[labournet:] 1. Mai 2021 in Paris: gewerkschaftliche Mobilisierung und eine Attacke am Schluss der Kundgebung

Foto von Bernard Schmid der Pariser Demo am 1.5.2021: Das Ende der Welt ist erst der Anfang Die sozia­le Mobi­li­sie­rung in Frank­reich mel­det sich zumin­dest zum dies­jäh­ri­gen 1. Mai zurück. (…) Ein zen­tra­les, alle Sek­to­ren ver­bin­den­des The­ma zeich­ne­te sich nicht ab, viel­mehr han­del­te es sich um einen Neu­be­ginn sozia­ler Pro­test­mo­bi­li­sie­rung nach einer mehr­mo­na­ti­gen fak­ti­schen Total­pau­se – abge­se­hen von loka­len Situa­tio­nen wie einem Kon­flikt mit „Bossnapping“-Aktion in einem Werk von Renault in der Bre­ta­gne ver­gan­ge­ne Woche (wir wer­den dar­auf zurück­kom­men). In die­ser Zeit wur­den frank­reich­weit seit dem Pan­de­mie­früh­ling von 2020 ins­ge­samt 550 „Sozi­al­plä­ne“, also kol­lek­ti­ve betriebs­be­ding­te Ent­las­sun­gen, ver­zeich­net. Als wich­ti­ges sozi­al­po­li­ti­sches The­ma kün­digt sich für die kom­men­den Woche die regres­si­ve „Reform“ der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung an. (…) Am Abschluss­ort kam es dann zum kör­per­li­chen Angriff von eini­gen Dut­zend Per­so­nen, eini­ge von ihnen tru­gen gel­be Wes­ten, auf den Ord­ner­dienst sowie einen Laut­spre­cher­wa­gen der CGT. (…) In die­sem Jahr war auf­fäl­lig, dass es am 1. Mai aus­ge­prägt vie­le Impf- und Mas­ken­geg­ner und ähn­li­che Vögel (die in Deutsch­land zum Quer­spin­ner-Spek­trum zäh­len wür­den) waren, die sich gel­be Wes­ten anzo­gen. Dies dürf­te zum Pro­blem des tota­len Soli­da­ri­täts­bruchs gegen­über Gewerkschafter/​inne/​n erheb­lich bei­getra­gen haben.” Arti­kel und Fotos von Ber­nard Schmid vom 3.5.2021 – wir dan­ken!

1. Mai 2021 in Paris: gewerkschaftliche Mobilisierung und eine Attacke am Schluss der Kundgebung

Die sozia­le Mobi­li­sie­rung in Frank­reich mel­det sich zumin­dest zum dies­jäh­ri­gen 1. Mai zurück. Herrsch­te in den ver­gan­ge­nen Mona­ten im Schat­ten der Coro­na-Kri­se – auf deren all­ge­mei­ne Aus­wir­kun­gen in Frank­reich wir in Kür­ze zurück­kom­men wer­den – weit­ge­hend Flau­te bei den Sozi­al­pro­tes­ten, abge­se­hen von den Beset­zun­gen von Kul­tur­ein­rich­tun­gen durch infol­ge wirt­schaft­lich bedroh­te Kul­tur­schaf­fen­de, so gin­gen zum dies­jäh­ri­gen 1. Mai wie­der Men­schen in grö­ße­rer Anzahl auf die Stra­ße.

Foto von Bernard Schmid der Pariser Demo am 1.5.2021: Transparent zum Tod eines migrantischen Arbeiters ("Sans papiers"), der vorige Woche Opfer eines tödlichen Arbeitsunfalls wurde

Foto von Ber­nard Schmid der Pari­ser Demo am 1.5.2021: Trans­pa­rent zum Tod eines migran­ti­schen Arbei­ters (“Sans papiers”), der vori­ge Woche Opfer eines töd­li­chen Arbeits­un­falls wur­de

