra­di­tio­nel­le Män­ner­rol­len über­holt sei­en und moder­ne For­men von Männ­lich­keit ent­wi­ckelt wer­den müss­ten. Der moder­ne Mann soll sich nicht mehr durch Här­te, Emo­ti­ons­lo­sig­keit, Domi­nanz und Unab­hän­gig­keit aus­zeich­nen.

Statt­des­sen sol­len ande­re Eigen­schaf­ten in den Vor­der­grund tre­ten, die par­al­lel zur geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­tei­lung bis anhin eher mit «Weib­lich­keit» asso­zi­iert wur­den. Pro­ble­ma­tisch ist, dass dabei igno­riert wird, wie Männ­lich­keits­idea­le mit patri­ar­cha­len Macht- und Unter­drü­ckungs­struk­tu­ren ver­wo­ben sind. Auch geht die­se Art der Betrach­tung von Männ­lich­keit mit dem Anspruch ein­her, Geschlech­ter­rol­len durch blos­se Selbst­re­fle­xi­on zu über­win­den. Tra­di­tio­nel­le Männ­lich­keits­idea­le sol­len einem moder­nen, alter­na­ti­ven und kri­ti­schen Männ­lich­keits­ide­al wei­chen.

Die­sen Anspruch tei­len auch vie­le lin­ke Män­ner. Doch meist herrscht selbst in lin­ken und anar­chis­ti­schen Krei­sen eine man­geln­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Männ­lich­keit und den gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen inner­halb derer sich die hege­mo­nia­le Männ­lich­keit kon­sti­tu­iert. Dass es in der lin­ken Bub­ble oft bei Lip­pen­be­kennt­nis­sen zum Femi­nis­mus bleibt und die Refle­xi­on über die eige­ne Rol­le inner­halb patri­ar­cha­ler Ver­hält­nis­se eben­so wie die Auf­ar­bei­tung sexis­ti­scher Ver­hal­tens­mus­ter ver­mie­den wer­den, the­ma­ti­sier­ten zuletzt die RJG FLINT* in ihrem State­ment zur Auf­lö­sung der Revo­lu­tio­nä­ren Jugend­grup­pe Bern.

Das Selbst­bild lin­ker und anar­chis­ti­scher Män­ner geht mit einer Selbst­über­hö­hung ein­her, die Selbst­kri­tik ver­mei­den soll. Patri­ar­cha­le Ver­hal­tens­mus­ter wer­den exter­na­li­siert, also auf «die ande­ren», nicht-lin­ken Män­ner pro­ji­ziert. Es wird so getan, als ob die Selb­steti­ket­tie­rung als Anar­chist, Kom­mu­nist oder revo­lu­tio­nä­rer Lin­ker auto­ma­tisch eine anti­se­xis­ti­sche Hal­tung mit sich brin­ge. Dabei insze­nie­ren sich lin­ke Män­ner als reflek­tier­ter und bes­ser als die Män­ner aus­ser­halb der Sze­ne.

Die Gegen­über­stel­lung von lin­ken und nicht-lin­ken Män­nern wird einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit patri­ar­cha­len Ver­hält­nis­sen nicht gerecht. Es ist nicht nur eine Aus­ein­an­der­set­zung mit femi­nis­ti­scher Theo­rie und Pra­xis not­wen­dig – mei­nes Erach­tens ins­be­son­de­re in ihrer mate­ria­lis­ti­schen und anti­au­to­ri­tä­ren Aus­prä­gung – son­dern auch eine Refle­xi­on und Aner­ken­nung der eige­nen Sozia­li­sa­ti­on und Rol­le inner­halb der patri­ar­chal gepräg­ten Gesell­schaft.

Die­ser Text ist ein Ver­such, mich dem Phä­no­men der Männlichkeit(en) sowohl all­ge­mein, als auch mit Blick auf mei­ne eige­ne Bio­gra­phie und Sozia­li­sa­ti­on zu nähern. Ich fokus­sie­re mich dar­auf, wie kul­tu­rell ver­mit­tel­te Vor­stel­lun­gen von Männ­lich­keit bis tief ins unbe­wuss­te psy­chi­sche Leben Ein­gang fin­den. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung bleibt somit skiz­zen­haft, trägt sehr sub­jek­ti­ve Züge und ist vor allem phä­no­me­no­lo­gi­scher Natur. Die­se Sub­jek­ti­vi­tät ist den­noch objek­tiv – also durch die patri­ar­cha­le Gesell­schafts­ord­nung – ver­mit­telt, wes­halb ich hof­fe, dass die­ser Text einen Bei­trag zur ein­füh­ren­den Aus­ein­an­der­set­zung mit Männ­lich­keit, Sexis­mus und Patri­ar­chat lie­fern kann.

