[KgK:] Rebellische Städte in der Krise

Seit den 1960er Jah­ren ist die Rede von einer Ver­schie­bung der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung von der Fabrik in die Stadt. Der Wider­stand gegen die kapi­ta­lis­ti­sche Urba­ni­sie­rung hat sich seit­dem zu einem Brenn­punkt lin­ker Debat­ten und Kämp­fe ent­wi­ckelt. Doch die laut­star­ken Pro­tes­te ver­schwin­den so schnell wie sie gekom­men waren. War­um schaf­fen es die urba­nen Bewe­gun­gen nicht, die herr­schen­den Ver­hält­nis­se zu über­win­den, auch wenn sie Stra­ßen erobern und Regie­run­gen stür­zen? Um das Poten­ti­al des urba­nen Auf­stands für die kom­men­de Peri­ode der Klas­sen­kämp­fe zu erfas­sen, bli­cken wir auf die Ent­wick­lung der Bewe­gun­gen und ihre theo­re­ti­schen Kon­zep­tio­nen.

In mit­rei­ßen­den Wor­ten beschreibt Manu­ell Cas­tells die Kämp­fe in den Stra­ßen des „Quar­tier des Marol­les“ in Brüs­sel, wo 1967 Tau­sen­de ihren Zorn gegen die gro­ßen Trusts rich­te­ten, wel­che ihre Häu­ser und Knei­pen zer­stör­ten, um Büro­ge­bäu­de aus Stahl und Glas zu errich­ten: „Plötz­lich wird das dump­fe und regel­mä­ßi­ge Gebrau­se des Stadt­ver­kehrs von einem unbe­stimm­ten Getö­se unter­bro­chen, von Schrit­ten, Stim­men, Schrei­en, Klir­ren von Metall und Glas. Der Strom der Wagen steht still, Men­schen­trau­ben bil­den sich, die mar­schie­ren­de Mas­se wächst; Tücher, Papie­re und Holz­stü­cke wei­sen auf sie hin und auf ihre Stadt. Auf der Gegen­sei­te, im Gleich­schritt, die ewig behelm­ten Köp­fe, mit der Ord­nung in der Schlag­stock­spit­ze – und dann der Angriff, die Gewalt, das Aus­wei­chen. Manch­mal Trä­nen­gas, manch­mal Blut, hin und wie­der der dump­fe Knall einer Schuss­waf­fe und immer der Schock in sei­nen ver­schie­dens­ten Gestal­ten.“1

Der Auf­stand in Brüs­sel reiht sich ein in eine kon­trast­rei­che Kon­ti­nui­tät der urba­nen Kämp­fe. Mit der Ent­wick­lung der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft und der zuneh­men­den Indus­tria­li­sie­rung im 19. Jahr­hun­dert wur­de auch die Urba­ni­sie­rung vor­an­ge­trie­ben. Mil­lio­nen von Landarbeiter:innen wur­den in die Fabri­ken und Städ­te gezwun­gen um ihre Arbeits­kraft zu ver­kau­fen. Die Her­aus­bil­dung der gro­ßen Städ­te bedeu­te­te zugleich, dass mit der Stadt ein neu­er Schmelz­tie­gel der sozia­len Wider­sprü­che und Pro­tes­te ent­stand. Neben Streiks in den Fabri­ken gegen die schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen gab es Hun­ger­re­vol­ten und Auf­stän­de gegen die kata­stro­pha­le Unter­brin­gung und Ver­sor­gungs­la­ge des aus­ge­beu­te­ten Pro­le­ta­ri­ats. Mit zuneh­men­der Urba­ni­sie­rung wur­den Inves­ti­tio­nen in die gebau­te Umwelt der Städ­te für das Kapi­tal immer wich­ti­ger, wes­halb Pro­zes­se der Stadt­ent­wick­lung und urba­ne Kon­flik­te weit­ge­hend dem kapi­ta­lis­ti­schen Zyklus von Boom und Kri­se fol­gen. Wir wer­den im wei­te­ren Ver­lauf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der urba­nen Bewe­gun­gen nach­zeich­nen und das Auf­tre­ten neu­er Phä­no­me­ne im Kon­text der gegen­wär­ti­gen Coro­na- und Wirt­schafts­kri­se unter­su­chen.

Urbane soziale Bewegungen

Seit den 1960er Jah­ren haben die Pro­tes­te gegen die Urba­ni­sie­rung ver­schie­de­ne Pha­sen durch­lau­fen. Der Wider­stand der Stu­die­ren­den gegen den Auto­ri­ta­ris­mus war der Aus­lö­ser für eine neue Wel­le der städ­ti­schen Bewe­gun­gen. Unter dem Begriff der „urban social move­ments“ (städ­ti­sche sozia­le Bewe­gun­gen) wer­den viel­fäl­ti­ge Initia­ti­ven, bestehend aus unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Grup­pen und Klas­sen zusam­men­ge­fasst. Manu­el Cas­tells beschreibt die Ziel­ko­or­di­na­ten der urban social move­ments mit den drei For­de­run­gen nach kol­lek­ti­ver Kon­sump­ti­on, kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät und poli­ti­scher Selbst­be­stim­mung. Im Vor­der­grund stan­den nicht mehr die unzu­mut­ba­ren Lebens- und Wohn­ver­hält­nis­se wie im 19. Jahr­hun­dert, son­dern eine Kri­tik an den wirt­schaft­li­chen, büro­kra­ti­schen und auto­ri­tä­ren For­men der Poli­tik und Stadt­pla­nung. Die Bewe­gun­gen setz­ten sich für mehr Par­ti­zi­pa­ti­on und Demo­kra­ti­sie­rung sowie für eine plu­ra­le Stadt ein.

Seit den 1980er Jah­ren sind die Kämp­fe um die Stadt von der bür­ger­li­chen Restau­ra­ti­on und ihrer neo­li­be­ra­len Offen­si­ve geprägt. Um die Pro­fi­te zu sichern, soll­ten die sozia­len Errun­gen­schaf­ten der Arbeiter:innenbewegung, wie der öffent­li­che Woh­nungs­bau im roten Wien, aus den Jah­ren des Booms zurück­ge­dreht wer­den. Zen­tra­le Merk­ma­le einer neo­li­be­ra­len Neu­ord­nung des Städ­ti­schen sind Pri­va­ti­sie­run­gen und der Über­gang zur unter­neh­me­ri­schen Stadt­po­li­tik. Dar­aus ent­stan­den Kämp­fe gegen Ver­drän­gung und Gen­tri­fi­zie­rung sowie Akti­vi­tä­ten für eine Demo­kra­ti­sie­rung inter­na­tio­na­ler Inves­ti­tio­nen, Groß­ver­an­stal­tun­gen und Pres­ti­ge­pro­jek­te. Eben­so war es ein Kampf für die Teil­ha­be von mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen und gegen die Resi­denz­pflicht von Geflüch­te­ten.2

Die Bewe­gung Indi­gna­dos (Empör­te) im Spa­ni­schen Staat, die Gezi-Park-Pro­tes­te in der Tür­kei sowie Occu­py Wall Street in den USA waren die Höhe­punk­te die­ser Bewe­gung und zugleich die Ankün­di­gung einer neu­en Wel­le von Klas­sen­kämp­fen nach der Finanz­kri­se 2008. Die Empör­ten erho­ben sich 2011 gegen die Spar­po­li­tik der Regie­rung. Sie for­der­ten ein Ende der Pri­va­ti­sie­run­gen im Bil­dungs- und Gesund­heits­we­sen sowie den Stopp von Zwangs­räu­mun­gen. In vie­len Städ­ten ent­stan­den Ver­samm­lun­gen, Pro­test­camps und Streiks. Der Gezi-Park-Pro­test 2013 rich­te­te sich gegen ein Pres­ti­ge­pro­jekt der AKP-Regie­rung. Es war der Wider­stand gegen die bona­par­tis­ti­sche Poli­tik Erdo­gans, der die Stadt­po­li­tik und Stadt­pla­nung an eth­no­na­tio­na­len Sym­bo­len in Form von Groß­pro­jek­ten aus­rich­tet. Bei Occu­py Wall Street besetz­ten Demonstrant:innen 2011 einen Platz in Lower Man­hat­tan, um gegen das glo­ba­le Finanz­ka­pi­tal zu pro­tes­tie­ren. Occu­py begann sich natio­nal und inter­na­tio­nal rasch aus­zu­brei­ten und wur­de zu einem Sym­bol des Wider­stands gegen die Herr­schen­den und ihre neo­li­be­ra­le Agen­da.

Am wei­tes­ten ent­wi­ckel­te sich der Ara­bi­sche Früh­ling, wo Anfang des Jah­res 2011 eine Wel­le der Revol­ten Nord­afri­ka und West­asi­en erfass­te. In nahe­zu allen Län­dern der Regi­on kam es zu spon­ta­nen Mobi­li­sie­run­gen, wel­che die jewei­li­gen Regimes und ihre Prä­si­den­ten in Tune­si­en, Liby­en, Ägyp­ten und im Jemen stürz­ten. Eine neue Gesell­schafts­ord­nung konn­ten die Bewe­gun­gen aller­dings nicht auf­bau­en. Zehn Jah­re nach dem Ara­bi­schen Früh­ling ist die Bilanz ernüch­ternd, statt des Som­mers folg­ten Repres­sio­nen, Bürger:innenkriege, impe­ria­lis­ti­sche Inter­ven­tio­nen und Dschi­ha­dis­mus in vie­len Län­dern Nord­afri­kas und West­asi­ens. Die Auf­stän­de waren zwar kein expli­zit urba­nes Phä­no­men, da sie die länd­li­chen Regio­nen eben­so wie die Metro­po­len erfass­ten. Den­noch gilt der Ara­bi­sche Früh­ling mit der Beset­zung des Tah­r­ir-Plat­zes als eine wich­ti­ge Refe­renz der „Recht auf Stadt“-Bewegung.

