[KgK:] Trotzki, Gramsci und der Staat im „Westen“

In sei­nem Buch „The Gram­sci­an Moment“ bewer­tet Peter D. Tho­mas das Den­ken von Anto­nio Gram­sci neu. Sei­ne Über­le­gun­gen bau­en auf einer Pole­mik gegen zwei Inter­pre­ta­tio­nen des Den­kens des ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ten auf: die Inter­pre­ta­ti­on von Per­ry Ander­son in „The Anti­no­mies of Anto­nio Gram­sci“ und die von Lou­is Althus­ser in „Das Kapi­tal lesen“. Tho­mas stellt bei­de Kri­ti­ken aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln als kom­ple­men­tär und über­ein­stim­mend dar.

Die Ansich­ten von Althus­ser und Ander­son gehen jedoch in einer grund­le­gen­den Fra­ge wesent­lich aus­ein­an­der. Für Althus­ser war die zen­tra­le Fra­ge eine „theo­re­ti­sche“ Kri­tik der Bezie­hun­gen zwi­schen Mar­xis­mus, Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie, ohne eine kla­re stra­te­gi­sche Dimen­si­on. Ander­son geht es gera­de um die stra­te­gi­sche Fra­ge, in deren Kon­text sei­ne theo­re­ti­schen Kri­ti­ken ange­sie­delt sind. In die­sem Sin­ne ist Tho­mas‘ Gleich­set­zung von Ander­son und Althus­ser frag­wür­dig, wenn­gleich die Aus­ein­an­der­set­zung mit Ander­son über die Fra­ge des Staa­tes pro­duk­tiv ist, um über das The­ma aus einer mar­xis­ti­schen Per­spek­ti­ve nach­zu­den­ken.

Tho­mas über­nimmt die Kate­go­rie des „inte­gra­len Staa­tes“ aus Gram­scis Wer­ken, auch wenn Gram­sci sie nicht so weit sys­te­ma­ti­sier­te wie Tho­mas es tut. Gram­scis Kon­zep­ti­on lässt sich in der fol­gen­den Defi­ni­ti­on zusam­men­fas­sen: „der Staat ist in inte­gra­ler Bedeu­tung: Dik­ta­tur + Hege­mo­nie“.1 Zum ers­ten Mal taucht der Begriff in Heft 6 §10 sei­ner „Gefäng­nis­hef­te“ auf. Dort bezieht er ihn auf die Geschich­te der Intel­lek­tu­el­len und ihre Ver­bin­dun­gen zum Auf­stieg und der Kri­se des moder­nen Staa­tes. In die­sem Kon­text sagt Gram­sci bezüg­lich der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on: Die Bour­geoi­sie „konn­te sich als inte­gra­ler ‚Staat‘ dar­stel­len, mit allen nöti­gen und hin­rei­chen­den intel­lek­tu­el­len und mora­li­schen Kräf­ten, um eine voll­stän­di­ge und per­fek­te Gesell­schaft zu orga­ni­sie­ren.“2

In Über­ein­stim­mung mit der his­to­ri­schen Not­wen­dig­keit des moder­nen (bür­ger­li­chen) Staa­tes, eine Mas­sen­ba­sis zu gewin­nen, wür­de die Kate­go­rie des inte­gra­len Staa­tes, wie sie von Tho­mas ver­stan­den wird, die Ent­wick­lung einer kom­ple­xe­ren Les­art des Staa­tes im 20. Jahr­hun­dert (und heu­te) ermög­li­chen.

In die­sem Rah­men ver­wen­det Tho­mas den inte­gra­len Staat, um die drei „Model­le“ der (schwan­ken­den und unter­schied­li­chen) Bezie­hun­gen zwi­schen Staat und Zivil­ge­sell­schaft im „Wes­ten“ zu wider­le­gen, die Ander­son in Gram­scis Werk iden­ti­fi­ziert:

„Der Staat im Gegen­satz zur Zivil­ge­sell­schaft.