Männlichkeiten als Abgrenzung

Kei­ne spe­zi­fi­sche Form von Männ­lich­keit steht für sich allein, sie ent­steht immer im Span­nungs­ver­hält­nis mit und in Abgren­zung gegen­über dem, was nicht der Norm ent­spricht. Vor allem ent­steht sie in Abgren­zung gegen­über der Weib­lich­keit, aber auch gegen­über der Homo­se­xua­li­tät oder ande­ren For­men des nicht hete­ro­se­xu­el­len Begeh­rens oder der nicht binä­ren Geschlechts­iden­ti­tät. Männ­lich sozia­li­sier­te Per­so­nen ler­nen, dass sie angeb­lich über Frau­en, Les­ben sowie inter, nicht­bi­nä­ren, trans und agen­der Per­so­nen (FLINTA) ste­hen und pro­fi­tie­ren auf ver­schie­de­nen Ebe­nen von patri­ar­cha­len Struk­tu­ren. Sie haben bei­spiels­wei­se ein­fa­che­ren Zugang zu gesell­schaft­li­chen Res­sour­cen und sind nicht auf die­sel­be Art und Wei­se sexis­ti­scher Gewalt aus­ge­setzt wie Frau­en. Wobei natür­lich auch betont wer­den muss, dass die Kate­go­rie Frau eben­falls in unter­schied­li­che Herr­schafts­ver­hält­nis­se ein­ge­bet­tet ist (z.B. race, Klas­se, Reli­gi­on etc.).

Dabei darf nicht aus­ser Acht gelas­sen wer­den, dass nicht alle Män­ner die glei­chen Vor­tei­le aus patri­ar­cha­len Struk­tu­ren zie­hen und dass auch Män­ner unter dem Patri­ar­chat lei­den. Die Stel­lung von Män­nern in patri­ar­chal-kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten bedarf in die­ser Hin­sicht wei­te­rer Dif­fe­ren­zie­run­gen, die unter­schied­li­chen Macht- und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis­sen gerecht wer­den: Nicht nur Klas­sen­ver­hält­nis­sen und ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren, son­dern auch die mit dem Patri­ar­chat ver­wo­be­ne Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät muss mit­ein­be­zo­gen wer­den.

Der Begriff der hege­mo­nia­len Männ­lich­keit unter­streicht jene Hier­ar­chi­sie­rung, denen Män­ner aus­ge­setzt sind und hebt her­vor, dass es nicht nur eine ein­zi­ge Form von Männ­lich­keit gibt, son­dern dass ver­schie­de­ne Kon­zep­te von Männ­lich­kei­ten exis­tie­ren. Die­se sind ihrer­seits immer in einen spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen, sozia­len, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Moment ein­ge­bet­tet.

Du musst dominant, unabhängig, rational, siegessicher und stark sein!

Eine der ers­ten kul­tur­in­dus­tri­el­len Pro­duk­tio­nen an die ich mich erin­ne­re, ist eine Detek­tiv-Sei­fen­oper, die immer bei mei­ner Gross­mutter lief. Die Taten des hel­den­haf­ten Bul­len führ­ten nicht nur dazu, dass ich wäh­rend mei­ner Kind­heit eif­rig beton­te, dass ich nicht nur Fuss­ball­spie­ler, Sän­ger und Schau­spie­ler, son­dern auch Bul­le wer­den woll­te, sie dien­ten mir auch zu einer sehr frü­hen und unbe­wuss­ten Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Männ­lich­keit der Haupt­fi­gur der Sei­fen­oper – die ich mit den Män­nern in mei­ner Fami­lie asso­zi­ier­te.

Ich war wahr­schein­lich fünf Jah­re alt, als ich ver­such­te, eine Spiel­kum­pa­nin lei­den­schaft­lich auf den Mund zu küs­sen. Ganz so wie es mir der Seri­en­held vor­ge­macht hat­te, der sich Frau­en­kör­per ein­fach nach Lust und Lau­ne nahm. Die Geschen­ke, die mein Bul­len­held sei­ner Gelieb­ten mach­te, ver­such­te ich zu imi­tie­ren, indem ich – treu dem Grund­satz, dass der Mann die Frau zu ver­füh­ren hat – Schmuck­stü­cke mei­ner Gross­mutter stahl und sie einem Mäd­chen im Kin­der­gar­ten schenk­te. Sie ver­stand mei­ne «roman­ti­sche» Ges­te nicht und ich selbst wuss­te auch nicht genau was ich tat. Es war mir nicht bewusst, was ich da imi­tier­te. Also hüpf­ten wir ein­fach im Matrat­zen­zim­mer umher. Es ist erschre­ckend, wie schnell Kin­der die kul­tur­in­dus­tri­el­le Aus­prä­gung der hege­mo­nia­len Männ­lich­keit inter­na­li­sie­ren kön­nen und wie das fami­liä­re Umfeld die­se zusätz­lich zemen­tiert.

Dass ich einer bestimm­ten Geschlech­ter­rol­le ent­spre­chen muss, wur­de mir erst durch den Sport all­mäh­lich klar. Exis­tier­te wäh­rend des geschlech­ter­durch­misch­ten Kampf­sport­un­ter­richts, an dem ich als Fünf­jäh­ri­ger teil­nahm, noch eine Stim­mung der gemein­sa­men Rück­sicht­nah­me, so änder­te sich das dras­tisch, als ich begann, in einem Fuss­ball­ver­ein zu trai­nie­ren. Dort wur­den Kon­kur­renz­den­ken, ein unbän­di­ger Sie­ges­wil­le und Furcht­lo­sig­keit erwar­tet. Nicht nur vom Trai­ner, son­dern auch von mei­nem Vater. Dass ich mei­ne Freu­de am Fuss­ball ver­lor und meist regungs­los und vol­ler Angst auf dem Spiel­feld stand, inter­es­sier­te kaum jeman­den.

