[Freiheitsliebe:] Queere und feministische Aktivistinnen prägen Tunesiens Proteste

Der soge­nann­te „Ara­bi­sche Früh­ling“ star­te­te im Dezem­ber 2010 in Tune­si­en, bevor er sich wei­ter durch Nord­afri­ka und den Mitt­le­ren Osten zog. Unter­ge­ord­ne­te Grup­pie­run­gen nah­men die zen­tra­le Rol­le in die­ser neu­en Form der Bewe­gung ein, die sich für Men­schen­rech­te, das Recht auf gesell­schaft­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on, aus­rei­chen­de Min­dest­löh­ne und sozia­le Gerech­tig­keit ein­setz­te.

Die Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter der star­ken tune­si­schen Dach­ge­werk­schaft „Uni­on Géné­ra­le Tuni­si­en­ne du Tra­vail (UGTT)“ gehör­ten schon zu den trei­ben­den Akteu­ren der Pro­tes­te, die lan­ge vor 2011 statt­fan­den. Zur sel­ben Zeit stell­te der Tune­si­sche Ver­band Demo­kra­ti­scher Frau­en („Asso­cia­ti­on Tuni­si­en­ne des Femmes Démo­cra­tes“, ATFD) eine wich­ti­ge Oppo­si­ti­on gegen­über dem Regime in den 1990ern und dem neu­en Jahr­tau­send dar. Sie kämpf­ten für Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, Isla­mis­mus und den auf­stei­gen­den Kon­ser­va­tis­mus.

Der Beginn des Über­gangs zur Demo­kra­tie in Tune­si­en lässt sich am 14. Janu­ar 2014 fest­ma­chen. An die­sem Tag wur­de eine neue Ver­fas­sung fest­ge­legt. Tune­si­sche Frau­en haben im Lau­fe die­ses Pro­zes­ses rele­van­te Errun­gen­schaf­ten erreicht. Die­se fes­tig­ten sich durch die Ver­ab­schie­dung meh­re­rer Geset­ze, die die poli­ti­schen und juris­ti­schen Rech­te von Frau­en stär­ken, wie das Gesetz 58 aus 2017, das Gewalt gegen Frau­en kri­mi­na­li­siert. Trotz­dem erfah­ren tune­si­sche Frau­en, LGBTQIA+-Zugehörige und Jugend­ak­ti­vis­tin­nen und Jugend­ak­ti­vis­ten wei­ter­hin weit­läu­fig Poli­zei­ge­walt und Repres­si­on.

Im Janu­ar 2021 – genau ein Jahr­zehnt nach den Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen auf­grund der Selb­stop­fe­rung von Moha­med Boua­zi­zi, wel­che die Gescheh­nis­se, die zum Ende des Regimes von Zine El Abi­di­ne Ben Ali führ­ten – brach eine neue Wel­le der Pro­tes­te in Tune­si­en aus.

Das fol­gen­de Inter­view mit Hen­da Chen­naoui unter­sucht die­se neu­en Bewe­gun­gen. Hen­da ist eine füh­ren­de tune­si­sche Femi­nis­tin und Frau­en­rechts­ak­ti­vis­tin. Sie kon­zen­triert sich auf sozia­le Kämp­fe, Queer­ak­ti­vis­mus, zivi­len Wider­stand und öko­no­mi­sche Ungleich­hei­ten.

Tune­sie­rin­nen und Tune­si­er sind wie­der zurück auf der Stra­ße. Was sind die For­de­run­gen die­ser sozia­len Bewe­gun­gen heu­te?

Alles begann mit nächt­li­chen Demons­tra­tio­nen Anfang Janu­ar die­ses Jah­res. In die­ser Woche jähr­te sich das zehn­te Jubi­lä­um der Revo­lu­ti­on von 2010/​2011 und die Regie­rung hat eine Aus­gangs­sper­re ver­hängt. Jedes Jahr im Dezem­ber und Janu­ar fin­den spe­zi­ell in armen oder pro­le­ta­ri­schen Nach­bar­schaf­ten von Tunis Demons­tra­tio­nen für sozia­le Gerech­tig­keit statt.