Der Staat umfasst die Zivil­ge­sell­schaft.

Der Staat ist iden­tisch mit der Zivil­ge­sell­schaft.“3

Er defi­niert auch, dass Gram­sci mit dem Kon­zept des „inte­gra­len Staa­tes“ ver­sucht, „die gegen­sei­ti­ge Durch­drin­gung und Ver­stär­kung von ‚poli­ti­scher Gesell­schaft‘ und ‚Zivil­ge­sell­schaft‘ (die metho­disch, nicht orga­nisch unter­schie­den wer­den müs­sen) inner­halb einer ein­heit­li­chen (und unteil­ba­ren) Form des Staats zu ana­ly­sie­ren.“4

Integraler Staat, erweiterter Staat, Tendenzen zur „Verstaatlichung“

Gegen die­se drei Model­le besteht Tho­mas‘ Vor­schlag in dem Ver­such, die von Gram­sci fest­ge­stell­ten mög­li­chen „Schwan­kun­gen“ und Muta­tio­nen in der Ver­tei­lung von Zwang und Kon­sens zwi­schen Staat und Zivil­ge­sell­schaft zu über­win­den. Tho­mas argu­men­tiert, dass der inte­gra­le Staat gera­de eine neue Form der Arti­ku­la­ti­on von poli­ti­scher Gesell­schaft und Zivil­ge­sell­schaft dar­stellt. Auf die­se Wei­se wird die Ver­or­tung von Zwang oder Kon­sens in nur einem der bei­den Pole unmög­lich.

Tho­mas argu­men­tiert, dass die Kate­go­rie des inte­gra­len Staa­tes mehr mit dem Gram­sci-Text über­ein­stimmt als die des „erwei­ter­ten Staa­tes“, die in Buci-Glucks­manns klas­si­schem Buch „Gram­sci und der Staat“ vor­ge­schla­gen wird.

Auch wenn die Idee eines „erwei­ter­ten Staa­tes“ (die Buci-Glucks­mann als „eine Inkor­po­ra­ti­on der Hege­mo­nie und ihres Appa­ra­tes in den Staat“5 zusam­men­fasst) phi­lo­lo­gisch weni­ger rigo­ros sein mag, ist sie dem Vor­schlag von Tho­mas gar nicht so unähn­lich. Außer­dem kann die Kate­go­rie auch „his­to­risch“ nütz­lich sein – solan­ge wir nicht in eine Les­art des „umstrit­te­nen Staa­tes“ oder der „Ver­än­de­rung des Staa­tes von innen durch den Kampf in sei­nen ideo­lo­gi­schen Appa­ra­ten“ ver­fal­len (was dem Mar­xis­mus eben­so viel Scha­den gebracht hat wie Nut­zen für die­je­ni­gen, die auf die Über­nah­me öffent­li­cher Ämter set­zen).

Das heißt, als Gram­sci sag­te, dass der Staat in sei­ner inte­gra­len Bedeu­tung Dik­ta­tur + Hege­mo­nie sei, mach­te er damit kei­ne sta­ti­sche Defi­ni­ti­on, nach der die Staa­ten des „Wes­tens“ an sich hege­mo­ni­al sei­en (seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on). Er bezog sich auf einen kom­ple­xe­ren Pro­zess, durch den der Staat ver­sucht, eine Mas­sen­ba­sis zu gewin­nen, wäh­rend er gleich­zei­tig sei­nen Repres­si­ons­ap­pa­rat per­fek­tio­niert und sei­ne Kon­trol­le über Orga­ni­sa­tio­nen aus­wei­tet, die im enge­ren Sin­ne „nicht-staat­lich“ sind. Eine Ten­denz, die zwar schon im 19. Jahr­hun­dert prä­sent ist, vor allem mit der Inte­gra­ti­on der Sozi­al­de­mo­kra­tie in das Regime, aber in der Epo­che des Impe­ria­lis­mus einen Sprung macht, wie wir spä­ter sehen wer­den.