Im Fuss­ball­ver­ein bekam ich immer wie­der zu hören, ich sol­le kein Angst­ha­se sein, son­dern mich zusam­men­reis­sen, kämp­fen und den ande­ren zei­gen, was ich kann. Erfüll­te ich die­se Erwar­tun­gen nicht, wur­de ich von mei­nem Vater ver­spot­tet oder igno­riert. Ich ahn­te nicht, dass all die domi­nanz- und kon­kur­renz­ba­sier­ten Erwar­tun­gen («sei kein Angst­ha­se», «du musst es ihnen zei­gen und kämp­fen», «du musst gewin­nen und bes­ser sein als die ande­ren») eine Abgren­zung gegen­über dem «Weib­li­chen» und auch gegen­über unter­ge­or­de­ne­ten For­men der Männ­lich­keit waren. Sie waren also ein Aus­druck von hege­mo­nia­ler Männ­lich­keit. All dies wur­de mir von Per­so­nen ver­mit­telt, in deren Welt- und Selbst­bild die­se Abgren­zung so tief ver­an­kert war, dass sie ihnen gar nicht mehr auf­fiel.

Den Spruch «komm schon, wein nicht, du musst ein Mann sein» bekam ich wäh­rend mei­ner Kind­heit und Jugend immer wie­der zu hören, sowohl von Män­nern, wie auch von Frau­en. Dies ging mit der Tat­sa­che ein­her, dass die meis­ten mei­ner männ­li­chen Fami­li­en­mit­glie­der aller­lei Emo­tio­nen aus­ser eine genui­ne Ver­letz­lich­keit öffent­lich zeig­ten und lässt erah­nen, wie sich kul­tu­rell ver­mit­tel­te Ver­hal­tens­mus­ter Schritt für Schritt in der Psy­che ver­an­kern. Vie­len Män­nern fällt es schwer, Schwä­che und Ver­letz­lich­keit ein­zu­ge­ste­hen. Dies erhöht die Wahr­schein­lich­keit psy­chi­scher Erkran­kun­gen oder Sucht­ver­hal­ten. Män­ner sind zu stolz, um Hil­fe zu suchen, weil das Männ­lich­keits­ide­al ver­langt, jedes Pro­blem als Ein­zel­kämp­fer zu bewäl­ti­gen.

Mit dem Kopf durch die Wand

Das Ide­al des Ein­zel­kämp­fers ist gekop­pelt an die Idee der Unab­hän­gig­keit, die wie­der­um als Stär­ke gilt. Der männ­li­che Selbst­an­spruch zur Unab­hän­gig­keit gerät jedoch vor allem wäh­rend der Puber­tät in die Kri­se – und hallt auch bei vie­len erwach­se­nen Män­nern ein gan­zes Leben lang nach. In der Puber­tät rückt das sexu­el­le Begeh­ren immer mehr in den Mittelpunkt.1 Da die Sexu­al­auf­klä­rung sowohl in Schu­len als auch in der Fami­lie meist zu kurz kommt, wer­den kul­tur­in­dus­tri­el­le Pro­duk­tio­nen für vie­le Jugend­li­che zum pri­mä­ren Ori­en­tie­rungs­punkt. Dar­in wird der männ­li­che Zugriff auf Frau­en­kör­per als Selbst­ver­ständ­lich­keit und sogar als Recht des Man­nes dar­ge­stellt.

Dies betrifft nicht nur Main­stream-Por­nos, son­dern auf sub­ti­le­re Art und Wei­se auch Sei­fen­opern, Fil­me, Lite­ra­tur, Musik. Im «rea­len» Leben sehen sich puber­tie­ren­de hete­ro­se­xu­el­le Män­ner jedoch damit kon­fron­tiert, dass die Befrie­di­gung ihres sexu­el­len Begeh­rens von eigen­stän­di­gen und selbst den­ken­den Frau­en abhän­gig ist. Dadurch ent­steht eine Dis­kre­panz in der männ­li­chen Psy­che: Die Unab­hän­gig­keit, die vom gesell­schaft­lich ver­mit­tel­ten Män­ner­ide­al gefor­dert wird, sieht sich durch die Abhän­gig­keit des sexu­el­len Begeh­rens durch die Frau begrenzt, was bei eini­gen Män­nern zu einer Krän­kung füh­ren kann.

Es ist vor allem in die­ser Pha­se der männ­li­chen Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung, in der sich die Ver­an­la­gung zu über­grif­fi­gem Ver­hal­ten ver­stärkt. Das ver­meint­li­che Recht auf den Frau­en­kör­per gehört zum patri­ar­cha­len Unter­be­wusst­sein und ein Ver­zicht dar­auf führt bei männ­lich sozia­li­sier­ten Per­so­nen zu einem Gefühl des Man­gels, denn die Unab­hän­gig­keit und das eige­ne Mann-Sein wer­den dadurch in Fra­ge gestellt.