Laut Regie­rungs­an­ga­ben nah­men ins­ge­samt, frank­reich­weit (an 320 Orten) „106.650“ Men­schen an gewerk­schaft­lich unter­stütz­ten Mai­de­mons­tra­tio­nen teil, laut Zah­len des mit­glie­der­stärks­ten Gewerk­schafts­dach­ver­bands – d.i. die CGT – waren es „170.000“. Bezo­gen auf die Haupt­stadt Paris sprach die CGT von „25.000“ und das Innen­mi­nis­te­ri­um von „17.000“ Demons­trie­ren­den. Dies liegt wohl im durch­schnitt­li­chen Bereich, ver­gli­chen im Mit­tel der ver­gan­ge­nen rund zehn Jah­re (abge­se­hen natür­lich von 2020, in jenem Jahr waren Ver­samm­lun­gen ab 100 Per­so­nen im Zusam­men­hang mi der Pan­de­mie­si­tua­ti­on ver­bo­ten). (Vgl. https://www.lepoint.fr/societe/journee-internationale-des-travailleurs-un-1er-mai-sous-le-signe-du-covid-01–05-2021–2424439_23.php externer Link)

Ein zen­tra­les, alle Sek­to­ren ver­bin­den­des The­ma zeich­ne­te sich nicht ab, viel­mehr han­del­te es sich um einen Neu­be­ginn sozia­ler Pro­test­mo­bi­li­sie­rung nach einer mehr­mo­na­ti­gen fak­ti­schen Total­pau­se – abge­se­hen von loka­len Situa­tio­nen wie einem Kon­flikt mit „Bossnapping“-Aktion in einem Werk von Renault in der Bre­ta­gne ver­gan­ge­ne Woche (wir wer­den dar­auf zurück­kom­men). In die­ser Zeit wur­den frank­reich­weit seit dem Pan­de­mie­früh­ling von 2020 ins­ge­samt 550 „Sozi­al­plä­ne“, also kol­lek­ti­ve betriebs­be­ding­te Ent­las­sun­gen, ver­zeich­net.

Als wich­ti­ges sozi­al­po­li­ti­sches The­ma kün­digt sich für die kom­men­den Woche die regres­si­ve „Reform“ der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung an. Die­se war durch das Regie­rungs­la­ger 2019 auf­ge­legt wor­den (vgl. https://​rdl​.de/​b​e​i​t​r​a​g​/​m​a​c​r​o​n​-​w​i​l​l​-​a​r​b​e​i​t​s​l​o​s​e​n​v​e​r​s​i​c​h​e​r​u​n​g​-​a​u​f​-​d​e​m​-​r​-​c​k​e​n​-​d​e​r​-​e​r​w​e​r​b​s​l​o​s​e​n​-​r​e​f​o​m​i​e​ren externer Link) und soll­te im dar­auf­fol­gen­den Jahr in Kraft tre­ten, wur­de jedoch 2020 auf­grund der Pan­de­mie­si­tua­ti­on ver­scho­ben; man­che hat­ten bereits mit ihrer still­schwei­gen­den Beer­di­gung jeden­falls für die lau­fen­de Legis­la­tur­pe­ri­ode (Früh­som­mer 2017 bis Früh­jahr 2022) gerech­net, ähn­lich jener, die der Anfang 2020 umkämpf­ten Renten„reform“ wider­fuhr, die erst nach der nächst­jäh­ri­gen Prä­si­dent­schafts- und Par­la­ments­wahl aus­ge­gra­ben wer­den dürf­te. Nun soll jedoch die regres­si­ve „Reform“ der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, leicht abge­speckt, doch zum 1. Juli die­ses Jah­res in Kraft tre­ten. (Vgl. https://​www​.vie​-publi​que​.fr/​e​n​-​b​r​e​f​/​2​7​9​6​0​8​-​a​s​s​u​r​a​n​c​e​-​c​h​o​m​a​g​e​-​d​e​-​n​o​u​v​e​l​l​e​s​-​r​e​g​l​e​s​-​a​u​-​1​e​r​-​j​u​i​l​l​e​t​-​2​021 externer Link)

Foto von Bernard Schmid der Pariser Demo am 1.5.2021: Das Ende der Welt ist erst der Anfang

Foto von Ber­nard Schmid der Pari­ser Demo am 1.5.2021: Das Ende der Welt ist erst der Anfang

