[Freiheitsliebe:] „Unter dem Sprühnebel des Coronavirus tobt der Klassenkampf“

War­um das neue Infek­ti­ons­schutz­ge­setz die drit­te Wel­le nicht bre­chen wird. Wir unter­hiel­ten uns mit Yaak Pabst, Redak­teur von marx21. Ein Gespräch über Aus­gangs­sper­ren, #Zero­Co­vid und die Reak­tio­nen der Lin­ken.

Die Frei­heits­lie­be: Du bist Mit­her­aus­ge­ber des mar­x21-Maga­zins. Ihr habt euch in der neu­en Aus­ga­be inten­siv mit den Her­aus­for­de­run­gen der Lin­ken in der Coro­na-Pan­de­mie befasst. Wor­um geht’s?

Yaak Pabst: Für uns ist seit Beginn der Pan­de­mie klar: Die Lin­ke kann und darf sich bei die­sem The­ma nicht weg­du­cken, son­dern muss hand­lungs­fä­hig wer­den. Dazu gehört sowohl eine Ana­ly­se der Ursa­chen von Pan­de­mien als auch, die Not­fall­maß­nah­men in den Blick zu neh­men. Bei­des pas­siert viel zu wenig.

Dann reden wir doch mal über die Not­fall­maß­nah­men. Die Bun­des­re­gie­rung hat nun die „Bun­des­not­brem­se“ beschlos­sen. Wie bewer­test du das Gesetz?

Das Gesetz ist kei­ne Not­brem­se, son­dern eine Mogel­pa­ckung.

War­um?

Eine Not­brem­se ist per Defi­ni­ti­on eine tech­ni­sche Vor­rich­tung zur Aus­lö­sung einer sofor­ti­gen Brem­sung, um Gefahr abzu­wen­den. Genau das ermög­licht die­ses Gesetz aber eben nicht.

Das sieht die Bun­des­re­gie­rung aber anders.

Klar. Mer­kel behaup­tet schon seit Tag eins: „Wir tun in der Pan­de­mie unser Bes­tes.“ Das trifft nicht zu. Die Pan­de­mie ist nicht unter Kon­trol­le. Es infi­zie­ren sich Zehn­tau­sen­de und täg­lich wer­den Men­schen durch Covid-19 getö­tet. Durch die Neu­fas­sung des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes wird sich wenig dar­an ändern.

War­um?

Dort sind mehr oder weni­ger genau jene Maß­nah­men nie­der­ge­schrie­ben, die Bund und Län­der bereits vor meh­re­ren Mona­ten ver­ein­bart hat­ten. Sie wer­den größ­ten­teils auch schon längst ange­wen­det und haben uns den­noch direkt in die drit­te Wel­le geführt.

Aber im neu­en Infek­ti­ons­schutz­ge­setz wer­den jetzt zumin­dest kon­kre­te Inzi­denz­wer­te genannt.

Ja, aber die sind viel zu hoch. Die Maß­nah­men sind nicht geeig­net, um einen sofor­ti­gen Still­stand bei den Neu­in­fek­tio­nen ein­zu­lei­ten, und außer­dem ist es hoch­ris­kant, erst bei einer Inzi­denz von 100, 165 oder 200 zu brem­sen. So wird die drit­te Wel­le nicht schnell gestoppt, son­dern der Dau­er­lock­down auf unvor­her­seh­ba­re Zeit fort­ge­führt.

War­um sind die Maß­nah­men inef­fek­tiv? Vie­le Bun­des­län­der hat­ten sich doch gewei­gert, über­haupt zu brem­sen.

Damit Maß­nah­men wir­ken kön­nen, müs­sen sie die Infek­ti­ons­ket­ten dort unter­bre­chen, wo sie gehäuft ent­ste­hen. Die Maß­nah­men­pa­ke­te der Bun­des­re­gie­rung klam­mern aber seit Beginn der Pan­de­mie einen wich­ti­gen Infek­ti­ons­herd fast voll­stän­dig aus: die Arbeits­welt. Auch des­we­gen kommt es immer wie­der zu neu­en Anste­ckungs­wel­len. Das Gesetz ändert an die­ser gefähr­li­chen Poli­tik nichts.

Bräuch­te es einen noch „här­te­ren“ Lock­down?

Ich fin­de das Wort „hart“ unan­ge­bracht. Es braucht einen effek­ti­ve­ren Lock­down, der die­je­ni­gen schützt, die beson­ders von der Pan­de­mie betrof­fen sind – sowohl in sozia­ler als auch in gesund­heit­li­cher Hin­sicht – und der in einen grund­sätz­li­chen Stra­te­gie­wech­sel ein­ge­bet­tet sein muss. „Hart“ kann vie­les bedeu­ten.

Wie meinst du das?

Das Wort „hart“ ver­deckt die not­wen­di­ge Dis­kus­si­on dar­über, wel­che Maß­nah­men eigent­lich effek­tiv sind. Aus­gangs­sper­ren sind hart, aber nicht effek­tiv. Home­of­fice-Pflicht ist effek­tiv, aber nicht hart für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Ein Lock­down ist dann beson­ders effek­tiv, wenn jene gesell­schaft­li­chen Berei­che geschlos­sen wer­den, in denen ver­mehrt Infek­ti­ons­ket­ten ent­ste­hen. Das sind beson­ders die Innen­räu­me von Fabri­ken, Büros oder Schu­len und Kitas. Um die­se macht die Bun­des­re­gie­rung aber einen gro­ßen Bogen.

Die Initia­ti­ve #Zero­Co­vid for­dert: „Drei Wochen bezahl­te Pau­se statt drit­ter Wel­le“. Hältst du das für rich­tig?

Abso­lut. Eine sol­che Pau­se wür­de das expo­nen­ti­el­le Wachs­tum schnell bre­chen und Tau­sen­de Leben ret­ten. Das ist dann viel­leicht „hart“ für die Wirt­schafts­bos­se, aber sehr effek­tiv gegen das Virus.

War­um sind Aus­gangs­sper­ren nicht effek­tiv? In Por­tu­gal haben sie doch gewirkt.

Nein, die Erfah­run­gen in Por­tu­gal zei­gen das genaue Gegen­teil.[i]

Inwie­fern?