Die­ses Jahr gin­gen Jugend­li­che gemein­sam mit benach­tei­lig­ten Men­schen aus den Vor­städ­ten auf die Stra­ße. Dies geschah nicht nur in den urba­nen armen Gegen­den, son­dern auch außer­halb der Haupt­stadt.

Die Demons­tra­tio­nen fan­den nachts statt und wur­den mit star­ken Repres­sio­nen durch die Poli­zei erwi­dert, spe­zi­ell in benach­tei­lig­ten Gegen­den. Jugend­li­che Demons­trie­ren­de wur­den mas­sen­haft fest­ge­nom­men und in den Gefan­ge­nen­la­gern oft Fol­ter aus­ge­setzt. Die Main­stream-Medi­en blie­ben kom­plett still, wäh­rend das Innen­mi­nis­te­ri­um die Demons­trie­ren­den des Van­da­lis­mus bezich­tig­te.

Die­se Repres­sio­nen führ­ten zu einer Soli­da­ri­täts­wel­le von vie­len ande­ren jun­gen Tune­sie­rin­nen und Tune­si­ern, Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­tin­nen, Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­ten, infor­mel­len Zusam­men­schlüs­sen und poli­ti­schen Bewe­gun­gen. Spon­ta­ne Mär­sche und Demons­tra­tio­nen kamen zusam­men, um Frei­heit für die poli­ti­schen Gefan­ge­nen zu for­dern und die Sicht­bar­keit der Demons­trie­ren­den in den ärms­ten Vier­teln zu erhö­hen. Am 14. Janu­ar orga­ni­sier­ten die „Ver­wun­de­ten der Revo­lu­ti­on“, die, die wäh­rend der Revo­lu­ti­on 2010/​2011 ver­letzt wur­den, eine Sitz­blo­cka­de in der Innen­stadt von Tunis. Dort for­der­ten sie, dass die tune­si­schen Auto­ri­tä­ten nach mehr als zehn Jah­ren end­lich ihren Sta­tus aner­kann­ten. Ihre Demons­tra­ti­on zog sich bis Mit­te Febru­ar hin.

2014 ließ das Innen­mi­nis­te­ri­um Bar­ri­ka­den errich­ten, um Men­schen von einem Marsch auf der Ave­nue Habib Bour­gui­ba, der Start­punkt der Revo­lu­ti­on 2011, abzu­hal­ten. Die Demons­trie­ren­den von heu­te sind ent­schlos­sen, die­se Bar­ri­ka­den nie­der­zu­rei­ßen.

Wie üblich waren die­se Pro­tes­te nur semi-orga­ni­siert. Die Teil­neh­mer­schaft bestand aus LGBTQIA+-Aktivist*innen, Feminist*innen, Stu­die­ren­den, arbeits­lo­sen Jugend­li­chen und Hochschulabsolvent*innen, Gewerkschaftler*innen, jun­gen Fuß­ball-Ultras, Gegner*innen der Kri­mi­na­li­sie­rung von Can­na­bis und ande­ren.

Die Bewe­gung hat kei­ne kla­re poli­ti­sche Iden­ti­tät, for­dert aber gemein­sam öko­no­mi­sche Refor­men, Steu­er­ge­rech­tig­keit, Abwen­dung von der Aus­teri­täts­po­li­tik und ein Ende der Kor­rup­ti­on. Es gab auch eine Bau­ern­de­mons­tra­ti­on gegen die Spar­po­li­tik und die Pri­va­ti­sie­rung von Agri­kul­tur.

Sind die­se Pro­tes­te eine Fort­set­zung der Demons­tra­tio­nen 2010/​2011?

Ja, man kann sagen, dass es Zusam­men­hän­ge gibt. Wie vor­an­ge­gan­ge­ne Bewe­gun­gen for­dern die aktu­el­len Pro­tes­tie­ren­den recht­li­che und öko­no­mi­sche Refor­men und mehr Bür­ger­frei­hei­ten. Sie wol­len auch die Errun­gen­schaf­ten der Revo­lu­ti­on schüt­zen, ins­be­son­de­re Mei­nungs­frei­heit und das Recht auf poli­ti­sche Basis­or­ga­ni­sa­ti­on.