Über­grif­fi­ges Ver­hal­ten, das durch das unter­be­wusst inter­na­li­sier­te Ide­al des Anspruchs auf Frau­en­kör­per ver­ur­sacht wird, kann unter­schied­li­che For­men anneh­men: Von sexis­ti­schen Bemer­kun­gen (oft getarnt als Iro­nie), uner­wünsch­ter Auf­merk­sam­keit (auch unter dem Deck­man­tel der «Roman­tik») über Stal­king, eifer­süch­ti­ge Kon­troll­sucht oder psy­chi­sche Mani­pu­la­ti­on in Bezie­hun­gen bis hin zu sexua­li­sier­ten Über­grif­fen und Gewalt. Wir täten falsch dar­an, sexu­ell über­grif­fi­ges Ver­hal­ten und gene­rell gewalt­tä­ti­ges Ver­hal­ten zu indi­vi­dua­li­sie­ren. Im Gegen­teil muss offen gesagt wer­den: Die patri­ar­chal-männ­li­che Sozia­li­sa­ti­on macht jeden Mann zum poten­ti­el­len Täter. Pho­to by Anna Fri­zen on Unsplash

Der Fetischcharakter der Männlichkeit

All­zu oft wer­den bestimm­te Ver­hal­tens- und Denk­mus­ter ledig­lich als per­sön­li­ches Cha­rak­ter­de­fi­zit wahr­ge­nom­men, ohne gesell­schaft­li­che Pro­zes­se zu reflek­tie­ren, die zu die­sen Mus­tern füh­ren. Die Art und Wei­se, wie man begehrt oder was man unter Lie­be oder Sexua­li­tät ver­steht, ist nie nur indi­vi­du­el­ler Natur, son­dern immer auch his­to­risch-gesell­schaft­lich ver­mit­telt. Es exis­tiert auch eine Ten­denz dazu, jeg­li­ches Ver­hal­ten hor­mo­nell-bio­lo­gisch erklä­ren zu wol­len, als wäre der Mensch ledig­lich ein Reiz-Reak­ti­ons-Kör­per ohne Wil­len und Bewusst­sein.

Gehen wir in die­ser Hin­sicht noch­mals kurz auf das kul­tur­in­dus­tri­ell ver­mit­tel­te Ide­al hete­ro­se­xu­el­ler Sexua­li­tät ein und das damit ver­bun­de­ne «Recht auf den Frau­en­kör­per»: Die Kul­tur­in­dus­trie (dazu gehö­ren Fil­me, Bücher, Life­sty­l­ema­ga­zi­ne, Musik) ver­mit­telt ein Bild der Frau, das sie auf ihr Äus­se­res redu­ziert. Sie sind sozu­sa­gen Objek­te, die das sexu­el­le Begeh­ren des Man­nes erwe­cken und stil­len müssen.2 Ich erin­ne­re mich an Alko­hol­wer­bun­gen in Süd­ame­ri­ka, in wel­chen der Alko­hol als Mit­tel geprie­sen wur­de, um sich sei­ner Hem­mun­gen zu ent­le­di­gen und end­lich mit den heis­sen, halb­nack­ten Frau­en mit den rie­si­gen Brüs­ten zu tan­zen. «Wer­de ein ech­ter Mann und schnapp dir eine (betrun­ke­ne) gei­le Frau», lau­te­te die impli­zi­te Bot­schaft.

Im Fern­se­hen tru­gen Mode­ra­to­rin­nen enge Klei­der, die ihre Figur beton­ten und Musi­ke­rin­nen zeig­ten viel Haut um eine höhe­re männ­li­che Ein­schalt­quo­te zu erzie­len. Der angeb­lich trieb­ge­steu­er­te Mann, der nur an Sex denkt, muss durch die Kul­tur­in­dus­trie mit dem Begeh­ren nach dem weib­li­chen Kör­per gefüt­tert wer­den, denn «Män­ner wol­len nur das eine». Das höchs­te Sta­di­um der hete­ro­se­xu­el­len, männ­li­chen sexu­el­len Lust? Die Pene­tra­ti­on! Pene­tra­ti­on und Sexua­li­tät wer­den im Rah­men der hege­mo­nia­len Männ­lich­keit gleich­ge­setzt und als etwas betrach­tet, durch das Domi­nanz gesi­chert wird.

Sex in der Leistungsgesellschaft

Wenn ich in mei­ner Jugend mit männ­lich sozia­li­sier­ten Per­so­nen über Sex sprach, so waren oft Aus­drucks­for­men wie «ich habe sie gefickt» zu hören, wäh­rend mei­ne weib­lich sozia­li­sier­ten Freun­din­nen eher von «wir haben rum­ge­vö­gelt» spra­chen. «Gefickt wer­den» ist im Rah­men der Männ­lich­keit ein nega­tiv kon­no­tier­ter Aus­druck, denn pene­triert zu wer­den ist gleich­be­deu­tend mit domi­niert zu wer­den. Wenn also Män­ner damit prah­len, mit jeman­dem Sex gehabt zu haben, um ihr Ego zu stär­ken, dann drü­cken sie damit eine Domi­nanz­sehn­sucht aus: Die Frau war mei­nem Penis (und damit mir selbst) unter­ge­ord­net. Die phal­lus­zen­trier­te Sexua­li­tät wird zu einem iden­ti­täts­stif­ten­den Merk­mal, das Stär­ke, Sou­ve­rä­ni­tät und Domi­nanz sym­bo­li­siert. Sexu­el­le Potenz lässt den Mann füh­len, dass er ein Mann ist.