Anto­nio Negri und Micha­el Hardt stell­ten 2017 in der Ein­lei­tung zu ihrem Buch Assem­bly fest, dass die sozia­len Bewe­gun­gen sich ein­drucks­voll erhe­ben und für kur­ze Zeit die Schlag­zei­len erobern um dann wie­der von der Bild­ober­flä­che zu ver­schwin­den. Auch wenn die Mas­sen man­cher­orts Regie­run­gen stür­zen, schaf­fen sie es nicht, einen dau­er­haf­ten Wan­del her­bei­zu­füh­ren. Die gro­ßen Bewe­gun­gen haben mit eini­gen Aus­nah­men ihre radi­ka­len For­de­run­gen abge­legt und wur­den in den Staat inte­griert oder durch die Repres­si­on des­sel­ben nie­der­ge­schla­gen. Occu­py Wall Street wur­de von der Demo­kra­ti­schen Par­tei absor­biert, eben­so wie es heu­te die Grü­nen Par­tei­en mit Fri­days for Future ver­su­chen. Die­se Insti­tu­tio­na­li­sie­rung voll­zieht sich durch die Ein­bin­dung in kom­mu­na­le Ent­schei­dungs­pro­zes­se, wobei Ele­men­te der Bewe­gung Posi­tio­nen in der Büro­kra­tie erhal­ten und sich aus den Pro­tes­ten zurück zie­hen. Ande­re Tei­le spal­ten sich ab und radi­ka­li­sie­ren sich im auto­no­men Spek­trum. Mit Losun­gen wie „Wir wol­len alles“ der ita­lie­ni­schen Auto­no­mie­be­we­gung wur­den Haus­be­set­zun­gen zum Sym­bol des Wider­stands. Der Staat unter­drückt die­se radi­ka­len Ele­men­te mit Gewalt und drängt sie in die Iso­la­ti­on. Die auto­no­me Sze­ne muss­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eine gan­ze Rei­he von Nie­der­la­gen ein­ste­cken. Beset­zun­gen wer­den inner­halb kur­zer Zeit geräumt und die Aktivist:innen von den Orga­nen der Repres­si­on ver­folgt.

Die Beob­ach­tung der bei­den Autoren Negri und Hardt trifft die Pro­ble­ma­tik der urba­nen Bewe­gun­gen auf den Punkt. Im Ange­sicht der gegen­wär­ti­gen und kom­men­den Kri­se ist es die zen­tra­le Fra­ge, wie urba­ne Bewe­gun­gen einen qua­li­ta­ti­ven Sprung hin zur Über­win­dung der herr­schen­den Ver­hält­nis­se machen kön­nen. War­um die in ihrem Buch vor­ge­schla­ge­ne Stra­te­gie aller­dings kei­ne Ver­än­de­rung gebracht hat und auch in Zukunft nicht brin­gen wird, unter­su­chen wir im Zusam­men­hang mit der stra­te­gi­schen Kon­zep­ti­on der Bewe­gun­gen.

Syriza, Podemos und En Comú

Als die Bewe­gun­gen ihren Höhe­punkt erreicht hat­ten, gab es Bestre­bun­gen, den Auf­bruch von der Stra­ße in die Insti­tu­tio­nen umzu­lei­ten. Der Popu­lis­mus von Ernes­to Laclau und Chan­tal Mouf­fe wur­de zum Ide­al die­ser neu­en poli­ti­schen For­ma­tio­nen. Ihre Theo­rie der radi­ka­len Demo­kra­tie grün­det auf einer kari­ka­tu­ris­ti­schen „Dekon­struk­ti­on“ des Mar­xis­mus. Dabei kri­ti­sie­ren sie einen ver­meint­li­chen Öko­no­mis­mus, um sich in der Fol­ge von der his­to­ri­schen Not­wen­dig­keit des Klas­sen­kamp­fes abzu­wen­den. Die Stra­te­gie des Links­po­pu­lis­mus basiert auf dem „lee­ren Signi­fi­kant“, einem Zei­chen ohne bestimm­ten Inhalt, das der brei­ten Mas­se eine Iden­ti­fi­ka­ti­on bie­ten soll und schließ­lich mit einer star­ken Füh­rungs­fi­gur gefüllt wird. Dabei ver­kommt das Pro­le­ta­ri­at vom revo­lu­tio­nä­ren Sub­jekt zu einer Manö­vrier­mas­se des Popu­lis­mus. Das aus­ge­ru­fe­ne Ziel ist ein klas­sen­über­grei­fen­des Bünd­nis des Vol­kes, wel­ches sich durch die Abgren­zung zwi­schen innen und außen oder unten und oben defi­niert und dabei sei­nen sozia­len Inhalt ver­liert. Für Laclau und Mouf­fe sind Iden­ti­tä­ten tem­po­rär und kön­nen kei­nen Klas­sen­cha­rak­ter anneh­men. Die Mit­be­grün­de­rin von Pode­mos, Caro­li­na Bescan­sa, brach­te die ambi­va­len­te Kehrt­wen­de zum Par­la­men­ta­ris­mus mit deut­li­chen Wor­ten zum Aus­druck: es gebe „ein Pode­mos, um zu pro­tes­tie­ren, und ein ande­res, um zu gewin­nen“.

Mit den Wahl­er­fol­gen von links­re­for­mis­ti­schen Par­tei­en schien die­se Stra­te­gie auf­zu­ge­hen. Die Füh­rung der Empör­ten zog mit Pode­mos lan­des­weit in die kom­mu­na­len Par­la­men­te ein. 2015 gewann Syri­za die Prä­si­dent­schafts­wahl in Grie­chen­land und seit 2020 bil­de­te Pode­mos eine Regie­rungs­ko­ali­ti­on mit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen PSOE im Spa­ni­schen Staat. Aller­dings zeig­te sich nach kur­zer Zeit, wohin die­ser Weg füh­ren wird. Syri­za wur­de gewählt, um das Land aus dem Wür­ge­griff der Troi­ka zu befrei­en, ent­wi­ckel­te sich jedoch schnell zu ihrem aus­füh­ren­den Organ. Die lin­ke Regie­rung pri­va­ti­sier­te wich­ti­ge Infra­struk­tu­ren und über­zog die Bevöl­ke­rung mit Kür­zun­gen. Auch mit der Inte­gra­ti­on von Pode­mos in den Spa­ni­schen Staat wur­de aus einer sozia­len Bewe­gung eine Ver­wal­tung des Regimes. Die soge­nann­te „pro­gres­si­ve Regie­rung“ voll­endet die Arbeits­re­form von Maria­no Rajoy (PP) und ist ver­ant­wort­lich für die Repres­si­on gegen Kritiker:innen der Mon­ar­chie und die Unab­hän­gig­keits­be­we­gung.

Im Hin­blick auf die Woh­nungs­fra­ge ist die Wahl des Bünd­nis­ses En Comú 2015 in Bar­ce­lo­na von Inter­es­se. Bür­ger­meis­te­rin Ada Colau ist lang­jäh­ri­ge Akti­vis­tin der „Bewe­gun­gen für men­schen­wür­di­ges Woh­nen“. Ihre Ver­bün­de­ten kom­men aus der muni­zi­pa­lis­ti­schen Lin­ken und ver­tre­ten die Idee einer Kon­fö­de­ra­ti­on frei­er Gemein­den. Das Kon­zept geht auf den Anar­chis­ten Mur­ry Book­chin zurück, des­sen „liber­tä­rer Muni­zi­pa­lis­mus“ von einer basis­de­mo­kra­ti­schen Poli­tik auf regio­na­ler Ebe­ne aus­geht. Schon in den 1990er Jah­ren betei­lig­ten sich in Ita­li­en Bewe­gungs­lin­ke an kom­mu­na­len Wahl­bünd­nis­sen und träum­ten von einem Netz­werk rebel­li­scher Städ­te. Das Pro­jekt En Comú ver­trat damit ein deut­lich lin­ke­res Pro­gramm als Pode­mos und weck­te Hoff­nung in der radi­ka­len Lin­ken. Die neue Regie­rung konn­te nach ihrem Antritt auch ers­te Erfol­ge ver­zeich­nen. Unter der Regie­rung von Ada Colau wur­den mehr Genos­sen­schaf­ten geför­dert, die Umnut­zung von Wohn­raum wur­de unter­sagt und Bar­ce­lo­nas erklär­te sich zur „Soli­da­ri­ty City“ (Soli­da­ri­schen Stadt). Schon nach kur­zer Zeit an der Macht wur­de aller­dings deut­lich, mit wel­chen Hür­den das Pro­jekt kon­fron­tiert ist. Das Vor­ha­ben, eine Basis­be­we­gung in den Nach­bar­schaf­ten auf­zu­bau­en, wur­de für ein Bünd­nis mit refor­mis­ti­schen Par­tei­en auf­ge­ge­ben. Seit 2016 regiert En Comú in Koali­ti­on mit der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Kata­lo­ni­ens (PSC), wel­che über Jah­re den Bür­ger­meis­ter stell­te und die Haupt­ver­ant­wor­tung für die neo­li­be­ra­le Stadt­ent­wick­lung trägt. Die Ent­wick­lung nach rechts zeig­te sich beson­ders in ihrem Ver­hält­nis zu den sozia­len Kämp­fen. Bei Tarif­ver­hand­lun­gen zwi­schen Beschäf­tig­ten der U‑Bahn und den Ver­kehrs­be­trie­ben erklär­te die Regie­rung, dass die Anhe­bung der Löh­ne für En Comú kei­ne prio­ri­tä­re For­de­rung sei. Mit ihrer ver­mit­teln­den Posi­ti­on ver­rät die lin­ke Regie­rung ihre Basis und die kämp­fen­den Beschäf­tig­ten.