In die­sem Sin­ne mag Ander­sons Kri­tik, die Tho­mas in sei­nem Buch nicht son­der­lich berück­sich­tigt, dass „Gram­sci para­do­xer­wei­se in sei­nen Gefäng­nis­hef­ten nie eine umfas­sen­de Dar­stel­lung der Geschich­te oder Struk­tur der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie vor­ge­legt hat“6, etwas ahis­to­risch sein, inso­fern als Gram­sci den Rück­zug der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung in kom­ple­xe­ren Gesell­schaf­ten als dem zaris­ti­schen Russ­land im Sinn hat, aber nicht die Zei­ten des Auf­stiegs der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie im enge­ren Sin­ne.

Gram­scis Über­le­gun­gen sind gera­de in einen Kon­text ein­ge­fügt, in dem nicht die „nor­ma­le“ bür­ger­li­che Demo­kra­tie vor­herrsch­te, son­dern die Umge­stal­tun­gen der Staats­for­men im „Wes­ten“, um den revo­lu­tio­nä­ren Aubruch der Mas­sen wie beim „rus­si­schen Weg“ zu ver­mei­den. In die­sem Sin­ne war die bür­ger­li­che Demo­kra­tie, an die Gram­sci dach­te, durch die Exis­tenz von Gewerk­schaf­ten und Mas­sen­par­tei­en gekenn­zeich­net, in einem Kon­text star­ker bona­par­tis­ti­scher Ten­den­zen der Regime und der Kri­se des Par­la­men­ta­ris­mus.

Theoretische Überdehnung der Begriffe oder historische Erweiterung der Apparate?

Ander­son argu­men­tiert, dass einer der umstrit­tens­ten und nie kor­ri­gier­ten Punk­te Gram­scis in sei­nen drei „Model­len“ zum Ver­hält­nis von Staat und Zivil­ge­sell­schaft, Zwang und Kon­sens, die Über­deh­nung des Staats­be­griffs sei. Durch die gleich­mä­ßi­ge Ver­tei­lung von Zwang zwi­schen Staat und Zivil­ge­sell­schaft wer­de das Gewalt­mo­no­pol als Rechts­at­tri­but des Staa­tes ver­wäs­sert. Dies hin­de­re uns dar­an, die „struk­tu­rel­le Asym­me­trie“ zu ver­ste­hen, die die Staats­macht in den fort­ge­schrit­te­nen kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern kenn­zeich­net.7 Als Bei­spiel ver­weist er auf Gram­scis Idee über die Aus­deh­nung der Poli­zei, jen­seits des spe­zi­fi­schen staat­li­chen Orga­nis­mus, der Poli­zei­funk­tio­nen erfüllt:

Was ist die Poli­zei? Sicher­lich ist sie nicht nur jene gewis­se offi­zi­el­le Orga­ni­sa­ti­on, die juris­tisch aner­kannt und mit der öffent­li­chen Auf­ga­be der öffent­li­chen Sicher­heit betraut ist, die man für gewöhn­lich meint. Die­ser Orga­nis­mus ist der zen­tra­le und for­mal ver­ant­wort­li­che Kern der ‚Poli­zei‘, die eine sehr viel umfang­rei­che­re Orga­ni­sa­ti­on ist, an der, direkt oder indi­rekt, mit mehr oder weni­ger prä­zi­sen und bestimm­ten, dau­er­haf­ten oder zufäl­li­gen usw. Bin­dun­gen ein gro­ßer Teil der Bevöl­ke­rung eines Staa­tes teil­hat.8

Bei Leo Trotz­ki (und im Den­ken der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le auf ihrem III. und IV. Kon­gress) kön­nen wir jedoch eine Idee auf­spü­ren, die der eines Staa­tes ähnelt, der „auf etwas mehr“ als dem Staats­ap­pa­rat selbst beruht.

