[LCM:] Das Gläschen Empathie gegen die alte Wut – Die Anthologie „Klasse und Kampf“

Ich gebe zu, ich habe mir Maria Baran­kows und Chris­ti­an Barons Buch „Klas­se und Kampf“ nur gekauft, um mich zu ärgern. Schon die Ankün­di­gung des Buches ver­ur­sach­te mir kör­per­li­che Schmer­zen. Da kommt ein Buch raus, das heißt „Klas­se und Kampf“ und ver­sam­melt nur Akademiker:innen und Pro­mi­nen­te aus dem Kul­tur­be­trieb. Kei­ne Pfle­ge­rin, kein Logis­ti­ker, nie­mand vom Bau, nie­mand aus einer Fabrik, kei­ne Ern­te­hel­fer, kei­ne Putz­kraft. Die Autor:innen die­ses Ban­des sind kei­ne Leu­te, denen nie jemand zuhört, im Gegen­teil. Es sind Pro­mi­nen­te, die man als Her­aus­ge­ber eben ver­sam­melt, wenn man sich erhofft, im Feuil­le­ton wohl­wol­lend bespro­chen zu wer­den. Und dann ist da noch Kübra Gümü­say, für die man, wenn man Soli­da­ri­tät mit lin­ken Kurd:innen in der Tür­kei für wich­tig hält, ohne­hin kei­ne beson­ders war­men Gefüh­le hat.

Nun kau­fe ich also die­ses Buch und man kann sagen, die Vor­aus­set­zun­gen für eine freund­li­che Bespre­chung sind denk­bar schlecht. Das Pro­blem mit einem Rant aller­dings ist: Das Buch ist ziem­lich gut. Die Tex­te wir­ken zum über­wie­gen­den Teil authen­tisch, sind wirk­lich schön und klug gear­bei­tet, ehr­lich und gera­de. Sie geben einen viel­fäl­ti­gen Ein­blick in unter­schied­lichs­te Klas­sen­rea­li­tä­ten in Deutsch­land.

Klar, es geht um die Ver­gan­gen­heit: Ent­we­der leb­te die Eltern­ge­nera­ti­on unter drü­cken­den Ver­hält­nis­sen, die Schwie­ger­mut­ter oder der Gast­ar­bei­ter­va­ter. Oder schon man sel­ber, aber irgend­wann in der Jugend, lang ist‘s her. Die Mehr­heit der Autor:innen „hat‘s geschafft“, wie man so schön sagt, und sie erzäh­len jetzt von der Müh­sal, die dem Auf­stieg vor­an­ging. Chris­ti­an Baron ist ja nicht umsonst Trä­ger des „Auf­stieg durch Bil­dung“ – Prei­ses.

Aber den­noch: Die Sto­ries sind ein­drucks­voll und man kann zumin­dest erken­nen, dass sich von „damals“ zu heu­te an den Klas­sen­rea­li­tä­ten nicht viel geän­dert hat. Die Protagonist:innen sind sym­pa­thi­sche Leu­te, man kann sich mit ihnen iden­ti­fi­zie­ren oder sie sich als Kolleg:innen vor­stel­len: Pinar Kara­bu­luts Vater, der sich in einer Tex­til­fir­ma in Kay­se­ri als Prü­fer ver­klei­det ein­schleicht, um sich auf sei­nen Gast­ar­bei­ter­job in Deutsch­land vor­zu­be­rei­ten, muss ein sta­bi­ler Typ gewe­sen sein und mit dem jun­gen Arno Frank, hät­te man sicher auch die ein oder ande­re Roth-Händ­le am Müll­wa­gen durch­zie­hen kön­nen. Eini­ge Geschich­ten sind rich­tig wit­zig, ande­re, wie die von Lucy Fri­cke, ein­fach erschüt­ternd. Es ist durch­weg gute Lite­ra­tur.

Ich lese die Tex­te nach­ein­an­der in der Bahn zur Arbeit, jeden Mor­gen etwa einen. Die Vor­ein­ge­nom­men­heit weicht mit jeder Kurz­ge­schich­te, man kann das Buch eigent­lich nicht nicht mögen. Spä­tes­tens als Anke Stel­ling zu ihrer Schwie­ger­mut­ter sagt: Zu ster­ben ist doch kein Aus­weg, und die Schwie­ger­mut­ter ant­wor­tet: Ich bin genug gerannt, müss­te man schon ein ziem­li­ches Arsch­loch sein, um das Buch zu ver­reis­sen. Fünf S‑Bahn-Fahr­ten spä­ter, ab Kat­ja Oskamp, mag ich die­ses Buch sehr.