In Por­tu­gal waren Aus­gangs­sper­ren schon vor der zwei­ten[ii] und der drit­ten[iii] Wel­le in Kraft. Sie schütz­ten die Men­schen dort weder vor der zwei­ten noch vor der ver­hee­ren­den drit­ten Wel­le. Das Land hat­te Ende Janu­ar trotz akti­ver Aus­gangs­sper­ren noch eine Sie­ben-Tage-Inzi­denz von 840.

Aber Karl Lau­ter­bach stützt sich auf eine Stu­die, die den Effekt von Aus­gangs­sper­ren ein­deu­tig belegt.

Die­se Stu­die ist ein Pre­print und alles ande­re als ein robus­ter Beweis für die Effek­ti­vi­tät von Aus­gangs­sper­ren. Ein­deu­tig wis­sen­schaft­lich belegt sind in der Stu­die vor allem die vie­len Ein­schrän­kun­gen und Warn­hin­wei­se, die die Autor:innen zum Umgang mit ihren Ergeb­nis­sen erwäh­nen.[iv] Die hat Lau­ter­bach offen­sicht­lich über­le­sen. Vie­le Län­der, die Aus­gangs­sper­ren ange­wen­det haben, wur­den bei­spiels­wei­se gar nicht unter­sucht.

Du hast dir ver­schie­de­ne Stu­di­en zum The­ma ange­se­hen. Was ist dein Fazit?

Ich ken­ne kei­ne wis­sen­schaft­li­che Stu­die, die Aus­gangs­sper­ren eine her­aus­ra­gen­de Rol­le in der Pan­de­mie­be­kämp­fung zuspricht. Die meis­ten Stu­di­en model­lie­ren einen Effekt, haben aber Schwie­rig­kei­ten, die­sen wirk­lich in einen kau­sa­len Zusam­men­hang mit dem Rück­gang von Infek­tio­nen zu brin­gen. Das liegt vor allem dar­an, dass in den meis­ten Län­dern zeit­gleich auf ver­schie­de­ne Maß­nah­men zurück­ge­grif­fen wur­de. Für mich ist klar, dass Aus­gangs­sper­ren kei­ne zen­tra­le Varia­ble sind, um die Pan­de­mie nach­hal­tig ein­zu­däm­men. Nicht nur die Erfah­run­gen in Por­tu­gal zei­gen das.

Wel­che Bei­spie­le gibt es noch?

Eigent­lich alle euro­päi­schen Län­der, in denen Aus­gangs­sper­ren ange­wen­det wur­den: Das gilt für Ita­li­en, Frank­reich, Spa­ni­en, aber auch für Polen, Tsche­chi­en oder Bel­gi­en. In all die­sen Län­dern gab es lan­des­wei­te Aus­gangs­sper­ren. Trotz­dem wur­den sie sowohl von der zwei­ten Wel­le als auch von der drit­ten Wel­le hart getrof­fen. Wer meint, Aus­gangs­sper­ren sei­en ein „Game­ch­an­ger“, täuscht sich.

Was braucht es statt­des­sen?

Um ein sich expo­nen­ti­ell ver­brei­ten­des Virus zu stop­pen, braucht es das schnel­le Unter­bre­chen von Infek­ti­ons­ket­ten. Das ist das Ein­mal­eins der Epi­de­mio­lo­gie. Die­se ent­ste­hen zum jet­zi­gen Zeit­punkt nicht haupt­säch­lich im Pri­va­ten, son­dern in Betrie­ben, Büros, Logis­tik­zen­tren oder Schu­len und Kitas. Die Debat­te über Aus­gangs­sper­ren lenkt von genau die­sem Pro­blem ab. Es ist doch absurd, Men­schen zu ver­bie­ten, sich in ihrer Frei­zeit drau­ßen auf­zu­hal­ten, und gleich­zei­tig Mil­lio­nen von Beschäf­tig­ten zu zwin­gen, in Werks­hal­len und Dienst­leis­tungs­be­trie­ben mit Hun­der­ten ande­rer Men­schen in einem Raum wei­ter­zu­ar­bei­ten. Zudem sind Aus­gangs­sper­ren zutiefst sozi­al unge­recht.

War­um das?

Sie tref­fen arme und lohn­ab­hän­gi­ge Men­schen und ihre Fami­li­en beson­ders hart, weil sie öfter in über­be­leg­ten Woh­nun­gen leben.

Gibt es dazu Zah­len?

In Deutsch­land trifft das auf mehr als sechs Mil­lio­nen Men­schen zu, in der gesam­ten EU auf fast 17 Pro­zent der Bevöl­ke­rung,[v] also etwa 125 Mil­lio­nen Men­schen.

Aus­gangs­sper­ren sind daher eine Klas­sen­fra­ge. In einer Vil­la mit Gar­ten oder einer gro­ßen Woh­nung mit Bal­kon lässt sich eine Aus­gangs­sper­re leich­ter ertra­gen als allein­er­zie­hend mit zwei Kin­dern in einer Zwei­zim­mer­woh­nung. Coro­na ist vor allem ein Innen­raum­pro­blem.[vi] Men­schen in ihren Woh­nun­gen ein­zu­sper­ren, ist des­halb genau der fal­sche Weg. Auch die psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung sol­cher Maß­nah­men ist poten­zi­ell ver­hee­rend. Aus­gangs­sper­ren erhö­hen das Risi­ko von psy­chi­schen Erkran­kun­gen und häus­li­cher Gewalt.

Gut, aber in Deutsch­land geht es ja um eine nächt­li­che Aus­gangs­sper­re.

Ja, völ­lig bescheu­ert. Als ob das Virus sich sagt: Hey! Zwi­schen 22 Uhr und 5 Uhr bin ich beson­ders ger­ne unter­wegs …

Naja, Mer­kel begrün­det Aus­gangs­be­schrän­kun­gen damit, dass sie Men­schen davon abhal­ten, sich pri­vat zu tref­fen und etwa Par­tys zu fei­ern. Auch das Robert Koch-Insti­tut (RKI) warnt, dass pri­va­te Fei­ern ein Pan­de­mie­trei­ber sei­en.