Unmit­tel­bar nach der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on zeigt sich die­se Idee vor allem in Trotz­kis Beto­nung des Gewichts der von der euro­päi­schen Bour­geoi­sie vor­be­rei­te­ten kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kader gegen die Per­spek­ti­ve der Revo­lu­ti­on:

Im Wes­ten berei­tet sich die Bour­geoi­sie schon von vorn­her­ein vor, sie kennt mehr oder weni­ger die Ele­men­te, auf die sie sich wird stüt­zen müs­sen, und sie baut ihre kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Kaders jetzt schon. Das sehen wir in Deutsch­land, das neh­men wir, – wenn auch nicht ganz so deut­lich, – in Frank­reich wahr und schließ­lich – in der voll­kom­mens­ten Form – in Ita­li­en, wo nach einer unvoll­ende­ten Revo­lu­ti­on eine voll­ende­te Gegen­re­vo­lu­ti­on da ist, die nicht ohne Erfolg sich gewis­ser Metho­den der Revo­lu­ti­on bedient. (…) Das revo­lu­tio­nä­re Pro­le­ta­ri­at wird also dort auf sei­nem Wege zur Macht nicht allein auf die kampf­be­rei­te Vor­hut der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on sto­ßen, son­dern auch auf ihre wich­tigs­ten Reser­ven. Erst nach­dem das Pro­le­ta­ri­at die­se Kräf­te des Fein­des zer­schla­gen, des­or­ga­ni­siert und demo­ra­li­siert haben wird, wird es die Staats­macht erobern.9

Obwohl Trotz­ki das Ver­hält­nis zwi­schen Staat und Zivil­ge­sell­schaft nicht benutzt, um die Stär­ke der Bour­geoi­sie im Wes­ten zu ana­ly­sie­ren, ver­weist die Ver­wen­dung des Bei­spiels des Faschis­mus genau auf die Tat­sa­che, dass die Bour­geoi­sie in ihrem Kampf gegen die Revo­lu­ti­on sowohl staat­li­che als auch para­staat­li­che Gewalt anwen­den wird. Die­se bei­den For­men der Gewalt nei­gen dazu, sich zu ver­ei­ni­gen, wenn der Klas­sen­kampf die Züge eines Bürger:innenkrieges annimmt. Die­ser Pro­zess fand sei­ne Ent­spre­chung in der Inte­gra­ti­on der Sozi­al­de­mo­kra­tie in das kapi­ta­lis­ti­sche Regime über­all dort, wo der Faschis­mus nicht tri­um­phiert hat­te (mit dem Para­de­bei­spiel der Wei­ma­rer Repu­blik). Dies wur­de von der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le in ihren Ana­ly­sen und Anpran­ge­run­gen „ver­rä­te­ri­schen“ Rol­le die­ser Strö­mung aus­führ­lich behan­delt.

Erst spä­ter, in den 1930er Jah­ren, weit ent­fernt vom revo­lu­tio­nä­ren Auf­schwung, der zwi­schen 1917 und 1921 statt­fand (mit dem letz­ten revo­lu­tio­nä­ren Ver­such 1923 in Deutsch­land), ana­ly­siert Trotz­ki die Ver­än­de­run­gen der Staats­for­men in den Regi­men der ein­zel­nen Län­der im Ver­hält­nis zur Ent­wick­lung des Klas­sen­kamp­fes. Er iden­ti­fi­ziert einen Pro­zess, der auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne die euro­päi­schen Län­der, die USA, Latein­ame­ri­ka und die UdSSR ver­ein­te: den der Ver­staat­li­chung der Gewerk­schaf­ten.

