[GAM:] Britannien: Kill the Bill!

KD Tait, Info­mail 1148, 3. Mai 2021

Wäh­rend sich der zwei­te Covid-Lock­down dem Ende zuneigt, stei­gen die sozia­len Span­nun­gen. Trotz der gro­ßen Mehr­heit der Regie­rung, die dank rech­ter Labour-Abge­ord­ne­ter gewon­nen wur­de, die den Wahl­kampf 2019 sabo­tier­ten, wer­den Pre­mier­mi­nis­ter Boris John­son und sein Kabi­nett von Bre­x­it-Extre­mis­tIn­nen an allen Fron­ten bedrängt.

In Erwar­tung der Explo­si­on des Zorns über 150.000 Tote, Lohn­kür­zun­gen und Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und der zuneh­men­den Pro­tes­te gegen insti­tu­tio­nel­len Ras­sis­mus und Sexis­mus hat die Regie­rung ein neu­es Gesetz vor­ge­schla­gen, das das Recht auf Pro­test mas­siv ein­schrän­ken wür­de.

The Bill

Das Polizei‑, Verbrechens‑, Ver­ur­tei­lungs- und Gerichts­ge­setz (Poli­ce, Crime, Sen­ten­cing and Courts Bill) wird Pro­tes­te und öffent­li­che Ver­samm­lun­gen ein­schrän­ken – und damit effek­tiv einen per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand ver­hän­gen. Die Poli­zei wird die Befug­nis haben, öffent­li­che Ver­samm­lun­gen und Pro­tes­te zu ver­bie­ten, indem sie sie ein­fach als „öffent­li­ches Ärger­nis“ dekla­riert. Wich­tig ist in die­sem Zusam­men­hang, dass die­se vage Defi­ni­ti­on den­je­ni­gen, die von Pro­tes­ten betrof­fen sind, wie Unter­neh­men, Ban­ken und Ver­mie­te­rIn­nen, erlaubt, die Poli­zei zu ver­pflich­ten, Pro­tes­te gegen sie zu been­den. Orga­ni­sa­to­rIn­nen wer­den kri­mi­na­li­siert. Die Wei­ge­rung, den Anwei­sun­gen der Poli­zei Fol­ge zu leis­ten, kann zu Geld­stra­fen von bis zu 2.500 Bri­ti­schen Pfund (= 2.780 Euro) füh­ren. Absur­der­wei­se wird die Ver­un­stal­tung von Denk­mä­lern wie denen des Bris­to­ler Skla­ven­händ­lers Edward Cols­ton oder des mör­de­ri­schen Impe­ria­lis­ten Win­s­ton Chur­chill mit bis zu 10 Jah­ren Gefäng­nis bestraft.

Die Kon­ser­va­ti­ven haben die Abrie­ge­lung als Vor­wand genutzt, um Demons­tra­tio­nen zu ver­bie­ten, Hun­der­te zu ver­haf­ten und Geld­stra­fen in Höhe von Zehn­tau­sen­den von Pfund zu ver­hän­gen. Innen­mi­nis­te­rin Priti Patel war wütend über das Ver­sa­gen der Poli­zei, die Blo­cka­den der Bewe­gung „Extinc­tion Rebel­li­on“ zu räu­men, und bezeich­ne­te die fried­li­chen „Black Lives Matter“-Proteste im letz­ten Som­mer als „schreck­lich“. Nach­dem Beam­tIn­nen der Metro­po­li­tan Poli­ce eine fried­li­che Mahn­wa­che zum Geden­ken an Sarah Ever­ard ange­grif­fen hat­ten, die von einem Poli­zei­be­am­ten im Dienst ermor­det wur­de, brach im gan­zen Land Wut aus, wobei sich gro­ße Demons­tra­tio­nen zu einer neu­en Koali­ti­on für #Kill­T­he­Bill Weg mit dem Gesetz) zusam­men­schlos­sen, die schwar­ze Akti­vis­tIn­nen, Femi­nis­tIn­nen, Umwelt­schüt­ze­rIn­nen, Sozia­lis­tIn­nen und Gewerk­schaf­te­rIn­nen ver­eint.