Das RKI hat über­haupt kei­ne Ahnung über den Groß­teil des Infek­ti­ons­ge­sche­hens. Es ist dif­fus, wie es in den Berich­ten so schön heißt.

Was bedeu­tet das?

2021 kann in 82 Pro­zent der doku­men­tier­ten Coro­na-Fäl­le kein Aus­bruchs­ort zuge­ord­net wer­den. Das liegt zum einen an den viel zu hohen Fall­zah­len, aber auch dar­an, dass der Öffent­li­che Gesund­heits­dienst (ÖGD) in den letz­ten Jah­ren kaputt­ge­spart wur­de. DIE LINKE for­dert zurecht die sofor­ti­ge Ein­stel­lung und Aus­bil­dung von 20.000 Beschäf­tig­ten für die Kon­takt­nach­ver­fol­gung sowie eine Erhö­hung der Löh­ne und Gehäl­ter im ÖGD. Nur mit aus­rei­chend geschul­tem Per­so­nal in den Gesund­heits­äm­tern kann eine effek­ti­ve Kon­takt­ver­fol­gung und Ein­däm­mung gelin­gen.

Aber es gibt doch auch ein rele­van­tes Infek­ti­ons­ge­sche­hen in pri­va­ten Haus­hal­ten?

Natür­lich gibt es auch Aus­brü­che im pri­va­ten Umfeld. Aber die media­le Bericht­erstat­tung auf ein paar Hun­dert, im schlimms­ten Fall Tau­send Men­schen, die im Frei­en oder in Innen­räu­men ohne die AHA-Regel am Wochen­en­de fei­ern, lenkt von der täg­li­chen Mega-Coro­na-Par­ty in der Arbeits­welt ab, an der Mil­lio­nen von Men­schen gezwun­ge­ner­ma­ßen teil­neh­men müs­sen. Aus den spär­li­chen Daten des RKI geht zudem her­vor, dass die durch­schnitt­li­che Fall­zahl pro Aus­bruch in pri­va­ten Haus­hal­ten rela­tiv gering ist. Da sieht es bei den doku­men­tier­ten Mas­sen­aus­brü­chen in der Arbeits­welt ganz anders aus.

Aber irgend­wie müs­sen doch Kon­tak­te redu­ziert wer­den.

„Kon­takt­re­du­zie­rung“ an sich ist kei­ne Varia­ble, um eine Pan­de­mie nach­hal­tig zu bekämp­fen. Wenn sich zwei Men­schen drau­ßen tref­fen und AHA-Regeln ein­hal­ten, haben sie „Kon­takt“. Die­ser führt aber nicht zu einer Infek­ti­on. Es kommt dar­auf an, genau jene unge­schütz­ten Kon­tak­te zu redu­zie­ren, die tat­säch­lich Infek­ti­ons­ket­ten in Gang set­zen und auf­recht­erhal­ten. Die Logik einer Aus­gangs­sper­re ist dem ent­ge­gen­ge­setzt.

War­um das?

Weil es sich dabei nicht um eine Maß­nah­me han­delt, die Men­schen von jenen Orten fern­hält, an denen sich die über­wie­gen­de Zahl der Virus­über­tra­gun­gen abspie­len: Innen­räu­me. Und noch schlim­mer: Aus­gangs­sper­ren hal­ten Men­schen zwi­schen genau jenen Orten gefan­gen, in denen für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ein erhöh­tes Risi­ko besteht sich anzu­ste­cken: Im Betrieb, der Schu­le, dem ÖPNV oder der eige­nen klei­nen Woh­nung. Der Irr­sinn #staythe­fu­cka­thome, aber #got­he­fuck­to­work ist Quel­le jeder neu­en Anste­ckungs­wel­le und Aus­gangs­sper­ren ändern dar­an nichts.

Sind die Rege­lun­gen im neu­en Infek­ti­ons­schutz­ge­setz nicht trotz aller Kri­tik immer­hin ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, um die drit­te Wel­le zumin­dest ein­zu­däm­men?

Ich sehe da über­haupt kei­nen Fort­schritt. Die Neu­fas­sung des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes setzt den fal­schen Kurs der Bun­des­re­gie­rung fort und schreibt ihn gesetz­lich fest. Die­ser Kurs hat uns erst in die­se Situa­ti­on geführt. Die Regie­rung will das Virus nicht effek­tiv bekämp­fen. Sie erlaubt ihm zu zir­ku­lie­ren und pro­du­ziert damit immer wie­der neue Anste­ckungs­wel­len. Das ist der Kern des Pro­blems und dar­an ändert das Gesetz nichts. Wer ver­ste­hen will, war­um wir in Deutsch­land die Pan­de­mie immer noch nicht unter Kon­trol­le haben, muss sich mit der Mit­tel-Inzi­denz-Stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung aus­ein­an­der­set­zen.

Was meinst du mit Mit­tel-Inzi­denz-Stra­te­gie?

Das Pro­blem an der Stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung ist, dass ins­ge­samt viel zu vie­le Infek­tio­nen zuge­las­sen wer­den. Wir haben jetzt durch­schnitt­lich 20.000 neue Fäl­le pro Tag, fast 300.000 akti­ve Fäl­le und immer noch kei­nen effek­ti­ven Lock­down, der auch Wirt­schaft und Arbeits­welt ein­schließt. Das ist hoch­ris­kant und gefähr­lich, aber Teil der Stra­te­gie.

War­um Teil der Stra­te­gie?

Dahin­ter steht die Auf­fas­sung, die Pan­de­mie nicht radi­kal ein­däm­men zu müs­sen, son­dern ledig­lich die Aus­brei­tung des Virus auf ein bestimm­tes Niveau zu drü­cken, das knapp unter der Kapa­zi­täts­gren­ze der Kran­ken­häu­ser ver­or­tet wird. Jetzt pas­siert genau das: Die Inzi­den­zen stei­gen, die Kran­ken­häu­ser fül­len sich. Aber mit den Virus-Muta­tio­nen dro­hen noch mehr schwe­re Ver­läu­fe und noch mehr gesund­heit­li­che Lang­zeit­schä­den – auch für Jün­ge­re.

Ein Sze­na­rio vor dem For­schen­de in den letz­ten Mona­ten immer wie­der gewarnt haben.

