[LCM:] Endgegner Student:in – Sahra Wagenknechts “Die Selbstgerechten”

Die Talk­show-Köni­gin der Links­par­tei Sah­ra Wagen­knecht hat ein viel dis­ku­tier­tes Buch her­aus­ge­bracht. Unse­rem Gast­au­tor Stel­la Bug­at­ti gefällt es nicht so gut.

Bist du kürz­lich aus einem zehn­jäh­ri­gen Koma erwacht? Wenn ja, dann ist das neue Buch „Die Selbst­ge­rech­ten“ von Sah­ra Wagen­knecht das per­fek­te Buch für dich. In die­sem wird sie nicht müde, sämt­li­che Ent­wick­lun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass stu­dier­te Men­schen in Ber­lin-Mit­te vega­nen Cap­puc­ci­no trin­ken. Dabei muss man sich immer wie­der dar­an erin­nern, dass hier eine Poli­ti­ke­rin der Lin­ken schreibt und man nicht etwa aus Ver­se­hen bei einem wüten­dem Post eines AfD-Kreis­ver­bands auf Face­book gelan­det ist. Denn hat das Buch äußer­lich den Charme der DB mobil, bekommt man inhalt­lich alt­ba­cke­ne Kli­schees, for­mu­liert im Duk­tus einer Per­son, die die Wahr­heit gepach­tet hat und sie nun end­lich mit uns allen teilt. Natür­lich nicht, ohne schon im Vor­wort zu wit­zeln, dass nun die can­cel cul­tu­re über sie her­fal­len wird. Aber natür­lich hält sie das nicht davon ab, sich hier zu posi­tio­nie­ren. Stun­ning and bra­ve.

Im Prin­zip han­delt es sich bei den „Selbst­ge­rech­ten“ um zwei sepa­ra­te Bücher. In dem einen ana­ly­siert Wagen­knecht die aktu­el­len Zustän­de und Ent­wick­lun­gen durch­aus tref­fend und zeigt wirk­li­che Pro­blem­la­gen auf. In dem ande­ren lamen­tiert sie in bes­ter rech­ter Stamm­tisch­ma­nier über die abge­ho­be­ne stu­dier­te gut­ver­die­nen­de Eli­te in den Stadt­zen­tren, die nicht ande­res tut, als den Kapi­ta­lis­mus bunt anzu­strei­chen. Ab und zu neh­men die­se Kapi­tel Bezug auf­ein­an­der, eine Kri­tik wird trotz­dem nicht dar­aus. Am Ende geht es um Daten­schutz, doch passt die­ses Kapi­tel nicht wirk­lich in das Buch und scheint nur dazu sein, um tat­säch­lich ein­mal ein aktu­el­les The­ma anspre­chen zu kön­nen.

Sah­ra Wagen­knecht will die Anwäl­tin des armen wei­ßen Man­nes sein. Sie zeigt, wie er seit den 1960ern sei­ne Wür­de und sei­nen Wohl­stand durch die neo­li­be­ra­le Poli­tik ver­lo­ren hat und wie die Links­li­be­ra­len nichts bei­zu­tra­gen haben, außer wir­ren Dis­kus­sio­nen um Sprech­ver­bo­te und Soßen­na­men. Die libe­ra­len Lin­ken sind auch dafür ver­ant­wort­lich, dass die Rech­te über­haupt so stark wer­den konn­te. Für Wagen­knecht spie­len ein­zig und allein wirt­schaft­li­che Aspek­te eine Rol­le, alles ande­re ist Iden­ti­täts­po­li­tik. Mit wir­ren Erklä­run­gen und salop­pen Bei­spie­len unter­mau­ert sie, war­um der Kampf gegen Ras­sis­mus, Sexis­mus und Inklu­si­on nicht nur voll­kom­men absurd ist, son­dern noch dafür sorgt, dass der Arbei­ter sich dadurch nach rechts gedrängt fühlt.

Dabei ist der Arbei­ter im Buch dumm, fett und igno­rant. Den gan­zen Tag am Arbei­ten, ist er unfä­hig, sich selbst­stän­dig wei­ter­bil­den zu kön­nen. So plump wie mög­lich ent­wirft Wagen­knecht die eigent­li­che Kon­flikt­li­nie im Land: Arbei­ter gegen Stu­dier­te. Wo der Arbei­ter im Kapi­ta­lis­mus lei­det, jubelt das gut­ver­die­nen­de stu­dier­te Pack. Man soll­te mit­den­ken: All das schreibt eine pro­mo­vier­te Mil­lio­nä­rin. Clown-Emo­ji. Das Buch ist eine Ansamm­lung aller rech­ten Kli­schees und Stroh­män­ner, die sie genüss­lich auf die links­li­be­ra­le Eli­te los­lässt. So wun­dert sie sich bei­spiels­wei­se dar­über, dass „inmit­ten lin­ker Tex­te immer wie­der dubio­se Stern­chen“ vor­kom­men. Nicht umsonst wird ihr Buch am rech­ten Rand gefei­ert. Ideen für neue Poli­tik hat sie nicht. Star­ker Staat, geschlos­se­ne Gren­zen, Aus­län­der raus. Nach ihrer Defi­ni­ti­on sind das die Tugen­den der ech­ten Lin­ke.

