[EMRAWI:] Kein Ankommen, kein Zurück.

Im Gefäng­nis schien mir mei­ne Situa­ti­on mit der eines Astro­nau­ten ver­gleich­bar zu sein. Der Hoch­si­cher­heits­trakt eine Raum­sta­ti­on, die um die Erde kreist, tech­ni­sche Ver­bin­dun­gen zur Außen­welt und Kon­takt wie hin und wie­der Funk­ver­kehr. Vom gesell­schaft­li­chen All­tag abge­löst ein Blick aufs Gan­ze und oft nur Unver­ständ­nis über das Kon­kre­te, was als Wahn und Irr­witz erscheint.

So war die RAF auch: Sicht aus wei­ter Fer­ne. Sie ver­warf die Ver­än­de­rung des Unmit­tel­ba­ren und such­te nach etwas völ­lig Neu­em. „Sprung“ war damals eine oft genutz­te Meta­pher. Schon im Gefäng­nis dach­te ich irgend­wann: Wir sind gesprun­gen und nir­gend­wo ange­kom­men. Die in Stamm­heim hat­ten am Ende für sich eine Lösung: Sprung in den Tod.

Wir sind geschei­tert. Heu­te sage ich auch: „Zu recht!“. Wir waren offen­kun­dig nicht in der Lage, gegen­ge­sell­schaft­li­che sozia­le Struk­tu­ren zu set­zen und zu hal­ten. Und doch –! Jeder Neu­an­satz von Befrei­ung wird die Tren­nung von der bür­ger­li­chen Gesell­schaft zur Bedin­gung haben und damit an einem ähn­li­chen Aus­gangs­punkt ste­hen wie wir.

Wir hat­ten uns 1996 bei einer Ver­an­stal­tung von David Becker getrof­fen im Uni-Haupt­ge­bäu­de in Ham­burg. „Wir“ ist dabei schon nur noch ein Ver­gan­gen­heits­be­zug. 1993 war die RAF zer­bro­chen, „der Mono­lith RAF“, wie Reb­mann es aus­drück­te, hat­te sich selbst gespal­ten und dar­in die feh­len­de poli­ti­sche Per­spek­ti­ve unüber­wind­bar gemacht. Das „Wir“ meint also: Ehe­ma­li­ge Mit­glie­der aus bewaff­ne­ten Grup­pen aus der Nach-68er-Zeit. Ein aktu­el­les „Wir“ gab es 1996 nicht mehr.

Im Gefäng­nis hat­te wohl jeder von uns das Buch von David Becker, „Ohne Hass kei­ne Ver­söh­nung“, gele­sen. Auf der Ver­an­stal­tung tauch­ten dann auch ande­re Ex-Gefan­ge­ne auf. Die­je­ni­gen, die die Stra­ßen­sei­te gewech­selt und den Kopf gesenkt haben, wenn sie mir begeg­net sind, besuch­ten eben­so sei­nen Vor­trag. Es scheint, als ob Gemein­sa­mes bei­be­hal­ten wird, das den sub­jek­ti­ven Dis­sens über­dau­ert. Wir saßen ver­streut in der Men­ge und hör­ten den Vor­trag von David Becker über Fol­ter und Trau­ma­ti­sie­rung in Chi­le, nicht nur der poli­ti­schen Gefan­ge­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen. Becker sprach eben­so über die Trau­ma­ti­sie­rung der Gesell­schaft, die aus dem Schwei­gen und der Ver­drän­gung resul­tiert. Am Ende die­ser Tagung wur­de ein nächs­tes Tref­fen zum The­ma Fol­ter ange­kün­digt. Es fand Wochen spä­ter im Bal­int-Insti­tut in Ham­burg statt und war mehr als Fach­tref­fen der ver­schie­de­nen The­ra­pie­an­sät­ze gedacht. Aber auch dort erschie­nen mehr als ein Dut­zend ehe­ma­li­ge Ange­hö­ri­ge bewaff­ne­ter Grup­pen aus der BRD, teil­wei­se von weit ange­reist. Mei­nem Ein­druck nach war das „Fach­pu­bli­kum“, sofern es vor­her aus den Anmel­dun­gen nicht etwas erahn­te, auch über­wäl­tigt von dem, was ihnen da gera­de begeg­ne­te.

Die Situa­ti­on im Hoch­si­cher­heits­trakt, die jah­re­lan­gen unter­schied­li­chen Iso­la­ti­ons­va­ri­an­ten waren zwar bekannt aber fern­ge­hal­ten. Schon David Becker schien nicht begeis­tert, als er auf die Situa­ti­on in der BRD ange­spro­chen wur­de und bezog sich lie­ber auf Chi­le. Vol­ker Fried­rich aber sprach in einem Bei­trag an, dass gesell­schaft­lich die Situa­ti­on in den Hoch­si­cher­heits­trak­ten nicht wahr­ge­nom­men wur­de, Fol­ter nicht das schwar­ze Pri­vi­leg der Drit­ten Welt ist und auch hier Trau­ma­ti­sie­run­gen vor­lie­gen aus poli­ti­schen Kämp­fen, die unab­hän­gig von den Hand­lun­gen der Ein­zel­nen oder poli­ti­schen Grup­pe gese­hen wer­den müs­sen.

Wäh­rend sei­ner Rede hör­te man hin und wie­der ein lei­se gestöhn­tes „ja“ aus dem Kreis der Ehe­ma­li­gen. Hier wur­de uns ange­sichts des Zer­stö­rungs­ver­suchs gegen das eige­ne Ich und Wir, Respekt gezollt. Von den statt­fin­den­den sechs Arbeits­grup­pen war in fünf die Rede von Gefäng­nis, Iso­la­ti­on und genö­tig­tem Über­le­bens­kampf. Ergeb­nis die­ser Tagung war, ein Extra-Tref­fen zu den Ex-Mit­glie­dern bewaff­ne­ter Grup­pen zu machen.

Beim nächs­ten Tref­fen waren wir viel­leicht 25 Leu­te. Ich hat­te gehofft, dass wir über uns reden, über die Haft, die Poli­tik, die Grup­pen­mo­ral, die Spal­tung, über die Selbst­zer­stö­rung unse­res Kol­lek­tiv, die fal­sche Erfül­lung unse­rer Hoff­nun­gen, auch, dass wir eine neue Ebe­ne fin­den, um das Pri­va­te zwi­schen uns zu klä­ren und vie­les ande­re mehr. Sicher hat­te jede/​r ein sol­ches Inter­es­se, sonst wären die meis­ten nicht gekom­men. Gewon­nen aber hat das Miss­trau­en und das Bedürf­nis, sich zu ver­ber­gen. Am Anfang stand das Ein­gren­zungs­be­mü­hen: ‚Wir wol­len nur über die Haft­be­din­gun­gen reden’, kam von denen, die sich als ande­re Frak­ti­on defi­nier­ten. Über die Akti­on des Fein­des soll­te gespro­chen wer­den, nicht über das Eige­ne. Die anwe­sen­den The­ra­peu­ten wur­den in die­ser Bestim­mung ver­or­tet. Sie soll­ten in Fach­be­grif­fen unter­mau­ern, dass die Haft eine Ver­nich­tungs­haft war, also Fol­ter. Alles ande­re war Poli­tik und dazu aber braucht man kei­ne The­ra­peu­ten. Noch Jah­re spä­ter hat­te mir Bri­git­te (Mohn­haupt, Anmer­kung Sun­zi Bing­fa) bei einem Knast­be­such an den Kopf gewor­fen, dass sie sol­che Leu­te nicht braucht, um zur Poli­tik zu kom­men. Das war frü­her auch mei­ne Hal­tung: „Arzt, hei­le Dich sel­ber!“ Im Gefäng­nis kann man etwas ande­res auch nicht zulas­sen. Aber inzwi­schen war die gro­ße Mehr­heit der ehe­ma­li­gen Mit­glie­der bewaff­ne­ter Grup­pen drau­ßen und von kei­ner staat­li­chen Macht mehr an der Dis­kus­si­on gehin­dert. Die Geschich­te der RAF war zu Ende (auch wenn die Auf­lö­sungs­er­klä­rung nach eini­gem For­dern erst zwei Jah­re spä­ter kam, so war es doch allen klar) – und trotz­dem: Wir waren sel­ber nicht fähig, unter­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Wir brauch­ten einen geschütz­ten Raum, und wir brauch­ten einen beglei­ten­den Blick von außen.

Bei eini­gen aber schien es so, als wären wir noch im Knast und jede Außen­welt sei feind­lich. An dem Ein­gren­zungs­ver­such, nur über das zu reden wo wir auch Opfer waren, brach es dann. Als wür­de jedes Anspre­chen von eige­ner Ver­ant­wor­tung bei uns und eine Kri­tik unse­rer poli­ti­schen wie sozia­len Pra­xis den Auf­bruch als sol­chen ver­wer­fen. Ande­re woll­ten nicht hören, dass wir auch mit uns etwas gemacht haben. Für sie muss­ten wir ein Kol­lek­tiv sein, das eine posi­ti­ve sozia­le Eigen­struk­tur hat­te. Alles ande­re gehör­te hier nicht hin, als sei das nicht das Wirk­li­che, son­dern das Wirk­li­che sei der Wunsch und der Anspruch, dass wir ande­re Men­schen sein woll­ten. Ich erin­ner­te damals als Bei­spiel nur an Lutz (Tau­fer, Anmer­kung Sun­zi Bing­fa) , der 1977 von der Lis­te der zu befrei­en­den Gefan­ge­nen gestri­chen wur­de, weil er nach schwe­ren kör­per­li­chen Quä­le­rei­en durch Wär­ter in der JVA Bochum einen Hun­ger­streik abge­bro­chen hat­te. Wer nicht alles durch­hält, kann nicht kämp­fen! Das war auch unse­re Moral. In ihr gibt es auch die kal­te Sei­te, alles auf Funk­tio­na­li­tät für den Kampf zu redu­zie­ren.

Mit die­sem Hin­weis hat­te ich jedoch schon den Gene­ral­ver­dacht gegen mich bestä­tigt, Grund­si­cher­hei­ten in Fra­ge zu stel­len. Die gan­ze Zusam­men­kunft hat­te etwas Fra­gi­les. Es schien, als kön­ne alles jeden Augen­blick wie­der zer­bre­chen.

Im nächs­ten Tref­fen wur­de erneut von eini­gen auf­ge­wor­fen, dass nur die Haft­be­din­gun­gen The­ma sein dürf­ten. Und die Macht­fra­ge wur­de gestellt. Mat­thi­as S., einer der Psy­cho­ana­ly­ti­ker, der zu die­sem Tref­fen nicht kom­men konn­te, hat­te in einem Brief an einen Kol­le­gen sich für die Fort­set­zung der Tref­fen aus­ge­spro­chen, dabei auch einen Blick auf­ge­macht. Er selbst war bestimmt von einer Erfah­rung aus sei­ner K‑Grup­pen-Zeit, wo er nach jah­re­lan­ger Grup­pen­tä­tig­keit wegen eines Wider­spruchs aus­ge­grenzt wur­de. Sein bes­ter Freund von frü­hes­ter Jugend an hat­te sich hier auf die Par­tei­li­nie gestellt und mit ihm gebro­chen. Der Freun­des­ver­rat scheint eine Kon­stan­te beim „Dienst an der Sache“ zu sein. Auch nach­dem für die­sen und sei­ne K‑Gruppenführung die Poli­tik ver­raucht war, kam es nie zu einer Aus­ein­an­der­set­zung über den per­sön­li­chen Bruch, also den Ver­rat. M. zog also Par­al­le­len zur RAF. Das führ­te bei einem RAF-Mit­glied dazu, den Aus­schluß von M. zu ver­lan­gen mit der Begrün­dung, dass sie sich nicht vor­stel­len kön­ne, mit einer Per­son wei­ter in einer Grup­pe zu sein, wel­che die Struk­tu­ren der RAF mit denen ande­rer Grup­pen für ver­gleich­bar hielt. Das woll­te sie dann so auch durch­set­zen, was aber nicht gelang. Ich hat­te damals dabei die Fra­ge der Selbst­ver­ding­li­chung ange­spro­chen, ohne die die­ser Kampf gar nicht geht. Damit hat­te ich mich in den Augen von ande­ren wie­der mal ent­larvt. Sie such­ten lie­ben den Unter­schied und dar­aus den Gegen­satz, um abweh­ren zu kön­nen. End­lich schien eine begründ­ba­re Linie für die Spal­tung zwi­schen uns gefun­den zu sein. „Das ist der rote Faden bei Dir“, erklär­te Irm­gard (Möl­ler, Anmer­kung Sun­zi Bing­fa), um dann den gro­ßen Unter­schied deut­lich zu machen, dass bei ihr und ande­ren eine ande­re – gemeint war natür­li­che eine revo­lu­tio­nä­re – Sub­jek­ti­vi­tät vor­han­den sei, näm­lich die mit dem Ziel, „sich selbst, den Kör­per, die Poli­tik und die Moral funk­tio­nal zu machen für den Kampf.“ Gegen das Anspre­chen der Selbst­ver­ding­li­chung hielt sie als gro­ßen Unter­schied die Selbst­funk­tio­na­li­sie­rung hoch. Gewon­nen hat­te schon wie­der das Abgren­zungs­be­dürf­nis.

Zum drit­ten Tref­fen schick­ten Sie dann nur noch zwei Abge­sand­te, Adju­tan­ten Cha­rak­te­re ohne ver­läss­li­che eige­ne Posi­ti­on, mit denen man dann auch nichts dis­ku­tie­ren kann. Sie erklär­ten nun, dass ihre Frak­ti­on nicht mehr in die Grup­pe käme und eine eige­ne orga­ni­sie­ren wer­de, die nur die Haft­be­din­gun­gen zum The­ma mache. Orga­ni­siert haben sie nie eine.