Als er mit sei­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Genoss:innen im Jahr 1938 die mexi­ka­ni­sche und welt­wei­te Situa­ti­on dis­ku­tier­te, bemerk­te Trotz­ki:

Im all­ge­mei­nen Kon­text der mexi­ka­ni­schen Poli­tik befin­den sich die Gewerk­schaf­ten jetzt in einer sehr inter­es­san­ten Etap­pe. Wir sehen jetzt eine all­ge­mei­ne Ten­denz, die Gewerk­schaf­ten zu ver­staat­li­chen. In den faschis­ti­schen Län­dern fin­den wir den extre­men Aus­druck die­ser Ten­denz. In demo­kra­ti­schen Län­dern ver­wan­deln sie die ehe­ma­li­gen unab­hän­gi­gen Gewerk­schaf­ten in staat­li­che Instru­men­te. Die Gewerk­schaf­ten in Frank­reich wer­den in eine offi­zi­el­le Büro­kra­tie des Staa­tes ver­wan­delt. Jou­haux kam als Ver­tre­ter sei­ner Regie­rung nach Mexi­ko, um die Inter­es­sen Frank­reichs beim mexi­ka­ni­schem Öl zu schüt­zen und so wei­ter. Der Grund für die­se Ten­denz zur Ver­staat­li­chung ist, dass der nie­der­ge­hen­de Kapi­ta­lis­mus unab­hän­gi­ge Gewerk­schaf­ten nicht tole­rie­ren kann. Wenn Gewerk­schaf­ten zu unab­hän­gig sind, dann drän­gen die Kapi­ta­lis­ten die Faschis­ten, um sie zu zer­stö­ren oder die Füh­rer mit einer faschis­ti­schen Alter­na­ti­ve zu erschre­cken, um sie zu dis­zi­pli­nie­ren. Jou­haux wur­de auf die­se Wei­se dis­zi­pli­niert. Er ist sicher, dass die Fran­zo­sen kein faschis­ti­sches Regime grün­den wer­den, wenn er ein bes­se­rer Repu­bli­ka­ner ist. Wir haben in Spa­ni­en gese­hen, dass in den anar­chis­tischs­ten Gewerk­schaf­ten die Füh­rer wäh­rend des Krie­ges bür­ger­li­che Minis­ter wur­den. In Deutsch­land und Ita­li­en ist dies tota­li­tär gewähr­leis­tet, die Gewerk­schaf­ten wer­den zusam­men mit den kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tü­mern direkt in den Staat ein­ge­glie­dert. Es ist nur ein Unter­schied im Grad, kein Unter­schied im Wesent­li­chen.10

Es gibt einen bemer­kens­wer­ten Unter­schied in der Beto­nung zwi­schen Gram­sci und Trotz­ki. Der eine betont mit dem Pos­tu­lat des inte­gra­len Staa­tes die Hege­mo­nie der herr­schen­den Klas­se, der ande­re die Ver­staat­li­chung der Arbeiter:innenorganisationen. Die­se Ten­den­zen zur Ver­staat­li­chung brin­gen zum einen die Schwä­che der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zum Aus­druck, wenn sie sich nicht auf eine Form des „Kor­po­ra­tis­mus“ stüt­zen kann, zum ande­ren die klas­si­schen bona­par­tis­ti­schen Ten­den­zen in den zen­tra­len Län­dern und die des Bona­par­tis­mus sui gene­ris in den „rück­stän­di­gen“ Län­dern. Es gibt jedoch auch eine Über­ein­stim­mung, da bei­de dar­auf hin­wei­sen, dass die Staats­for­men immer kom­ple­xer wer­den: Die­se basie­ren nicht nur auf der Kom­bi­na­ti­on von Zwang und Kon­sens im All­ge­mei­nen, son­dern auch auf der Inte­gra­ti­on der „orga­ni­sier­ten Arbeiter:innenbewegung“ als Basis des Staa­tes.