Ich war Zeu­gin jeder ein­zel­nen Demons­tra­ti­on seit Janu­ar und habe eine fort­lau­fen­de Hal­tung bezüg­lich Pro­pa­gan­da der Regie­rung und der Medi­en fest­stel­len kön­nen. Was neu, aber nicht über­ra­schend, ist, ist die Inter­sek­tio­na­li­tät der Bewe­gung. Slo­gans bezüg­lich Frau­en- und LGBTQIA+-Rechten sind neben den For­de­run­gen nach sozia­ler Gerech­tig­keit zu hören. Das zeigt die Rei­fe des Kampf­geis­tes in Tune­si­en: Eine Genera­ti­on hat sich an der Basis sowie der poli­ti­schen und der mili­tan­ten Ebe­ne zusam­men­ge­tan. Mit den Wur­zeln in Arbei­ter- und Unter­schicht­be­rei­chen, formt sie eine gemein­sa­me Front, die ein­heit­li­che For­de­run­gen stellt.

Wie hat sich die tune­si­sche Obrig­keit – ins­be­son­de­re die Poli­zei – zu den Pro­tes­ten ver­hal­ten?

Die Poli­zei nutzt immer die glei­chen Mit­tel der Repres­si­on: Will­kür­li­che Fest­nah­men und die Ter­ro­ri­sie­rung gan­zer Com­mu­nities und Nach­bar­schaf­ten. Wir sind Zeu­gen von Fol­ter an Kin­dern in den Gefan­ge­nen­la­gern und der gewalt­sa­men Ver­neh­mung jun­ger Pro­tes­tie­ren­der. Min­des­tens 1.000 Jugend­li­che wur­de zwi­schen Mit­te Janu­ar und Mit­te Febru­ar fest­ge­nom­men. Poli­ti­sche Ver­fah­ren wer­den genutzt, um ihre Fami­lie und Com­mu­nities ein­zu­schüch­tern.

Nie­mand der poli­ti­schen Füh­rungs­per­so­nen redet über die­se Gewalt. Nie­mand ver­ur­teilt die­se Pra­xis oder droht den Ver­ant­wort­li­chen mit einer Stra­fe, die eigent­lich nach einem Gesetz, das Gewalt bei Demons­tra­tio­nen unter­sagt, fäl­lig wäre. Die Poli­zei schi­ka­niert gera­de die Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten, die in armen Gegen­den die Anfüh­ren­den ihrer Com­mu­nities sind. Das tun sie, um poten­zi­el­le Anfüh­ren­de der Bewe­gun­gen ruhig zu stel­len.

Die­se Ent­wick­lung ist gefähr­lich und eine Gefahr für die Frei­hei­ten, die in der Revo­lu­ti­on erlangt wur­den, wie zum Bei­spiel das Recht auf Orga­ni­sie­rung und Demons­tra­tio­nen. Dies wird die Frus­tra­ti­on vie­ler Tune­sie­rin­nen und Tune­si­er nur ver­stär­ken. Wir leben in einer schwer­wie­gen­den öko­no­mi­schen Kri­se, nicht nur wegen der Pan­de­mie, son­dern auch wegen jah­re­lan­ger Dis­kri­mi­nie­rung und schlech­ten Manage­ments.

Was sind die neu­en For­de­run­gen der tune­si­schen Feminist*innen bei den aktu­el­len Pro­tes­ten?