In Deutsch­land wird die Per­spek­ti­ve einer lin­ken Regie­rung häu­fig mit der Links­par­tei ver­bun­den, auch wenn die Par­tei schon län­ger und struk­tu­rel­ler in den Staats­ap­pa­rat ein­ge­bun­den ist als die zuvor genann­ten Pro­jek­te. In Ber­lin regiert die Par­tei DIE LINKE mit einer Unter­bre­chung seit 2002. Ihr Erfolg bei der ver­gan­ge­nen Wahl des Abge­ord­ne­ten­haus ist nicht zuletzt dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass die Stadt seit Jah­ren von mas­si­ver Auf­wer­tung und Ver­drän­gung betrof­fen ist. Jedoch fällt auch in die­sem Fall die Bilanz ernüch­ternd aus. Die lin­ke Regie­rung ist ver­ant­wort­lich für Kür­zun­gen im öffent­li­chen Dienst sowie der Pri­va­ti­sie­rung von 60.000 Woh­nun­gen aus dem öffent­li­chen Bestand. Mit dem Mie­ten­de­ckel konn­te die Par­tei 2020 eine Reform zur Ein­däm­mung der Miet­prei­se lan­cie­ren. Nach­dem das Gesetz vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wegen man­geln­der Kom­pe­tenz der Lan­des­re­gie­rung für ungül­tig erklärt wur­de, blieb die Mobi­li­sie­rung der Par­tei sym­bo­lisch. Statt Mas­sen­pro­tes­ten soll ein wei­te­res mal der Gang zur Wahl­ur­ne auf der Bun­des­ebe­ne die Lösung der Woh­nungs­fra­ge brin­gen.

Bei den Wahl­er­fol­gen von Par­tei­en wie DIE LINKE, Syri­za oder Pode­mos kann offen­kun­dig kei­ne Rede sein von einer Ver­län­ge­rung der Bewe­gung. Sie sind nicht ein Aus­druck des Klas­sen­kamp­fes, son­dern die Umlei­tung in die Bah­nen des Refor­mis­mus. Wenn sich sozia­le Bewe­gun­gen ihrer par­la­men­ta­ri­schen Reprä­sen­ta­ti­on unter­wer­fen und sich damit in den Staat inte­grie­ren, ist es der Anfang vom Ende der Mobi­li­sie­rung. Statt­des­sen schla­gen wir eine Dis­kus­si­on über den Kampf um Hege­mo­nie als pro­gram­ma­ti­sche Füh­rung der pro­le­ta­ri­schen Klas­se über ein brei­tes revo­lu­tio­nä­res Bünd­nis mit dem Pre­ka­ri­at und den Mit­tel­schich­ten vor. Die­se Vor­stel­lung von Hege­mo­nie steht dem popu­lis­ti­schen Ver­ständ­nis von Laclau und Mouf­fe radi­kal ent­ge­gen, wel­che Hege­mo­nie auf der dis­kur­si­ven Ebe­ne als Aus­druck des Vol­kes im par­la­men­ta­ri­schen Macht­kampf ver­ste­hen. In der Kon­se­quenz sehen wir, dass revo­lu­tio­nä­re Hege­mo­nie nicht im Rah­men eines bür­ger­li­chen Regimes auf­ge­baut wer­den kann, son­dern nur in sei­ner Kon­fron­ta­ti­on.

Strategie und Strategielosigkeit

Die radi­ka­le Lin­ke such­te mit dem Kampf um die Stadt eine neue Stra­te­gie. Der Ort der Aus­ein­an­der­set­zung und damit auch die Fra­ge des Sub­jekts wur­den dabei neu defi­niert. Es ent­stan­den diver­se Stra­te­gien, wel­che sich auf die Stadt und das urba­ne Pro­le­ta­ri­at, die Sub­al­ter­nen oder die Mul­ti­tu­de als Sub­jekt stüt­zen. Die­se kön­nen wir unter den Kate­go­rien Neo- oder Post­mar­xis­mus zusam­men­fas­sen. Im fol­gen­den wer­den wir uns mit häu­fig rezi­pier­ten Stra­te­gien aus­ein­an­der­set­zen, um die Hür­den der urba­nen Bewe­gun­gen in ihrer theo­re­ti­schen Kon­zep­ti­on zu unter­su­chen.

Die Theo­rien ent­wi­ckel­ten sich vor dem Hin­ter­grund star­ker poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Umbrü­che. Die Urba­ni­sie­rung wur­de zum Motor des Kapi­ta­lis­mus und die Stadt damit zu einem wich­ti­gen Aus­tra­gungs­ort der Wider­sprü­che. Der Situa­tio­nist Guy Debord beschreibt den Pro­zess der Urba­ni­sie­rung 1967 als „Inbe­sitz­nah­me der natür­li­chen und mensch­li­chen Umwelt durch den Kapi­ta­lis­mus, der, indem er sich logisch zur abso­lu­ten Herr­schaft ent­wi­ckelt, jetzt das Gan­ze des Raums als sein eige­nes Dekor umar­bei­ten kann und muß.“3 Um die Pro­duk­ti­on sowie die öffent­li­che Ord­nung auf­recht zu erhal­ten, wer­den dem­nach die Städ­te umge­baut und das städ­ti­sche Leben zer­stört. Debord beschreibt die Iso­la­ti­on der Arbeiter:innen in künst­li­chen Tra­ban­ten­städ­ten, wäh­rend sie gleich­zei­tig zuver­läs­sig in die Waren­pro­duk­ti­on ein­ge­bun­den wer­den. Er for­dert, den Raum der Stadt durch den revo­lu­tio­nä­ren Auf­stand zurück­zu­er­obern. Sei­ne Ideen und künst­le­ri­schen Inter­ven­tio­nen beglei­te­ten den Pari­ser Mai und die Pro­tes­te der Stu­die­ren­den in Deutsch­land.

Henri Lefebvre

Seit den 1960er Jah­ren for­mie­ren sich neue Bewe­gun­gen gegen die Urba­ni­sie­rung unter dem Ban­ner „Right to the City“ (Recht auf Stadt). Der Slo­gan ist eine Auf­for­de­rung, eige­ne Ansprü­che in den städ­ti­schen Ent­wick­lun­gen zu stel­len und sich der bür­ger­li­chen Hege­mo­nie zu wider­set­zen. Inhalt­lich geht die For­de­rung nach einem „Recht auf Stadt“ auf den fran­zö­si­schen Mar­xis­ten und Sozio­lo­gen Hen­ri Lef­eb­v­re zurück, wel­cher das „Recht auf Stadt“ der for­dis­ti­schen Urba­ni­sie­rung ent­ge­gen­stellt. Er beschreibt die kapi­ta­lis­ti­schen Städ­te als „Zen­tren des Kon­sums“ und als „Ent­schei­dungs­zen­tren“ der Macht. Der Kampf um „Zen­tra­li­tät“ nimmt des­halb in sei­ner Theo­rie einen wich­ti­gen Moment der wider­stän­di­gen Pra­xis ein. Für Lef­eb­v­re ist es das Recht auf Stadt, wel­ches die­se Zen­tra­li­tät als über­ge­ord­ne­tes Recht ein­for­dert. Er benennt es als ein Recht auf Frei­heit, Recht auf Woh­nen sowie Recht auf Par­ti­zi­pa­ti­on und Aneig­nung. Das Ver­ständ­nis von Stadt umfasst bei Lef­eb­v­re den Zugang zu poli­ti­schen und gestal­te­ri­schen Ent­schei­dun­gen eben­so wie die Nut­zung der städ­ti­schen Res­sour­cen.

Lef­eb­v­re beschäf­tigt sich in „Le droit à la vil­le“ (Recht auf Stadt) mit Öko­no­mie, Phi­lo­so­phie und Kunst um eine neue Stadt am Hori­zont zu ent­wer­fen. Dabei ist die pro­gram­ma­ti­sche Nähe zum situa­tio­nis­ti­schen Urba­nis­mus deut­lich erkenn­bar. Lef­eb­v­re ent­wi­ckelt die Visi­on einer „spie­le­ri­schen“ und „mobi­len“ Stadt, wel­che an das uto­pi­sche Modell „New Baby­lon“ des Malers Con­stant erin­nert. Der Künst­ler war zeit­wei­se Mit­glied der Situa­tio­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­len und ent­warf fle­xi­ble Archi­tek­tu­ren für eine zukünf­ti­ge, post­re­vo­lu­tio­nä­ren Stadt. Mit dem Unter­gang der Lohn­ar­beit ver­schwin­de dem­nach auch der Zwang sich stän­dig an einem Ort auf­zu­hal­ten. Als sou­ve­rä­ner Akteur sei der homo ludens (spie­le­ri­scher Mensch) befä­higt, die Welt nach sei­nen Bedürf­nis­sen zu ver­än­dern und neu zu ent­wer­fen. Lef­eb­v­re fas­zi­niert die­ser Aspekt der per­ma­nen­ten Aneig­nung und Gestal­tung von Sozi­al­räu­men.4 Er strebt nach einer „kurz­le­bi­gen Stadt, ein ewi­ges Werk der Ein­woh­ner, die selbst mobil und für/​durch die­ses Werk mobi­li­siert wären“5

Um das Recht auf Stadt zu erkämp­fen, stellt Lef­eb­v­re den urba­nen Raum in das Zen­trum des Klas­sen­kampfs und macht ihn zugleich zum Aus­gangs­punkt der Revo­lu­ti­on. Im Dis­kurs über Lef­eb­v­res Ideen wird die zen­tra­li­tät des Pro­le­ta­ri­ats häu­fig miss­ach­tet. Für ihn ist das Pro­le­ta­ri­at jedoch der Motor der Urba­ni­sie­rung, wes­halb er in den städ­ti­schen Arbeiter:innen die Avant­gar­de der Kämp­fe sieht. Das Recht auf Stadt besitzt für ihn dem­nach eine stra­te­gi­sche Bedeu­tung, denn mit der „Ban­lieu­sie­rung“ der Arbeiter:innenklasse und dem damit ein­her­ge­hen­den Ver­lust von Zen­tra­li­tät dro­he deren wider­stän­di­ges „urba­nes Bewusst­sein“ zu ver­schwin­den.