Der Pro­zess der „Ver­staat­li­chung der Gewerk­schaf­ten“, der so unter­schied­li­che Län­der wie Mexi­ko, Ita­li­en, Deutsch­land oder Spa­ni­en ver­ein­te, war Teil einer inter­na­tio­na­len Ant­wort der Bour­geoi­sie auf die Ent­wick­lung einer Arbeiter:innenbewegung, die zwar im Gro­ßen und Gan­zen weni­ger radi­ka­li­siert war als zur Zeit des Auf­schwungs von 1917–21, aber sehr kämp­fe­risch und wei­ter ver­brei­tet und mas­si­ver war als die Arbeiter:innenbewegung des vor­he­ri­gen Jahr­zehnts. Wir fügen hin­zu, dass die­ser Pro­zess wie­der­um ein Schritt in der rela­ti­ven Ver­all­ge­mei­ne­rung bestimm­ter „west­li­cher“ Merk­ma­le des Ver­hält­nis­ses zwi­schen Gesell­schaft und Staat auf die meis­ten Kon­ti­nen­te war (ohne die spe­zi­fi­schen Unter­schie­de zwi­schen impe­ria­lis­ti­schen, kolo­nia­len und halb­ko­lo­nia­len Län­dern zu ver­nach­läs­si­gen).

Der praktische Sinn einer theoretischen Hybridisierung

Das Obi­ge ist nicht als ein x‑ter Ver­such gedacht, Trotz­kis Ansich­ten mit denen Gram­scis in Bezie­hung zu set­zen. Die Absicht ist, die Über­ein­stim­mun­gen und Unter­schie­de zwi­schen den bei­den zu nut­zen, um den Feind bes­ser zu ver­ste­hen, dem die Arbeiter:innenbewegung und die Mas­sen im Kampf gegen das Kapi­tal gegen­über­ste­hen.

Gram­sci lag in der Fra­ge der Aus­wei­tung der Poli­zei­funk­ti­on gar nicht so falsch, wie der reak­tio­nä­re Prot­ago­nis­mus der Büro­kra­tie der Mecha­ni­ker­ge­werk­schaft (SMATA) in Argen­ti­ni­en zeigt11. Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie mag auf­grund ihrer offen­sicht­li­chen Funk­ti­on als inter­ne Poli­zei der Arbeiter:innenbewegung auf die „über­dehn­te“ Defi­ni­ti­on der Poli­zei pas­sen. Durch ihren Dop­pel­cha­rak­ter als Zivil­ge­sell­schaft, wenn sie eine refor­mis­ti­sche Rol­le spielt, und als Staat, wenn sie sich als para­staat­li­che Ban­de der Repres­si­on anschließt12, drückt sie die­sen Pro­zess der „Erwei­te­rung“ des Staa­tes nicht nur im kon­zep­tio­nel­len, son­dern auch im kon­kre­ten his­to­ri­schen Sin­ne aus. Auf die­se Wei­se wird die „Über­deh­nung“ des Staa­tes zu einem dau­er­haf­te­ren Phä­no­men, auch jen­seits spe­zi­fi­scher „Bürger:innenkriegssituationen“, wie sie von Trotz­ki erwähnt wur­den. Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen Trotz­ki und Gram­sci in die­ser Fra­ge besteht weni­ger in der „Erwei­te­rung“ oder „inte­gra­len Bedeu­tung“ des Staa­tes als in der Dyna­mik, wie sich die­ser Cha­rak­ter von prä­ven­ti­ven zu bürger:innenkriegsähnlichen For­men ent­wi­ckelt, und in den stra­te­gi­schen Kon­se­quen­zen für das Ver­hält­nis zwi­schen Stel­lungs­krieg und Bewe­gungs­krieg.13