Ja, aber das inter­es­sier­te die Bun­des­re­gie­rung herz­lich wenig. Sie hält trotz der War­nun­gen aus der Wis­sen­schaft an ihrem Modell fest, obwohl klar ist, dass sich die Virus­ver­brei­tung auf­grund der Ten­denz zur expo­nen­ti­el­len Zunah­me der Anste­ckun­gen nicht ein­fach kon­trol­lie­ren lässt. Des­halb befin­den wir uns jetzt seit über einem Jahr im Lock­down-Jo-Jo. Zudem besteht die gro­ße Gefahr wei­te­rer Muta­tio­nen.

War­um wird die Wis­sen­schaft igno­riert?

Im Kapi­ta­lis­mus geht es nicht um Ent­schei­dun­gen, die ver­nünf­tig für die Mensch­heit sind, son­dern um Pro­fi­te. Des­halb wird bei den Maß­nah­men die Arbeits­welt weit­ge­hend aus­ge­klam­mert. In Deutsch­land sind nur 13 Pro­zent der Wirt­schaft direkt vom Lock­down betrof­fen. Ein Groß­teil der Wirt­schaft läuft wei­ter, als gäbe es die Pan­de­mie nicht.

Aber doch zumin­dest unter Schutz­maß­nah­men.

Natür­lich gibt es bestimm­te Maß­nah­men zum Gesund­heits­schutz in den Betrie­ben, aber die­se sind alle frei­wil­lig und kön­nen ein­fach unter­lau­fen wer­den. Aber das Grund­pro­blem bleibt: Weil das Wirt­schafts­le­ben am Lau­fen gehal­ten wird, ist die Mobi­li­tät der Bevöl­ke­rung trotz Lock­down viel zu hoch.

Was bedeu­tet das?

Ein sol­cher Lock­down kann nach einer Wei­le das expo­nen­ti­el­le Wachs­tum bre­chen, also den R‑Wert unter 1 drü­cken. Aber er schafft es eben nicht, die Neu­in­fek­tio­nen nahe Null zu brin­gen. Das wäre aber nötig, wenn wir uns aus dem Lock­down-Jo-Jo befrei­en wol­len. Uns bedroht die­se Poli­tik sowohl gesund­heit­lich als auch wirt­schaft­lich. Ein Groß­teil der Rei­chen und auch die Bun­des­re­gie­rung haben damit jedoch weni­ger Pro­ble­me.

War­um haben sich die Regie­ren­den für die­se Poli­tik ent­schie­den?

Hin­ter der Mit­tel-Inzi­denz-Stra­te­gie steht das Inter­es­se, dass die Seu­chen­be­kämp­fung die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on nicht zu sehr stö­ren darf. Die Regie­run­gen haben sich für die­se Stra­te­gie ent­schie­den, weil ihnen die Pro­fit­in­ter­es­sen der Kon­zer­ne wich­ti­ger sind als die Gesund­heit der Bevöl­ke­rung. Mitt­ler­wei­le zeigt sich aller­dings, dass die­ses Vor­ge­hen auch für die Wirt­schaft mit Nach­tei­len ver­bun­den ist. Ein Kurs­wech­sel wird aber trotz­dem ver­wei­gert. Es gibt auch eine Unter­schät­zung der Dyna­mik des Virus und eine Über­schät­zung der tech­nisch-medi­zi­ni­schen Maß­nah­men, um die Pan­de­mie ein­zu­däm­men.

Aber die Regie­rung setzt doch auch noch auf das Imp­fen, um die Pan­de­mie zu been­den. Was ist dar­an falsch?

Wir soll­ten uns alle imp­fen las­sen – kei­ne Fra­ge. Das Schie­len auf den Impf­stoff als „Ret­ter“ aus dem Aus­nah­me­zu­stand ist ver­ständ­lich, aber zu kurz gesprun­gen. Selbst wenn sich alle Ver­spre­chun­gen der Phar­ma­kon­zer­ne in der Rea­li­tät bestä­ti­gen soll­ten. Also Imp­fen hilft gegen alles: Redu­zie­rung von Neu­in­fek­tio­nen, Kran­ken­haus­auf­ent­hal­ten und Todes­fäl­len. Dann bleibt ja die Fra­ge: Wie schnell kann die gan­ze Welt eigent­lich geimpft wer­den? Da sieht es lei­der mehr als schlecht aus.

Wie­so?

Weil sich sowohl die Impf­stoff­pro­duk­ti­on als auch die Impf­stoff­ver­tei­lung zu lang­sam und glo­bal höchst unge­recht ent­wi­ckeln. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Men­schen welt­weit geht zur­zeit leer aus – in den meis­ten ärme­ren Län­dern ist noch kei­ne ein­zi­ge Dosis eines Impf­stoffs ange­kom­men.

Gibt es dazu Pro­gno­sen?

Weni­ge. Aber die Eco­no­mist Intel­li­gence Unit schätzt bei­spiels­wei­se: Nicht vor 2023 könn­ten rund 85 „Ent­wick­lungs­län­der“ durch­ge­impft sein. Da droht eine Kata­stro­phe.

Wie wirkt sich das kon­kret aus?

Solan­ge Men­schen kei­nen Immun­schutz haben und Regie­run­gen dem Virus wei­ter erlau­ben zu zir­ku­lie­ren, wird es Men­schen anste­cken und töten. Hier zei­gen sich die Gren­zen eines auf Kon­kur­renz und Pro­fit aus­ge­rich­te­ten Wirt­schafts­sys­tems. Die Bil­der aus Indi­en spre­chen für sich.

Wie­so?

In Indi­en sitzt der größ­te Impf­stoff­her­stel­ler der Welt, trotz­dem gehen die Imp­fun­gen schlep­pend vor­an und das Land wird von der schwers­ten Wel­le von Neu­in­fek­tio­nen über­haupt erfasst.

Aber es konn­te doch schnell ein Impf­stoff ent­wi­ckelt wer­den. Das zeigt doch, wie Inno­va­tiv die Markt­wirt­schaft ist.