Mit der Theo­rie der Zen­tra­li­tät erkann­te Lef­eb­v­re sehr früh, wel­che Risi­ken die Arbeits­tei­lung und die damit ein­her­ge­hen­de räum­li­che Segre­ga­ti­on und Kon­trol­le mit sich brin­gen wird. Heu­te ist das Pro­le­ta­ri­at nicht nur räum­lich gespal­ten, son­dern auch auf­grund der Natio­na­li­tät, des Geschlechts oder des Berufs. Wie Lef­eb­v­re rich­tig beob­ach­te­te, stellt die­se Tren­nung eine der größ­ten Hür­den der Orga­ni­sie­rung und Mobi­li­sie­rung dar. Als Refe­renz wird in die­sem Zusam­men­hang die Pari­ser Com­mu­ne genannt. Zuvor hat­te Napo­le­on III. den Stadt­pla­ner Geor­ges-Eugè­ne Hauss­mann damit beauf­tragt, das Zen­trum von Paris neu zu pla­nen, um das Pro­le­ta­ri­at zurück zu drän­gen. Die Neu­ord­nung beinhal­te­te brei­te Bou­le­vards, wel­che den Bau von Bar­ri­ka­den ver­hin­dern soll­ten, eben­so wie die sys­te­ma­ti­sche Ver­drän­gung der Arbeiter:innen in die peri­phe­ren Zonen. Für Lef­eb­v­re stellt der Auf­stand von 1871 die bedeu­tungs­vol­le Rück­kehr des Pro­le­ta­ri­ats in das städ­ti­sche Zen­trum dar. Tat­säch­lich aber war die Pari­ser Com­mu­ne auch ein Beweis dafür, dass das Pro­le­ta­ri­at nicht nur den Raum, son­dern die gan­ze Macht im Staat erobern muss, um nicht von der Reak­ti­on nie­der­ge­wor­fen zu wer­den. Der Kampf um die Macht bleibt eine Hür­de, wel­che sich in den dar­auf auf­bau­en­den Theo­rien ver­tie­fen wird.

David Harvey

Der Geo­graph und Mar­xist David Har­vey greift die Theo­rien von Lef­eb­v­re auf und ent­wi­ckelt eine Visi­on der rebel­li­schen Städ­te. Er beschreibt, wie der kapi­ta­lis­ti­sche Pro­zess der Urba­ni­sie­rung die Stadt ihren Machen­schaf­ten unter­wirft und sie als funk­tio­nie­ren­des Gemein­we­sen zer­stört, wäh­rend sie gleich­zei­tig neue sozia­le Zusam­men­hän­ge her­vor­bringt. Die Urba­ni­sie­rung ist damit Grund­la­ge für die Per­p­etu­ie­rung des Kapi­ta­lis­mus und zugleich Aus­druck sei­ner inne­ren Wider­sprü­che.

Für sei­ne Kon­zep­ti­on des urba­nen Klas­sen­kampf ana­ly­siert Har­vey die öko­no­mi­sche Ent­wick­lung der Urba­ni­sie­rung. Er unter­teilt den Pro­zess in meh­re­re Pha­sen: Die mer­kan­ti­lis­ti­sche Stadt mobi­li­siert Mehr­wert, die indus­tri­el­le Stadt pro­du­ziert, und die keyne­sia­ni­sche Stadt absor­biert das Sur­plus. In der aktu­el­len Pha­se kön­nen wir eine Kom­bi­na­ti­on aller mög­li­chen Stra­te­gien der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on durch die Urba­ni­sie­rung beob­ach­ten.

Har­vey beschreibt die Stadt als ein Sys­tem mit meh­re­ren Kapi­tal­kreis­läu­fen, wel­che die zen­tra­len Funk­ti­ons­wei­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­on beinhal­ten. Der „pri­mä­re“ Kreis­lauf beinhal­tet die Waren­pro­duk­ti­on und damit die Pro­duk­ti­on von Mehr­wert. Über­schüs­si­ges Kapi­tal wird im „sekun­dä­ren“ Kreis­lauf absor­biert, wo es lang­fris­tig als fixes Kapi­tal gebun­den ist. Dabei han­delt es sich um Inves­ti­tio­nen in die „gebau­te Umwelt“, die Infra­struk­tur oder den Immo­bi­li­en­markt. Der „ter­tiä­re“ Kreis­lauf bie­tet dar­über hin­aus die Mög­lich­keit, Kapi­tal in die sozia­le Infra­struk­tur zu inves­tie­ren. Die­ser zen­tra­le Fak­tor der Absorp­ti­on des Mehr­pro­dukts spielt, zusam­men mit ande­ren Fak­to­ren wie etwa den Rüs­tungs­aus­ga­ben, eine beson­ders wich­ti­ge Rol­le, um die Erschüt­te­run­gen von Kri­sen aus­zu­glei­chen. Sobald Wirt­schafts­kri­sen auf­tre­ten, strömt das Kapi­tal dem „sekun­dä­ren“ Kapi­tal­kreis­lauf zu und wird durch den Bau von Immo­bi­li­en und Infra­struk­tur absor­biert. In Zei­ten der Kri­se sind die Zin­sen nied­rig, aller­dings gibt es nur weni­ge zuver­läs­si­ge und ren­ta­ble Inves­ti­ti­ons­mög­lich­kei­ten. In Städ­ten mit einem sta­bi­len Wirt­schafts­wachs­tum kann das Kapi­tal dage­gen über eine län­ge­re Peri­ode gewinn­brin­gend ange­legt wer­den. Durch die­se sta­bi­li­sie­ren­de Funk­ti­on sowie die Zen­tra­li­sie­rung von Pro­duk­ti­on und Kon­sump­ti­on in den Kreis­läu­fen der Urba­ni­sie­rung, wer­den die Städ­te zu wich­ti­gen Säu­len des Kapi­ta­lis­mus.

Doch die Zir­ku­la­ti­on des Kapi­tals setzt vor­aus, dass die Herr­schen­den in der Lage sein müs­sen, den urba­nen Pro­zess zu bestim­men.6 Um die Urba­ni­sie­rung vor­an zu trei­ben, benö­tigt das Kapi­tal dem­nach die Kon­trol­le über Grund und Boden. Daher ist für Har­vey, eben­so wie für Marx und Engels, die Fra­ge der Grund­ren­te ein zen­tra­les Ele­ment im Kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus. Er zeigt, dass dem Boden­markt und damit der besit­zen­den Klas­se eine regu­la­ti­ve Funk­ti­on zukommt, ohne die der Kapi­ta­lis­mus nicht funk­tio­nie­ren kann. Damit wird die Grund­ren­te, ohne selbst Wert zu pro­du­zie­ren, zu einem wich­ti­gen Fak­tor im Akku­mu­la­ti­ons­pro­zess. Das Kapi­tal orga­ni­siert den Raum, aber der Raum hilft, das Kapi­tal zu orga­ni­sie­ren.

Um die Kon­trol­le über den Pro­zess der Urba­ni­sie­rung zu erkämp­fen, schlägt David Har­vey vor, sich auf die Stadt anstel­le der Fabrik als wich­tigs­ten Ort der Mehr­wert­pro­duk­ti­on zu kon­zen­trie­ren. „Da der Kapi­tal­über­schuss zu einem gro­ßen Teil für den urba­nen Pro­zess ver­wen­det wird, grün­det das Recht auf Stadt dar­auf, dass die Ver­tei­lung der durch die Urba­ni­sie­rung ent­stan­de­nen Über­schüs­se einer demo­kra­ti­schen Kon­trol­le unter­wor­fen wird.“7 Der Kampf um die „gebau­te Umwelt“ soll­te nach Har­vey den­sel­ben Stel­len­wert ein­neh­men wie die Kämp­fe an den ver­schie­de­nen Orten der Pro­duk­ti­on. Dabei sind die Fra­gen des All­tags ein zen­tra­les Ele­ment, um die Öko­no­mie der Urba­ni­sie­rung zu sabo­tie­ren. Har­vey for­dert des­halb von den Gewerk­schaf­ten ein stär­ke­res Enga­ge­ment in den Kämp­fen um Wohn­raum, Blei­be­recht oder Gesund­heit. Er ver­sucht so, über den Begriff des All­tags die öko­no­mi­schen und demo­kra­ti­schen Fra­gen zu ver­bin­den. Damit benennt er einen zen­tra­len Aspekt der Stra­te­gie, wel­cher dem urba­nen Kampf einen „per­ma­nen­ten“ Cha­rak­ter ver­lei­hen kann: Wenn das urba­ne Pro­le­ta­ri­at mit Hil­fe der Gewerk­schaf­ten ein radi­kal demo­kra­ti­sches Pro­gramm auf­wirft, wel­ches die Inter­es­sen der Stadt­ge­sell­schaft ver­tritt, kann es die Hege­mo­nie über ein brei­tes Bünd­nis erlan­gen. Aller­dings wird ein Appell nicht aus­rei­chen, um die Gewerk­schaf­ten zu einer Hoch­burg im Kampf um die Stadt zu machen. Har­vey igno­riert in sei­ner Kon­zep­ti­on die Rol­le der Büro­kra­tie, wel­che die Aus­ein­an­der­set­zung auf Arbeits­kämp­fe begrenzt und die Klas­se spal­tet. Die Gewerk­schaf­ten ste­hen unter büro­kra­ti­schen Füh­run­gen, wel­che zwi­schen den Inter­es­sen ver­mit­teln und dabei ihre eige­nen Pri­vi­le­gi­en ver­tei­di­gen. Eine unab­hän­gi­ge Orga­ni­sie­rung inner­halb der Gewerk­schaf­ten könn­te die­se Füh­run­gen her­aus­for­dern und den Streik für demo­kra­ti­sche Rech­te durch­set­zen. Har­veys unkri­ti­sche Hal­tung gegen­über den büro­kra­ti­schen und refor­mis­ti­schen Füh­run­gen zeigt sich auch in sei­ner Unter­stüt­zung für links­re­for­mis­ti­sche Pro­jek­te wie Syri­za oder Pode­mos. In einem Inter­view mit Ver­so Books bezeich­net er die Wahl­er­fol­ge als „pro­gres­si­ve Ent­wick­lung“, wel­che neue Hand­lungs­op­tio­nen für die Bewe­gun­gen eröff­nen wür­den.8 Auch der Aus­ver­kauf Grie­chen­lands von Syri­za an die Troi­ka ist für Har­vey kein Anlass, deren Füh­rung in Fra­ge zu stel­len.