Wir haben zuvor Tho­mas‘ Posi­ti­on teil­wei­se benutzt, um Per­ry Ander­sons Les­art von Gram­scis „Unge­nau­ig­kei­ten“ Gren­zen zu set­zen. Indes ent­hält Tho­mas‘ Sicht­wei­se die­sel­be stra­te­gi­sche Gren­ze, die Ander­son in „The Anti­no­mies of Anto­nio Gram­sci“ rich­tig for­mu­lier­te: näm­lich dass die sta­ti­sche Oppo­si­ti­on zwi­schen Stel­lungs­krieg und Bewe­gungs­krieg zum Refor­mis­mus führt. Tho­mas betont die Bezie­hung zwi­schen inte­gra­lem Staat und pas­si­ver Revo­lu­ti­on, mit der Ten­denz, alle mög­li­chen For­men der staat­li­chen Ant­wort auf den Klas­sen­kampf auf die „pas­si­ve Revo­lu­ti­on“ zu redu­zie­ren. Er berück­sich­tigt jedoch nicht die mög­li­chen Über­gän­ge von der Poli­tik der „Inte­gra­ti­on“ der Arbeiter:innenbewegung zu offen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Offen­si­ven und Bür­ger­krieg.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist die Über­schnei­dung zwi­schen Trotz­kis und Gram­scis Ansich­ten zur Fra­ge der „Erwei­te­rung des Staa­tes“ sehr nütz­lich für das Ver­ständ­nis der Ent­wick­lung der Staats­for­men wäh­rend des 20. Jahr­hun­derts, ihrer Bezie­hung zur Ent­wick­lung der Arbeiter:innenbewegung als „gefähr­li­ches Sub­jekt“ und der Iden­ti­fi­zie­rung des „Sys­tems der Schüt­zen­grä­ben“, das sich hin­ter der Mas­ke­ra­de einer for­ma­len Demo­kra­tie ver­birgt, die heu­te so aus­ge­dehnt ist wie nie zuvor in der Geschich­te des Kapi­ta­lis­mus.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst im Juli 2014 auf Spa­nisch bei Ide­as de Izquier­da.

Fuß­no­ten

1. Gram­sci, Anto­nio, Gefäng­nis­hef­te, 10 Bde., Argu­ment, Ham­burg. H6 §155, S. 824.

2. Gefäng­nis­hef­te, a.a.O., H6 §10.

3. Tho­mas, Peter D., The Gram­sci­an Moment. Phi­lo­so­phy, Hege­mo­ny and Mar­xism, Brill, Lei­den-Bos­ton, 2009, S. 93. Eige­ne Über­set­zung.

4. Ebd., S. 137. Eige­ne Über­set­zung.

5. Buci-Glucks­mann, Chris­ti­ne, Gram­sci y el Estado, Sig­lo XXI Espa­ña Edi­to­res, Madrid, S. 93. Eige­ne Über­set­zung.

6. Ander­son, Per­ry, Las Anti­no­mi­as de Anto­nio Gram­sci, Fon­ta­ma­ra, Bar­ce­lo­na, 1998. S. 54. Eige­ne Über­set­zung.

7. Vgl. ebd., S. 55.

8. Gefäng­nis­hef­te, a.a.O., H2 §150, S. 325.

11. Anm. d. Ü.: Die Autoren bezie­hen sich hier auf die Rol­le der SMA­TA-Büro­kra­tie im Arbeits­kampf beim Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer Lear gegen die Ent­las­sun­gen von Gewerk­schafts­de­le­gier­ten, wo die Büro­kra­tie sich auf die Sei­te der Bos­se stell­te und Repres­si­on gegen die Dele­gier­ten aus­üb­te, die um ihren Arbeits­platz kämpf­ten. Vgl. Lear: Ein Kampf der Geschich­te schreibt, 29. Juli 2014.

12. Vgl. „Los Sin­di­ca­tos y la Est­ra­te­gia“, Ide­as de Izquier­da Nr. 6, 2013.

13. Vgl. Alb­a­mon­te, Emi­lio, und Mai­el­lo, Matí­as, „Trot­s­ky y Gram­sci: deba­tes de est­ra­te­gia sob­re la revo­lu­ción en ‘occi­den­te’“, Est­ra­te­gia Inter­na­cio­nal 28, 2012.

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