Aktionen

Leb­haf­te Demons­tra­tio­nen und die Ver­tei­di­gung der Bewe­gung gegen Poli­zei­re­pres­si­on von Lon­don bis Bris­tol über meh­re­re Wochen hin­weg zwan­gen die Regie­rung, das Gesetz bis Sep­tem­ber zu ver­schie­ben. Am 1. Mai, der von der Arbei­te­rIn­nen­klas­se auf der gan­zen Welt als Inter­na­tio­na­ler Kampf­tag began­gen wird, hat die #Kill­T­he­Bill-Bewe­gung den Druck erhö­hen, indem sie alle, die zur Gegen­wehr bereit sind, zu einem lan­des­wei­ten Akti­ons­tag mobi­li­sier­te.

Die Tories haben offen­sicht­lich ein Auge auf die wach­sen­de Unzu­frie­den­heit der Gewerk­schaf­ten über die Lohn­ab­schlüs­se für die Beschäf­tig­ten des öffent­li­chen Sek­tors gewor­fen, die auf eine rea­le Lohn­kür­zung hin­aus­lau­fen, und auf die zuneh­men­de Anwen­dung der unver­schäm­ten „fire and rehi­re (Feu­ern und wie­der Einstellen)“-Regelungen durch pri­va­te Arbeit„geber“Innen, um Arbei­te­rIn­nen dazu zu zwin­gen, nied­ri­ge­re Löh­ne und schlech­te­re Bedin­gun­gen zu akzep­tie­ren.

Feige Labour-Führung

Lei­der haben die Füh­rung der Labour-Par­tei und die meis­ten Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tIn­nen zu die­sem Angriff geschwie­gen, der die Schlin­ge um wirk­sa­me Arbeits­kampf­maß­nah­men noch enger zie­hen wird, zusätz­lich zu den ohne­hin schon restrik­tivs­ten gewerk­schafts­feind­li­chen Geset­zen in Euro­pa. Der Labour-Vor­sit­zen­de Sir Keir Star­mer, ein ehe­ma­li­ger Direk­tor der Staats­an­walt­schaft (Direc­tor of Public Pro­se­cu­ti­ons), unter­stütz­te zunächst die Vor­schlä­ge der Regie­rung, bevor er sich nach der Gewalt gegen die Teil­neh­me­rIn­nen der Sarah-Ever­ard-Mahn­wa­che auf die Sei­te der Demons­tran­tIn­nen schla­gen muss­te. Selbst dann wei­ger­ten er und sein Schat­ten­ka­bi­nett sich, den Rück­tritt der Che­fin der Metro­po­li­tan Poli­zei, Cres­si­da Dick, und Priti Patel, die den Angriff ange­ord­net hat­te, zu for­dern.

Für die­se Feig­heit gibt es kei­ne Ent­schul­di­gung. In Frank­reich wur­de eine Flut von ähn­li­chen Geset­zen, die auf Mus­li­mIn­nen und Akti­vis­tIn­nen abziel­ten, mit wochen­lan­gem, hef­ti­gem Wider­stand auf den Stra­ßen beant­wor­tet, sogar wäh­rend des Lock­downs. Streiks, Pro­tes­te und Blo­cka­den von Schü­le­rIn­nen, Gewerk­schaf­te­rIn­nen und Arbei­te­rIn­nen haben den Wider­stand unter den fran­zö­si­schen Arbei­te­rIn­nen popu­lär gemacht. Sowohl in Frank­reich als auch in Groß­bri­tan­ni­en sol­len es repres­si­ve Geset­ze der Regie­rung und den von ihr ver­tre­te­nen gro­ßen Fir­men erleich­tern, die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und die Jugend für die Kos­ten der Pan­de­mie mit unse­ren Arbeits­plät­zen, Löh­nen, Lebens­be­din­gun­gen und unse­rer Zukunft bezah­len zu las­sen.

Potential

#Kill­T­he­Bill kann ein mäch­ti­ger Teil von Bewe­gun­gen sein: ein­zel­ne Fin­ger, die zusam­men eine Faust erge­ben. Die kämp­fe­ri­sche Basis der Arbei­te­rIn­nen- und Gewerk­schafts­be­we­gung muss sich in gro­ßem Stil enga­gie­ren. Zusam­men mit jun­gen Leu­ten aus den Schu­len und Hoch­schu­len, mit jun­gen Arbei­te­rIn­nen aus der Gig-Eco­no­my (Schein­selbst­stän­dig­keit) kön­nen wir den mili­tan­ten Anti­ka­pi­ta­lis­mus wie­der­be­le­ben, den wir zuletzt in den Demons­tra­tio­nen gegen die Erhö­hung der Stu­di­en­ge­büh­ren 2010/​11 und der Occu­py-Bewe­gung 2012 gese­hen haben, und davor in der Anti-Kopf­steu­er-Bewe­gung der frü­hen 1990er Jah­re, der Bewe­gung gegen das Straf­rechts­re­form­ge­setz und den Sozi­al­fo­ren und Gip­fel­be­la­ge­run­gen zwi­schen 1999 und 2005.