Der Druck, sexu­el­le Leis­tung zu erbrin­gen, ist bei der Mehr­heit der Män­ner seit der frü­hen Jugend prä­sent. Soll­te bei einem Mann die sexu­el­le Lust mal nicht vor­han­den sein oder hat er über län­ge­re Zeit kei­ne Sexu­al­part­ne­rin, lei­det sei­ne Iden­ti­tät dar­un­ter. Selbst in Paar­be­zie­hun­gen kann es vor­kom­men, dass die man­geln­de sexu­el­le Lust des Man­nes patho­lo­gi­siert wird, was den Mann dazu drängt, sich einem Männ­lich­keits­ide­al anzu­pas­sen, das ihm nicht ent­spricht. Statt zu akzep­tie­ren, dass sexu­el­le Lust indi­vi­du­ell ist und Schwan­kun­gen unter­liegt und mit ande­ren For­men der Sexua­li­tät und Nähe zu expe­ri­men­tie­ren, müs­sen sich die Män­ner zusam­men­reis­sen, um die sexu­el­le Leis­tung zu erbrin­gen, wel­che die patri­ar­chal gepräg­te Gesell­schaft und angeb­lich auch ihre Part­ne­rin­nen erwar­ten.

Die Pene­tra­ti­on wird dabei als etwas betrach­tet, das nicht nur die sexu­el­le Lust des Man­nes stillt, son­dern steht auch für das Begeh­ren des Man­nes gegen­über der Frau, das sie als begeh­rens­wer­tes sexu­el­les Objekt bestä­tigt. Die Frau­en unter­lie­gen hier­bei selbst auch einem sozia­len Druck, weil bei feh­len­dem Begeh­ren ihrer Part­ner der Ver­dacht auf­kommt, häss­lich oder schlecht im Bett zu sein. All dies zemen­tiert die hete­ro­se­xu­el­len Geschlech­ter­norm, wonach Män­ner und Frau­en ihren tra­di­tio­nel­len Rol­len nur ver­mit­telt durch die phal­lus­zen­trier­te Sexua­li­tät gerecht wer­den kön­nen.

Männlichkeit und Homosexualität

Die Abgren­zung gegen­über der Homo­se­xua­li­tät ist ein zen­tra­ler Bestand­teil des hege­mo­nia­len Männ­lich­keits­ide­als. Homo­se­xua­li­tät stellt eine per­ma­nen­te Bedro­hung dar. Ich weiss noch, wie ich im zar­ten Alter von neun Jah­ren als «Schwuch­tel» bezeich­net wur­de, weil ich ein Ohr­ring am rech­ten Ohr trug. Ohr­ring am rech­ten Ohr? Das ist schwul! Ohr­ring am lin­ken Ohr? Das ist männ­lich! Ohr­rin­ge an bei­den Ohren? Dann bist du eine Frau! Was schwul sein bedeu­te­te, wuss­te ich zu die­sem Zeit­punkt genau­so wenig wie die meis­ten klei­nen Kin­der, die das Wort «Schwuch­tel» benutz­ten um mich zu belei­di­gen.

Als ich Lehr­per­so­nen und mei­ne Eltern frag­te, was «Schwuch­tel» über­haupt bedeu­tet, wur­de mir gesagt, dass das ein «böses Wort» für Män­ner sei, die auf ande­re Män­ner ste­hen. Dar­auf­hin ent­fern­te ich mei­nen Ring am rech­ten Ohr so schnell wie mög­lich und liess mir mein lin­kes, männ­li­ches, Ohr­läpp­chen durch­ste­chen. «Schwuch­tel» war sowie­so wäh­rend mei­ner gan­zen Jugend­zeit das schlimms­te Schimpf­wort von allen, denn es bezeich­ne­te eine Art Ver­rä­ter des Männ­lich­keits­ide­als zu sein oder noch schlim­mer eine «sexu­ell gestör­te» Per­son, ein Per­vers­ling, der nur dar­auf war­te­te, ande­re sexu­ell zu miss­brau­chen. In einer Art kol­lek­ti­ven Selbst­dis­zi­pli­nie­rung wur­de peni­bel dar­auf geach­tet, dass kein «Mann» irgend­et­was tat, was einer «Schwuch­tel» oder einer «Frau» gleich­kom­men konn­te: Mit gekreuz­ten Bei­nen im Klas­sen­zim­mer sit­zen? Suspekt! Wei­nen oder Angst zei­gen? Voll schwul! Zärt­lich­keit zwi­schen Män­nern? Gefähr­lich! Kei­ne gros­se Klap­pe haben? Irgend­was läuft falsch!

Inter­es­san­ter­wei­se war es in mei­ner Schul­zeit «erlaubt», Zärt­lich­keit zwi­schen Män­nern öffent­lich zu zei­gen, wenn es sich dabei um eine Art Rol­len­spiel han­del­te, in wel­chem sich jun­ge Män­ner als schwul insze­nier­ten, um Homo­se­xu­el­le zu ver­höh­nen. Zu die­ser in Männ­lich­keit getränk­ten Par­odie gehör­te auch die bereits erwähn­te Dar­stel­lung von Homo­se­xu­el­len als über­grif­fi­ge Men­schen. Im Rol­len­spiel wur­den ande­re Män­ner ange­gan­gen, mit sexu­el­len Sprü­chen bom­bar­diert und betatscht.