Das ist ein Mär­chen der Phar­ma­in­dus­trie. Es ist gut, dass schnell Impf­stof­fe ent­wi­ckelt wur­den. Aber die For­schung und Pro­duk­ti­on wur­de zu gro­ßen Tei­len von Steu­er­gel­dern finan­ziert. Und jetzt zeigt sich, wie fatal das Set­zen auf den Markt ist: Die Pro­duk­ti­on hinkt dem Bedarf weit hin­ter­her und es ent­wi­ckelt sich ein gefähr­li­cher Impf­stoff­na­tio­na­lis­mus.

Wie könn­te das ver­än­dert wer­den?

Um das zu ver­hin­dern, wäre die Frei­ga­be von Paten­ten eine wich­ti­ge Sofort­maß­nah­me. Wenn Impf­stof­fe glo­ba­les Gemein­gut sind, kön­nen die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten für Impf­stof­fe im In- und Aus­land erhöht wer­den. Aber selbst in Län­dern, die die wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen besit­zen, um schnel­ler mehr Men­schen zu imp­fen, wird es wahr­schein­lich noch Mona­te dau­ern, bis die Imp­fun­gen einen wirk­li­chen Effekt auf das Infek­ti­ons­ge­sche­hen ent­wi­ckeln kön­nen. Zum ande­ren ist eben nicht klar, wie sich das Virus ver­hal­ten wird, wenn es einer teilim­mu­ni­sier­ten Bevöl­ke­rung gegen­über­steht. Die Ver­spre­chun­gen, dass die Imp­fun­gen die Pan­de­mie schnell been­den kann, sind des­we­gen trü­ge­risch.

Ich wür­de ger­ne noch­mal genau­er über das Agie­ren der LINKEN spre­chen. Du bist selbst Par­tei­mit­glied und aktiv in Ber­lin-Neu­kölln. Du warst Mit­in­itia­tor eines Dring­lich­keits­an­tra­ges zum The­ma Pan­de­mie­be­kämp­fung. Was ist dar­aus gewor­den?

Der Par­tei­vor­stand hat den Antrag mit ein paar Ände­run­gen fast ein­stim­mig ver­ab­schie­det. Das war eine wich­ti­ge Kurs­kor­rek­tur.

Die Par­tei hat jetzt das Gesetz der Bun­des­re­gie­rung abge­lehnt und dage­gen gestimmt. Inwie­fern unter­schei­det sich die Posi­ti­on der LINKEN dann noch von der der AfD, die eben­falls gegen das Gesetz gestimmt hat?

Die AfD pocht auf Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Maß­nah­men, will aber eigent­lich die Gefahr, die von dem Virus aus­geht, her­un­ter­spie­len.[vii] Politiker:innen der Par­tei reden trotz drei Mil­lio­nen Toten welt­weit immer noch von einer „leich­ten Grip­pe“. Wer die Bil­der der lei­den­den Patient:innen aus Indi­en oder Bra­si­li­en sieht, weiß, was für eine dreis­te Lügen­ge­schich­te das ist. Bei der LINKEN ist die Ableh­nung des Geset­zes nicht ver­bun­den mit der Leug­nung der Pan­de­mie. Das sind zwei völ­lig ver­schie­de­ne Wel­ten.

Wie­so?

Die Links­par­tei will eine soli­da­ri­sche Pan­de­mie­be­kämp­fung, wel­che die Gesund­heit der Men­schen ins Zen­trum stellt und nicht die Pro­fit­in­ter­es­sen der Ban­ken und Kon­zer­ne. Sie bezieht sich posi­tiv auf die Vor­schlä­ge aus der Zivil­ge­sell­schaft und Wis­sen­schaft für einen grund­le­gen­den Stra­te­gie­wech­sel in der Pan­de­mie­be­kämp­fung und for­dert eine Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie. Damit erteilt sie rech­ten Kon­zep­ten, wie das der natür­li­chen Her­denim­mu­ni­tät, eine Absa­ge.

Klingt bes­ser!

Ja, aber es hat viel zu lan­ge gedau­ert, bis DIE LINKE zu die­ser Posi­ti­on gefun­den hat. Es war ein schwe­rer Feh­ler, dass die Par­tei fast ein Jahr lang ihre Kri­tik an der Coro­na-Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung im Kern auf die sozia­len Aspek­te beschränk­te hat. Dies schwäch­te die oppo­si­tio­nel­le Kraft der LINKEN und damit auch der gesell­schaft­li­chen Lin­ken.

War­um?

Die­ser Kurs hin­ter­ließ ein poli­ti­sches Vaku­um und schränk­te die Hand­lungs­fä­hig­keit der Par­tei mona­te­lang ein. Es geht dabei ja nicht nur um Kon­zep­te, son­dern eben auch dar­um, gemein­sam mit ande­ren Men­schen kon­kre­te Vor­schlä­ge und Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te zur Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und zum Wider­stand in den Betrie­ben, Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten oder Stadt­vier­teln zu ent­wi­ckeln. Aber da war DIE LINKE im letz­ten Jahr kei­ne trei­ben­de Kraft – auch wenn es in ein­zel­nen Orten Aus­nah­men gab. Zum Glück gab es da die Initia­ti­ve #Zero­Co­vid.

Aber jetzt kri­ti­siert die Par­tei doch völ­lig zu Recht abrup­te Öff­nun­gen, wie sie die FDP for­dert, sowie das Mer­kel­sche Wei­ter-so und spricht von einem soli­da­ri­schen Lock­down und einer Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie …

Das ist auch über­fäl­lig. Aller­dings ist DIE LINKE in Thü­rin­gen, Bre­men und Ber­lin an der Regie­rung betei­ligt und trägt dort die fal­sche Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung mit. Das belas­tet die Glaub­wür­dig­keit der Par­tei. Auch spielt die Pan­de­mie in den bis­he­ri­gen Pla­nun­gen im Wahl­pro­gramm noch gar kei­ne Rol­le. Gleich­zei­tig gibt es bis jetzt weder Mate­ri­al noch ande­re Hil­fe­stel­lun­gen, wie die Kreis­ver­bän­de und Akti­ven durch die Par­tei beim The­ma Pan­de­mie­be­kämp­fung real unter­stützt wer­den. Das muss sich drin­gend ändern. Es geht ja auch dar­um, dass die Par­tei ihre prak­ti­sche Auf­bau- und Bewe­gungs­ar­beit vor­an­brin­gen kann. Aber ja, der Beschluss zur Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie kann allen, die #Zero­Co­vid oder ähn­li­che Kon­zep­te unter­stüt­zen, Raum bie­ten, in der Par­tei aktiv zu wer­den und den Kurs mit­zu­be­stim­men. Wir ste­hen in der Par­tei aber erst am Anfang.