Der Zusam­men­hang der blieb, war eine völ­lig ande­re Grup­pe, eine, die ich mit­un­ter sel­ber als sehr selt­sam emp­fand, nicht nur wegen der Zusam­men­set­zung aus ehe­ma­li­gen Mit­glie­dern der RAF und der Bewe­gung 2. Juni, Mit­glie­der „Kämp­fen­der Ein­hei­ten“ oder legal geblie­be­nen Unter­stüt­zern, son­dern auch wegen der Beglei­tung durch meh­re­re Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen aus unter­schied­li­chen The­ra­pie­schu­len. Alles war ohne län­ger­fris­ti­ges Kon­zept und Abspra­che. Lan­ge Zeit wuss­te man nie beim nächs­ten Tref­fen, ob es nicht das letz­te ist. Sowohl von Gefan­ge­nen­sei­te als auch von The­ra­peu­ten­sei­te wur­de das immer wie­der neu in Fra­ge gestellt. Von den ca. acht bis zehn The­ra­peu­ten blie­ben in den letz­ten Jah­ren zwei, Vol­ker Fried­rich und Ange­li­ka Hol­der­berg. Auch von „unse­rer“ Sei­te, also der der ehe­ma­li­gen Mili­tan­ten und ihrer Unter­stüt­zer blie­ben wel­che weg und ande­re kamen neu.

Ein­schub Eins: Ich tref­fe Mois­he., den ich 32 Jah­re nicht gese­hen habe. Wir waren nicht befreun­det, wir kann­ten uns nur wie man sich damals oft nur kann­te. Er war mit Ull­rich Wes­sel befreun­det, einem unse­rer Toten in Stock­holm. Ihn hat­te ich als ers­ten von der Grup­pe, die dann als „Kom­man­do Hol­ger Meins“ auf­trat, getrof­fen. Er war mir neben mei­ner Gefähr­tin der nächs­te von der Grup­pe. M. erzählt von U. und ich höre zum ers­ten Mal: U. war homo­se­xu­ell. Ich höre wei­ter etwas Unglaub­li­ches und doch, weil es zu unse­rem Lebens­ge­fühl damals pass­te, gleich­zei­tig auch Ver­trau­tes: Mit dem Freund tramp­te U. zuerst durch Euro­pa, dann durch Afri­ka. Sie kamen bis in den Kon­go. Ohne Geld und Mit­tel, selbst das Was­ser war zu Ende, hin­gen sie dort auf einer Stra­ße und kamen nicht mehr wei­ter. Die Trieb­kraft war: Stre­cke hin­ter sich und die Ver­gan­gen­heit, Gesell­schaft, Fami­lie, Land und Leu­te zu brin­gen. Sie wur­den auf­ge­ga­belt von einem LKW-Fah­rer, der für den Vater von U. arbei­te­te, für des­sen Edel­holz­ge­schäft. In Afri­ka von der Ver­gan­gen­heit ein­ge­holt und ins Fal­sche geret­tet. Wenn es kei­ne Flucht gibt, was gibt es zu ver­lie­ren?

Wir wären für­ein­an­der gestor­ben. Man­che sind es. Aber wir wuss­ten damals von­ein­an­der aus der Ver­gan­gen­heit nichts. So war es für mich im Kom­man­do Hol­ger Meins gegen­über den meis­ten, so galt aber auch für die Jah­re vor der Ille­ga­li­tät. Den Real-Namen mei­ner Freun­din hat­te ich erst nach unse­rer Ver­haf­tung erfah­ren. Ich hat­te auch nie danach gefragt und sie auch nicht nach mei­nem. Wir leb­ten und kämpf­ten zusam­men, Gesprä­che über unse­re Ver­gan­gen­heit fan­den so gut wie gar nicht statt. Sie war ver­lo­ren und abge­hakt. Von­ein­an­der wuss­ten wir nur, was wir über uns beim ande­ren erkann­ten. Und dass wir raus woll­ten aus der Gesell­schaft, nicht in per­ma­nen­ter Ver­drän­gung als Flucht, son­dern als Kon­fron­ta­ti­on im Wis­sen, dass uns unser Leben gestoh­len wird und wir uns das zurück­er­obern müs­sen. Aus mei­ner Sicht, was für ande­re ganz anders sein mag, waren wir auch des­halb von vor­ne­her­ein so nahe unter­ein­an­der, weil wir eh ver­lo­ren waren. Ich bin immer über­rascht, wenn ande­re aus unse­rem Zusam­men­hang sagen, für sie sei die Revo­lu­ti­on etwas kon­kret Mög­li­ches gewe­sen. Die­se Sicht hat­te ich nie. Als ich zur RAF ging, war die emo­tio­na­le Pha­se aus 1968, nach der wir auch der eige­nen Befrei­ung alle Türen öff­nen kön­nen, schon vor­bei. Wir zehr­ten noch von der alten sozia­len Kraft­quel­le, die aber mehr und mehr ver­sieg­te. Mir schien es wahr­schein­lich, dass wir per­sön­lich einen hohen Preis zah­len wür­den. Mich schreck­te das nicht. Das Ein­pas­sen in die­se Gesell­schaft emp­fand ich als die grö­ße­re Bedro­hung. So gab es nichts zu ver­lie­ren. Wich­tig war nur, im Wider­stand einen eige­nen sozia­len und poli­ti­schen Pro­zess zu haben. Ich hat­te schon 1972 mei­ne Papie­re an die RAF abge­ben. Was mich sel­ber hielt, war nur die Unsi­cher­heit, ob ich für die­sen Kampf reif genug bin.

Irgend­wann mit 19 oder 20 Jah­ren war ich über den Begriff „Ant­ago­nis­mus“ gestol­pert. Auf mei­ne Fra­ge an jeman­den nach dem Bedeu­tungs­kern, bekam ich als Ant­wort: „Ant­ago­nis­ti­sche Kon­flik­te sind sol­che, die nur bewaff­net gelöst wer­den kön­nen.“ Die­se Ant­wort war damals über­zeu­gend und von vorn­her­ein plau­si­bel. Sie traf auf eine Stim­mung: Tren­nungs­strich zie­hen, bloß weg zur Gegen­po­si­ti­on! Das Leben beginnt mit dem Angriff auf die Ver­hält­nis­se. Dass wir den Angriff wagen und uns und die gemein­sa­me Sache nicht ver­ra­ten woll­ten setz­ten wir als Gewiss­heit vor­aus. Das war viel und es hat lan­ge getra­gen. Das dar­in ent­hal­te­ne Ver­spre­chen aber, den Kampf um Befrei­ung nach Kri­te­ri­en zu bestim­men, die poli­tisch und sozi­al Bestand haben, haben wir nicht ein­ge­löst.

Wir Ex-Gefan­ge­ne und Ex-Mili­tan­te, die wir bei die­sen Tref­fen blie­ben, haben mit­ein­an­der gere­det. Das war im Ver­gleich zu den Jah­ren vor­her viel. In allen Her­zen war die Mör­der­gru­be. Immer aus­ge­rich­tet auf den ‚Feind’, das Äußere,den- Blick-nach-vor­ne-rich­ten’, ist uns im Lau­fe der Zeit die ursprüng­li­che Beson­der­heit der RAF, in sich selbst die gesell­schaft­li­che Prä­gung aus Gegen­wart wie Ver­gan­gen­heit, den Zustand des vom Kapi­tal Kolo­nia­li­sier­ten und das Tren­nen­de zum ande­ren auf­zu­spü­ren und auf­zu­lö­sen, ver­lo­ren gegan­gen. Unse­ren eige­nen Ansprü­chen gegen­über sind wir geschei­tert. In ihnen galt zu Anfang kein pri­va­tes Inter­es­se.

Aus der Sicht im Nach­hin­ein gab es eine RAF bis 77 und eine ande­re danach. Ich hat­te zu jener der ers­ten Jah­re hin­ge­wollt, bei der ich an ers­ter Stel­le eine Radi­ka­li­tät sich selbst gegen­über vor­aus­ge­setzt hat­te. Bei der nach 1977 ent­schwand dies. Sie klär­te über sich und ihre Eman­zi­pa­ti­ons­be­zü­ge nichts mehr auf. Zuerst dach­te ich, die, die drau­ßen sind brau­chen Zeit dafür und unse­re Soli­da­ri­tät ist es, ihnen die­se Zeit zu geben. Nie­mand aber war offen­kun­dig in der Lage, die eige­ne Pra­xis radi­kal zu reflek­tie­ren. Nüch­tern muß ich sehen, dass schon mei­ne eige­ne Grup­pe sich mit der eige­nen Hand­lung in Stock­holm nur recht­fer­ti­gend aus­ein­an­der­set­zen konn­te. Nach dem Tod der Stamm­hei­mer muss­ten wir neu einen kol­lek­ti­ven Sinn in der Bestim­mung der poli­ti­schen Grund­la­ge und dem, was gegen­ge­sell­schaft­li­che Radi­ka­li­tät ist, für uns fin­den.

Ohne das ver­lor die Poli­tik der RAF ihre unmit­tel­ba­re Anbin­dung an die eige­ne Eman­zi­pa­ti­on und wur­de zu einem äußer­li­chen Sys­tem­ver­hält­nis, gegen­über dem der Ein­zel­ne uner­kannt blei­ben konn­te. Hier liegt für mich einer der Grün­de, war­um z.B. eine Gestalt wie Peter-Jür­gen Boock sei­nen Lügen- und Betrugs­ma­ra­thon jah­re­lang durch­hal­ten und immer wie­der erneu­ern konn­te. Das Auf­tau­chen von Boock war es auch, was uns gefäng­nis­be­ding­te Illu­sio­nen über den sozia­len Zustand der Grup­pe draus­sen zer­stör­te. Mit der Nach-77er-Zeit ist zwar ein fah­nen­schwin­gen­des Reden von Kol­lek­ti­vi­tät ver­bun­den – aber ohne jeden Bezug in den kon­kre­ten Bezie­hun­gen. In die­ser RAF haben wir immer mehr zurück­ge­stellt: Die Selbst­kri­tik, die Kri­tik der eige­nen Poli­tik, die Kom­mu­ni­ka­ti­on über den Sinn der Grup­pe, die kol­lek­ti­ve Suche nach der kon­kre­ten Begriff­lich­keit von Befrei­ung, also alles das, was die inne­re Ach­se von Befrei­ung ist. Die RAF nach 77 ist zu einer Poli­tik­grup­pe gewor­den wie es vie­le ande­re gab. Aller­dings mit dem Unter­schied: bewaff­net. Das mach­te ihre Fol­gen gegen­über denen der ande­ren poli­ti­schen Grup­pen beson­ders fatal.

Ein­schub Zwei: Zu Anfang, im Kon­text der welt­weit sich for­mie­ren­den Befrei­ungs­be­we­gun­gen hat­te die RAF die poli­ti­sche Ver­mitt­lung, Kor­re­spon­denz­grup­pe für die anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kämp­fe aus den Rand­zo­nen des impe­ria­lis­ti­schen Sys­tems in des­sen Zen­trum zu sein. Eben­so konn­te sie sich zeit­wei­lig als eine mög­li­che Ant­wort auf den dama­li­gen US-geführ­ten Kriegs­im­pe­ria­lis­mus in Viet­nam ver­mit­teln. Mit vie­len teil­te sie die schon exis­ten­zia­lis­ti­sche Ableh­nung einer Nach­kriegs­ge­sell­schaft, die anti­kom­mu­nis­tisch und nazis­tisch geprägt war. Dage­gen schien der Bruch mit allem Befrei­ung und Bedin­gung für ein ande­res Leben zu sein. Spä­ter, aus mei­ner Sicht ab 1972, lös­ten sich die­se Ver­mitt­lun­gen auf. Die gegen­kul­tu­rel­len Posi­tio­nen von 1968 bil­de­ten noch kei­ne Basis für eine Gegen­ge­sell­schaft. Die dama­li­ge bewaff­ne­te Kampf­struk­tur der RAF wur­de poli­zei­lich zer­schla­gen. Nach der abzu­se­hen­den Nie­der­la­ge der USA in Viet­nam, der Rück­füh­rung der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kämp­fe in der Peri­phe­rie des Metro­po­len­sys­tems auf ihren natio­na­len Kern (Staa­ten­bil­dung) und der „Nor­ma­li­sie­rung“ der Mehr­wert­an­eig­nung im (sich moder­ni­sie­ren­den) gewöhn­li­chen bür­ger­lich-kapi­ta­lis­ti­schen Betrieb, der jen­seits von imma­nen­ten Ver­tei­lungs­strei­te­rei­en auf einen grund­sätz­li­chen gesell­schaft­li­chen Kon­sens zwi­schen den ein­zel­nen Klas­sen zurück­grei­fen konn­te, stand die RAF sozu­sa­gen immer deut­li­cher als unzeit­ge­mä­ße Kriegs­for­ma­ti­on da, als Metho­de, die ihren Ort, eigent­lich ihre inter­na­tio­na­len Bezugs­punk­te, ver­lo­ren hat­te und des­halb ihr Ziel nicht errei­chen konn­te.