Ich erin­ne­re mich auch noch dar­an, dass es wäh­rend mei­ner Schul­zeit vor allem ein Klas­sen­ka­me­rad sehr schwer hat­te, weil er kör­per­lich nicht fit war, weni­ge männ­li­che Kol­le­gen hat­te, kein Fuss­ball spiel­te und weil sowohl sei­ne Stimm­la­ge, wie auch sei­ne Ges­tik als «nicht männ­lich genug» erschie­nen. Die psy­chi­sche Ver­an­ke­rung der Männ­lich­keit im Unbe­wuss­ten, die den sozia­len Habi­tus von Män­nern kenn­zeich­net, nis­tet sich also auch in der Kör­per­lich­keit ein. Kör­per­hal­tung, Stimm­la­ge oder selbst­be­wuss­tes Auf­tre­ten sind wich­ti­ge Fak­to­ren, durch die Män­ner ler­nen Män­ner zu sein.

Die Dimen­si­on des Mob­bings gegen mei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den wur­de mir erst bewusst, als er wäh­rend zwei Wochen nicht zur Schu­le kam und ich erfuhr, dass er sich in sei­nem Zim­mer ein­sperr­te. Die­se Gewalt, Igno­ranz und Unsi­cher­heit in Bezug auf die Homo­se­xua­li­tät ent­stand, weil sie in patri­ar­cha­len und hete­ro­nor­ma­ti­ven Gesell­schaf­ten tabui­siert und als Bedro­hung der eige­nen Männ­lich­keit dar­ge­stellt wird. Je wich­ti­ger für eine Per­son die ver­in­ner­lich­te Männ­lich­keit ist und je mehr sie sich mit die­ser iden­ti­fi­ziert, des­to bedro­hen­der erscheint ein nicht hete­ro­se­xu­el­les Begeh­ren.

Mann sein: Ein Perpetuum Mobile

Wie der Kapi­ta­lis­mus oder der Staat muss auch die Männ­lich­keit als gesell­schaft­li­che Struk­tur ver­stan­den wer­den, wel­che kon­stant von den Men­schen in ihren sozia­len Bezie­hun­gen repro­du­ziert wird. Für Män­ner erzeugt die­se Repro­duk­ti­on der Männ­lich­keit ein Gefühl der Sicher­heit, sind doch die eige­ne Iden­ti­tät und vie­le damit ver­bun­de­ne Vor­tei­le an sie gekop­pelt – bezie­hungs­wei­se ist der männ­li­che Erfah­rungs­ho­ri­zont meist nicht von den­sel­ben bedroh­li­chen Sze­na­ri­en geprägt, wie der einer Frau.

Ich habe bei­spiels­wei­se noch nie von einem Mann gehört, dass der nächt­li­che Nach­hau­se­weg ihm ein mul­mi­ges Gefühl besche­ren wür­de oder dass er bei einer Essens­lie­fe­rung so tut, als sei­en noch meh­re­re Leu­te zu Hau­se – aus Angst, es könn­te zu einem sexu­el­len Über­griff kom­men. Män­ner haben grund­sätz­lich die Mög­lich­keit zu ent­schei­den, ob sie sich mit die­sem unter­schied­li­chen geschlech­ter­ba­sier­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont aus­ein­an­der­set­zen wol­len oder nicht. Für Frau­en ist das hin­ge­gen kei­ne Inter­es­sens­sa­che, son­dern viel­mehr eine tag­täg­lich erleb­te Rea­li­tät, die an sehr vie­le unan­ge­neh­me, gefähr­li­che und demü­ti­gen­de Erfah­run­gen gekop­pelt ist.

Dies bedeu­tet frei­lich nicht, dass die­se Erfah­rung bei allen Frau­en auto­ma­tisch zu einer femi­nis­ti­schen Gesell­schafts­ana­ly­se führt. Doch die Erfah­rung der nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen patri­ar­cha­ler Struk­tu­ren sind für FLINTA viel unmit­tel­ba­rer. Statt sich selbst mit die­sem unter­schied­li­chen geschlechts­ba­sier­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont aus­ein­an­der­zu­set­zen, for­dern vie­le Män­ner von Frau­en auch noch für ihre Wei­ter­ent­wick­lung zu sor­gen und femi­nis­ti­sche Bil­dungs­ar­beit leis­ten.

Die­se Erwar­tungs­hal­tung gegen­über Frau­en zeigt sich auch auf emo­tio­na­ler Ebe­ne. Meist wird Frau­en die Last auf­ge­bür­det, Care-Arbeit für die emo­tio­nal ver­krüp­pel­ten Män­ner zu leis­ten, weil sie durch die patri­ar­cha­le Sozia­li­sa­ti­on auf emo­tio­na­ler Ebe­ne infan­ti­li­siert wer­den und mit ihren Emo­tio­nen über­for­dert sind. Unfä­hig mit den eige­nen Emo­tio­nen umzu­ge­hen, fal­len vie­le Män­ner in eine Über­kom­pen­sa­ti­on und haben das Gefühl, alle ihre nega­ti­ven Emo­tio­nen bei Frau­en los­wer­den zu müs­sen. Dass dies nicht per se eman­zi­pa­to­risch ist und oft mit einem impli­zi­ten männ­li­chen Domi­nanz­ver­hal­ten ein­her­geht, wird dabei über­se­hen. Es ist ja angeb­lich gar nicht mög­lich, domi­nant zu sein, wenn man es hin­kriegt, Ver­letz­lich­keit und Angst zu zei­gen. Dies bedeu­tet natür­lich nicht, dass es etwas Nega­ti­ves wäre, wenn Men­schen sich, unab­hän­gig von ihrem Geschlecht, gegen­sei­tig emo­tio­nal unter­stüt­zen. Doch Män­ner soll­ten sich fra­gen, wer für sie emo­tio­na­le Care-Arbeit leis­tet.