Feminist*innen stan­den bei den aktu­el­len Pro­tes­ten an vor­ders­ter Front, mit poli­ti­schen Slo­gans, die sozia­le Gerech­tig­keit für alle Tune­sie­rin­nen und Tune­si­er for­dern, Kor­rup­ti­on ver­ur­tei­len und die Aner­ken­nung der Märtyrer*innen der Revo­lu­ti­on for­dern. Heu­te fokus­sie­ren sich Bewe­gun­gen wie die AFTD gemein­sam mit unter­ge­ord­ne­ten femi­nis­ti­schen Bewe­gun­gen haupt­säch­lich auf Wirt­schafts­ge­rech­tig­keit, wie die Gleich­heit von Män­nern und Frau­en beim Erbrecht.

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Wie haben Tune­si­ens Gesund­heits­be­hör­den auf die Pan­de­mie reagiert? Und wie haben die Lock­downs spe­zi­ell Frau­en getrof­fen?

Im Lau­fe des letz­ten Jah­res haben tune­si­sche Behör­den bei der Ent­wick­lung einer kla­ren Stra­te­gie gegen COVID-19 ver­sagt. Es gab kei­ne Stra­te­gie, die am meis­ten Betrof­fe­nen der Kri­se zu unter­stüt­zen, weder medi­zi­nisch noch wirt­schaft­lich. Wir haben auch kei­ne Ahnung, ob es eine staat­li­che Stra­te­gie für eine Impf­kam­pa­gne gibt.

Tune­sie­rin­nen und Tune­si­er müs­sen sich um sich selbst sor­gen, denn auf den Staat kön­nen sie nicht set­zen. Kran­ken­häu­ser sind schlecht aus­ge­stat­tet, da der Staat nicht mit dem Pri­vat­sek­tor ver­han­delt hat, um den öffent­li­chen Sek­tor in die­ser Gesund­heits­kri­se zu unter­stüt­zen.

Aus­gangs­sper­ren und Not­stän­de wer­den aus­ge­nutzt, um sozia­le Bewe­gun­gen im Land von der Orga­ni­sa­ti­on gegen stei­gen­de Prei­se und zuneh­men­de Arbeits­lo­sig­keit auf­grund der Pan­de­mie abzu­hal­ten.

Die Kon­se­quen­zen der Pan­de­mie sind spe­zi­ell wirt­schaft­lich eine Kata­stro­phe für tune­si­sche Frau­en. Unzäh­li­ge haben ihre Jobs, ihre Mög­lich­keit, Waren zu pro­du­zie­ren, und ihren Land­be­sitz ver­lo­ren. Die öko­no­mi­sche Ver­wund­bar­keit tune­si­scher Frau­en gab es schon immer, aber sie wur­de durch die Pan­de­mie mas­siv ver­schärft. Die Zahl der Frau­en, die ihre Jobs ver­lo­ren haben, hat sich im letz­ten Jahr ver­drei­facht. Es ist aber unmög­lich, die Dun­kel­zif­fer fest­zu­stel­len, da kei­ne akku­ra­ten offi­zi­el­len Zah­len zur Arbeits­lo­sig­keit vor­lie­gen.

Die Wirt­schafts­kri­se ist aber nicht die ein­zi­ge gro­ße Sor­ge der Frau­en. Frau­en­rech­te sind seit län­ge­rem wie­der ver­stärkt unter Beschuss. Gene­rell sind vul­nerable Frau­en welt­weit anfäl­li­ger in die­ser Kri­se. Frau­en in Tune­si­en sind allen mög­li­chen Dis­kri­mi­nie­run­gen aus­ge­setzt. Die­ser Zustand hat sich im Lau­fe des letz­ten Jah­res ver­schlim­mert. Sie sind phy­si­scher und öko­no­mi­scher Gewalt aus­ge­setzt und die Anzahl der Frau­en, die häus­li­cher Gewalt zum Opfer fal­len, hat sich ver­sie­ben­facht.

Wäh­rend des ers­ten Lock­downs und danach gab es vie­le Initia­ti­ven für Soli­da­ri­tät inner­halb der Com­mu­nities, die direkt von Frau­en gema­nagt wur­den. Dies spielt sich auf dem Nach­bar­schafts-Level ab, gera­de in den armen Tei­len von Tunis und Umge­bung. Die dor­ti­gen Soli­da­ri­täts­ak­tio­nen gal­ten nicht nur Frau­en, son­dern auch Fami­li­en, Kin­dern, Män­nern und allen ande­ren und wur­den von Frau­en orga­ni­siert. Dort, wo sie beson­ders aktiv waren, sorg­ten sie auch für Lösun­gen für die Gesund­heits­kri­se durch Soli­da­ri­tät.