Zu den Trieb­kräf­ten der 68-Bewe­gung gehör­te die Ein­sicht, dass man den Boden der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ver­las­sen muss, damit ein revo­lu­tio­nä­rer, auch unkor­rum­pier­ba­rer Lebens- und Gesell­schafts­pro­zeß mög­lich wird. Dies speis­te sich nicht aus einer vagen Hoff­nung, son­dern aus der Rea­li­tät des Gegen­kul­tu­rel­len. Die Revol­te hat­te längst ihr Eigen­ge­wicht. Wir konn­ten uns auf eine Nor­ma­li­sie­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­se nicht ein­las­sen, denn wir konn­ten dem Nach-Nazi-Staat in sei­ner Selbst­ver­söh­nung mit den nazio­nal­so­zia­lis­ti­schen Eli­ten und den bür­ger­li­chen Struk­tur­ele­men­ten des Faschis­mus nicht abneh­men, demo­kra­tisch zu sein, ohne uns sel­ber auf­zu­ge­ben. Eben­so unmög­lich war es, die Selbst­lü­ge der Mas­se zu akzep­tie­ren, „miss­braucht und getäuscht“ wor­den zu sein. Wir muss­ten die­sen Boden ver­las­sen. Das war ‚sicher’ nur im Angriff auf das Sys­tem mög­lich. Mit der 68er-Bewe­gung und deren anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Poli­ti­sie­rung hat­te die RAF die unver­söhn­li­che Hal­tung gegen­über den Sys­tem­ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit und dem neu­en impe­ria­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus geteilt und durch den bewaff­ne­ten Kampf die­se Hal­tung frag­los auch eska­liert. In der Eska­la­ti­on ist sie dann zuneh­mend allei­ne geblie­ben. Mit dem „Kon­zept Stadt­gue­ril­la“ fand im Innern der Lin­ken eine beson­de­re Frak­tio­nie­rung statt: Die zwi­schen tak­tisch behaup­te­ter Zurück­stel­lung des bewaff­ne­ten Kamp­fes und der Erklä­rung sei­ner not­wen­di­gen unmit­tel­ba­ren Umset­zung. Aus der Posi­ti­on des gemein­sa­men Auf­bruchs, in dem aller­dings damals auch die Fra­ge der revo­lu­tio­nä­ren Gewalt grund­sätz­lich posi­tiv beant­wor­tet war, wur­de die RAF zum Gegen­spie­ler auch gegen­über einer sys­te­m­op­po­si­tio­nel­len Lin­ken, die auf die Mas­sen war­ten woll­te. Ande­rer­seits war sie aber auch – wenn auch unge­wollt, aber von der Rol­le her – deren Stell­ver­tre­ter, da sie die all­ge­mei­nen Revo­lu­ti­ons­fan­ta­sien tat­säch­lich wer­den lies.[1] Mir sind nach mei­ner Ent­las­sung so vie­le Akteu­re begeg­net aus lin­ken poli­ti­schen Zusam­men­hän­gen, mit denen wir damals gar nichts zu tun hat­ten, mit der Erklä­rung, sie wären fast auch beim bewaff­ne­ten Kampf gelan­det, dass ich mir manch­mal vor Über­ra­schung fast die Augen rieb. Stell­ver­tre­tend für sie haben wir nach dem all­ge­mei­nen Auf­bruch das Fest­hal­ten am revo­lu­tio­nä­ren Kampf und sein Schei­tern durch­lebt und zur kon­kre­ten Erfah­rung für den eige­nen, wei­te­ren Lebens­weg gemacht. Wenn man sich die Pro­zes­se der Grup­pen anschaut, die nach 1977/​78 anfin­gen par­la­men­ta­risch zu wer­den, dann sieht man erheb­li­che Frik­tio­nen und Schwie­rig­kei­ten in die­sem Wand­lungs­pro­zess. Die­se Schwie­rig­kei­ten im Lebens­bruch durch Anpas­sung ver­wei­sen dar­auf, wie selbst­ver­ständ­lich vie­len aus der Revol­te her­aus die sys­te­m­op­po­si­tio­nel­le Grund­la­ge gewor­den war. Als Gegen­spie­ler und in der Stell­ver­tre­ter­si­tua­ti­on drückt der Kampf nicht mehr die Ten­denz aus son­dern wird pri­mär zum Beweis dafür, dass er mög­lich ist und dass die ande­ren ihn eben­so füh­ren kön­nen. Nach dem Auf­lö­sen der bis­her poli­tisch noch tra­gen­den Ver­mitt­lun­gen wur­de der Kampf immer mehr zum Kampf dar­um, sich selbst als Not­wen­dig­keit und Mög­lich­keit zu ret­ten. Die Avant­gar­de als Recht­fer­ti­gung für sich selbst.

Stock­holm

Wir waren eine Grup­pe in der RAF. Unse­re Akti­on war mit eini­gen drin­nen abge­spro­chen. Ich war für sie gar nicht vor­ge­se­hen. Sie war bereits geplant und ich wuss­te zwar, dass eine Befrei­ungs­ak­ti­on statt­fin­den wird, war aber über nichts Kon­kre­tes unter­rich­tet. Ulrich Wes­sel, dem ich gesagt hat­te, dass ich, wenn eine Befrei­ungs­ak­ti­on durch­ge­führt wird, dabei sein will, lehn­te mei­ne Betei­li­gung mit der Begrün­dung ab, dass fünf Akteu­re schon fast zu viel sind, dass wir weni­ge in der Ille­ga­li­tät sind, und es wich­ti­ger sei bei einem mög­li­chen Schei­tern der Akti­on, dass ande­re da sind, die den nächs­ten Ver­such orga­ni­sie­ren. Die Begrün­dung war an der Sache und dem Fort­be­stand der Orga­ni­sa­ti­on ori­en­tiert und dadurch ver­nünf­tig. Das gan­ze Kon­zept Stadt­gue­ril­la soll­te bei einer gelun­ge­nen Befrei­ung neu über­dacht wer­den. Ich bin dann über eine Inter­ven­ti­on von Andre­as Baa­der in das Kom­man­do Hol­ger Meins hin­ein­ge­kom­men, nach­dem ich sei­ne Fra­ge, ob ich schon mal über­legt hät­te an der Akti­on teil­zu­neh­men, mit einem kla­ren „Ja“ beant­wor­tet habe. Andre­as war unzu­frie­den damit, dass die Vor­be­rei­tun­gen so lan­ge brauch­ten. Ich hat­te vor­her eini­ge Sachen gemacht und offen­sicht­lich einen guten Namen bei ihm. In Stamm­heim gab es die Befürch­tung, dass dann, wenn das Gerichts­ver­fah­ren dort schon begon­nen hät­te, es noch schwie­ri­ger sei, die Gefan­ge­nen zu befrei­en. Viel­leicht ein oder zwei Wochen vor die­ser Fra­ge hat­te ich eine Lega­le getrof­fen, die, wie ich spä­ter erfuhr, einen Unter­stüt­zungs­job umge­setzt hat­te, aus dem sie auf Stock­holm schlie­ßen konn­te. Als ich sie frag­te, was sie den­ke, wie wir die Gefan­ge­nen raus­ho­len könn­ten, schlug sie mir die Beset­zung der deut­schen Bot­schaft in Stock­holm vor. Ich hat­te sie spon­tan kri­ti­siert mit der Bemer­kung, dass die schwe­di­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie sich doch der deut­schen unter­ord­nen wer­de. Das schien mir offen­kun­dig. Auch hat­te ich ande­re Vor­stel­lun­gen für eine Befrei­ungs­ak­ti­on im Kopf. Als dann die Fra­ge von Andre­as kam, habe ich mei­ne Kri­tik weg­ge­wischt. Es gab kei­ne Chan­ce mehr, die Befrei­ungs­ak­ti­on neu zu bestim­men. Stock­holm war im Detail durch­or­ga­ni­siert, wir hat­ten inzwi­schen die Waf­fen über die Gren­ze gebracht und alle mein­ten, dass die Zeit drängt. Ich hät­te nur „nein“ sagen und zuschau­en kön­nen bei etwas, was intern nicht mehr zu ändern war. Das woll­te ich nicht, zumal mir die­je­ni­gen, die ich aus der Grup­pe ken­nen gelernt hat­te, sehr nahe waren oder gewor­den sind.

Ana­ly­siert man die Ent­wick­lung des Kon­zepts Stadt­gue­ril­la, dann sieht man, dass in der Stock­holm-Grup­pe schon die Mili­ta­ri­sie­rung der Poli­tik und ihr Selbst­zweck in der Poli­tik der Grup­pe domi­niert. Gegen­ge­sell­schaft­lich­keit war hier sub­sti­tu­iert durch die Moral von Ein­deu­tig­keit, Kon­se­quenz und Kom­pro­miss­lo­sig­keit. Sie ist die pri­mä­re Spra­che des Krie­ges, des Freund-Feind-Ver­hält­nis­ses, des Tren­nungs­strichs, ein Ver­hält­nis, wel­ches ein­mal ein­ge­nom­men, sich zur Gegen­sei­te nicht mehr reflek­tie­ren muß, sich sel­ber aber auch kei­ne Recht­fer­ti­gung mehr über das Ziel und sei­nen Weg geben muß. Stock­holm zeigt vor dem Hin­ter­grund des poli­ti­schen Ortver­lus­tes, dass die RAF ver­such­te, den schwin­den­den Legi­ti­ma­ti­ons­zu­sam­men­hang für den revo­lu­tio­nä­ren Kampf sub­jek­ti­vis­tisch zu über­sprin­gen. Wir hat­ten die Vor­stel­lung, mit einer für uns ent­schie­de­nen Macht­fra­ge mit dem Staat, sozu­sa­gen im ‚letz­ten Augen­blick’, die Zer­falls­ten­denz inner­halb der radi­ka­len Lin­ken umkeh­ren zu kön­nen. Wir dach­ten, wenn wir dem Staat eine Nie­der­la­ge bei­brin­gen, macht es vie­len ande­ren Mut. Im Umkehr­schluss hät­te das aber auch bedeu­tet, dass wir kei­ne Akti­on durch­füh­ren, deren Erfolg nicht sicher ist. Das war bei uns nicht auf­ge­taucht, weil wir uns ent­schie­den hat­ten, dass wir bei einer Ableh­nung der For­de­rung dann unser Leben ver­lie­ren und damit ein Ver­hält­nis mani­fes­tie­ren, dass kei­ne Umkehr zulässt. Der Tod in Stamm­heim spä­ter lag uns des­halb alles ande­re als fern. Das Gegen­ge­sell­schaft­li­che aber, das kon­kret benenn­ba­re, ande­re Sozia­le, ist hier schon auf spä­ter ver­scho­ben und vom Mili­tä­ri­schen domi­niert. Wir wur­den Stell­ver­tre­ter für die Lin­ke, der Staat wur­de Stell­ver­tre­ter für das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem. Bis in die soge­nann­te „Offen­si­ve“ 1977 hin­ein zeigt sich dann eine wach­sen­de Fähig­keit zur mili­tä­ri­schen Umset­zung des bewaff­ne­ten Kamp­fes mit abneh­men­der poli­ti­scher Qua­li­tät.

Den Tod von Hol­ger Meins habe ich als bewuss­ten Akt einer Staats­po­li­tik inter­pre­tiert, die uns, also jene nicht-inte­gra­ti­ons­wil­li­gen Lin­ke mit mehr oder weni­ger fast jedem Mit­tel zur Sys­te­mak­zep­tanz und zum Abschwö­ren zwin­gen woll­te. Wir stan­den unter dem sum­ma­ri­schen Blick von Leu­ten aus der letz­ten Kriegs­ge­nera­ti­on, wel­che die Zurich­tung unse­rer Genera­ti­on auf Anpas­sung ans Sys­tem als Schlacht­bild vor sich hat­ten. Der Tod von Hol­ger Meins deck­te sich mit mei­nen Erfahrungen.[2] Ich hat­te über­haupt kei­ne Illu­sio­nen über unse­re Zukunft. Mir schien damals zwin­gend, dass wir sel­ber zum glei­chen sum­ma­ri­schen Ver­hält­nis den Staats- und Sys­tem­ver­tre­tern gegen­über kom­men müs­sen. Mit dem Tod von Hol­ger Meins war für mich die „Stun­de der Wahr­heit“ gekom­men. Im Gefäng­nis, wäh­rend mei­ner Haus­be­set­zer­haft, hat­te ich die Pro­zess­re­de von Max Hölz[3] gele­sen aus den 20er Jah­ren, der selbst­kri­tisch in der Nie­der­la­ge bemerk­te, dass die Lin­ken nie kon­se­quent genug sind und des­halb immer ver­lie­ren. Im Sieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus und in der Ver­nich­tung der KPD sah ich das bestätigt.Wir hat­ten die Erfah­rung mit Viet­nam, mit Chi­le, dem Schah von Per­si­en, der Obris­ten­dik­ta­tur im Nato-Staat Grie­chen­land und vie­les mehr. Die aus Frank­reich kom­men­de Ana­ly­se vom „Neu­en Faschis­mus“ hat­te mir einen Erklä­rungs­rah­men gege­ben für das, was von der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie gegen die 68er-Bewe­gung umge­setzt wur­de mit ihrer Mischung aus Repres­si­on und Inte­gra­ti­ons­an­ge­bo­te in einen moder­ni­sier­ten Kapi­ta­lis­mus, bei dem heu­te offen­kun­dig ist, an wes­sen Inter­es­se hier Moder­ni­sie­rungs­re­for­men aus­ge­rich­tet und wer die Sie­ger und Ver­lie­rer sind. Uns hat damals nichts mehr über­rascht. Wir hat­ten ange­fan­gen, kühl die Gegen­sei­te zu sehen und ohne Emo­tio­nen zu beden­ken.

Ich bin mit­ver­ant­wort­lich für den Tod von zwei Bot­schafts­an­ge­hö­ri­gen. Hier­an trägt jeder aus unse­rem Kom­man­do die glei­che und unge­teil­te Schuld. Im Gefäng­nis war mir irgend­wann klar gewor­den, dass wir von kei­ner Gegen­ge­sell­schaft oder Gegen­mo­ral reden kön­nen, wenn dies die Mög­lich­keit von Gei­sel­er­schie­ßun­gen und damit die voll­stän­di­ge Ver­ding­li­chung von Men­schen beinhal­tet. Es wäre nur eine bar­ba­ri­sche Gesell­schaft. Heu­te akzep­tie­re ich, dass unse­re Hand­lun­gen ver­ur­teilt wor­den sind und Fol­gen für uns haben muß­ten. Es wird kei­ne Legi­ti­mi­tät kon­stru­iert, wenn das eine Unrecht mit dem ande­ren auf­ge­rech­net wird. Es zeigt nur zwei Situa­tio­nen, die abzu­leh­nen sind.