Zu häss­lich Sze­nen kam es ins­be­son­de­re am Abschluss der Demons­tra­ti­on, um kurz vor 19 Uhr auf der place de la Nati­on. Zunächst war es gegen 16 Uhr auf hal­ber Weg­stre­cke, im elf­ten Pari­ser Bezirk auf der Höhe der Kir­che Saint-Ambroi­se und der gleich­na­mi­gen Métro-Sta­ti­on, zu zeit­wei­li­gen hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen gekom­men. Die Poli­zei hat­te offen­kun­dig die Anord­nung, es an die­sem Tag grund­sätz­lich nicht zur For­mie­rung eines „Spit­zen­blocks“ (cor­tège de tête) kom­men zu las­sen. Unter die­ser Bezeich­nung neh­men seit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Arbeitsrechts„reform“ im Früh­jahr und Früh­som­mer 2016 mit­un­ter Tau­sen­de Men­schen an den Pro­test­zü­gen teil, indem sie sich vor den offi­zi­el­len Demons­tra­ti­ons­be­ginn – also vor den Pro­mi­nen­ten­block der Gewerk­schaf­ten – stel­len und dort lau­fen. Die­ses Phä­no­men ist nicht ein­heit­lich geprägt und die Zusam­men­set­zung hete­ro­gen, man fin­det jün­ge­re und radi­ka­ler Gewerkschafter/​innen, links­ra­di­ka­le Grup­pen, aber mit­un­ter auch poli­ti­sche Aben­teu­rer und hoo­li­gan-ähn­lich agie­ren­de Grup­pie­run­gen, die ihren Erfolg an der Höhe des Glas­scha­dens mes­sen. Wäh­rend der 1. Mai-Demons­tra­tio­nen 2018 und 2019 kam es bereits dazu, dass im objek­ti­ven Zusam­men­spiel von Ver­mumm­ten­frak­ti­on und Poli­zei­ap­pa­rat die Demons­tra­tio­nen teils stun­den­lang blo­ckiert und/​oder aus­ein­an­der­ge­ris­sen wur­de.

An die­sem Sams­tag, den 01.05.21 griff die Poli­zei früh­zei­tig durch Spa­lier und Trä­nen­gas­ein­satz ein, um jeg­li­che Her­aus­bil­dung eines sol­chen „Kopf­blocks“ zu ver­hin­dern. Dies heiz­te die Teil­neh­me­wil­li­gen, dar­un­ter auch die Unver­nünf­ti­ge­ren unter ihnen, zusätz­lich auf. Kurz dar­auf brann­te eine Bank­fi­lia­le aus. Erst nach ein- bis zwei­stün­di­ger Ver­zö­ge­rung konn­te der Pro­test­zug, wel­cher so lan­ge fest­steck­te, fort­ge­setzt wer­den.

Am Abschluss­ort kam es dann zum kör­per­li­chen Angriff von eini­gen Dut­zend Per­so­nen, eini­ge von ihnen tru­gen gel­be Wes­ten, auf den Ord­ner­dienst sowie einen Laut­spre­cher­wa­gen der CGT. In deren Rei­hen wur­den 21 Per­so­nen ver­letzt, zwei von ihnen wur­den vor­über­ge­hend sta­tio­när behan­delt, konn­ten jedoch am Sonn­tag aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen wer­den. Ein Mit­glied erhielt eine säu­re­ähn­li­che Sub­stanz in die Augen gesprüht. Die CGT-Füh­rung sprach in einer ers­ten Stel­lung­nah­me, etwa bei TV-Inter­views von Gene­ral­se­kre­tär Phil­ip­pe Mar­ti­nez, von einer rechts­ex­tre­men Atta­cke. Die Rea­li­tät dürf­te jedoch kom­ple­xer sein. In ihrer offi­zi­el­len Pres­se­er­klä­rung spricht die CGT (vgl. unten, https://​www​.cgt​.fr/​c​o​m​m​-​d​e​-​p​r​e​s​s​e​/​v​i​o​l​e​n​c​e​s​-​i​n​a​c​c​e​p​t​a​b​l​e​s​-​c​o​n​t​r​e​-​l​e​-​m​o​n​d​e​-​d​u​-​t​r​a​v​ail externer Link) nicht direkt von Rechts­ex­tre­men, aber von „Men­schen, die sich auf ihre Zuge­hö­rig­keit zur Gelb­wes­ten­be­we­gung beru­fen“. In ihrer eige­nen Pres­se­aus­sen­dung benutz­te die links­al­ter­na­ti­ve Gewerk­schaft SUD Rail externer Link (SUD Schie­nen­ver­kehr) jedoch die Über­schrift: „Gegen alle Faschis­men!“ [Sie­he das Video des Angriffs im Twit­ter-Thread vonBlxck­Mos­qui­to externer Link ]