Dominanz und Furchtlosigkeit

In lin­ken und anar­chis­ti­schen Krei­sen ist ein Ver­hal­tens­mus­ter zu beob­ach­ten, das vie­le Män­ner in ihrer Jugend ken­nen­ler­nen: Aggres­si­vi­tät, Risi­ko­freu­de, Furcht­lo­sig­keit und Gewalt­be­reit­schaft sind gän­gi­ge For­men der Dar­stel­lung der eige­nen Männ­lich­keit und der Abgren­zung gegen­über dem, was gesell­schaft­lich mit ste­reo­ty­pen «weib­li­chen» Eigen­schaf­ten asso­zi­iert wird: Für­sor­ge, Empa­thie oder Emo­tio­na­li­tät. Im schlimms­ten Fall äus­sert sich die­se Abgren­zung in einem männ­lich gepräg­ten Mili­tanz­fe­tisch und in der Abwer­tung von poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten, die nicht dem männ­li­chen Spek­ta­kel ent­spre­chen.

Natür­lich ist Mili­tanz nicht per se etwas Männ­li­ches, doch nie­mand ver­wun­dert sich, wenn an Riots mehr­heit­lich jun­ge Män­ner zwi­schen 15 und 35 vor­zu­fin­den sind. Auch sind vie­le Män­ner äus­serst moti­viert, wenn sie Gewalt im Namen der «guten Sache» aus­üben kön­nen: Einem Nazi aufs Maul hau­en? Ja, da freu­en sich jede Men­ge Män­ner. So kön­nen sie ihre Männ­lich­keit zur Schau stel­len ohne sich mit femi­nis­ti­schen und anti­pa­tri­ar­cha­len Posi­tio­nen aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen. Sei­en wir ehr­lich: Wer kennt nicht einen Mann, der auf der Bar­ri­ka­de ein «Held» ist und im All­tag ein über­for­der­tes Mann-Baby?

Männ­lich­keit ist jedoch nicht an das «bio­lo­gi­sche Geschlecht» gebun­den, son­dern wird sozi­al kon­stru­iert. So kön­nen auch Frau­en männ­li­che Ver­hal­tens­mus­ter repro­du­zie­ren. Ist ein poli­ti­scher Zusam­men­hang durch männ­li­ches Domi­nanz­ver­hal­ten geprägt, bleibt FLINTA wenig ande­res übrig, als sich selbst domi­nant zu ver­hal­ten, um sich durch­zu­set­zen. Eine sol­che Situa­ti­on ist mei­ner Mei­nung nach nicht per se eman­zi­pa­to­risch. Wenn jemand domi­nan­tes, aggres­si­ves, unem­pha­ti­sches, nar­ziss­ti­sches und bes­ser­wis­se­ri­sches – also männ­li­ches – Ver­hal­ten mimt, um sich durch­zu­set­zen, wer­den dadurch zwangs­läu­fig ande­re Per­so­nen an den Rand gedrängt. Statt indi­vi­du­el­le Durch­set­zungs­kraft zu för­dern, soll­ten lin­ke Zusam­men­hän­ge gemein­sam Ver­ant­wor­tung über­neh­men und dafür sor­gen, dass es die Nach­ah­mung von typisch männ­li­chen Ver­hal­ten nicht braucht.

Für ein Herr-schaftsfreies Leben

Wie hof­fent­lich im Ver­lauf die­ses Tex­tes klar wird, gehe ich davon aus, dass hege­mo­nia­le Männ­lich­keit in einer Wech­sel­wir­kung zwi­schen Indi­vi­du­um und Gesell­schaft her­ge­stellt wird. Ein Pro­zess, der von ver­schie­de­nen Macht- und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis­sen, wie auch durch unter­schied­li­che Hier­ar­chien, durch­drun­gen ist. Eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Männ­lich­keit soll­te des­halb immer auch eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Kri­tik anvi­sie­ren. Es genügt nicht, auf gen­der­ge­rech­te Spra­che zu ach­ten oder sich selbst als Anti­se­xis­ten zu bezeich­nen. Wenn wir auf­merk­sam sind und uns auch der Mikro­ebe­ne des Erle­bens zuwen­den, wer­den wir inter­na­li­sier­te Ver­hal­tens­mus­ter erken­nen, die fest zu unse­rer Per­sön­lich­keit gehö­ren.