Nach 1977 gab es eine schlei­chen­de Anpas­sung in der RAF an ein Poli­tik­ver­ständ­nis, dass nicht mehr so radi­kal auf die Sub­jekt­kon­sti­tu­ti­on der Akteu­re zurück­wirk­te. Das scheint mir offen­kun­dig. Zeig­te sich vor­her immer wie­der auch die Anstren­gung, Poli­tik nach Innen und Außen in Über­ein­stim­mung zu brin­gen und gleich zu bemes­sen, also den Anspruch gegen­über ande­ren mit dem an sich selbst zu kop­peln, so schien jetzt immer mehr die Tren­nung zwi­schen „Inne­rem“ und „Äuße­rem“, zwi­schen „Ich“ und „Du“, zwi­schen „an sich“ und „für sich“, zwi­schen „Sub­jekt“ und „Objekt“ die Poli­tik und die Struk­tur zu bestim­men. Befrei­ung wur­de zur Befrei­ung in der 3. Per­son. Sym­bo­lisch dafür habe ich die Brie­fe von einem Gefan­ge­nen emp­fun­den, der über Jah­re hin­weg wie kein ande­rer in jedem Brief den Duk­tus hat­te: „Es ist zu tun…Es muß gemacht wer­den“ usw. – eine Radi­ka­li­tät im Antrei­ben der Akti­on, jedoch eine auf die Grup­pe, Ihren Zustand, eine auf das Selbst bezo­ge­ne Reflek­ti­on fand nicht statt. Hand­lun­gen und Erklä­run­gen der RAF nach 1977 sind eine über die Mit­tel demen­tier­te, vom Inhalt her aber voll­zo­ge­ne Rück­kehr zu einem poli­ti­schen Ver­hält­nis zum Sys­tem, in dem die Infra­ge­stel­lung der eige­nen Per­son aus­ge­klam­mert sein konn­te. Die Revo­lu­ti­on ver­lor sozu­sa­gen ihr ers­tes Objekt: Den Revo­lu­tio­när, der sich als Wider­stands­ak­teur in der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät erkenn­bar macht, also zeigt, wie er oder sie mit rea­len Wider­sprü­chen umgeht. Ein Pro­zeß, der sowohl drin­nen als auch drau­ßen statt­fand. Mit Fol­gen auch für die eige­ne Ein­satz­be­reit­schaft: Der Abbruch des Hun­ger­streiks 1981 vom größ­ten Teil der Gefan­ge­nen nach dem Tod von Sigurd Debus signa­li­sier­te schon, dass der eige­ne Ein­satz beschränkt wur­de, es nicht mehr selbst­ver­ständ­lich war, dem Kampf­pro­zess grö­ße­re Bedeu­tung als dem des eige­ne Lebens zu geben. Das wur­de von der Mehr­heit der Gefan­ge­nen im Hun­ger­streik 1985 bekräftigt.[4] Das Aus­stei­gen von Sieg­fried Haag aus der RAF mit einem simp­len, halb­sei­ti­gen Brief an die Gefan­ge­nen, zeig­te, dass die Selbst­ver­ständ­lich­keit von frü­her, nach der es kein Zurück geben wird, auch bei denen ero­diert war, die das in kla­ren Sät­zen frü­her an ande­re her­an­ge­tra­gen hat­ten. Als wäre eine Illu­si­on zerplatzt.[5] Von drau­ßen sah es ähn­lich aus und 1985 waren die­je­ni­gen, die nach 1977 die Ille­ga­li­tät bestimmt hat­ten, zwi­schen­zeit­lich auch im Gefäng­nis und haben eben­so ent­schie­den.

Der Tod in Stamm­heim

Der Mord­selbst­mord. „Das Pro­jek­til sind wir!“, schrieb Andre­as Baa­der an die Grup­pe und arti­ku­lier­te damit eine Moral, in der das Sub­jekt und sein Zweck in eins gesetzt sind. Es bedeu­tet aber auch: Wenn zwi­schen „Sub­jekt“ und „Objekt“ kei­ne Tren­nung mehr gemacht wird, endet es so: also im Tod. (In der Selbst­ent­lei­bung auch der genö­tig­te Beweis der Selbst­lo­sig­keit als letz­te, den Ein­zel­nen in sei­nen Taten legi­ti­mie­ren­de, schein­bar frei­spre­chen­de Beur­tei­lungs­in­stanz.) Statt einer Ant­wort Reflex dar­auf: Das Sub­jek­ti­ve und das Poli­ti­sche wie­der zu tren­nen. Da, wo vor­her das kol­lek­ti­ve Indi­vi­du­um und Iden­ti­tät im Kol­lek­tiv gesucht wor­den war, wel­ches den Tod über­win­det (indem es axio­ma­tisch den Sinn des Lebens unter­stellt und davon, dass es Auf­ga­be der Mensch­heit ist, Sinn zu bil­den), trat in der Pra­xis nun die alte Spal­tung von „für sich“ und „für ande­re“ (kom­pen­siert wur­de das durch Beschwö­run­gen von ‚Authen­ti­zi­tät’ im Kampf). Die RAF wur­de immer mehr zur Form, bestimmt von einer Radi­ka­li­tät, die sich an ers­ter Stel­le durch Bewaff­nung aus­drück­te.

In unse­ren poli­ti­schen Zusam­men­hän­gen galt, dass wir kei­ne Ansprü­che an ande­re Stel­len, die wir nicht zuerst gegen­über uns selbst erhe­ben. Die­se Radi­ka­li­tät, die ich auch mit der RAF iden­ti­fi­ziert hat­te, ging wei­ter: Der Lern­pro­zess war etwas, was im Kampf gesucht wird; sei­ne schein­bar zwangs­läu­fi­gen Schluss­fol­ge­run­gen etwas, an deren Annah­me eine revo­lu­tio­nä­re Sub­jek­ti­vi­tät sich ent­wi­ckeln lässt. Ohne auf eine trag­fä­hi­ge Basis für den revo­lu­tio­nä­ren Kampf zu sto­ßen, führ­te das Bei­be­hal­ten der Absicht, ein neu­es Kon­zept des Revo­lu­ti­ons­pro­zes­ses in den Metro­po­len geschicht­lich zu ver­an­kern, zur stän­di­ge Zuspit­zung der Kon­fron­ta­ti­on, zur, wie es 1977 dann geschah, rasen­den Beschleu­ni­gung. Die Bot­schaft von 1977 ist, dass das per­ma­nen­te Zuspit­zen gegen eine gesell­schaft­li­che Gegen­wart, die zu ent­mach­ten nicht die Kraft da ist, in gera­de Linie zum eige­nen Tod führt.

Es scheint die dop­pel­te Tra­gik jeder avant­gar­dis­ti­schen Revol­te zu sein: Sie muss so lan­ge unwei­ger­lich schei­tern, als wie die gesell­schaft­li­chen Kräf­te sich hin­ter dem Rücken der Sub­jek­te eigen­ge­setz­lich zur unsicht­ba­ren Macht for­mie­ren. Und: Sie erträgt kei­ne Nor­ma­li­tät, auch nicht die eige­ne. Sie muss wei­ter. Die Ille­ga­len nach 77 haben erahnt oder gewusst, dass die Revo­lu­ti­on nicht kommt. Des­we­gen gab es von ihnen nie eine radi­ka­le Refle­xi­on ihres Angriffs auf den Staat, der orga­ni­sa­to­risch der Höhe­punkt der RAF war, in der Selbst­wahr­neh­mung aber der wirk­li­chen Bedeu­tung weit hin­ter­her­hink­te. Des­we­gen haben sie auf jeden Ver­such zur Reflek­ti­on auch nur schwei­gend oder ableh­nend reagiert. „Kei­ne Angst vor der Unge­heu­er­lich­keit der eige­nen Zwe­cke haben.“

Was aber, wenn man sie selbst noch nicht erfasst? Dann wird man über­rollt – und sei es nur vom Tod der eige­nen Genos­sen, die in ihrem Tod dar­stell­ten, dass ihnen die Unge­heu­er­lich­keit der eige­nen Zwe­cke aller­dings bewusst war. Die drau­ßen, die wei­ter­ge­macht haben, schie­nen erkannt oder erahnt zu haben, dass die per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on in der Selbst­auf­lö­sung endet. Mir scheint das des­halb klar, weil sie sich im bewaff­ne­ten Kampf ein­ge­rich­tet und ihn am Ende nur noch in der Form fort­ge­führt haben. Statt Inhalt die Hand­ha­bung der Mit­tel. Spä­ter, in den 80er Jah­ren, hat­ten die nächs­ten Akteu­re der RAF die Revo­lu­ti­on nur als eine bewaff­ne­te Form, nicht mehr als sozia­le Mög­lich­keit im Kopf. Von der Form bestimmt, war ihnen im Selbst­bild das Erschie­ßungs­kom­man­do zum höchs­ten Aus­druck von Radi­ka­li­tät, in der rich­ti­gen Wahr­neh­mung von außen aber nur zur schlimms­ten Bloß­stel­lung gewor­den.

Die Zeit im Gefäng­nis war für mich wie viel­leicht auch für die meis­ten ande­ren gezeich­net von Här­te und Durch­hal­ten. Ich hielt mich damals der Hoff­nung fest, dass irgend­wann wie­der da ange­knüpft wer­den kann, wo mei­ne Poli­ti­sie­rung begann und was ich mit der RAF ver­bun­den hat­te: Dem Wider­spruch im Sozia­len über­all auf der Spur zu sein und lösen zu wol­len, Geschich­te, sozia­le Pro­zes­se in der Hand zu bekom­men und Befrei­ung als etwas zu sehen, was für sich selbst da und dem Men­schen vor­ge­setzt ist, ein dau­ern­des Suchen nach der Eman­zi­pa­ti­on von Zwän­gen und Unwis­sen­heit gegen das bestehen­de gesell­schaft­li­che und damit auch indi­vi­du­ell ver­an­ker­te Fal­sche, also per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on. Das war das Geheim­nis in der fal­schen Begriff­lich­keit: „Dem Vol­ke die­nen“, was pri­mär ja nur der Bekräf­ti­gungs­ver­such ist, dass es gewich­ti­ge­re Ori­en­tie­run­gen als die des eige­nen Lebens gibt, auch gewich­ti­ge­res als die eige­ne Grup­pe. Es gab in der RAF zu Anfang das Bewusst­sein, dass sie nur dann eine revo­lu­tio­nä­re Grup­pe ist, wenn sie dar­um kämpft, sich in der Mobi­li­sie­rung für den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß selbst zu negie­ren. Das aller­dings wur­de auch von den Grün­dern der RAF im Fest­le­gen des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes auf den Macht­kampf um die Befrei­ung der Gefan­ge­nen schon gebro­chen.

Ich bezweif­le, dass das Durch­hal­ten, das Hof­fen auf ein neu­es Auf­bruchs­kli­ma in der Gesell­schaft für die draus­sen grund­sätz­lich anders war. In der Nach­sicht ist das ein bewaff­ne­tes War­ten auf eine Rei­fe der Zeit, von der man nicht mehr glaubt, dass man sie selbst erzwin­gen kann. So waren dann auch die Aktio­nen und die inne­re Struk­tur. Jahre‑, jahr­zehn­te­lang war unse­re Grup­pen­hal­tung, alle wich­ti­gen inne­ren Fra­gen nach hin­ten zu ver­schie­ben. Im ers­ten Zet­tel von außen, den ich in Köln erhielt nach dem „Herbst 77“, stand: „Zusam­men­hal­ten, immer­hin wis­sen wir jetzt, wer noch zu uns steht und die unsi­che­ren Kan­to­nis­ten sind weg.“ Das war ein dum­mer Trost für unse­re poli­ti­sche, sozia­le und mora­li­sche Nie­der­la­ge. Ich hat­te damit nichts anfan­gen kön­nen. Was woll­te der bewaff­ne­te Kampf dann noch, wenn er sich nicht an dem Kri­te­ri­um misst, die Rei­fe der Ver­hält­nis­se zum Umsturz zu erzwin­gen, wenigs­tens zu beschleu­ni­gen?

Als ich 1995 aus dem Gefäng­nis kam, hat­te ich mei­ne Kata­stro­phen hin­ter mir. Die größ­te waren die Flug­zeug­ent­füh­rung nach Moga­di­schu, also die Zer­stö­rung der Gewiss­heit, dass wir eine Gren­ze haben, Aus­weis von Gegen­mo­ral und Selbst­ver­pflich­tung; damals ist mit der Ent­füh­rung zufäl­lig und wahl­los vor­ge­fun­de­ner Men­schen der Auf­bruch zum ers­ten Mal grund­sätz­lich, also im Namen der gesam­ten RAF, ver­ra­ten wor­den. Feh­ler und Ver­wer­fun­gen gab es vor­her schon, aber das waren für mich bis dahin die von Ein­zel­nen oder ein­zel­ner Grup­pen. Die Flug­zeug­ent­füh­rung im Herbst 1977 basier­te auf einer gemein­sa­men Akzep­tanz zwi­schen den Grün­dern und denen drau­ßen und arti­ku­lier­te eine Ände­rung in einer zen­tra­len poli­ti­schen Bestim­mung. [6]