Mit der Aus­rich­tung auf die Stadt ver­sucht Har­vey, eine Ant­wort auf die Urba­ni­sie­rung sowie die glo­ba­le Arbeits­tei­lung und dem damit ver­bun­de­nen Rück­gang der Indus­trie­ar­beit in den west­li­chen Metro­po­len zu geben. In der Fol­ge defi­niert Har­vey nicht nur den Ort der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kapi­tal, son­dern auch die Fra­ge des Sub­jekts neu. Damit das Pro­le­ta­ri­at sei­ne Schlag­kraft behält, müs­se es Teil einer brei­te­ren Klas­sen­kon­fi­gu­ra­ti­on sein, wel­che um die Stadt selbst kämpft. Außer­dem brau­che es eine brei­te Front mit den Bau­ern und Bäue­rin­nen und den Indi­ge­nen, wel­che sich in den Län­dern des glo­ba­len Südens gegen die Ent­eig­nung von Land, Was­ser und ande­ren Res­sour­cen zur Wehr set­zen. Die­ser Vor­schlag ist jedoch kei­ne Neu­heit, son­dern fes­ter Bestand­teil des revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus. In der Geschich­te der Klas­sen­kämp­fe war das Pro­le­ta­ri­at immer Teil eines Bünd­nis mit den Mit­tel­schich­ten, den Armen und dem Bau­ern­tum. Die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on hat gezeigt, dass der Erfolg die­ses Zusam­men­schlus­ses abhän­gig war von der Hege­mo­nie des Pro­le­ta­ri­ats und sei­ner Füh­rung durch eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei der Arbeiter:innen, den Bol­sche­wi­ki. Bei David Har­vey wird die brei­te Front hin­ge­gen zu einem Selbst­zweck, wobei die stra­te­gi­sche Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats in den Hin­ter­grund gerät.

Für Har­vey kon­sti­tu­iert sich in zukünf­ti­gen Kon­flik­ten eine neue Avant­gar­de, bestehend aus Beschäf­tig­ten in der Bau­wirt­schaft, der Gas­tro­no­mie, dem Trans­port­we­sen, Haus­an­ge­stell­ten, Pfle­ge­kräf­ten, und vie­len wei­te­ren pre­kär Beschäf­tig­ten. Die Sub­jek­te der Stadt­pro­duk­ti­on sind bei ihm eine Zusam­men­set­zung aus orga­ni­sier­ten Arbeiter:innen und unor­ga­ni­sier­ten Schich­ten. Dabei ver­steht er unter Stadt­pro­duk­ti­on sowohl die Errich­tung von Gebäu­den als auch urba­ne Dienst­leis­tun­gen. Die Pro­duk­ti­on von „urba­nem Leben“ stützt sich unter ande­rem auf das all­ge­mei­ne „Pre­ka­ri­at“ der Stadt. In die­ser Defi­ni­ti­on befin­det sich sein Begriff des Sub­jekts schon im Über­gang vom Mar­xis­mus zur Mul­ti­tu­de des Post­ope­rais­mus.

Antonio Negri und Michael Hardt

Das Kon­zept der Mul­ti­tu­de wur­de von den Autoren Anto­nio Negri und Micha­el Hardt ent­wi­ckelt. Sie bezeich­nen damit das kämp­fe­ri­sche Sub­jekt der Unter­drück­ten, Aus­ge­beu­te­ten und Sub­al­ter­nen. Sie for­mu­lie­ren eine anti­neoli­be­ra­le Stra­te­gie, wel­che auf der Pro­duk­ti­on der Com­mons basiert. Dabei ste­hen die Com­mu­ni­ty der Mul­ti­tu­de und ihre Kol­la­bo­ra­ti­on im Mit­tel­punkt. Negri und Hardt sehen in den Com­mons und ihren Produzent:innen das trans­for­ma­ti­ve Poten­ti­al im Kampf gegen die herr­schen­den Ver­hält­nis­se.

Da der Begriff der Com­mons bei ver­schie­de­nen Strö­mun­gen Anwen­dung fin­det und eben­so unter­schied­lich inter­pre­tiert wird, kon­zen­trie­ren wir uns auf die Spe­zi­fi­ka­ti­on der „Urban Com­mons“. Unter dem Begriff wird die kol­lek­ti­ve Her­stel­lung und Bewirt­schaf­tung mate­ri­el­ler und imma­te­ri­el­ler Res­sour­cen und Räu­me ver­stan­den. Gemeint ist ein Pro­zess der räum­li­chen Orga­ni­sa­ti­on von Pro­duk­ti­on, Repro­duk­ti­on, Eigen­tum und Zugang zu Res­sour­cen. Durch die gemein­sa­me Pro­duk­ti­on der Com­mons sol­len „Netz­wer­ke sozia­ler Koope­ra­ti­on und Inter­ak­ti­on“ geschaf­fen wer­den, wel­che die vor­herr­schen­de poli­ti­sche und sozia­le Macht infra­ge stel­len und nach neu­en For­men kol­lek­ti­ver „Gover­nan­ce“ suchen.9

Die Gemein­gü­ter sind schon seit den Anfän­gen des moder­nen Kapi­ta­lis­mus umkämpft. Die Ent­eig­nung bäu­er­lich genutz­ter Allen­de in Euro­pa beglei­te­te die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus. Karl Marx nann­te die­sen wie­der­keh­ren­den Aspekt die „ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on“. Seit den 1980er Jah­ren wütet rund um die Welt der Neo­li­be­ra­lis­mus als Aus­prä­gung des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus und betreibt mit Hil­fe von Insti­tu­tio­nen wie dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) die Ein­he­gung der Com­mons. Die Pri­va­ti­sie­run­gen sind weit­läu­fig und rei­chen von Gemein­de­land über Was­ser­res­sour­cen bis hin zu Bil­dung und Gesund­heits­ver­sor­gung.

Die The­se der „bio­po­li­ti­schen Wen­de“ des zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lis­mus von Anto­nio Negri und Micha­el Hardt kann als Aus­gangs­punkt einer neu­en Dis­kus­si­on um die Com­mons ver­stan­den wer­den. Sie wei­sen dar­auf hin, dass die Pro­duk­ti­on von Gemein­gü­tern zur Grund­la­ge des Wert­zu­wach­ses gewor­den sei. Sie beschrei­ben damit eine neue Pha­se des Kapi­ta­lis­mus, wel­che auf der Aus­beu­tung des Kom­mu­na­len, der Com­mons basie­re. Negri und Hardt bezie­hen sich dabei auf Micha­el Fou­cault, wel­cher mit dem Begriff der Bio­macht eine Herr­schafts­form bezeich­net, die die Bevöl­ke­rung kon­trol­liert, indem sie ihre Bedürf­nis­se, wie Gesund­heit und Woh­nen, regu­liert. Die Bio­macht bezeich­net aller­dings nicht die Herr­schaft einer Klas­se über eine ande­re, son­dern ledig­lich eine Abs­trak­ti­on von Herr­schafts­ver­hält­nis­sen.

Aus­ge­hend von die­ser Ana­ly­se ergibt sich für die Autoren eine neue Stra­te­gie. Dem­nach besteht der Kampf der Produzent:innen heu­te dar­in, Metho­den zu ent­wi­ckeln, sich der Über­nah­me und Ent­eig­nung ihres Schaf­fens durch das Kapi­tal zu Wider­set­zen und neue For­men des soli­da­ri­schen Gemein­schaf­fens zu ent­wi­ckeln. Gemeint ist damit die Nut­zung, Ver­wal­tung und Aneig­nung des Kom­mu­na­len, das heißt jener natür­li­cher Res­sour­cen und gesell­schaft­li­cher Reich­tü­mer, die wir tei­len und deren Nut­zung wir gemein­sam regeln. Negri und Hardt gehen davon aus, dass die Men­schen durch die gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on die Fähig­keit ent­wi­ckeln, sich selbst zu orga­ni­sie­ren und zu regie­ren. Das Sub­jekt der Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on und damit der gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­on ist ein Kon­glo­me­rat bestehend aus Unter­drück­ten und Sub­al­ter­nen aus ver­schie­de­nen Klas­sen und Schich­ten. Hardt und Negri bezeich­nen die­ses Spek­trum als Mul­ti­tu­de. Für sie ist es das revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt, wel­ches sich auf der Grund­la­ge ihrer gemein­sa­men Erfah­run­gen erhebt.

Damit lie­fern sie eine tref­fen­de Beschrei­bung für die urba­nen sozia­len Bewe­gun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re. Der Kampf um Wohn­raum wird von einem brei­ten Spek­trum aus Initia­ti­ven und Nach­bar­schaf­ten aus ver­schie­de­nen Schich­ten und Klas­sen geführt. Dies ist kaum ver­wun­der­lich, da die demo­kra­ti­schen Fra­gen nicht nur die Sub­al­ter­nen und das Pro­le­ta­ri­at betref­fen, son­dern auch die Mit­tel­schich­ten. Fried­rich Engels schrieb schon vor 145 Jah­ren: „Und die­se Woh­nungs­not macht nur soviel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbei­ter­klas­se beschränkt, son­dern auch das Klein­bür­ger­tum mit betrof­fen hat.“10

Die­se brei­ten Bewe­gun­gen sind laut­stark und kön­nen mit Gewalt den spon­ta­nen Auf­stand aus­lö­sen. Die Beset­zun­gen öffent­li­cher Plät­ze sind zum Sym­bol des Auf­stan­des der Mul­ti­tu­de gewor­den. Die Aneig­nung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on des erober­ten Rau­mes wird zum Ergeb­nis und Aus­gangs­punkt des Wider­stan­des erklärt.