Also jetzt eine durch­weg posi­ti­ve Rezen­si­on? Nein, denn es bleibt ein gro­ßes Man­ko und das liegt in der Ideo­lo­gie, die das Buch in Gestalt des Vor­worts ein­rahmt. Es ver­sam­melt all das, was man aus der „Klassismus“-Debatte kennt. Spä­ter als bei „gen­der“ oder „race“, aber doch merk­bar, wird „Klas­se“ zu einem belieb­ten The­ma in der bür­ger­li­chen Publi­zis­tik. Auch für das letz­te Glied der „inter­sek­tio­na­len“ Tri­as soll eine Erzäh­lung geschaf­fen wer­den, die nicht mehr revo­lu­tio­när ist. Und die lau­tet, dass „Klas­sis­mus“ eben auch eine Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rung ist und man des­halb die sozia­le Durch­läs­sig­keit nach oben erhö­hen muss. Auch „Arbei­ter­kin­der“ – zumin­dest die in den impe­ria­lis­ti­schen Metro­po­len, die ande­ren kennt eh kei­ner – sol­len was wer­den dür­fen im Kapi­ta­lis­mus. Dafür gibt es dann För­der­töp­fe und gele­gent­lich auch das ein oder ande­re kri­ti­sche Wort der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung. In der ZEIT stellt man uns gele­gent­lich Lis­ten mit „pro­mi­nen­ten Arbei­ter­kin­dern“ vor, die es schwer hat­ten, aber sich durch­ge­bis­sen haben: Cem Özde­mir, Rüdi­ger Gru­be, Frank-Wal­ter Stein­mei­er und so wei­ter.

Das Vor­wort von „Klas­se und Kampf“ atmet die­se Ideo­lo­gie von vor­ne bis hin­ten. Es fängt mit einer Klas­sen­de­fi­ni­ti­on an, die eini­ge Ele­men­te des Mar­xis­mus ver­kürzt auf­greift, dann aber direkt in den Chan­cen­gleich­heits­dis­kurs abdrif­tet: Man spre­che heu­te sehr viel über „race“ und „gen­der“, doch „class“ sei der­zeit noch viel weni­ger cool. „Aber wie vie­le Leu­te aus armen und/​oder nicht aka­de­mi­schem Eltern­haus sit­zen denn in den Macht- und Ent­schei­dungs­po­si­tio­nen der DAX-Kon­zer­ne, des Kul­tur­be­triebs, der poli­ti­schen Par­tei­en?“ Es braucht Bil­dung, Diver­si­tät, Viel­falt – die alter Lei­er davon, dass die Eli­te end­lich bun­ter wer­den muss.

Die Idee einer Revo­lu­ti­on, der gemein­sa­men Orga­ni­sa­ti­on auf einer gemein­sa­men poli­ti­schen Grund­la­ge hal­ten zumin­dest die bei­den Herausgeber:innen Chris­ti­an Baron und Maria Baran­kow offen­bar für eine Art Träu­me­rei. Es gehe ihnen viel­mehr dar­um, jen­seits von jeder poli­ti­schen „Strö­mung“ durch „per­sön­li­che Per­spek­ti­ven die Miss­stän­de greif­bar (zu) machen und damit eine Ein­la­dung zur Empa­thie aus­zu­spre­chen“. Denn: „Die Revo­lu­ti­on steht nicht gera­de bevor. Viel­leicht jedoch lässt sich eine bes­se­re Welt ohne­hin am bes­ten in klei­nen Schrit­ten errei­chen, zu denen auch ein Werk wie Klas­se und Kampf zählt.“

„Kampf“ ist in die­sem Kon­text nicht der kol­lek­tiv geführ­te zur Über­win­dung des gesam­ten Kapi­ta­lis­mus – der kommt eigent­lich über­haupt nicht vor. Da will nie­mand sei­ne Kolleg:innen orga­ni­sie­ren, demons­trie­ren, strei­ken oder alles kurz und klein schla­gen, Sabo­ta­ge oder mei­net­we­gen sogar eine Wahl­al­ter­na­ti­ve grün­den. „Kampf“ ist – in den im Buch beschrie­be­nen Bio­gra­phien wie im über­wie­gen­den Teil unse­rer Klas­se heu­te – der ums indi­vi­du­el­le Fort­kom­men. Der mag bru­tal sein, aber dem Kapi­ta­lis­mus bricht er nicht den kleins­ten Zacken aus der Kro­ne. Jede:r kann es schaf­fen, aber eben nie­mals alle zugleich. Selbst bei denen, die in die­ser Lot­te­rie über­haupt mit­spie­len, zie­hen die meis­ten irgend­ei­nen Platz irgend­wo zwi­schen Kul­tur­in­dus­trie, För­der­gel­dern, Uni-Kar­rie­re oder mitt­le­res Par­tei­en­ka­rus­sel. Die Plät­ze an der Spit­ze von Dax-Kon­zer­nen sind dann doch zu limi­tiert ver­füg­bar.

Die­ser Kampf bleibt in der Ver­ein­ze­lung und was er errei­chen kann, ist die Umstän­de für je eine kon­kre­te Per­son weni­ger drü­ckend zu machen. Und viel­leicht noch ein biss­chen „Empa­thie“ von denen, die ihn nie füh­ren muss­ten. Ob einem das reicht, oder ob die Empa­thie einem im Hals ste­cken bleibt, merkt man dann ja irgend­wann sel­ber. “Er lächel­te mich an und schenk­te mir Cham­pa­gner nach. Doch Cham­pa­gner hilft nur bedingt gegen die alte Wut” , wie Lucy Fri­cke schreibt.

#Titel­bild: wikimedia.commons

Der Bei­trag Das Gläs­chen Empa­thie gegen die alte Wut – Die Antho­lo­gie „Klas­se und Kampf“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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