Ein­schub Drei: Im Stamm­hei­mer Pro­zeß hat­ten die Gefan­ge­nen öffent­lich die Akti­on gegen das Sprin­ger-Hoch­haus 1972 kri­ti­siert, weil dort Arbei­ter ver­letzt wor­den waren. Das war gewiß nicht die ein­zi­ge Akti­on der RAF, die hät­te kri­ti­siert wer­den müs­sen. Aber es war eine Akti­on, die auf ursprüng­li­chen Lini­en der RAF agier­te und die Ver­bin­dung zu Inhal­ten der 68er-Bewe­gung such­te. Für die­se Anti-Sprin­ger-Akti­on war Ulri­ke Mein­hof ver­ant­wort­lich. Die­se Kri­tik hat m.M.n. eine weit­rei­chen­de Bedeu­tung, denn in ihr zeigt sich eine über die Manö­ver­kri­tik hin­aus­ge­hen­de Absa­ge an Mobi­li­sie­rungs­li­ni­en, wel­che auf alte klas­sen­kämp­fe­ri­sche Posi­tio­nen beruh­ten. In die­sem Fall die des mani­pu­lier­ten Bewusst­seins durch Sys­temm­edi­en, wäh­rend die RAF im Gefäng­nis dabei war, einen Ent­frem­dungs­be­griff zu ent­wi­ckeln, nach dem die Ent­frem­dung durch die Selbst­lo­gik der Ver­hält­nis­se umfas­send gege­ben war und deren Auf­he­bung den Bruch mit allem Alten beding­te. Dies bedeu­te­te dann aber auch den Bruch mit den alten Intel­lek­tu­el­len da die­se in Ver­bin­dung mit den alten Ver­hält­nis­sen blie­ben, wozu ich als Bei­spiel nur die völ­li­ge, auch ins per­sön­li­che gehen­de Denun­zia­ti­on von Peter Brück­ner durch die Stamm­hei­mer Gefan­ge­nen anfüh­ren will. Die poli­ti­sche Rol­le von Ulri­ke Mein­hof war aber in der RAF zu Anfang: Die Ver­bin­dung zu den alten anti­fa­schis­ti­schen Posi­tio­nen, Ver­bin­dungs­li­ni­en zu frü­he­ren anti­fa­schis­ti­schen und Klas­sen-Kämp­fen und die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den von links erfass­ten Intel­lek­tu­el­len her­zu­stel­len. Mit der Durch­set­zung der Kri­tik an die­ser Posi­ti­on im öffent­li­chen Pro­zeß ist eine frü­he­re poli­ti­sche Linie der RAF, aber auch die damit ver­bun­de­ne poli­ti­sche Rol­le von Ulri­ke Mein­hof ver­wor­fen wor­den. Die RAF war dabei, sich von ihren 1970 noch vor­han­de­nen Vor­stel­lun­gen voll­ends zu ver­ab­schie­den, nach der gemein­sa­me Ent­wick­lun­gen von lega­len und ille­ga­len poli­ti­schen Kräf­ten mög­lich sind. Aus der Sicht von 1974 bis 1977 gab es nichts, was aus der lin­ken Bewe­gung revo­lu­tio­när trans­for­mier­bar war. Das bedeu­te­te auch einen Bruch in der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit denen, die an die alten Ver­hält­nis­se gebun­den blie­ben. Der Avant­gar­de bleibt in der Kon­se­quenz nur, dass sie ihrer eige­nen Not­wen­dig­keit folgt, also ihren eige­nen Inhalt vor­an­treibt – oder sie zer­fällt. Die RAF wur­de völ­lig zur Orga­ni­sa­ti­on des­sen, was aus ihrer Sicht für die Ent­wick­lung der welt­wei­ten Revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fe not­wen­dig schien. Bruch mit den Ver­hält­nis­sen bedeu­te­te Macht­fra­ge mit dem Sys­tem und dar­in Ent­wick­lungs­li­ni­en zu ande­ren sozi­al-revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fen in der Welt, die anti­im­pe­ria­lis­tisch waren, zur deren poli­ti­scher Iden­ti­tät die Erkennt­nis gehör­te, dass es nur eine glo­ba­le Revo­lu­ti­on geben kann.[7] Das mach­te zum einen die beson­de­re Nähe zu den Paläs­ti­nen­sern aus, zum ande­ren ver­lor der Bezugs­punkt zu den Bewusst­seins­zu­stän­den im Innern sei­ne Bedeu­tung. Dass die­ses Ver­hält­nis, sich selbst zum Pro­jek­til der Revo­lu­ti­on zu machen, also vom Prin­zip her immer über sich hin­aus zu den­ken auch gebro­chen war, also Aktio­nen doch an dem unmit­tel­ba­ren eige­nen Inter­es­se ent­lang gebo­gen wur­den, spricht davon, dass die Sub­jek­te nicht völ­lig von sich abs­tra­hie­ren kön­nen. Das Ange­bot der Stamm­hei­mer Gefan­ge­nen gegen­über der Regie­rung im Okto­ber, dass die frei­ge­las­se­nen Gefan­ge­nen nicht mehr zum bewaff­ne­ten Kampf zurück­zu­keh­ren, stell­te den gesam­ten bewaff­ne­ten Kampf in Fra­ge. Es wäre für uns unmög­lich gewe­sen, dass die einen nicht mehr bewaff­net kämp­fen und die ande­ren ster­ben oder gehen im Gefäng­nis unter. Nur stieß die­ses Ange­bot auf eine Regie­rung, die sel­ber Krieg und Nie­der­la­ge ihres Geg­ners woll­te. Die Flucht nach vor­ne hat­te kein erreich­ba­res Ziel mehr. Des­we­gen endet sie für drei Stamm­hei­mer Gefan­ge­ne im Tod. Deutsch­land unter Füh­rung der Leut­nants­ge­nera­ti­on des Zwei­ten Welt­krie­ges fühl­te sich end­lich als Sie­ger.

Zum Tod der Stamm­hei­mer hat­te ich zuerst inner­lich die Beschwer­de, dass sie sich aus dem Stau­be gemacht haben und uns die Sup­pe aus­löf­feln las­sen. Nach­dem erst die Nach­richt: „Baa­der ist tot“, dann: „Ens­s­lin ist tot“ am 19.10.78 in einer Zeit­dif­fe­renz von 30 Sekun­den von einem sozia­len Gefan­ge­nen so laut über den Knast­hof gebrüllt wor­den war, dass ich die­se auch in der Kon­takt­sper­re hören konn­te, war mein unmit­tel­ba­rer Gedan­ke, dass die Regie­rung sie offi­zi­ell als „Gegeng­ei­sel“ hat umbrin­gen las­sen. Wäh­rend der Kon­takt­sper­re hat­te ich mit ähn­li­chem auch in Köln-Ossen­dorf gerech­net, wo ich damals iso­liert war. Der Hass der Wär­ter um uns her­um war greif­bar. Dann, nach Auf­he­bung der Kon­takt­sper­re und den ers­ten Infor­ma­tio­nen schien mir der Selbst­mord das Wahr­schein­li­che zu sein. Han­na, die ich Tage spä­ter sah und der ich mei­ne Mei­nung mit­teil­te, mein­te nur: „Du bist ver­hetzt“. Eine Zeit­lang war ich unsi­cher, spä­ter dach­te ich, es ist Sache der Schmidt-Regie­rung, zu bewei­sen, dass es kei­ne staat­li­che Mord-Akti­on war. Jah­re­lang habe ich ver­sucht, dass The­ma zu mei­den. Ich fand kei­ne loya­le Mög­lich­keit, mei­ne Zwei­fel zu arti­ku­lie­ren ohne Irm­gard Möl­ler auch noch aus der eige­nen Grup­pe her­aus in Fra­ge zu stel­len. Jah­re spä­ter haben wir in Cel­le vor­sich­tig hin und wie­der über die­se Fra­ge gespro­chen. Für mich stand sie als ers­te der zu dis­ku­tie­ren­den Fra­gen auf der Lis­te, falls wir unse­re Zusam­men­le­gung durch­set­zen wür­den. Aber dazu kam es nie.

Heu­te sehe ich auch ande­res im Tod der drei Stamm­hei­mer Gefan­ge­ne: Sie haben denen drau­ßen den poli­ti­schen, aber auch per­sön­li­chen Zwang der per­ma­nen­ten Eska­la­ti­on an der Gefan­ge­nen­fra­ge abge­nom­men. Nach ihrem Tod war die RAF drau­ßen und von der Ver­pflich­tung für das Leben der Grün­der­ge­nera­ti­on befreit, also auch frei, alles neu zu ent­schei­den. Auch von drin­nen ins kal­te Was­ser der Ver­ant­wor­tung für den sozia­len Inhalt der Revo­lu­ti­on gesto­ßen. Der Macht­kampf im Gefäng­nis war der­art ent­schie­den, dass der Staat über die Gefan­ge­nen in Stamm­heim nicht mehr ver­fü­gen, an ihnen also auch nichts mehr abstra­fen und an ihnen auch nicht mehr sie­gen konn­te. Sie haben sich mit ihrem Tod der unaus­weich­lich kom­men­den Rache ent­zo­gen, der des Staa­tes, aber auch der kon­kur­rie­ren­der poli­ti­scher Posi­tio­nen. Es gibt ein Urteil gegen sie, das nie rechts­kräf­tig gewor­den ist. Es gibt eine Nie­der­la­ge, die sie nicht mehr leben muss­ten und in der sie das letz­te Mal sich zum Sub­jekt erho­ben. Und es gibt eine Selbst­be­sin­nung: Vom Auf­bruch bleibt nach dem Schei­tern des poli­ti­schen Kampfs die exis­ten­zi­el­le Sei­te. Das konn­te man auch mit sich sel­ber aus­ma­chen.

Ein­schub vier: Som­mer 1977. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Stamm­heim und den Ille­ga­len wur­de von meh­re­re Per­so­nen orga­ni­siert, Vol­ker Spei­tel, mei­nem Bru­der Hans-Joa­chim Dell­wo und sei­ner dama­li­gen Freun­din Eli­sa­beth von Dyck. Sowohl Spei­tel als eben­so mein Bru­der waren mit dem Trans­port der Waf­fen in den 7. Stock befasst. Mein Bru­der wur­de vor der Schley­er-Ent­füh­rung und der Kon­takt­sper­re ver­haf­tet. Nach sei­nen Anga­ben hat er wegen der Bezie­hung zu sei­ner in die Ille­ga­li­tät gewech­sel­ten Freun­din, die er dort auch immer wie­der getrof­fen hat­te und der er nach­fol­gen woll­te, wäh­rend der Kon­takt­sper­re jede Aus­sa­ge ver­wei­gert und erst nach dem Tod der Stamm­hei­mer sei­ne Aus­sa­gen gemacht. Das ist plau­si­bel und kann wahr sein bezo­gen auf die Fra­ge, wer zuerst Aus­sa­gen gemacht hat­te und seit wann Diens­te Bescheid dar­über wuss­ten, dass Waf­fen im 7. Stock sind. Spei­tel war in die­ser Zeit in Däne­mark. Anfang Okto­ber 1977 ent­schied er sich gegen den beschwö­ren­den Rat sei­ner Beglei­ter, nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren. Er wuss­te, dass er nach unmit­tel­ba­ren Grenz­über­tritt ver­haf­tet wird. Das poli­ti­sche Kli­ma damals war so auf­ge­reizt, dass Spei­tel mit min­des­tens 15 Jah­ren Gefäng­nis rech­nen muss­te. Sei­ne Rück­kehr ist nur plau­si­bel, wenn er, die kom­men­de Nie­der­la­ge vor Augen, einen Deal machen woll­te. In die­sem Deal war das Wich­tigs­te, was er ein­zu­brin­gen hat­te, der Tat­be­stand der Waf­fen im 7. Stock. Spei­tel gehör­te vor mir zur ursprüng­li­chen Stock­holm-Grup­pe. Nach der Stock­holm-Akti­on hat er sich mona­te­lang im Aus­land ver­steckt, um zu sehen, ob er über­haupt zurück­keh­ren kann. Auch das bestä­tigt mich in der Annah­me, dass er 1977 offi­zi­ell nach Deutsch­land ein­rei­send nur zurück­keh­ren konn­te im Wis­sen, dass er ver­haf­tet wird. Die Bun­des­an­walt­schaft hat immer behaup­tet, dass Spei­tel erst nach dem 19. Okto­ber 1977, also dem Tod der Gefan­ge­nen, offi­zi­el­le Aus­sa­gen gemacht hat. For­mal mag das stim­men, sagt aber nichts über Gesprä­che mit ande­ren Gesprächs­part­nern vor­her aus. Sei­ne Gesprächs­ebe­ne wäre sowie­so vor­her die der Nach­rich­ten­dienst gewe­sen. Aus einem spä­te­ren Fall wis­sen wir, dass der Ver­fas­sungs­schutz eine koope­rie­ren­de Gefan­ge­ne für Tage nach Köln in eine VS-Woh­nung geholt hat, um ihre Aus­sa­gen auf­zu­neh­men und Kon­di­tio­nen aus­zu­han­deln. Auch die­se Aus­sa­gen tauch­ten nir­gend­wo offi­zi­ell auf.

Am Ende wird es so aus­ge­se­hen haben: Eini­ge Leu­te im Staats­ap­pa­rat wuss­ten spä­tes­tens seit den Aus­sa­gen Spei­tels von den depo­nier­ten Waf­fen und den Absich­ten der Gefan­ge­nen, die­se ein­zu­set­zen, ent­we­der für ihre Betei­li­gung an der aktu­ell lau­fen­den Macht­fra­ge mit dem Staat oder für den eige­nen Tod. Das mag erklä­ren, war­um die Regie­rung ablehn­te, höher­ran­gi­gen Poli­ti­ker zu den Gefan­ge­nen gehen zu las­sen, obwohl die­se um Gesprächs­ebe­ne gebe­ten hat­ten und klar war, dass ein mit den Gefan­ge­nen gefun­de­ner Kon­sens von den Ille­ga­len auch akzep­tiert wird. Die Gesprä­che unter den Gefan­ge­nen wur­den mit Sicher­heit von einem der Diens­te mit­ge­hört. Abhör­ak­tio­nen waren schon vor­her bekannt gewor­den. Die Gefan­ge­nen ent­schie­den sich nach dem Bekannt­wer­den des Sturms auf die Luft­han­sa-Maschi­ne in Moga­di­schu für ihren Tod. Der Selbst­mord der Gefan­ge­nen geschah unter Auf­sicht und Zustim­mung zumin­dest eines Teils des Staats­ap­pa­ra­tes. Das War­ten nach den Spei­tel-Infor­ma­tio­nen durch die­sen Teil des Staats­ap­pa­ra­tes auf ent­we­der eine bewaff­ne­te Akti­on im Gefäng­nis, um die­se gewalt­sam nie­der­zu­schla­gen oder auf den Selbst­mord, arti­ku­liert den Wunsch, dass die Gefan­ge­nen tot sein sol­len. Ob Mord oder Selbst­mord wird zur Dis­kus­si­on, die am Umstand vor­bei­ge­hen will, dass der Tod der Gefan­ge­nen von vie­len gewollt war.