Aller­dings haben es die­se Bewe­gun­gen bis­lang nicht geschafft, die Ver­hält­nis­se grund­le­gend zu ver­än­dern. Hardt und Negri stel­len in ihrem Buch „Assem­bly“ fest: „Ein­drucks­voll erhe­ben sich sozia­le Bewe­gun­gen gegen Unge­rech­tig­keit und Unter­drü­ckung, erobern für kur­ze Zeit welt­weit die Schlag­zei­len um dann von der Bild­flä­che zu ver­schwin­den. Selbst, wo sie ein­zel­ne Auto­kra­ten stüt­zen, waren sie bis­lang nicht in der Lage, wirk­lich und dau­er­haft Gegen­ent­wür­fe zu eta­blie­ren.“11 Die Nie­der­la­gen sind aller­dings kein Mys­te­ri­um, son­dern schon in der Kon­zep­ti­on ange­legt. Hardt und Negri fehlt es an einer Bilanz der Bewe­gun­gen, denen sie zuspre­chen, das neue revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt zu sein. Von Occu­py bis zu den Gelb­wes­ten waren die Pro­tes­te sehr explo­siv, aber sie konn­ten den Moment der Dop­pel­macht nicht errei­chen, geschwei­ge denn auf­lö­sen. In einem Kom­men­tar zum Auf­stand der Gelb­wes­ten schreibt Toni Negri: „Eine auto­no­me Mul­ti­tu­de kann als Gegen­macht fun­gie­ren, d.h. als eine Visi­on, die in der Lage ist, die ‘Regie­rung des Kapi­tals’ lan­ge und schwer zu belas­ten, um sie zu zwin­gen, neue Räu­me und Mit­tel für das Wohl­erge­hen der Gesell­schaft zu gewäh­ren.“12 Aber was tut die Mul­ti­tu­de, wenn die­se „Belas­tung“ erreicht ist? Wie über­win­det sie die Gren­zen der bür­ger­li­chen Ord­nung? Im glei­chen Auf­satz bestrei­tet Negri die Mög­lich­keit die­ser Macht durch die Mul­ti­tu­de selbst, indem er sagt, die Situa­ti­on der Dop­pel­macht habe einen kon­ti­nu­ier­li­chen Cha­rak­ter und kön­ne nicht auf­ge­löst wer­den. Die­ser Pes­si­mis­mus ist ver­bun­den mit der bio­po­li­ti­schen Vor­stel­lung von Macht und Sub­jekt, die von Klas­sen abs­tra­hiert und daher eine par­tei­ische Orga­ni­sie­rung schlecht­hin abge­lehnt.

Die Hür­de des Über­gangs liegt in den wider­sprüch­li­chen Klas­sen­in­ter­es­sen der Mul­ti­tu­de, wel­che die Bewe­gun­gen in die Arme der refor­mis­ti­schen und büro­kra­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen führt. Er selbst kri­ti­siert die­se Pro­ble­ma­tik als „Ver­mitt­lung zur herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Macht“. Auch die Werk­zeu­ge der Mul­ti­tu­de sind nur beschränkt wirk­sam. Im Stra­ßen­kampf ste­hen den Bewe­gun­gen mili­ta­ri­sier­te Staa­ten gegen­über und um die For­de­run­gen mit einem Gene­ral­streik durch­zu­set­zen, fehlt ihnen die sozia­le Basis in den Betrie­ben und Fabri­ken. Ihnen feh­len die Räte, die die rus­si­sche Revo­lu­ti­on zu einem Erfolg mach­ten, indem sie die Mas­sen revo­lu­tio­när ver­ei­nig­ten und die tat­säch­li­che Kon­trol­le über die Gesell­schaft über­nah­men, die die Her­stel­lung einer neu­en sozia­lis­ti­schen Ord­nung und deren Ver­tei­di­gung ermög­licht.

Damit aus der Gegen­macht der Mul­ti­tu­de eine rea­le Macht­op­ti­on ent­steht, muss das orga­ni­sier­te Pro­le­ta­ri­at mit Räten in die Aneig­nung der Com­mons ein­grei­fen. Zum einen durch ihre Stel­lung in der Pro­duk­ti­on, aber auch durch ihre Mög­lich­keit, den ande­ren Unter­drück­ten eine Per­spek­ti­ve auf­zu­zei­gen. Dadurch eröff­net sich die Macht­op­ti­on, das Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­tel und Boden zu ent­eig­nen und eine neue Form der Regie­rung im Inter­es­se der Mul­ti­tu­de zu orga­ni­sie­ren.

Lehren aus der Pariser Kommune

In den ver­schie­de­nen Kon­zep­ten sto­ßen wir immer wie­der auf kom­mu­na­le oder muni­zi­pa­le Stra­te­gien. Bei Hardt und Negri ist die Aneig­nung und Ver­wal­tung des Kom­mu­nen oder auch Com­mons, die ent­schei­den­de Auf­ga­be der Mul­ti­tu­de. Dabei bezie­hen sie sich auf die kom­mu­na­le Form des Regie­rens in der Pari­ser Kom­mu­ne. In der Rezep­ti­on zeich­net sich bereits eine Dif­fe­renz ab, wel­che sich in der Stra­te­gie fort­setzt. Wir wer­den in einem Exkurs auf das his­to­ri­sche Ereig­nis und sei­ne Bedeu­tung für den Kampf um die Stadt ein­ge­hen.

Die Revo­lu­ti­on im März 1871 war der Ruf des Pro­le­ta­ri­ats nach einer sozia­len Repu­blik, wel­che nicht nur die Mon­ar­chie, son­dern auch die Klas­sen­herr­schaft selbst besei­tigt. Nach der Nie­der­la­ge der fran­zö­si­schen Armee gegen Deutsch­land stand das Pro­le­ta­ri­at in Waf­fen und erober­te den Sitz der alten Regie­rung in Paris. Die Pari­ser Kom­mu­ne wur­de aus­ge­ru­fen und die rote Fah­ne gehisst. Sobald die neue Ord­nung in Paris ein­ge­führt war, soll­te die Kom­mu­ne als poli­ti­sche Form der Regie­rung auch in der Pro­vinz und im kleins­ten Dorf Ein­zug erhal­ten. Die Gemein­den eines jeden Bezirks soll­ten ihre gemein­sa­men Ange­le­gen­hei­ten durch Ver­samm­lun­gen von Abge­ord­ne­ten ver­wal­ten, und die­se dann wie­der Abge­ord­ne­te zur Natio­nal­de­le­ga­ti­on nach Paris schi­cken, wo die Ein­heit der Nati­on durch die Kom­mu­nal­ver­fas­sung orga­ni­siert wer­den soll­te. Die Abge­ord­ne­ten soll­ten jeder­zeit absetz­bar und an die bestimm­ten Instruk­tio­nen ihrer Wähler:innen gebun­den sein.

Die loka­le kom­mu­na­le Regie­rung war jedoch nicht das Ziel der Pari­ser Kom­mu­ne, son­dern eine „aus­deh­nungs­fä­hi­ge Form“ für die Über­win­dung der Klas­sen­herr­schaft. Karl Marx schrieb in „Der Bür­ger­krieg in Frank­reich“: „Ihr wah­res Geheim­nis war dies: Sie war wesent­lich eine Regie­rung der Arbei­ter­klas­se, das Resul­tat des Kampfs der her­vor­brin­gen­den gegen die aneig­nen­de Klas­se, die end­lich ent­deck­te poli­ti­sche Form, unter der die öko­no­mi­sche Befrei­ung der Arbeit sich voll­zie­hen konn­te.“13 Für Marx wäre die Kom­mu­nal­ver­fas­sung ohne die Macht des Pro­le­ta­ri­ats eine Unmög­lich­keit und eine Täu­schung. Negri und Hardt machen sich das Kom­mu­na­le zu eigen und tren­nen dabei die Ver­bin­dung zum Klas­sen­in­halt. Wenn aller­dings die Form zum Inhalt wird, ist das Vor­ha­ben eine Täu­schung und die Kom­mu­ne eine Unmög­lich­keit.

Proletariat und Hegemonie

Die Pari­ser Kom­mu­ne war die Ankün­di­gung eines Jahr­hun­derts der Klas­sen­kämp­fe. Mit der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 in Russ­land ging das Pro­le­ta­ri­at in die Offen­si­ve und ergriff die Macht um die Pro­duk­ti­ons­mit­tel zu ent­eig­nen und die herr­schen­de Ord­nung grund­le­gend zu ver­än­dern. Aus dem Auf­stand gegen schlech­te Arbeits­be­din­gun­gen und nied­ri­ge Löh­ne wur­de der poli­ti­sche Kampf für den Sozia­lis­mus. Durch die Ver­bin­dung von öko­no­mi­schen mit poli­ti­schen und demo­kra­ti­schen For­de­run­gen war das Pro­le­ta­ri­at in der Lage, das ver­arm­te Bau­ern­tum sowie die Mit­tel­schich­ten hin­ter sich zu ver­ei­nen und eine brei­te Front anzu­füh­ren.

Durch den Ver­rat der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei in Deutsch­land und der anschlie­ßen­den büro­kra­ti­schen Dege­ne­rie­rung der Sowjet­uni­on unter Josef Sta­lin sowie der an sie ange­schlos­se­nen „Kom­mu­nis­ti­schen“ Par­tei­en, die sich bür­ger­li­chen Regie­run­gen in Volks­fron­ten unter­ord­ne­ten, geriet die Revo­lu­ti­on ins sto­cken und erleb­te eine Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Das Pro­le­ta­ri­at als Motor der Geschich­te wur­de aus dem poli­ti­schen Feld zurück­ge­drängt.