Die Spon­ta­nei­tät der frü­hen Mobi­li­sie­run­gen ist ver­ständ­lich, der Shut­down und poli­zei­li­che Schi­ka­nen gegen Orga­ni­sa­to­rIn­nen von Pro­tes­ten mach­ten dies not­wen­dig. Aber wenn die Abrie­ge­lung gelo­ckert wird, muss sich die Spon­ta­nei­tät zu einer mas­sen­haf­ten demo­kra­ti­schen Dis­kus­si­on und Ent­schei­dungs­fin­dung ent­wi­ckeln, um einen Plan der Ver­brei­te­rung und Radi­ka­li­sie­rung der Aktio­nen auf­zu­stel­len, der die Arbei­te­rIn­nen­klas­se dazu bringt, kla­re For­de­run­gen und eine Stra­te­gie für den Sieg zu ent­wer­fen,

Die Viel­falt der Orga­ni­sa­tio­nen und Kam­pa­gnen, die in der #KillTheBill“-Koalition ver­tre­ten sind, zeigt das Poten­zi­al der Bewe­gung, den Weg für eine brei­te­re Offen­si­ve der Arbei­te­rIn­nen­klas­se gegen die Regie­rung, die Unter­neh­me­rIn­nen und die Ver­mie­te­rIn­nen zu öff­nen: eine orga­ni­sier­te Bewe­gung gegen Arbeits­lo­sig­keit, Streiks für anstän­di­ge Löh­ne, gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sie­rung der super aus­ge­beu­te­ten Gig-Eco­no­my‑, Lager- und Sweat­shop­ar­bei­te­rIn­nen.

Wir müs­sen die Kam­pa­gne in der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der Jugend ver­wur­zeln, indem wir regel­mä­ßi­ge Mas­sen­ver­samm­lun­gen abhal­ten, um den Weg nach vorn zu dis­ku­tie­ren und über Ent­schei­dun­gen abzu­stim­men. Akti­ons­ko­mi­tees, die sich aus Dele­gier­ten von Gewerk­schaf­ten, Betrie­ben, Kam­pa­gnen und Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men­set­zen, kön­nen den Kampf demo­kra­tisch koor­di­nie­ren und die Sabo­ta­ge oder Gleich­gül­tig­keit der Labour- und Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tIn­nen umge­hen. Ver­bun­den mit die­sen kämp­fe­ri­schen Orga­nen der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Arbei­te­rIn­nen­klas­se ist die Not­wen­dig­keit einer orga­ni­sier­ten, dis­zi­pli­nier­ten Selbst­ver­tei­di­gung unse­rer Bewe­gung und unse­rer Gemein­den unter demo­kra­ti­scher Kon­trol­le, durch die Orga­ni­sa­ti­on von Ord­ne­rIn­nen, Streik­pos­ten und Grup­pen zur Selbst­ver­tei­di­gung.

Wenn wir den Gesetz­ent­wurf im Par­la­ment nicht stop­pen kön­nen, müs­sen wir ihn auf der Stra­ße zu Fall brin­gen. Unse­re Stra­te­gie zielt nicht nur dar­auf ab, den Gesetz­ent­wurf zu stop­pen, son­dern die grund­le­gen­den Ele­men­te der Orga­ni­sa­ti­on und Macht der Arbei­te­rIn­nen­klas­se wie­der auf­zu­bau­en, kämp­fen­de Orga­ne der Mas­sen­ak­ti­on, die die Vor­aus­set­zung für einen erfolg­rei­chen Kampf sind, um die Auf­he­bung aller reak­tio­nä­ren und ras­sis­ti­schen Geset­ze zu erzwin­gen und damit den Bos­sen und ihren Poli­ti­ke­rIn­nen einen ver­nich­ten­den Schlag zu ver­set­zen.

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