Die Fra­ge Mord oder Selbst­mord ist nach dem Tod der Gefan­ge­nen von unse­rer Sei­te zur Opfer­fra­ge gemacht wor­den, wahr­schein­lich aus unter­schied­li­chen Grün­den, gewiß auch aus Über­for­de­run­gen gegen­über der gesam­ten poli­ti­schen Situa­ti­on. Sicher aber auch des­halb, um die Dis­kus­si­on über das eige­ne Fal­sche nicht auf­kom­men zu las­sen. Nie­mand aus unse­rem Zusam­men­hang hat dabei so sehr wie sie auf ein Leben mit eige­nen Ent­schei­dun­gen bestan­den. Eine Tabui­sie­rung der Fra­ge der Selbst­tö­tung wird die­sen Gefan­ge­nen über­haupt nicht gerecht, die damals an dem Punkt waren, dass Frei­heit damit ver­bun­den ist alles tun zu kön­nen, wozu einem die eige­ne Erkennt­nis rät. Fol­ge die­ser Opfer­fra­ge ist, dass die­se Gefan­ge­nen im nach­hin­ein ent­ra­di­ka­li­siert wer­den. Von ihnen aber ging am ein­deu­tigs­ten die Hal­tung aus, dass es kei­ne Situa­ti­on gibt, in der man die Waf­fen der Gegen­sei­te nicht umdre­hen und in der man nicht Sub­jekt sein oder wer­den könn­te. Sie woll­ten 1977 mit dem bewaff­ne­ten Kampf eine poli­ti­sche Eska­la­ti­on, die dazu führt, dass der Staat außer Tritt gerät und sich damit nicht nur für die RAF son­dern für den Auf­bruch der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on eine ande­re Mög­lich­keit ergibt als jene des ansons­ten unver­meid­ba­re voll­stän­di­ge Scheitern.[8] Die­se Eska­la­ti­on soll­te nach ihren Vor­stel­lun­gen 1977 wei­ter gehen und teil­wei­se anders ver­lau­fen als das, was real pas­sier­te bis zur Schley­er-Ent­füh­rung. Staat­li­cher­seits wird das Abstrei­ten des Wis­sens über die Bewaff­nung der Gefan­ge­nen und das Behaup­ten eines uner­war­te­ten Selbst­mor­des zum Aus­weis für eine nach­träg­li­che Ver­harm­lo­sung der eige­nen Bereit­schaft, gegen einen nicht-inte­gra­ti­ons­wil­li­gen Teil der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on einen Macht­kampf zu füh­ren, in dem von der Erschie­ßung Ben­no Ohnes­orgs bis zum Tod von Hol­ger Meins mehr oder weni­ger alles legal war.Diese Eska­la­ti­on soll­te nach ihren Vor­stel­lun­gen 1977 wei­ter gehen und teil­wei­se anders ver­lau­fen als das, was real pas­sier­te bis zur Schley­er-Ent­füh­rung. Staat­li­cher­seits wird das Abstrei­ten des Wis­sens über die Bewaff­nung der Gefan­ge­nen und das Behaup­ten eines uner­war­te­ten Selbst­mor­des zum Aus­weis für eine nach­träg­li­che Ver­harm­lo­sung der eige­nen Bereit­schaft, gegen einen nicht-inte­gra­ti­ons­wil­li­gen Teil der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on einen Macht­kampf zu füh­ren, in dem von der Erschie­ßung Ben­no Ohnes­orgs bis zum Tod von Hol­ger Meins mehr oder weni­ger alles legal war.

Gud­run Ens­s­lin (aus mei­nem Gedächt­nis zitiert): „Ich kann Dir nicht sagen, was Du tun sollst. Ich kann Dir nur sagen, wie ich einen Wider­spruch löse“ – vor die­sem Hin­ter­grund ist der als Mord getarn­te Selbst­mord denen gegen­über, die nicht ein­ge­weiht waren, auch das Able­gen der Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on, die sie, also die Stamm­hei­mer, vor­her auch aus­fül­len woll­ten. Sie woll­ten am 18. Okto­ber 1977 nicht mehr zei­gen, wie sie den Wider­spruch, dass der bewaff­ne­te Kampf ans Ende gekom­men ist und es kein Zurück mehr geben kann, für sich lösen. Die Ver­ant­wor­tung, dass ande­re ihnen im Selbst­mord fol­gen, ist in der Mord­dar­stel­lung abgelehnt.[9] Sie wird damit aber zur Auf­for­de­rung zum Wei­ter­kämp­fen gegen die eige­ne Ein­sicht und ent­hält die Absa­ge dar­an, dass es immer eine befrei­en­de Lösung gibt. Eine Absa­ge auch an uns, mit wel­chen emo­tio­na­len Vor­zei­chen auch immer. Ingrid Schu­bert hat sie eben­so­we­nig hin­neh­men kön­nen wie die Auf­for­de­rung zum Wei­ter­kämp­fen gegen die eige­ne Ein­sicht.

Spal­tung

Die letz­te Kata­stro­phe war die „Spal­tung,“ ein Irr­witz in einer Grup­pe, in wel­cher der rasen­de Sub­jek­ti­vis­mus der­je­ni­gen, die mit ihrer Mit­ver­ant­wor­tung für den „Herbst 1977“ offen­kun­dig nur ver­drän­gend umge­hen konn­ten, voll­ends das Kom­man­do führ­te. 1993 hat­ten wir in Cel­le in Abspra­che mit den Ille­ga­len RAF-Mit­glie­dern einen Ver­such unter­nom­men, über eine Inter­ven­ti­on poli­ti­schen Druck zu mobi­li­sie­ren und doch noch die Zusam­men­le­gung der Gefan­ge­nen zu errei­chen. Die Zusam­men­le­gung war damals der Schlüs­sel für eine poli­ti­sche Lösung, die alle Gefan­ge­nen woll­ten. Wir hat­ten 1989 einen Hun­ger­streik ohne Eska­la­ti­on geführt und denen drau­ßen ver­mit­telt, dass wir auch von ihnen kei­ne Eska­la­ti­on wün­schen. Wir hat­ten soviel bei uns offen gemacht mit die­sem Hun­ger­streik, dass es eine poli­ti­sche Lösung hät­te geben kön­nen. Die Bun­des­re­gie­rung unter Hel­mut Kohl woll­te kei­ne. Das muss­ten wir Ende 1989 des­il­lu­sio­niert fest­stel­len. Damit blieb uns schein­bar nur das alte Bewe­gungs­mus­ter: wie­der irgend­wann einen Hun­ger­streik zu machen oder auf Anschlä­ge von drau­ßen zu waren, die poli­tisch etwas auf­bre­chen. Für Gefan­ge­ne, mich ein­ge­schlos­sen, hat­te Hel­mut Pohl im Herbst 1989 öffent­lich erklärt, dass es offen­sicht­lich kei­nen ande­ren Weg gibt, als den Preis für die ande­re Sei­te so hoch zu trei­ben, dass ihnen eine poli­ti­sche Lösung als klei­ne­rer Ver­lust erscheint. Die drau­ßen haben es so ver­stan­den, dass es kei­nen Sinn mehr macht, wei­ter auf poli­ti­sche Reak­tio­nen zu war­ten. Das stump­fe Aus­sit­zen von Hel­mut Kohl und die damit ver­bun­de­ne Sack­gas­sen Situa­ti­on für uns führ­ten zu den Anschlä­gen auf Herr­hau­sen und Roh­wed­der. Ich habe 1993 unter uns in Cel­le dann den Ver­such vor­ge­schla­gen, dass eine von uns unab­hän­gi­ge Kraft im eige­nen Namen und ohne jeden Bezug auf uns sich an Edzard Reu­ter wen­det, damals Chef von Daim­ler-Benz, damit die Wirt­schaft bei Kohl inter­ve­niert, doch als Aus­weg eine poli­ti­sche Lösung zuzu­las­sen. Gleich­zei­tig soll­te der Vor­sit­zen­de der jüdi­schen Gemein­de in Deutsch­land, Ignaz Bubis, ange­spro­chen wer­den, damit er eine Rund­rei­se durch alle Gefäng­nis­se macht, sich von den Posi­tio­nen der Gefan­ge­nen über­zeugt und öffent­lich für eine poli­ti­sche Lösung Stel­lung nimmt. So wäre jeder Gefan­ge­ne als Sub­jekt der Grup­pe ange­spro­chen wor­den und in einem gemein­sa­men Ent­schei­dungs­pro­zeß inte­griert gewe­sen. Dafür hat­te ich Chris­ti­an Strö­be­le gewon­nen. Mit der RAF-Poli­tik hat­te er nichts zu tun, wuss­te aber eben­so, dass Nichts­tun nur zu Wie­der­ho­lun­gen führt. Ich ver­mag auch heu­te nichts Ver­werf­li­ches dar­in sehen, denn im schlimms­ten Fall konn­te die­se Ange­le­gen­heit nur der erfolg­lo­se Ver­such eines Exter­nen sein. Rich­tig ist, dass die­se Initia­ti­ve mit den ande­ren Gefan­ge­nen außer­halb von Cel­le nicht abge­spro­chen war. Wir hat­ten die ille­ga­len unter­rich­tet, die völ­lig des­il­lu­sio­niert sich aus der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren Gefan­ge­nen zurück­ge­zo­gen hat­ten, da ihnen von dort in manch­mal eit­len, teils 20-sei­ti­gen Papie­ren nur noch ihre angeb­li­chen Feh­ler an den Kopf gewor­fen wor­den waren. Als woll­te man sich von ihnen abset­zen und als sei man nicht sel­ber an dem stumpf­sin­ni­gen Mili­ta­ris­mus in den 80er Jah­ren mit­be­tei­ligt gewe­sen. Das Nicht­ab­spre­chen unse­rer Initia­ti­ve in Cel­le kam aus der erfah­re­nen Tris­tesse unter uns, dass eine offe­ne Dis­kus­si­on nicht mehr mög­lich war und wir nicht zuse­hends in die nächs­ten Wie­der­ho­lun­gen ren­nen woll­ten. Über die Empö­rung des Nicht­ab­spre­chens war ich etwas über­rascht, weil ande­re oft ohne Abspra­che mit uns Fak­ten gesetzt hatten.[10] Der Gesprächs­fa­den war vor­her schon an ande­ren Fra­gen mehr als gestört. Nach­dem Strö­be­le sei­ne Gesprä­che ange­fan­gen hat­te, war er auf Wunsch von mir zu Bri­git­te (Mohn­haupt, Anmer­kung Sun­zi Bing­fa) gefah­ren, um sie von sei­nen Gesprä­chen zu unter­rich­ten. Dort ist die Infor­ma­ti­on zur Far­ce einer inter­nen „Macht­fra­ge“ gewor­den und dar­aus wur­de der „Bruch“ mit uns öffent­lich erklärt.

Wir in Cel­le waren kei­ne eige­ne poli­ti­sche Grup­pe, nur weil wir dort zusam­men im Gefäng­nis waren. Kei­ner woll­te inter­ne Frak­ti­on sein, und wir waren auch alles ande­re als eine poli­ti­sche Ein­heit. Aber als sol­che soll­ten wir nun nie­der­ge­schla­gen wer­den. Noch heu­te emp­fin­de ich das als ein­zi­ge Nie­der­tracht. Wir haben alles zusam­men­krat­zen müs­sen, um das zu über­le­ben. Ohne die Unter­stüt­zung von ein paar Freun­dIn­nen, die uns besucht und geschrie­ben haben, wäre das viel­leicht auch anders aus­ge­gan­gen. Ich glau­be, es hat sich jeder von uns über­legt, ob er das noch durch­ste­hen will. Aus der Grup­pe der RAF-Gefan­ge­nen hat kei­ner zu uns gehal­ten. Selbst die Gefähr­tin von damals hat die öffent­li­che Denun­zia­ti­on mit dem Ver­such, uns in die Ecke des Ver­rats zu drän­gen, unter­schrie­ben. Ich war, wie sicher jede/​r andere/​r auch, wäh­rend der Haft immer wie­der auch in einem tie­fen Loch, dar­in auch depres­siv und ohne Hoff­nung für mich. Ich hat­te für mich immer als Hin­ter­tür, dass ich mir dann, wenn gar nichts mehr geht, das Leben neh­me, das gab mir eine Sicher­heit (auch des­we­gen fand ich die Tabui­sie­rung, dass die Stamm­hei­mer ähn­li­ches gedacht haben, ver­rückt und jen­seits von jeder eige­nen Rea­li­tät). Nie habe ich in die­ser Zeit auch nur ein­mal ernst­haft dar­an gedacht, mich indi­vi­du­ell zu ret­ten. Den bei­den ande­ren in Cel­le ging es ähn­lich. Nun wie­der­hol­ten Ande­re gegen uns als Far­ce den krank­ma­chen­den Zustand der Säu­be­rungs­pro­zes­se der 30er Jah­re in der Sowjet­uni­on. Im Freund-Feind-Ver­hält­nis lie­gen die Emo­tio­nen klar getrennt neben­ein­an­der. In der Unter­ord­nung unter die „Grup­pe“ bzw. das „Kol­lek­tiv“, was immer es noch aus­mach­te, den „Dienst an der Sache“, was immer die­se Sache auch beinhal­tet (und kei­ner von ihnen hat­te sie for­mu­lie­ren kön­nen), zählt das Indi­vi­du­um nichts. Die, die 1977 nicht reflek­tie­ren woll­ten, haben noch ein­mal, dies­mal nur noch als Nega­ti­on, ein Grup­pen­er­leb­nis insze­niert. Der geschei­ter­te poli­ti­sche Macht­kampf war voll­ends nach innen gedreht in einem reak­tio­nä­ren Regel­kreis, mit Wie­der­ho­lungs­cha­rak­ter aus Stamm­heim: Selbst­zer­stö­rung mit nach außen abge­scho­be­ner Schuld.

In den Jah­ren spä­ter war ich nicht sicher, ob ich ent­las­sen wer­de. Der Gerichts­gut­ach­ter, zu dem ich for­mal höf­lich aber bestimmt den Kon­takt abge­lehnt hat­te, hat­te sich aus­drück­lich in sei­nem Gut­ach­ten gegen mei­ne Ent­las­sung aus­ge­spro­chen. Als mich dann Wochen danach mor­gens gegen 9:15 Uhr mei­ne Anwäl­tin anrief und mit­teil­te, dass der Ent­las­sungs­be­schluss gera­de ein­ti­cker­te, war ich genau­so gut auf das Gegen­teil ein­ge­stellt. Egal, wel­che Ent­schei­dung kam, man hat­te sie sich eh erst ein­mal fern­hal­ten müs­sen. Fern­hal­ten ist eine Ver­ar­bei­tungs­tech­nik.