Wie kann die Lin­ke die indi­vi­du­el­le Frei­heit ver­tei­di­gen und die Pan­de­mie wirk­sam bekämp­fen?

Das geht vor allem durch den Auf­bau von Wider­stand. Die­ser soll­te sich aber nicht nur auf die „indi­vi­du­el­le Frei­heit“ kon­zen­trie­ren, son­dern soll­te die For­de­rung nach einem Stra­te­gie­wech­sel in der Pan­de­mie­be­kämp­fung ins Zen­trum stel­len. Dazu gehört auch der sozia­le Schutz aller oder die Frei­ga­be der Paten­te.

Ist es falsch, die Ein­schrän­kung der Grund­rech­te zu kri­ti­sie­ren?

Nein, abso­lut nicht. Aber vie­le kri­ti­sie­ren die Ein­schrän­kun­gen, indem sie die Gefahr, die von dem Virus aus­geht, klein­re­den.

Aber wie soll ohne Ein­schrän­kun­gen die Seu­che wirk­sam bekämpft wer­den?

Natür­lich müs­sen Kon­tak­te redu­ziert und die Mobi­li­tät ein­ge­schränkt wer­den, um die Seu­che erfolg­reich zu bekämp­fen. Die Kri­tik an der Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung rich­tet sich jedoch nicht dar­auf, ob sol­che nicht-phar­ma­zeu­ti­schen Maß­nah­men (NPI) nötig sind, son­dern wie die­se umge­setzt wer­den. Und vor allem: In wel­cher über­ge­ord­ne­ten Stra­te­gie die NPIs ein­ge­setzt wer­den, um uns vor dem Virus zu schüt­zen.

Was heißt das kon­kret?

Es braucht weder Aus­gangs­sper­ren noch Demons­tra­ti­ons­ver­bo­te, um eine Seu­che wirk­sam zu bekämp­fen. Aus­gangs­sper­ren haben aus epi­de­mio­lo­gi­scher Sicht kei­nen nach­hal­ti­gen Effekt auf die Ein­däm­mung des Virus und demons­trie­ren kön­nen wir auch mit Abstand und Mas­ke, ohne dass wir uns und ande­re Men­schen in Gefahr brin­gen. Die Anste­ckungs­ge­fahr ist drau­ßen bei Ein­hal­tung der AHA-Regeln nahe null.

Wel­che Maß­nah­men hät­ten statt­des­sen gewählt wer­den sol­len, um die Zahl der Infi­zier­ten deut­lich zu sen­ken?

Die drit­te Wel­le wird nicht ohne einen effek­ti­ven Lock­down schnell gestoppt wer­den kön­nen. Dazu gehört an ers­ter Stel­le die Arbeits­welt, aber eben auch Schu­len, Kitas. Die Schu­len und Kitas bei hohen und stei­gen­den Fall­zah­len offen zu hal­ten, ist eine Gefahr für die Gesund­heit der Beschäf­tig­ten, Kin­der und deren Eltern. Die effek­tivs­te Maß­nah­me ist eine drei­wö­chi­ge bezahl­te Pau­se. Also die Schlie­ßung aller gesell­schaft­lich nicht zwin­gend erfor­der­li­chen Dienst­leis­tungs- und Pro­duk­ti­ons­be­rei­che, bei vol­lem Lohn­aus­gleich für die Beschäf­tig­ten plus Schul- und Kita­schlie­ßun­gen.

Wel­che Maß­nah­men wür­den noch hel­fen?

Der „Game­ch­an­ger“ in Por­tu­gal war unter ande­rem die Home­of­fice-Pflicht. In der Zeit zwi­schen 15. Janu­ar und 15. März sank der Mobi­li­täts­wert in Bezug auf Arbeits­plät­ze auf bis zu minus 46 Pro­zent in der Spit­ze – ein so nied­ri­ges Auf­kom­men, wie es nur am Neu­jahrs­tag erreicht und nur im ers­ten Lock­down über­trof­fen wor­den war.[viii] Noch wich­ti­ger aber: Nahe­zu den gesam­ten Febru­ar über lag die Mobi­li­täts­re­duk­ti­on in Bezug auf Arbeit in Prä­senz kon­ti­nu­ier­lich bei 40 Pro­zent und mehr; im dar­auf­fol­gen­den März bei deut­lich mehr als minus 30 Pro­zent. Zum Ver­gleich: In Deutsch­land liegt die­ser Wert (abge­se­hen von den Oster­fe­ri­en) in den ver­gan­ge­nen Wochen nur bei weni­ger als minus 20 Pro­zent.[ix] Aber damit sol­che Maß­nah­men nach­hal­tig wir­ken, müs­sen sie ein­ge­bet­tet in einen Stra­te­gie­wech­sel sein.

Sonst geht das Gan­ze wie­der von vor­ne los?

Ja, Lock­down-Jo-Jo eben. Die ein­zi­gen Län­der, wel­che die Pan­de­mie nach­hal­tig (auch ohne eine Impf­kam­pa­gne) unter Kon­trol­le gebracht haben, sind Län­der, die das Virus mit einer Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie bekämpft haben wie bei­spiels­wei­se Aus­tra­li­en, Neu­see­land, Viet­nam oder Tai­wan. Die Kon­zep­te dafür lie­gen auf dem Tisch – sowohl #Zero­Co­vid oder jetzt DIE LINKE machen sich dafür stark.

Kurz Zusam­men­ge­fasst: Wel­che Vor­tei­le hat eine sol­che Stra­te­gie?

Nied­ri­ge Fall­zah­len haben Vor­tei­le für alle: Nied­ri­ge Fall­zah­len ret­ten Leben. Lock­downs kön­nen kurz sein und damit die Gesell­schaft scho­nen. Infek­ti­ons­ket­ten kön­nen wie­der nach­voll­zo­gen wer­den. Men­schen kön­nen sich in Qua­ran­tä­ne bege­ben und so kann die Seu­che effek­ti­ver kon­trol­liert wer­den. Schu­len und Kitas kön­nen sicher offen­ge­hal­ten wer­den und Impf­stof­fe kön­nen in Ruhe pro­du­ziert und ver­teilt wer­den.