Wel­che Rech­te haben LGBTQIA+-Aktivist*innen seit der Revo­lu­ti­on 2011 erkämpft?

Die neue Genera­ti­on jun­ger LGBTQIA+-Aktivist*innen set­zen sich für eine inter­sek­tio­nel­le Visi­on ein. Wäh­rend sie sich für LGBTQIA+-Rechte enga­gie­ren, sind sie zeit­gleich in vie­le ver­schie­de­ne sozia­le und poli­ti­sche Kämp­fe ver­wi­ckelt. Ver­gli­chen mit der Ver­gan­gen­heit ist alles anders.

Die­se neu­en Erfah­run­gen sind teil­wei­se das Ergeb­nis der unstruk­tu­rier­ten Natur der Bewe­gung. Hin­ter der Bewe­gung steht kei­ne poli­ti­sche Par­tei, sie hat sich eher nach und nach seit 2007 aus einer Tra­di­ti­on ent­wi­ckelt. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren waren wir es nicht gewohnt zu sehen, dass LGBTQIA+-Kämpfer*innen an poli­ti­schen Demons­tra­tio­nen teil­neh­men. Aber Schritt für Schritt hat die Bewe­gung an Erfah­rung gewon­nen und einen Punkt erreicht, an dem es die LGBTQIA+-Bewegung ist, die lin­ke poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen wie die Volks­front legi­ti­miert. Dar­aus ent­springt ein neu­er Bestand­teil der Pro­tes­te in allen ara­bi­schen Län­dern.

Die Inter­sek­tio­na­li­tät ist in den Stra­ßen und auch in der Art und Wei­se der For­mu­lie­rung poli­ti­scher For­de­run­gen sicht­bar. Die Anführer*innen der femi­nis­ti­schen und LGBTQIA+-Bewegungen waren beson­ders bei den Demons­tra­tio­nen im Janu­ar und Febru­ar bemerk­bar und gerie­ten dar­aus resul­tie­rend ins Faden­kreuz der Poli­zei. Der Fall Rania Amdo­uni ist ein beson­ders bezeich­nen­des Bei­spiel. Amdo­uni ist eine bekann­te poli­ti­sche und LGBTQIA+-Aktivistin, die das Ziel von Repres­sio­nen und Ein­schüch­te­rung war.

War­um ist der Fall Rania Amdo­uni so rele­vant?

Rania ist auf­grund ihres Queer­ak­ti­vis­mus poli­zei­be­kannt. Sie nimmt an allen Demons­tra­tio­nen teil und war beson­ders in den jüngs­ten Pro­tes­ten sicht­bar. Die Anfein­dun­gen gegen sie began­nen vor einem Jahr. Nach dem Tod ihrer Mit­ak­ti­vis­tin Lina Ben Mhen­ni trug Rania deren Sarg gemein­sam mit ande­ren Frau­en. Das ist nach isla­mi­schen Recht ver­bo­ten, was den Zorn von Kon­ser­va­ti­ven aus­lös­te, die damit began­nen, Rania Mord­dro­hun­gen zu sen­den.

Rania war auch ein Teil einer Grup­pe jun­ger Men­schen, die vor Gericht gela­den wur­den, nach­dem eine Demons­tra­ti­on letz­ten Novem­ber vor dem Par­la­ment statt­fand. Die­se Demons­tra­ti­on war gegen einen Gesetz­ent­wurf, der zuerst 2015 ein­ge­bracht wur­de und die Straf­frei­heit von Sicher­heits­kräf­ten för­dern soll­te. Man­che Par­la­ments­mit­glie­der, Par­tei­en und Zivil­ge­sell­schafts­ak­ti­vis­ten sahen die­sen Geset­zes­vor­schlag als ver­fas­sungs­wid­rig an, die Poli­zei aber för­der­te ihn stark.