Ich hat­te am glei­chen Vor­mit­tag noch einen Besuch. Ich hat­te mich ent­schie­den, erst den Besuch zu machen. Am Ende sag­te ich mei­ner Besu­che­rin, dass, wenn sie Zeit habe, mich nach­her noch abho­len kön­ne. Damals hat­te ich das Gefühl, gewon­nen zu haben. Das bezog sich auf das Gefäng­nis, die jah­re­lan­ge Iso­la­ti­on und das Über­le­ben nach der Spal­tung. Ich fand mich, trotz dem Bemü­hen von Freun­den, meis­tens aber sehr allei­ne. Der Knast hat­te uns seit Jah­ren nichts mehr anha­ben kön­nen. Die ent­schei­den­den Kämp­fe waren die Jah­re vor­her geführt wor­den. Irgend­wann wuss­ten die, die uns klein machen woll­ten: Es macht ihnen nur Mühe, aber erzwin­gen wer­den sie auch nichts mehr. Je mehr die Zeit ver­strich, umso siche­rer waren wir, war ich, dass wir das Schlimms­te hin­ter uns hat­ten. Im Über­le­bens­kampf im Gefäng­nis hat­ten wir uns in der Kon­fron­ta­ti­on durch­ge­setzt. Auf der ande­ren Sei­te war die Nie­der­la­ge offen­kun­dig. Wir hat­ten mit unse­rem Kampf kei­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Bewe­gung in der Gesell­schaft in Gang gesetzt. Das konn­te man, wie ich fand, noch am ehes­ten ver­kraf­ten. Ich ohne­hin. Han­na (Krab­be, Anmer­kung Sun­zi Bing­fa) hat­te mir 1977 gesagt, dass (mir) „die Gewiss­heit des Sie­ges fehlt“. Das war wohl wahr. Ich wuss­te schon frü­her, dass schon eini­ge grö­ße­re und bedeut­sa­me­re Grup­pen vor uns in der Geschich­te ver­lo­ren hat­ten und die Nie­der­la­ge das Wahr­schein­li­che­re ist. Unend­lich und wirk­lich schmerz­haft schien mir die Nie­der­la­ge dar­in, dass die RAF sich selbst zer­stört hat. Denn die in der Spal­tung offen gewor­de­ne Selbst­zer­stö­rung der RAF war gleich­be­deu­tend in unse­rem Zusam­men­hang mit der Selbst­zer­stö­rung des ande­ren, des gegen­ge­sell­schaft­li­chen Ortes, von dem wir dach­ten, etwas erkämpft zu haben und dar­über legi­ti­miert zu sein. Das war das, was mich am Kampf und an der RAF inter­es­siert hat­te: Eine ande­re Lebens­grund­la­ge für mich und für die Mensch­heit. Danach gab es kein „außen“ mehr, denn der Ein­zel­ne oder das Grup­pen­frag­ment bil­det kein „außen“ zur Gesell­schaft mehr. Er ist im Leben und in der Gesell­schaft allei­ne immer nur ent­wur­zelt. Ich war auf­ge­wach­sen in einer ent­wur­zel­ten Fami­lie. Am Ende stand ich wie­der ent­wur­zelt da.

Reden unter­ein­an­der über all das fin­det bis heu­te nicht. Nur Schwei­gen. Hin und wie­der trifft man auf das Gemun­kel aus zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen, dass „das wohl so nicht rich­tig war“. Ich hat­te von der „Bal­int-Grup­pe“, wie wir sie fort­an nach dem Ort des ers­ten Tref­fens nann­ten, erhofft, dass hier eine Spra­che zwi­schen uns gefun­den wird, mit der wir zu Sub­jek­ten wer­den, die sich gegen­über tre­ten kön­nen. Nie­mand war mir so nahe wie ande­re aus unse­rer Grup­pe. Ich hat­te Mühe zu ver­ste­hen und zu akzep­tie­ren, dass die ande­ren das ein­fach so ste­hen las­sen kön­nen. Es gibt nur weni­ge Men­schen, die ver­gleich­ba­re Erfah­run­gen haben wie wir und des­halb gibt es für uns in vie­len Berei­chen unter­ein­an­der kei­nen Ersatz. Aber mei­ne Hoff­nung war ver­ge­bens. Abstrus, dass die Bezie­hun­gen in der völ­li­gen Ent­frem­dung enden. Ent­we­der Kol­lek­tiv ohne Selbst­schutz oder Fremd­heit zum ande­ren.

Bal­int

Sechs Jah­re Tref­fen, oft mit lan­gen Abstän­den, sind auch sechs Jah­re Nicht-Tref­fen mit denen, die sich dem ent­zo­gen haben. Ich hat­te oft das Gefühl, wir sind nicht kom­plett, wir reden in einem Saal, aus des­sen ande­rer Hälf­te unbe­setz­te Stüh­le uns angäh­nen. Die, die blie­ben, haben über sich und zu ande­ren gere­det, manch­mal so hart und scho­nungs­los und vol­ler Wut und Ent­täu­schung über ande­re, dass uns bald die Erkennt­nis kam, dass wir nicht allei­ne mit uns sein kön­nen, dass wir Exter­ne brau­chen, die ver­mit­teln, gera­de rücken, die Sicht auf eine ande­re Ebe­ne heben; aber: wir haben gere­det – und doch, es ist wie beim Ein­ar­mi­gen oder Ein­bei­ni­gen: die ver­lo­re­ne Extre­mi­tät taucht im Phan­tom­schmerz immer wie­der auf. Es bleibt eine Gren­ze und es bleibt eine Krän­kung. Die ver­wei­ger­te Dis­kus­si­on in unse­rem gan­zen Zusam­men­hang erscheint als Rache, aber auch als Selbst­hass. Der ver­lo­re­ne Kampf muß durch die Selbst­be­stra­fung kom­plet­tiert wer­den, dass es heu­te nichts geben kann was wie frü­her wäre. Die RAF war da Avant­gar­de und als sol­che schritt­set­zend. Nach der Nie­der­la­ge soll kei­ner den Ver­such machen, als kön­ne man mit weni­ger leben. Das ist die begriffs­lo­se, in der Ver­gan­gen­heit ange­sie­del­te Moral. Das begrün­det das Schwei­gen. Die RAF muß im heu­ti­gen Leben abwe­send sein. Es gibt sie nur noch als Ver­gan­gen­heit und die­se Ver­gan­gen­heit wird reprä­sen­tiert. Sie ver­fügt aber über kei­ne heu­ti­ge Spra­che mehr. Da, wo frü­her Suchen und Selbst­er­for­schung bis zum Exzess war, nach außen gekehrt und sicht­bar gemacht, ist heu­te die Gegen­re­ak­ti­on die Lösung: Ein ver­steck­tes Leben mit zusam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen oder vom kon­kre­ten Leben abge­lös­te Atti­tü­de, wel­che nichts an sich ran­las­sen will und sich von der Hoff­nung speist, dass irgend­wann eine Lösung erscheint, eine Rei­fe der Zeit auf­tritt, die alles auf­löst und dem Auf­bruch und dem Kampf im Gene­rel­len Recht gibt, der sub­jek­ti­ven Absicht zu einer Begriff­lich­keit ver­hilft, die die heu­ti­ge Ent­frem­dung behebt und gegen alle unse­re Feh­ler dar­auf hin­weist, dass wir von der Zukunft etwas in der Hand hat­ten und der Kampf des­we­gen gerecht­fer­tigt ist. Inso­weit ist das Schwei­gen über die Ver­gan­gen­heit Aus­druck der Ver­wei­ge­rung, die Nie­der­la­ge zur Kennt­nis neh­men zu müs­sen

Auf­ge­bro­chen gegen eine Genera­ti­on, die über ihre Ver­gan­gen­heit nur schwei­gen konn­te, weil die Last so groß war, dass Ver­drän­gung und kon­stru­ier­te Begriffs­lo­sig­keit Lösung simu­lie­ren konn­te, sind wir sel­ber heu­te Teil eines Zusam­men­hangs, der als sol­cher sprach­los ist. 100 Jah­re Kampf um Zusam­men­le­gung im Gefäng­nis, weil das angeb­lich erst die Vor­aus­set­zung für kol­lek­ti­ve Ver­ant­wor­tung und Dis­kus­si­on schafft, herrscht unter den 99 Pro­zent ent­las­se­ner RAF-Mit­glie­der eisi­ges Schwei­gen nach außen. Auch fast 30 Jah­re nach der Stock­holm-Akti­on haben die Über­le­ben­den nicht ein ein­zi­ges Mal zusam­men unter sich und über sich dar­über gespro­chen. Als wür­de mit dem Anspre­chen sich die eige­ne Welt auf­lö­sen. Als wären wir end­los in die­sem Käfig einer Zwi­schen­zeit gefan­gen, in der wir etwas ande­res gese­hen, aber nichts ande­res gesetzt haben.

Die Grup­pe danach war also eine ande­re Grup­pe. Wir haben in erheb­li­chen Dra­men viel unter­ein­an­der geklärt. Nicht alles und manch­mal auch nur, dass man den anderen/​die ande­re zie­hen lässt. Man­che waren nur ein oder zwei Jah­re dabei. Ande­re sind neu dazu gekom­men und geblie­ben. Alle, die nach dem Aus­schei­den der Ande­ren schon von Anfang an dabei waren, sind es auch bis zum Ende geblie­ben. Aus mei­ner Sicht war ich eigent­lich immer dabei. Wäh­rend eines Ter­mins war ich in Ita­li­en, für ein paar Mona­te, end­lich weg aus die­sem Land und wie­der in einer Situa­ti­on, wo ich weit von drau­ßen schau­en konn­te und wie­der mei­nen eige­nen Zeit­rhyth­mus fand. Die Grup­pe hat mich aber in Form eines Anru­fes von Vol­ker Fried­rich erreicht mit sei­ner Anfor­de­rung, dass ich dann anders zuge­gen sein müs­se. Ich hat­te mich dar­auf hin ans Meer gesetzt und mei­nen Blick auf uns als Grup­pe und auf Ein­zel­ne von uns nie­der­ge­schrie­ben, auch zur Frei­heit mei­ner Abwe­sen­heit. Es scheint auch ange­nom­men wor­den zu sein, wie mir danach gesagt wur­de. Ansons­ten war ich drei Mal nur am ers­ten Tag da, da am ande­ren Tag jeweils ein Ter­min lag, den ich nicht auf­ge­ben woll­te. Ich muß viel­leicht aber auch in jeder Grup­pe deut­lich machen, dass ich immer wie­der auch drau­ßen ste­hen will oder muß. Das kann die ande­re Sei­te des­sen sein, dass ich auch viel ein­zu­brin­gen bereit bin.

Ich glau­be nicht, dass die Ein­zel­nen sich geän­dert haben, außer dass jeder mehr zu sich gefun­den hat. Ich glau­be auch, dass das Ver­hält­nis zwi­schen denen, die in einer bewaff­ne­ten Grup­pe waren und denen, die es nicht waren, gespal­ten bleibt. Zumin­dest drängt sich aus mei­ner Erfah­rung die­ser Schluß auf. Aber mir scheint, dass jeder die Sicht auf den ande­ren geän­dert hat und nach dem Aus­spre­chen des­sen, was in ihm/​ihr rumor­te, gelas­se­ner mit sich und den ande­rer wer­den konn­te. Wir haben so gut wie gar nicht über uns als Opfer des Staa­tes, des Sys­tems und was auch sonst immer gespro­chen. Das tauch­te manch­mal auf, hat aber nicht die Sit­zun­gen bestimmt. Es ging dabei dann meis­tens um das Ver­hält­nis, das wir in die­ser Situa­ti­on unter uns hat­ten. Wir haben also viel über die Ver­hält­nis­se unter­ein­an­der, die Erwar­tun­gen und Ent­täu­schun­gen gespro­chen. Ohne die uns beglei­ten­den The­ra­peu­ten, die manch­mal auch ganz schön ins schwim­men kamen, hät­te es die­se Grup­pe, die­se Aus­ein­an­der­set­zung, ihr Fort­be­stehen durch Öff­nen ande­rer Sicht­wei­sen und Set­zen ande­rer Prio­ri­tä­ten nicht gege­ben. Aller­dings: von ca. acht bis zehn The­ra­peu­ten sind zwei übrig geblie­ben. Die ande­ren blie­ben auf der Stre­cke. Bei eini­gen war ich über ihr Fern­blei­ben erleich­tert. Bei einer, weil sie in einer völ­li­gen Über­iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Gefan­ge­nen sich so distanz­los auf unse­re als ein­heit­lich gewünsch­ten Sei­te schlug, dass Wider­spie­ge­lung über­haupt nicht mög­lich war. Bei ande­ren wegen dau­er­haf­ten Schwei­gen oder rus­ti­ka­ler bis ein­fach nur plat­ter Vor­ge­hens­wei­sen. Einen ande­ren habe ich noch lan­ge Zeit ver­misst, da er aus sei­ner eige­nen Bio­gra­fie Erfah­run­gen mit dem Schei­tern eines neu­en kol­lek­ti­ven Lebens­ver­su­ches mit in die Grup­pe brach­te. Die bei­den Geblie­be­nen zusam­men waren für die­se Grup­pe uner­läss­lich, auch dar­in, was ihre Geschlech­ter­rol­le betraf. Ich erin­ne­re einen Ter­min, wo einer der The­ra­peu­ten allei­ne mit uns war und die Grup­pen­dy­na­mik fast ent­glitt, inso­fern, als eine Frau, die aus dem Unter­stüt­zungs­be­reich des bewaff­ne­ten Kamp­fes kam, aus der für jeden bis dahin auf­ge­bau­ten Sicher­heit in der Grup­pe her­aus­ge­fal­len ist. Danach hat­te ich die ande­re The­ra­peu­tin ange­ru­fen um dar­auf zu drän­gen, dass bei­de immer anwe­send sind. Ich hat­te die Befürch­tung, dass Ein­zel­ne weg­blei­ben wer­den und dass der Zweck der exter­nen Beglei­tung, ande­re Bli­cke unter­ein­an­der und auf die Geschich­te auf­zu­ma­chen, auch: erträg­lich zu machen, nur mit bei­den The­ra­peu­ten garan­tiert ist.