In der Fol­ge ent­wi­ckel­te sich eine Stu­fen­wei­se Abkehr vom Ver­ständ­nis des Pro­le­ta­ri­ats als his­to­ri­sches Sub­jekt der Kämp­fe. Die Kri­ti­sche Theo­rie der Frank­fur­ter Schu­le läu­te­te dar­auf­hin den Pro­zess der „Erneue­rung“ des Mar­xis­mus ein. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no hat­ten nach dem Gräu­el des Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem Schei­tern des Sta­li­nis­mus auch das Pro­le­ta­ri­at als Akteur des Fort­schritts begra­ben und die Klas­se in den Bereich der Ideo­lo­gie ver­scho­ben. Die tech­ni­sche Ent­wick­lung mit ihrer Über­pro­duk­ti­on und suk­zes­si­ven Stei­ge­rung des west­li­chen Lebens­stan­dards ver­hin­de­re dem­nach außer­dem den revo­lu­tio­nä­ren Umbruch. In Schrif­ten wie „Abschied vom Pro­le­ta­ri­at“ von André Gorz oder „Ende der Arbeit“ von Jere­my Rif­kin wird die­se The­se bekräf­tigt. Dar­über hin­aus erlang­te die Vor­stel­lung, dass im Kapi­ta­lis­mus neue Tech­no­lo­gien die Lohn­ar­beit erset­zen wür­den, gro­ße Popu­la­ri­tät. Im Auto­no­mis­mus von Anto­nio Negri über­gibt das Pro­le­ta­ri­at dann end­gül­tig ihren Platz der Mul­ti­tu­de.

Der Revi­sio­nis­mus kann aller­dings nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sich die Wider­sprü­che der Klas­sen ver­schär­fen, wäh­rend sich das Pro­le­ta­ri­at in den letz­ten Jahr­zehn­ten wie nie zuvor in der Geschich­te aus­ge­brei­tet hat. Laut einer Stu­die der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) ist die Zahl der Arbeits­kräf­te welt­weit zwi­schen 2000 und 2019 um 25 Pro­zent gestie­gen. Wor­in die Theo­rien recht behal­ten, ist, dass durch den Neo­li­be­ra­lis­mus die Zusam­men­set­zung viel hete­ro­ge­ner wur­de und der Pro­zess eine weit­ge­hen­de Frag­men­tie­rung durch­lief. Durch Out­sour­cing, befris­te­te Ver­trä­ge und einen wach­sen­den Nied­rig­lohn­sek­tor ent­stand ein Pro­le­ta­ri­at zwei­ter Klas­se. Die­se Beschäf­tig­ten machen fast die Hälf­te des welt­wei­ten Pro­le­ta­ri­ats aus, mit einem beson­de­ren Anteil von Frau­en, Migrant:innen und Jugend­li­chen.14

Für David Har­vey neh­men genau die­se Sek­to­ren eine her­vor­ge­ho­be­ne Stel­lung in der Pro­duk­ti­on von Stadt ein. Durch ihre Tätig­kei­ten in der Pfle­ge oder dem Ver­trieb bil­den sie den imma­te­ri­el­len Dienst­leis­tungs­sek­tor des urba­nen Kapi­ta­lis­mus. Auch die Logis­tik und der Trans­port sind eine wich­ti­ge Stel­lung im Kampf um die Stadt. Die urba­nen Zen­tren haben sich zu den Dreh­schei­ben der Welt­wirt­schaft ent­wi­ckelt und sind damit unver­zicht­bar für einen rei­bungs­lo­sen Ablauf der glo­ba­len Han­dels­ket­ten. Wenn wir uns die Stadt­pro­duk­ti­on und ihre Rol­le in der glo­ba­len Wirt­schaft anse­hen, hat das Pro­le­ta­ri­at sei­ne stra­te­gi­schen Posi­tio­nen nicht ver­lo­ren, son­dern ver­grö­ßert. Das Bil­dungs- und Gesund­heits­we­sen, der Trans­port von Waren und Per­so­nen, die infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, der Kul­tur­be­trieb, die Pro­duk­ti­on der Groß­in­dus­trie und damit der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus ste­hen ohne mensch­li­che Arbeits­kraft still. Nur durch die pro­duk­ti­ve und repro­duk­ti­ve Arbeit kann sich der Pro­zess der Urba­ni­sie­rung ent­wi­ckeln und die Pro­fi­te der Immo­bi­li­en­wirt­schaft und ande­rer Inves­to­ren auf­recht erhal­ten wer­den.

Die Woh­nungs­fra­ge ist dabei ein Ele­ment in der Aus­ein­an­der­set­zung um die Stadt selbst. Wenn der Kampf am Arbeits­platz als Ein­heit mit der Aus­ein­an­der­set­zung um das Recht auf Woh­nen ver­stan­den wird, kön­nen die Bewe­gun­gen eine neue Qua­li­tät errei­chen. Im Gegen­satz zur Mul­ti­tu­de hält das Pro­le­ta­ri­at die stra­te­gi­schen Sek­to­ren, wel­che der urba­nen Bewe­gung die nöti­ge Schlag­kraft brin­gen kön­nen. Durch die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in den Büros, Fabri­ken, Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten haben sie das Poten­ti­al, gemein­sam mit den kämp­fen­den Bewe­gun­gen und den Nach­bar­schaf­ten neue soli­da­ri­sche Model­le des städ­ti­schen Lebens zu ent­wi­ckeln und umzu­set­zen. Die Aneig­nung der Stadt ist untrenn­bar mit der Aneig­nung der Stadt­pro­duk­ti­on ver­bun­den.

Bis­lang sind es Kiez-Initia­ti­ven und loka­le Grup­pen, die den Kampf gegen die kapi­ta­lis­ti­sche Urba­ni­sie­rung auf­ge­nom­men haben. Um eine Ein­heit der Kämp­fe her­zu­stel­len, ist es not­wen­dig, dass auch die Orga­ni­sa­tio­nen des urba­nen Pro­le­ta­ri­ats die Büh­ne betre­ten. Durch den Pro­zess der Frag­men­tie­rung haben die Gewerk­schaf­ten zwar an Ein­fluss ver­lo­ren, den­noch sind sie mit sechs Mil­lio­nen Mit­glie­dern in Deutsch­land die größ­ten Orga­ni­sa­tio­nen der Klas­se. Obwohl die Gewerk­schaf­ten weit davon ent­fernt sind, die Kräf­te­ver­hält­nis­se aus­zu­drü­cken, kön­nen sie eine hege­mo­nia­le Hoch­burg im Kampf um die Stadt wer­den. Wie David Har­vey for­dert, soll­ten die Gewerk­schaf­ten nicht nur auf die Löh­ne, son­dern auch auf den All­tag bli­cken. Bis­lang wei­gern sich die Büro­kra­tien aller­dings, den Ein­tritt der Arbeiter:innenklasse in demo­kra­ti­sche und all­ge­mei­ne poli­ti­sche Kämp­fe zu ermög­li­chen und hal­ten damit die bür­ger­li­che Regel der Unter­tei­lung von Öko­no­mie und Poli­tik auf­recht. Ob Gewerk­schaf­ten als hege­mo­nia­le Orga­ni­sa­tio­nen des Pro­le­ta­ri­ats auf­tre­ten, hängt ent­schei­dend davon ab, wer die Kon­trol­le über die Orga­ni­sa­tio­nen gewinnt. Die per­ma­nen­te Kon­fron­ta­ti­on der Büro­kra­tie ist untrenn­bar ver­bun­den mit der Ver­fasst­heit des Pro­le­ta­ri­ats als poli­ti­sches Sub­jekt im Kampf um Hege­mo­nie und poli­ti­sche Ver­än­de­rung.15

Neuer Zyklus der Klassenkämpfe

Wir haben zu Beginn ange­merkt, dass Pro­zes­se der Stadt­ent­wick­lung und urba­ne Kon­flik­te dem kapi­ta­lis­ti­schen Zyklus von Boom und Kri­se fol­gen. Um die­se The­se pro­duk­tiv zu machen, wol­len wir die Woh­nungs­fra­ge in den Kon­text der neu­en Klas­sen­kämp­fe nach der Wirt­schafts­kri­se 2008 und der gegen­wär­ti­gen Kri­se seit 2019 stel­len.

Von Bue­nos Aires bis New York und von Sant­ia­go de Chi­le bis Paris sehen wir Auf­stän­de gegen die neo­li­be­ra­le Kri­sen­po­li­tik der Regie­run­gen. In Chi­le ent­wi­ckel­te sich eine Revol­te gegen die Regie­rung, eben­so in Ecua­dor, Alge­ri­en, Irak und Hai­ti. In Boli­vi­en gab es eine Rebel­li­on gegen den Putsch und in Frank­reich erho­ben sich die Gilets Jau­nes (Gelb­wes­ten), deren Radi­ka­li­sie­rung spä­te­re Kämp­fe wie den Gene­ral­streik gegen die Ren­ten­re­form inspi­rier­te. Auf dem Höhe­punkt der Pan­de­mie wur­den die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von einer kämp­fe­ri­schen Mas­sen­be­we­gung gegen Poli­zei­ge­walt und Ras­sis­mus ergrif­fen.16

Der Kampf um Wohn­raum ist ein fes­tes Ele­ment die­ser Kri­sen und Revol­ten. In der Peri­ode nach 2008 haben sich die „städ­ti­schen Pro­ble­me“ ver­schärft. Die Maß­nah­men der Regie­run­gen gegen die Kri­se bestan­den aus wei­te­rem Sozi­al­ab­bau sowie der gleich­zei­ti­gen Rück­nah­me von Regu­lie­run­gen des Mark­tes. In der Fol­ge sind in den gro­ßen Städ­ten bis zu 80 Pro­zent Miet­preis­stei­ge­rung zu ver­zeich­nen. Die Mie­ten explo­die­ren, wäh­rend die Wirt­schaft mit Kür­zun­gen und Ent­las­sun­gen die Kos­ten der Kri­se auf dem Rücken der Beschäf­tig­ten aus­trägt. Wir wer­den auf zwei aktu­el­le Phä­no­me­ne ein­ge­hen, wel­che das Poten­ti­al der Woh­nungs­fra­ge im Kon­text der auf­stre­ben­den Klas­sen­kämp­fe zum Aus­druck bringt.