Die Dro­hun­gen gegen Rania gin­gen mona­te­lang wei­ter. Die Poli­zei ermu­tig­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dazu, Rania und ihre Freun­din­nen und Freun­de auf der Stra­ße kör­per­lich anzu­grei­fen, nur weil sie homo­se­xu­ell sind. Rania mel­de­te die Angrei­fe­rin­nen und Angrei­fer bei den Behör­den, aber hat bis­her noch kei­ne Ant­wort erhal­ten. Seit letz­tem Janu­ar wis­sen wir ziem­lich sicher, dass Rania von der Poli­zei fest­ge­nom­men wur­de. Sie wur­de wie­der­holt von der Poli­zei drang­sa­liert und grund­los in Gewahr­sam genom­men. Sie fra­gen sie nach ihren Papie­ren, machen sich über ihr Aus­se­hen und ihre Sexua­li­tät lächer­lich und bedro­hen sie. Die­se Umstän­de ermü­de­ten sie sehr, phy­sisch und psy­chisch. Sie war erschöpft von der schein­bar end­lo­sen Schi­ka­ne.

Am 27. Febru­ar, wäh­rend sie Dro­hun­gen und Ver­ge­hen auf der Poli­zei­wa­che mel­de­te, wur­de sie for­mell der „Unter­gra­bung öffent­li­cher Sitt­lich­keit“ bezich­tigt. Wäh­rend ihres Gerichts­ver­fah­rens, erfuhr sie star­ke Unter­stüt­zung durch ihre Genoss*innen, Feminist*innen, Queers, Aktivist*innen und der brei­ten Zivil­ge­sell­schaft. Wir war­te­ten auf ihren Frei­spruch, da sie kei­ne Straf­tat began­gen hat. Sie ver­han­del­ten auf Basis eines mehr­deu­ti­gen und will­kür­li­chen Geset­zes, das noch aus dem alten Regime von Ben Ali stammt. So wur­de sie über­ra­schend zu sechs Mona­ten Haft ver­ur­teilt.

Rania war Opfer ver­schie­dens­ter Dis­kri­mi­nie­run­gen, weil sie „anders“ ist, weil sie eine Wai­se ist, wegen ihrer sexu­el­len Ori­en­tie­rung und ihrer Armut. Anstel­le der Gefan­gen­schaft ver­dient sie eine Aus­zeich­nung dafür, dass sie eine gute Bür­ge­rin ist und sich aktiv in der Zivil­ge­sell­schaft enga­giert.

Ihr Fall ist nicht ein­zig­ar­tig: Vie­le Feminist*innen und LGBTQIA+-Aktivist*innen sahen, wie ihre Bil­der gemein­sam mit Mord­dro­hun­gen in den sozia­len Medi­en geteilt wur­den. Sie wur­den zufäl­lig fest­ge­nom­men, gefol­tert und sogar ihre Fami­li­en wur­den von der Poli­zei bedroht, wenn sie außer­halb ihrer Nach­bar­schaf­ten unter­wegs waren.

So eine star­ke Repres­si­on ist der Beweis, dass das Innen­mi­nis­te­ri­um wegen der Inter­sek­tio­na­li­tät der sozia­len Bewe­gun­gen und der weit­rei­chen­den Diver­si­tät der demons­trie­ren­den Jugend­li­chen besorgt sind. Des­halb reagier­ten die Behör­den so aggres­siv. Ihnen ist der Ernst der Lage bewusst und sie wis­sen, dass das Zusam­men­kom­men so vie­ler ver­schie­de­ner Grup­pen wahr­haf­tig his­to­ri­sches Poten­zi­al hat.

Das Inter­view führ­ten Hen­da Chen­naoi und Giu­sep­pe Accon­cia. Über­setzt wur­de es von Kim Brink­mann. Das Inter­view erschien in eng­li­scher Spra­che im ROAR Maga­zin.

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