Irri­tie­rend ist an die­sem Buch, dass ihre Kri­tik teil­wei­se weder unbe­grün­det noch falsch ist. Der Kapi­ta­lis­mus drängt den Men­schen zu Guns­ten höhe­rer Pro­fi­te immer mehr ins Abseits und eine tat­säch­li­che links­li­be­ra­le Eli­te, die von die­sen Pro­zes­sen (noch) nicht betrof­fen ist, erfreut sich an Maß­nah­men, die kei­ne rea­le Wir­kung oder gar Ver­än­de­rung brin­gen und die Zustän­de sogar noch fes­ti­gen. Ganz im Stil von: We need more fema­le dro­ne pilots. Zwar exis­tiert tat­säch­lich eine über­dreh­te Form der Iden­ti­täts­po­litk, aller­dings über­zeich­net Wag­nen­knecht die­se als die domi­nie­ren­de Strö­mung und negiert ihren Nut­zen damit kom­plett. Wenn sie schreibt, dass „[d]en Min­dest­lohn zu erhö­hen oder eine Ver­mö­gens­steu­er für die obe­ren Zehn­tau­send ein­zu­füh­ren“ natür­lich mehr Wider­stand her­vor­ru­fen wür­de, „als die Behör­den­spra­che zu ver­än­dern, über Migra­ti­on als Berei­che­rung zu reden oder einen wei­te­ren Lehr­stuhl für Gen­der­theo­rie ein­zu­rich­ten“, fragt man sich, war­um nicht bei­des mög­lich sein soll. Wie so oft in ihrem Buch, spielt Wagen­knecht hier Iden­ti­täts­po­li­tik und öko­no­mi­sche Aspek­te gegen­ein­an­der aus.

Auch streift sie immer wie­der die Kon­sum­kri­tik, die eben­falls ger­ne vom links­li­be­ra­le Milieu geäu­ßert wird, wel­che tat­säch­lich ein Pro­blem dar­stellt. Denn wer auf Sozi­al­hil­fe ange­wie­sen ist, kann sich nicht das teu­re Bio-Fleisch leis­ten. Statt hier aller­dings das tie­fer­lie­gen­de Pro­blem, wie z.B. Hart­zIV, auf­zu­neh­men, attes­tiert sie der Eli­te eine Ver­ach­tung für den klei­nen Mann. Statt dafür zu sor­gen, dass jeder Mensch die Mög­lich­keit hat, hoch­wer­ti­ge Nah­rung zu sich neh­men zu kön­nen, sol­le man ein­fach auf­hö­ren, über Aldi zu lächeln. Auch an die­sem Punkt ver­feh­len Wagen­knecht und die von ihr kri­ti­sier­ten Links­li­be­ra­len glei­cher­ma­ßen den Kern des Pro­blems.

Die Iden­ti­täts­po­li­tik ist Sah­ra Wagen­knechts größ­ter Feind. Das ist alles von der Umbe­nen­nung einer Soße bis zum Geno­zid in Ruan­da. Die pro­mi­nen­te Links­par­tei-Funk­tio­nä­rin inter­es­siert sich nicht für Sexis­mus, Ras­sis­mus, Poli­zei­ge­walt oder rechts­ex­tre­me Mor­de. All dies sind Anlie­gen skur­ri­ler Min­der­hei­ten, die in ihrer Opfer­pa­ra­de vom tat­säch­li­chen Pro­blem ablen­ken: dem gerin­gen Ver­dienst wei­ßer, deut­scher, männ­li­cher Arbei­ter. Die­se sind für Wagen­knecht das Kli­en­tel, das die Lin­ke anspre­chen und gewin­nen muss. Da ihre Welt ein Null­sum­men­spiel ist, muss man sich ent­schei­den, ob man das Geld der deut­schen Bevöl­ke­rung oder der isla­mis­ti­schen Par­al­lel­ge­sell­schaft gibt. „Geld für die Oma, statt Sin­ti und die Roma“, tön­te vor Jah­ren die NPD.

Ihre gro­ße Visi­on ist die Rück­kehr in die BRD der 50er und 60er Jah­re, als die Löh­ne für alle noch hoch waren. Dazu muss die Lin­ke um jeden Preis den Arbei­ter für sich gewin­nen. War­um und was das brin­gen soll, wird nicht erklärt. Das Buch ist eine Bank­rott­erklä­rung der Lin­ken in Deutsch­land und eine Lie­bes­er­klä­rung an die Rech­te. Scheiß auf Aus­län­der, scheiß auf Frau­en, auf Ras­sis­mus, auf den gan­zen Kram, mit dem der wei­ße deut­sche Mann eh nix am Hut hat. Kei­ne Kri­tik am Kapi­ta­lis­mus, schon gar kein Wort der Über­win­dung des Sys­tems. Wer so eine Lin­ke hat, braucht kei­ne Rech­te mehr.

# Bild­quel­le: flickr Die Lin­ke

Der Bei­trag End­geg­ner Student:in – Sah­ra Wagen­knechts “Die Selbst­ge­rech­ten” erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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