In Argen­ti­ni­en kämp­fen Fami­li­en mit Land­be­set­zun­gen gegen die Poli­tik ihrer Regie­rung. Ver­gan­ge­nes Jahr fan­den Dut­zen­de von Beset­zun­gen in der Pro­vinz Bue­nos Aires und anders­wo im Land statt. In Guer­ni­ca wur­de ein 100 Hekt­ar gro­ßes Grund­stück zur Hei­mat von Tau­sen­den Fami­li­en, die auf­grund der sich ver­schär­fen­den Woh­nungs­kri­se des Lan­des von Obdach­lo­sig­keit betrof­fen sind. Wohn­raum war in Argen­ti­ni­en schon immer ein kri­ti­sches sozia­les The­ma, aber in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten hat dies eine neue Qua­li­tät erreicht. Nach den Schät­zun­gen der Regie­rung lebt jede drit­te Fami­lie in pre­kä­ren Wohn­ver­hält­nis­sen, wozu alles vom Man­gel an Kana­li­sa­ti­on und ande­ren grund­le­gen­den Dienst­leis­tun­gen bis hin zur völ­li­gen Obdach­lo­sig­keit zählt. Die Pan­de­mie und die Wirt­schafts­kri­se haben die­se Zustän­de wei­ter ver­schärft. Mit den Beset­zun­gen wur­den sozia­le Struk­tu­ren auf­ge­baut um demo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen in Aus­schüs­sen und Ver­samm­lun­gen zu tref­fen. Unter­stützt wur­de die Land­be­set­zung von der „Front der Lin­ken und der Arbeiter:innen“ (FIT), wel­che die Kämp­fe in den Betrie­ben mit denen der Arbeits- und Woh­nungs­lo­sen ver­ein­te. Im Okto­ber schick­te die Regie­rung der Pro­vinz die Poli­zei, um die Beset­zung gewalt­sam zu räu­men. Die Unter­künf­te der Men­schen wur­den in Brand gesetzt und tau­sen­de von Fami­li­en mit Gum­mi­ge­schos­sen ver­trie­ben.17

Auch in den USA ist der Kampf um Wohn­raum ein zen­tra­les Ele­ment der Revol­te. Das Land hat sich noch immer nicht von der Sub­prime-Kri­se erholt und steu­ert schon in die nächs­te Wirt­schafts­kri­se. Die Finanz­kri­se 2008 war unter ande­rem die Fol­ge eines spe­ku­la­tiv auf­ge­bläh­ten Immo­bi­li­en­mark­tes, wel­cher güns­ti­ge Kre­di­te anbot um Häu­ser zu kau­fen, wel­che sich die Men­schen nicht leis­ten konn­ten. Nach­dem die Bla­se implo­dier­te, stie­gen die Prei­se und damit die Ver­schul­dung. In der Fol­ge kam es im gan­zen Land zu Räu­mun­gen und Ver­drän­gun­gen in die Peri­phe­rie. Durch die Coro­na-Pan­de­mie ist der Kampf um Wohn­raum erneut im Fokus der Aus­ein­an­der­set­zung. Die Ent­wick­lung der Erkran­kun­gen läuft par­al­lel zur Segre­ga­ti­on der Städ­te. In den Vier­teln der Arbeiter:innen gibt es über­pro­por­tio­nal vie­le Todes­fäl­le, mehr als sieb­zig Pro­zent der Infi­zier­ten haben eine schwar­ze Haut­far­be. Die­se Ent­wick­lung ist auf die unsi­che­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen sowie die enge und maro­de Wohn­si­tua­ti­on zurück­zu­füh­ren. Durch die Pan­de­mie ver­lo­ren mehr als 20 Mil­lio­nen Men­schen ihren Arbeits­platz. Infol­ge des­sen konn­ten vie­le Mieter:innen ihre nächs­te Monats­mie­te nicht mehr auf­brin­gen und waren erneut von Räu­mun­gen bedroht. Es ent­wi­ckelt sich in New York und vie­len wei­te­ren Städ­ten eine neue Wel­le der Miet­streiks. Die Men­schen orga­ni­sie­ren Komi­tees in den Nach­bar­schaf­ten und grün­den Gewerk­schaf­ten für Mieter:innen. Gemein­sam mit der Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung wer­den Räu­mun­gen blo­ckiert und selbst­or­ga­ni­sier­te Struk­tu­ren auf­ge­baut.

Fazit

Auch in Deutsch­land kön­nen wir eine Ver­schär­fung der urba­nen Kämp­fe beob­ach­ten. In Ber­lin demons­trie­ren Zehn­tau­sen­de für einen Mie­ten­stopp und die Ent­eig­nung gro­ßer Immo­bi­li­en­kon­zer­ne. Durch die aktu­el­le Kri­se wird die Woh­nungs­fra­ge immer häu­fi­ger zu einem trei­ben­den Fak­tor des Wider­stan­des. Damit die Pro­tes­te nicht wie­der von der Bild­ober­flä­che ver­schwin­den, brau­chen wir eine brei­te Debat­te über die Stra­te­gie der urba­nen Bewe­gun­gen. Die gro­ßen Revol­ten der letz­ten Kri­se haben gezeigt, dass die Kana­li­sie­rung in insti­tu­tio­nel­le Bah­nen zur Spal­tung und dem Rück­gang der Bewe­gun­gen führt. Durch die unab­hän­gi­ge Orga­ni­sie­rung in den Quar­tie­ren, Betrie­ben, Uni­ver­si­tä­ten, Fabri­ken und Schu­len kann eine sou­ve­rä­ne Bewe­gung auf­ge­baut wer­den. Es ist not­wen­dig, mit allen Kräf­ten das „Recht auf Stadt“ hoch­zu­hal­ten und es gleich­zei­tig mit den welt­wei­ten Klas­sen­kämp­fen gegen die Bour­geoi­sie und den Staat zu ver­ei­nen. Denn die Woh­nungs­fra­ge ist ein Aus­druck der kapi­ta­lis­ti­schen Urba­ni­sie­rung und kann fol­gend nur in ihrem Zusam­men­hang als Gan­zes gelöst wer­den. Um es mit den Wor­ten von Fried­rich Engels zu sagen: „Solan­ge die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se besteht, ist es eine Tor­heit, die Woh­nungs­fra­ge oder irgend­ei­ne and­re das Geschick der Arbei­ter betref­fen­de gesell­schaft­li­che Fra­ge ein­zeln lösen zu wol­len. Die Lösung liegt […] in der Abschaf­fung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se, in der Aneig­nung aller Lebens- und Arbeits­mit­tel durch die Arbei­ter­klas­se selbst.“18

Fuß­no­ten

1. Manu­el, Cas­tells, Kampf in den Städ­ten, 2012, VSA: Ver­lag Ham­burg, S. 31

2. Holm, Andrej, Recht auf Stadt – Sozia­le Kämp­fe in der neo­li­be­ra­len Stadt, Die Stadt im Neo­li­be­ra­lis­mus, Rosa- Luxem­burg-Stif­tung Thü­rin­gen e.v., 2009, S. 27 – 37

3. Debord, Guy, Die Gesell­schaft des Spek­ta­kels, 1996, Ver­lag Klaus Bit­ter­mann, S.146

4. vgl. Ron­ne­ber­ger, Klaus, Die Stadt ins Werk set­zen. Hen­ri Lef­eb­v­re und das Recht auf Stadt, dèri­ve, 2016, Nr. 64, S. 55

5. Lef­eb­v­re, Hen­ri, Recht auf Stadt, 2016, Nau­ti­lus, S. 188

6. vgl. Har­vey, David, Rebel­li­sche Städ­te, 2013, suhr­kamp, S.126

7. Har­vey, David, Rebel­li­sche Städ­te, 2013, suhr­kamp, S. 59

8. vgl. Wat­son, Mike, David Har­vey: On Syri­za and Pode­mos, 2015, vers​obooks​.com

9. vgl. Gat­ti, Mir­ko et al., An Atlas of Com­mo­ning: Orte des Gemein­schaf­fens, ARCH+, 2018, Nr. 232, S. 1

10. Engels, Fried­rich, Zur Woh­nungs­fra­ge, 1973, Dietz Ver­lag, S. 214

11. Hardt, Micha­el, und Negri, Anto­nio, Assem­bly. Die neue demo­kra­ti­sche Ord­nung, 2017, Cam­pus Ver­lag, S.13

12. Negri, Anto­nio, L’insurrezione Fran­ce­se, 2018, euro​no​ma​de​.info

13. Marx, Karl, Der Bür­ger­krieg in Frank­reich, 1973, Dietz Ver­lag, S. 342

14. vgl. Mai­el­lo, Matí­as, Von der Frag­men­tie­rung zur Hege­mo­nie: Schei­de­we­ge des heu­ti­gen Klas­sen­kamp­fes, 2019, klas​se​ge​gen​klas​se​.org

15. vgl. Mai­el­lo, Mati­as, Emi­lio Alb­a­mon­te, Trotz­ki, Gram­sci und die kapi­ta­lis­ti­sche Demo­kra­tie (Teil 2), 2020, klas​se​ge​gen​klas​se​.org

17. vgl. Cruz Fer­re, Juan, Argen­ti­ni­en: Regie­rung brennt bei Mas­sen­räu­mung von Land­be­set­zun­gen Hüt­ten nie­der, 2020, klas​se​ge​gen​klas​se​.org

18. Engels, Fried­rich, Zur Woh­nungs­fra­ge, 1973, Dietz Ver­lag, S. 263

Klas­se Gegen Klas­se