Aber ist es dafür nicht zu spät?

Nein, im Gegen­teil: Auch wäh­rend einer Impf­kam­pa­gne ist es von gro­ßem Vor­teil, nied­ri­ge Fall­zah­len zu errei­chen.

War­um?

Hohe und selbst mitt­le­re Fall­zah­len geben dem Virus die Chan­ce zu soge­nann­ten Flucht­mu­ta­tio­nen (Escape-Vari­an­ten). Davor war­nen For­schen­de seit Beginn der Pan­de­mie. Wenn dem Virus erlaubt wird „mit uns zu leben“, obwohl Mil­lio­nen Men­schen noch kei­nen Immun­schutz besit­zen, kön­nen neue gefähr­li­che­re Vari­an­ten des Erre­gers ent­ste­hen – nicht nur durch Muta­tio­nen, son­dern auch durch Kreu­zun­gen.

Was ist dar­an gefähr­li­cher?

So könn­ten Viren­stäm­me ent­ste­hen, wel­che die Eigen­schaf­ten meh­re­rer Muta­tio­nen ver­bin­den und den Immun­schutz durch eine Imp­fung umge­hen. Die­se Escape-Vari­an­ten kön­nen sich dort ent­wi­ckeln, wo vie­le Men­schen geimpft sind und gleich­zei­tig eine hohe oder mitt­le­re Inzi­denz herrscht. Des­we­gen ist es nicht zu spät. Eine Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie ist die bes­te Vor­aus­set­zung für eine erfolg­rei­che Impf­stra­te­gie.

Aber Län­der, die mit einer sol­chen Stra­te­gie erfolg­reich waren, sind ent­we­der Dik­ta­tu­ren oder Insel­staa­ten. Ist eine sol­che Per­spek­ti­ve für Euro­pa nicht unrea­lis­tisch?

Um eine Seu­che erfolg­reich zu bekämp­fen, ist weder eine Insel­la­ge noch eine Dik­ta­tur mit auto­ri­tä­rem Poli­zei­staat nötig. Das Ein­mal­eins der Epi­de­mio­lo­gie ist Schnel­lig­keit. Dazu gehört dann auch: tes­ten, nach­ver­fol­gen, schüt­zen und schließ­lich imp­fen. An die­sen simp­len Grund­vor­aus­set­zun­gen schei­tern jedoch die meis­ten Regie­run­gen.

Aber Insel­la­ge macht es doch ein­fa­cher, sich abzu­schot­ten?

Auch auf einer Insel wür­de sich das Virus expo­nen­ti­ell ver­brei­ten, wenn es nicht kon­se­quent gestoppt wird, das­sel­be gilt für Dik­ta­tu­ren. In Euro­pa wäre es nicht schwer, die Seu­che nach­hal­tig zu bekämp­fen. Vie­le Län­der sind reich und haben die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten, um medi­zi­nisch-tech­ni­sche Hilfs­mit­tel zu orga­ni­sie­ren, die dafür nötig sind: kos­ten­freie PCR-Mas­sen­tests und FFP-2-Mas­ken sowie den mas­si­ven Aus­bau des Gesund­heits­sys­tems, spe­zi­ell jener Berei­che, die für Seu­chen­prä­ven­ti­on, Kon­takt­ver­fol­gung und groß­flä­chi­ge Public-Health-Scree­nings benö­tigt wer­den. Es ist eher umge­kehrt: Die Mit­tel-Inzi­denz-Stra­te­gie der Regie­run­gen in Euro­pa führt dazu, dass die Gesell­schaf­ten im Dau­er­lock­down ver­har­ren und in die­sem Kon­text die Bür­ger- und Frei­heits­rech­te dau­er­haft mas­siv ein­ge­schränkt wer­den.

Man­che Lin­ke sagen, dass ist alles so kom­pli­ziert und schwie­rig. Soll­te die Lin­ke sich denn über­haupt ein­mi­schen? Viel­leicht ist es bes­ser, die gan­ze Sache den Viro­lo­gen und Epi­de­mio­lo­gin­nen zu über­las­sen?

Das wäre fahr­läs­sig.

Inwie­fern?

Wenn sich die Lin­ke nicht mit einer eigen­stän­di­gen Ant­wort auf die Pan­de­mie­po­li­tik der Regie­rung hör- und sicht­bar macht, dann macht es die orga­ni­sier­te Rech­te. Wir befin­den uns in einem Wett­lauf: Die rech­ten Pro­tes­te von Coro­nal­eug­nern in Öster­reich, den Nie­der­lan­den aber auch in Deutsch­land sind eine War­nung.

Sie knüp­fen an den Wider­sprü­chen des kapi­ta­lis­ti­schen Lock­downs an und mobi­li­sie­ren Abstiegs­ängs­te und fal­sche Deu­tungs­mus­ter über die Kri­se.

Ja, die Lin­ke muss sich dem ent­ge­gen­stel­len. Sie muss For­de­run­gen stel­len und Kämp­fe orga­ni­sie­ren, wel­che an den medi­zi­ni­schen und sozia­len Bedürf­nis­sen der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ori­en­tiert sind, wenn sie aus­strah­len und gewin­nen will. Es gibt aber noch einen ande­ren wich­ti­gen Grund.

Und der wäre?

Wir befin­den uns im zwei­ten Jahr der Pan­de­mie und es ist klar: Die Gefahr, die von dem Virus aus­geht, ist nicht gebannt. Das liegt nicht zuvor­derst an dem Virus selbst, son­dern an der poli­ti­schen Reak­ti­on auf die Seu­che. Das Virus ist gefähr­lich, aber noch bedroh­li­cher ist das Agie­ren der poli­ti­schen Klas­se. Das betrifft die Stra­te­gie der aku­ten Not­fall­maß­nah­men, aber auch die Fra­ge der Ursa­chen­be­kämp­fung von Pan­de­mien – also den Zusam­men­hang von Kli­ma­wan­del, Ent­wal­dung, der indus­tri­el­len Mas­sen­tier­hal­tung, welt­wei­ter Armut und der Ent­ste­hung von Zoo­no­sen.