Laut ers­ten Erkennt­nis­sen waren es tat­säch­lich Anhän­ger der extrem hete­ro­ge­nen Pro­test­be­we­gung der „Gelb­wes­ten“, ergänzt um eini­ge sich für beson­ders super­re­vo­lu­tio­när hal­ten­de Auto­no­me (kon­kret wur­den Auto­no­men-Gestal­ten von der Uni­ver­si­tät Paris-Tol­biac auf Auf­nah­men durch lin­ke Struk­tu­ren iden­ti­fi­ziert), die der CGT ihren „Ver­rat“ vor­war­fen, weil ihr Ord­ner­dienst anläss­lich des poli­zei­li­chen Vor­ge­hens rund drei Stun­den zuvor gegen die an der Spit­ze Lau­fen­den nicht ein­ge­grif­fen hat­te. Aller­dings dürf­te es auch kaum Auf­ga­be eines gewerk­schaft­li­chen Ord­ner­diensts, die Poli­zei anzu­grei­fen, was eine immense Gefähr­dung für die gesam­te Demons­tra­ti­on inklu­si­ve ihrer nicht son­der­lich sport­li­chen, älte­ren oder aus Fami­li­en bestehen­de Tei­le bedeu­tet hät­te.

Foto von Bernard Schmid der Pariser Demo am 1.5.2021: Querspinner auf französisch: Photo von Gelbwesten-Demonstrant, Maskengegner und Verbreiter von QAnon-Thesen üb. "Kinderschänder-Netzwerker an den Schaltstellen"

Foto von Ber­nard Schmid der Pari­ser Demo am 1.5.2021: Quer­spin­ner auf fran­zö­sisch: Pho­to von Gelb­wes­ten-Demons­trant, Mas­ken­geg­ner und Ver­brei­ter von QAnon-The­sen üb. “Kin­der­schän­der-Netz­wer­ker an den Schalt­stel­len”

Das Haupt­pro­blem dürf­te aber dar­in bestehen, dass das Pro­test­sym­bol der „gel­ben Wes­ten“ der­art unkon­trol­liert aus unter­schied­lichs­ten poli­ti­schen Moti­ven über­ge­streift wer­den kann, dass es – neben Lin­ken und auch Gewerkschafter/​innen, die sich vor allem in der Hoch­pha­se 2018/​19 eben­falls in der gleich­na­mi­gen Pro­test­be­we­gung enga­gier­ten oder zumin­dest mit­lie­fen – auch aller­hand übles reak­tio­nä­res Gesocks gibt, das die­ses Klei­dungs­stück eben­falls zur Iden­ti­fi­ka­ti­on benutzt.

In die­sem Jahr war auf­fäl­lig, dass es am 1. Mai aus­ge­prägt vie­le Impf- und Mas­ken­geg­ner und ähn­li­che Vögel (die in Deutsch­land zum Quer­spin­ner-Spek­trum zäh­len wür­den) waren, die sich gel­be Wes­ten anzo­gen. Dies dürf­te zum Pro­blem des tota­len Soli­da­ri­täts­bruchs gegen­über Gewerkschafter/​inne/​n erheb­lich bei­getra­gen haben.

Arti­kel und Fotos von Ber­nard Schmid vom 3.5.2021 – wir dan­ken!

Einige ausgewählte Medienberichte:

Der Bei­trag 1. Mai 2021 in Paris: gewerk­schaft­li­che Mobi­li­sie­rung und eine Atta­cke am Schluss der Kund­ge­bung erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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