Vie­le Män­ner, die sich nicht mit den gän­gi­gen Männ­lich­keits­idea­len iden­ti­fi­zie­ren, ten­die­ren bei genaue­rer Betrach­tung doch dazu, die­se Idea­le zu repro­du­zie­ren. Man den­ke bei­spiels­wei­se an die Anspruchs­hal­tung vie­ler Män­ner in Paar­be­zie­hun­gen, die Bezie­hungs­ar­beit mit einer unge­nier­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit meist ihren Part­ne­rin­nen über­las­sen, die ihnen dann die Emo­tio­nen gedul­dig und empa­thie­voll aus der Nase zie­hen müs­sen. In vie­len Fäl­len fun­giert die Part­ne­rin als unbe­zahl­te Ersatz­psy­cho­lo­gin. Oder man den­ke an die Haus­halts­ar­beit und die Kin­der­be­treu­ung, die heu­te in den aller­meis­ten Fäl­len immer noch ungleich ver­teilt ist.

Wie bereits erwähnt, kön­nen wir uns der Männ­lich­keit nicht ent­le­di­gen, indem wir das gän­gi­ge Männ­lich­keits­ide­al ableh­nen. Männ­lich­keit ist nicht haupt­säch­lich durch den eige­nen Wil­len bestimmt, son­dern ein mit ande­ren Herr­schafts­ver­hält­nis­sen ver­wo­be­nes und struk­tu­rell her­vor­ge­brach­tes Ver­hal­tens- und Denk­mus­ter, das sich tief ver­in­ner­licht und im Unbe­wuss­ten ein­nis­tet. Männ­lich­keit kann in die­ser Hin­sicht nicht indi­vi­du­ell im Rah­men der Pri­vat­sphä­re abge­schafft wer­den. Natür­lich ist die indi­vi­du­el­le Refle­xi­on inner­halb sozia­ler Bezie­hun­gen trotz­dem ein wich­ti­ger Bestand­teil, um kri­tisch über Männ­lich­keit nach­zu­den­ken und sein Han­deln zu ver­än­dern.

Man kann ste­reo­ty­pe Männ­lich­keits­idea­le nicht ein­fach igno­rie­ren, durch neue per­sön­li­che Lebens­ein­stel­lun­gen erset­zen und dann behaup­ten, man hät­te die sozi­al ver­mit­tel­ten Rol­len über­wun­den. Viel­mehr müs­sen wir einen län­ger­fris­ti­gen kol­lek­ti­ven, also gemischt­ge­schlecht­li­chen Pro­zess anstre­ben, der die Struk­tu­ren der Gesell­schaft als Gan­zes ins Visier nimmt, um die sozi­al kon­stru­ier­ten Geschlech­ter­rol­len zu über­win­den. In die­sem Sin­ne müs­sen sich Män­ner nicht nur in kri­ti­schen Män­ner­grup­pen orga­ni­sie­ren, um ihre Sozia­li­sa­ti­on und ihr Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, son­dern auch dar­über nach­den­ken, wie femi­nis­ti­sche, anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und anti­au­to­ri­tä­re Kämp­fe von Män­nern unter­stützt und getra­gen wer­den kön­nen, ohne sie zu ver­ein­nah­men.

Lei­der sind in Euro­pa in anar­chis­ti­schen und lin­ken Krei­sen die Ver­su­che einer kri­ti­schen und pro­fe­mi­nis­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kon­strukt der Männ­lich­keit, die etwa im Zuge der zwei­ten femi­nis­ti­schen Wel­le ins­be­son­de­re in Deutsch­land ent­stan­den, seit den 1990er- Jah­ren in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Das ist ein Rück­schritt. Es sind lei­der nicht vie­le, die bei­spiels­wei­se die pro­fe­mi­nis­ti­schen auto­no­men Män­ner­rund­brie­fe ken­nen, die von 1993 bis 2002 erschie­nen sind.

Die femi­nis­ti­sche Bewe­gung weist Män­ner seit gerau­mer Zeit dar­auf hin, dass kein Weg an der Kri­tik unse­rer Rol­le im Patri­ar­chat vor­bei­führt. Wir soll­ten nicht dar­auf war­ten, bis uns unse­re Genos­sin­nen nach dem Bekannt­wer­den von sexua­li­sier­ten Über­grif­fen oder sexis­ti­schem Ver­hal­ten in lin­ken Räu­men erneut dazu zwin­gen, uns kri­tisch mit unse­rer und ande­ren Männ­lich­kei­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen. Viel­mehr soll­te für lin­ke Män­ner die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Männ­lich­keit fes­ter Bestand­teil ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments sein. Wir kön­nen dadurch sehr vie­le Pro­ble­me und Leid ver­hin­dern und unse­ren Wider­stand auf allen Ebe­nen stär­ken. Wir soll­ten aus unse­rer Pas­si­vi­tät her­aus­kom­men und mit fun­dier­ter Männ­lich­keits­kri­tik zum Kampf gegen das Patri­ar­chat bei­tra­gen.

M. Lau­tré­a­mont
ajour​mag​.ch

Fuss­no­ten:

1 Mir ist bewusst, dass sich fol­gen­de Aus­füh­run­gen nur auf die hete­ro­se­xu­el­le Per­spek­ti­ve bezie­hen und nicht für alle Män­ner gül­tig sind.

2 Auch Män­ner sehen sich zuneh­mend einem Schön­heits­ide­al aus­ge­setzt und wer­den auf ihr Äus­se­res redu­ziert, auch wenn es bei Frau­en noch viel häu­fi­ger der Fall ist.

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