War­um soll­te das für die Lin­ke ein The­ma sein?

Weil die gan­ze Welt davon betrof­fen ist. Wir leben in einer Zei­ten­wen­de. Nicht nur der Kli­ma­wan­del bedroht die Exis­tenz der Mensch­heit. Die eigent­li­che Gefahr jedes neu­en Aus­bruchs ist doch die Untä­tig­keit der Regie­ren­den, die sich wei­gern anzu­er­ken­nen, dass jeder neue Aus­bruch eines Virus eben kein Ein­zel­fall ist, son­dern Teil einer grö­ße­ren Bedro­hung – her­vor­ge­ru­fen durch eine glo­ba­le öko­lo­gi­sche Kri­se, wel­che nur mit einem radi­ka­len Kurs­wech­sel nach­hal­tig bekämpft wer­den kann.

Was meinst du damit?

Die Lin­ke soll­ten sich über fol­gen­des im Kla­ren sein: Die­se Pan­de­mie wird nicht die letz­te gewe­sen sein. Covid-20, Covid-21 oder was auch immer für eine Virus­va­ri­an­te könn­ten jeder­zeit ent­ste­hen, auf den Men­schen über­sprin­gen und eine neue Krank­heits­wel­le zum Aus­bruch brin­gen.

Wie kommt es dazu?

Covid-19 ist nichts „Natür­li­ches“. Nicht etwas, wie man­che argu­men­tie­ren, das von „außen“ über die Gesell­schaf­ten her­ein­brach wie eine Natur­ka­ta­stro­phe. Die Coro­na-Pan­de­mie ist Pro­dukt eines glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus, der in sei­ner Gier nach Roh­stof­fen den Pla­ne­ten in eine gro­ße Agrar­fa­brik ver­wan­delt hat, der in die­sem Pro­zess Men­schen vom Land ver­treibt, sie in städ­ti­schen Slums zusam­men­pfercht, Pri­mär­wäl­der rodet, sie durch Mono­kul­tu­ren ersetzt und so die natür­li­che Bar­rie­re zwi­schen Wild­tie­ren und Men­schen zum Ein­sturz bringt, so dass sich die Risi­ken für Zoo­no­sen mul­ti­pli­zie­ren.

Das klingt düs­ter …

Ja, so ist das lei­der. Pan­de­mien, aus­ge­löst durch Zoo­no­sen, also von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier über­trag­ba­re Infek­ti­ons­krank­hei­ten, sind eine ticken­de Zeit­bom­be. Die pan­de­mi­schen Ein­schlä­ge rücken näher. Erst im Febru­ar 2021 ist das Vogel­grip­pe­vi­rus in einem Mast­be­trieb in Russ­land auf einen Men­schen über­ge­sprun­gen. All das zeigt: Nötig ist eine Poli­ti­sie­rung der Viro­lo­gie und der Epi­de­mio­lo­gie von links.

Was wäre ein ers­ter Schritt dahin?

Die Lin­ke soll­te ihre Beob­ach­ter­rol­le, die sie zur Fra­ge der grund­sätz­li­chen Stra­te­gie in der Pan­de­mie­be­kämp­fung mehr­heit­lich ein­nimmt, been­den und sich für eine Nied­rig-Inzi­denz-Stra­te­gie ein­set­zen. Die Hoff­nung ent­steht in den Kämp­fen der Men­schen. Und wir wis­sen: Unter dem Sprüh­ne­bel des Coro­na­vi­rus tobt der Klas­sen­kampf. Höchs­te Zeit, dass die Lin­ke sich ein­mischt.

Yaak, vie­len Dank für das Gespräch.

Das Inter­view mit Yaak Pabst von marx21 führ­te Jules El-Kha­tib am 25. April.


[i] https://​www​.mar​x21​.de/​c​o​r​o​n​a​-​a​u​s​g​a​n​g​s​s​p​e​r​r​e​n​-​s​i​n​d​-​k​e​i​n​-​g​a​m​e​c​h​a​n​g​er/

[ii] https://​www​.rnd​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​c​o​r​o​n​a​-​i​n​-​p​o​r​t​u​g​a​l​-​n​o​t​s​t​a​n​d​-​u​n​d​-​n​a​c​h​t​l​i​c​h​e​-​a​u​s​g​a​n​g​s​s​p​e​r​r​e​-​H​R​5​H​2​N​3​L​Q​C​4​S​H​W​5​4​J​2​C​G​H​P​O​J​M​Q​.​h​tml

[iii] https://​www​.mer​kur​.de/​r​e​i​s​e​/​c​o​r​o​n​a​-​p​o​r​t​u​g​a​l​-​u​r​l​a​u​b​-​n​o​t​s​t​a​n​d​-​a​u​s​g​a​n​g​s​s​p​e​r​r​e​-​r​e​g​e​l​n​-​z​r​-​9​0​0​4​7​4​8​5​.​h​tml

[iv] https://​www​.frei​tag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​l​a​u​t​e​r​b​a​c​h​s​-​z​w​e​i​f​e​l​h​a​f​t​e​s​-​lob

[v] https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/statistisches-bundesamt‑6–4‑millionen-menschen-leben-in-deutschland-in-ueberbelegten-wohnungen/26661388.html

[vi] https://www.n‑tv.de/wissen/Beim-Spazieren-passiert-garantiert-nichts-article22373586.html

[vii] https://​www​.welt​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​r​t​i​c​l​e​2​3​0​4​7​3​5​2​9​/​C​o​r​o​n​a​-​P​a​n​d​e​m​i​e​-​A​f​D​-​F​r​a​k​t​i​o​n​s​c​h​e​f​-​G​a​u​l​a​n​d​-​g​e​g​e​n​-​C​o​v​i​d​-​1​9​-​g​e​i​m​p​f​t​.​h​tml

[viii] https://ourworldindata.org/grapher/changes-visitors-covid?time=2020–09-03..latest&country=~PRT

[ix] https://ourworldindata.org/grapher/changes-visitors-covid?country=~DEU

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