Es sind ca. sie­ben Jah­re Tref­fen – ich möch­te sie nicht mis­sen. Bei einem der letz­ten Tref­fen hat­te ich des­il­lu­sio­niert das Résu­mé gezo­gen, dass sich in man­chem nur ober­fläch­lich etwas ändert und eine grund­sätz­li­che Sicher­heit in den Ver­hält­nis­sen unter­ein­an­der frag­lich bleibt. Es betraf ein Grup­pen­mit­glied aus dem Umfeld, das sich nach der Spal­tung der RAF wie man­che ande­re, die dach­ten sich posi­tio­nie­ren zu müs­sen, mit zur Schau getra­ge­ner Ableh­nung und Abfäl­lig­keit gegen „uns“, also die als Ein­heits­per­son pro­ji­zier­ten „Cel­ler Gefan­ge­nen“ gestellt hat­te, womit am Ende vor allem immer ich mit gemeint war. Unser Ver­hält­nis in der Grup­pe war zuerst so, dass man froh war, nicht irgend­wo allei­ne zusam­men ste­hen zu müs­sen, da dann die gegen­sei­ti­ge Absto­ßung offen­kun­dig wur­de und allen­falls bemüh­ter Small­talk mög­lich war. In der Grup­pe hat­ten wir dann nach Jah­ren vor­sich­tig so etwas wie Ver­traut­heit und gegen­sei­ti­ge Sym­pa­thie ent­wi­ckeln kön­nen. Ich jeden­falls hat­te ange­fan­gen, mich auf sie ein­zu­las­sen. Dann traf sie einen gera­de ent­las­se­nen Gefan­ge­nen aus der ande­ren Frak­ti­on und war danach von einem vehe­men­ten Abgren­zungs­be­dürf­nis bestimmt, als hät­te sie sich in unse­rer Grup­pe auf einen unkla­ren Weg füh­ren las­sen, von dem sie sich nun ret­ten müs­se. Für mich war das eine tief­ge­hen­de des­il­lu­sio­nie­ren­de Sit­zung, da ich doch noch die Hoff­nung nach Rekon­struk­ti­on einer ver­lo­re­nen Inten­si­tät in mir her­um schlep­pe, die eines zur Gewiss­heit hat: Nicht ver­ra­ten zu wer­den. Deren Zer­stö­rung bleibt depri­mie­rend. Denn der Wunsch nach Kol­lek­ti­vi­tät und besitz­lo­ser und soli­da­ri­scher Ver­traut­heit war tief in uns ver­an­kert. Was sich heu­te ändert, ist der Umgang die­sem Ver­lust. Vor allem hat­te die Grup­pe ihren Anteil dar­an, dass ich mei­nen alten Zusam­men­hang, auch was die emo­tio­na­len Bezie­hun­gen betrifft, in die Geschich­te gehen las­sen kann und mei­ne Rol­le anneh­me, immer wie­der auch allei­ne zu ste­hen. Das ist viel. Zwei­fel­los war und ist für mein heu­ti­ges Gleich­ge­wicht auch von gro­ßer Bedeu­tung, dass ich mich meis­tens den Dis­kus­sio­nen über unse­re Geschich­te, auch den Kon­fron­ta­tio­nen stel­le, die an mich her­an­ge­tra­gen wer­den. Aus­ein­an­der­set­zun­gen füh­ren wei­ter.

Haft­be­din­gun­gen

Beim Lesen die­ses Tex­tes fra­ge ich mich, ob es rich­tig war, dass wir kaum über die Haft­be­din­gun­gen gespro­chen haben. Von mei­nem Inter­es­se her war es ein­deu­tig rich­tig. Ich hat­te von der „ande­ren Sei­te“, dem Staat, den wir auch mono­li­thisch gesetzt hat­ten, alles erwar­tet. Ich wuss­te nicht, ob ich es über­ste­he, aber es hat mich nicht über­rascht oder mora­lisch empört. Wir waren in einer kla­ren Feind­schaft. Ich glau­be, für das Über­le­ben in Extrem­si­tua­ti­on ist wich­tig, nicht von dem über­wäl­tigt zu sein, was kom­men kann. Ich woll­te in der von Exter­nen beglei­te­ten Ex-Gefan­gen­grup­pe unse­re inter­nen Kon­flik­te bespre­chen und kol­lek­tiv das fin­den, was trotz Nie­der­la­ge und Feh­ler wenigs­tens unse­ren Grün­den und Absich­ten gerecht wird. Kei­ner von uns hat die­sen Kampf aus reak­tio­nä­ren oder indi­vi­du­ell-berei­che­rungs­süch­ti­gen Grün­den geführt. Ande­rer­seits ärgert es mich heu­te immer mehr, wenn ich sehe, wie hem­mungs­los im öffent­li­chen Bild über die stil­le und offe­ne Gewalt, über Schi­ka­ne, Sadis­mus und kon­zep­tio­nel­le Zer­stö­rungs­stra­te­gie, auch über eine an poli­ti­schen Zwe­cken aus­ge­rich­te­te Jus­tiz gegen uns her­um gelo­gen wird. Im Nach­hin­ein wird alles von der eige­nen Feind­schaft, dem Hass und dem Ver­nich­tungs­wil­len, viel­leicht auch von der Angst und Hys­te­rie ent­klei­det und beson­ders die Haft zum „Hotel­voll­zug“ und zu einer mit maß­lo­sen Pri­vi­le­gi­en gemacht. Das Ent­schul­dungs­be­dürf­nis auf Sei­ten der staat­lich Ver­ant­wort­li­chen scheint phä­no­me­nal zu sein. Aber auch das von ande­ren. In der taz z.B. wur­de das Buch des ideel­len Gesamt­ge­fäng­nis­wär­tes Kurt Öster­le, gegen des­sen beleg­freie und aus geneh­men Aus­schnit­ten aus der Geschich­te der Iso­la­ti­ons­haft kon­stru­ier­te Dar­stel­lun­gen ande­re inzwi­schen sich erfolg­reich juris­tisch zur Wehr gesetzt haben, mit der Vor­be­mer­kung aus­ge­führt, dass „end­lich mit der Lüge der Iso­la­ti­ons­haft“ auf­ge­räumt wer­de.

Bei dem Gedan­ken, die Haft anzu­spre­chen, weiß ich gar nicht, was ich aus­wäh­len soll. Es wür­de leicht ein gan­zes Buch fül­len. Tren­nen müss­te man nach Zeit und Metho­de. Nach Zeit meint z.B.: Vor einem Gerichts­ver­fah­ren und nach einem Pro­zeß, also vor und nach dem Moment von Öffent­lich­keit. Nach Zeit meint auch: Vor Herbst 1977 und nach Herbst 1977. Ich war damals, nach Herbst 1977, der fes­ten Über­zeu­gung, dass den Gefäng­nis Admi­nis­tra­tio­nen von der poli­ti­schen Ebe­ne her, also von den Lan­des­jus­tiz­mi­nis­tern, signa­li­siert wor­den war, dass sie eine Zeit lang uns gegen­über fast freie Hand haben. Drau­ßen wur­den in die­ser Zeit poli­zei­lich gestell­te RAF-Mit­glie­der gleich erschos­sen, drin­nen konn­ten „Herr-und-Hund-Kon­zep­tio­nen“ sich erst ein­mal rich­tig aus­to­ben. In Köln-Ossen­dorf haben sich Schi­ka­ne und offe­ne Gewalt fast täg­lich die Hand gege­ben. Fast ein Jahr lang wur­de dort z.B. neben allem ande­ren mit Schlaf­ent­zug gear­bei­tet, d.h. stän­di­ges, oft halb­stün­di­ges Wecken durch Ein­schal­tung grel­ler Beleuch­tung und an die Türe häm­mern bis man auf­schreckt unter dem Vor­wand, dass nach­ge­se­hen wer­den müs­se, ob wir noch leben wür­den. Nacht für Nacht und Monat für Monat. Lagen dann irgend­wann die Ner­ven blank und wur­de von mir die Beleuch­tung ein­fach von der Wand abge­schla­gen, ende­te das wie­der damit, dass ich unter Schlä­gen und Trit­ten in die unter­ir­di­sche kal­te Bun­ker­zel­le geschleppt und auf das dor­ti­ge Holz­brett gefes­selt wur­de. Die­se Bei­spie­le lie­ßen sich belie­big fort­set­zen.

Tren­nen nach Metho­de meint: Die Zeit vor und nach dem Neu­bau der Hoch­si­cher­heits­trak­te. Iso­liert im Gefäng­nis war ich von Anfang an. Aber der Hoch­si­cher­heits­trakt war etwas neu­es. Ich war 1978 von Köln-Ossen­dorf nach dem wohl auch phy­sisch gewalt­tä­tigs­ten Jahr mei­ner Haft, nach sechs lan­gen Hun­ger­streiks in andert­halb Jah­ren und emo­tio­nal und kör­per­lich völ­lig aus­ge­zehrt nach Cel­le gebracht wor­den in den neu­en Hoch­si­cher­heits­trakt und dort in eine sozi­al voll­stän­dig lee­ren Situa­ti­on gesetzt wor­den. Ich war in einer Zel­le mit Fens­tern aus zen­ti­me­ter­di­cken Pan­zer­glas­schei­ben, die fest ver­schloss­sen waren und nicht mehr geöff­net wur­den. Davor stand ein Bret­ter­zaun, um die Sicht nach außen zu ver­hin­dern. Geräu­sche kamen in die­se Zel­le nicht mehr rein. Im Innern stan­den wei­ße Schleif­lack Möbel (Tisch und Schrank), der Heiz­kör­per war weiß, Wasch­be­cken und Toi­let­te waren aus Niros­ta-Stahl, die Wän­de waren pas­tell­gelb, die Decke weiß, die Türen grau. Drei grel­le, für mich nicht zu betä­ti­gen­de wei­ße Neon­leuch­ten brann­ten von mor­gens bis abends. Spä­ter wur­de bekannt, dass die Stahl­bet­ten von unten mit einer mil­li­me­ter­di­cken Schall­schluck­far­be bestri­chen waren. Der Ein­zel­hof­gang fand in einem klei­nen Trakt­hof statt, in dem man weni­ge Schrit­te zur Sei­te und Quer gehen konn­te. Über den Hof war ein Tarn­netz der Bun­des­wehr gezo­gen. Als ich nach Ankunft mei­nen bis­he­ri­gen Besu­chern mei­ne neue Adres­se mit­teil­te, wur­de gegen jeden von ihnen ein dau­er­haf­tes Besuchs­ver­bot ver­hängt. Ich bin, außer mei­nem Anwalts­kon­takt, voll­stän­dig allei­ne gewe­sen.

Der Zustand der weit­ge­hen­den Geräusch­iso­la­ti­on hat zwei­ein­halb Jah­re gedau­ert, bis er mit einem 72-tägi­gen Hun­ger­streik, der mit sehr har­ten Zwangs­er­näh­run­gen zum Abbruch gebracht wer­den soll­te, durch­bro­chen wur­de. In die­ser Zeit hat­te ich u.a. mei­ne Spra­che ver­lo­ren und fand beim statt­fin­den­den monat­li­chen Besuch hin­ter Trenn­schei­be die Wor­te nicht mehr. In der Stil­le stand manch­mal das Gefühl des Ersti­ckens vor einem und man muss­te eine gro­ße Selbst Kon­di­ti­on ent­wi­ckeln, um von sol­chen Gefüh­len nicht über­rannt zu wer­den. Ich war ein­mal meh­re­re Tage nicht in der Lage, den Sauer­stoff tief ein­zu­at­men. Ich weiß bis heu­te nicht, was das war. Ich hat­te tage­lang dann nichts ande­res gemacht, als mich auf das Atmen zu kon­zen­trie­ren. Nie­mand stellt eine solch per­fek­te Situa­ti­on der Sin­nes­zer­stö­rung ohne eine damit ver­bun­de­ne Absicht her. Vom Anstalts­lei­ter, der, wie spä­ter bekannt wur­de, kurz vor­her das „Cel­ler Loch“, also den fin­gier­ten Anschlag des BGS auf die Außen­mau­er in Cel­le mit diver­sen öffent­li­chen Lügen gedeckt hat­te, war ich mit den Wor­ten begrüßt wor­den: „Hier wer­den Sie nicht mehr raus­kom­men“. Er hat­te dabei, wahr­schein­lich um auf die hoheit­li­che Wür­de die­ser sei­ner Auf­ga­be hin­zu­wei­sen, einen Schlips mit Deutsch­land­flag­ge umge­bun­den. Der BGS-Anschlag auf die Außen­mau­er der JVA-Cel­le war dann die Begrün­dung, um die Haft­be­din­gun­gen von Sigurd Debus zu ver­schär­fen, der drei Jah­re spä­ter wäh­rend eines erneu­ten kol­lek­ti­ven Hun­ger­streiks gegen die­se Haft­be­din­gun­gen an den Fol­gen der gewalt­sa­men Zwangs­er­näh­rung starb.

Was ich anfüh­re, wirft ein Blitz­licht und gibt nur ein unzu­rei­chen­des Bild. Es betrifft nichts, was eine Beson­der­heit bei mir gewe­sen wäre, son­dern es wirft nur ein Licht auf den jah­re­lan­gen All­tag für alle. Ich möch­te das hier auch nicht aus­führ­li­cher dar­stel­len; es war nicht das ent­schei­den­de in unse­rer Grup­pe. Ich habe es durch­ge­stan­den. Ande­re nicht, dass darf man auch nicht ver­ges­sen. Daß ich es konn­te, hat mir wäh­rend der Haft gehol­fen, nie grund­sätz­lich zu ver­zwei­feln. Ich füge es zum Schluß an, um einen Bogen her­zu­stel­len zum Beginn der „Bal­int-Grup­pe“ und der Rede von Vol­ker Fried­rich über die ver­dräng­te Iso­la­ti­ons­haft, die auch dann für nie­mand anders wird, wenn sie medi­al nach­träg­lich schön­ge­re­det oder gleich geleug­net wird.

Zum Schluß

Nach Marx ist die Revo­lu­ti­on, der Bruch mit der bis­he­ri­gen Geschich­te, not­wen­dig, damit sich die Sub­jek­te in der alten Gesell­schaft von den bis­he­ri­gen Ver­in­ner­li­chun­gen befrei­en kön­nen. Dazu muß sie all­ge­mein sein. Das wuss­ten wir. Wir waren – dabei mehr Franz Fanon und Sart­re nah – aber auch davon aus­ge­gan­gen, dass der Ein­zel­ne sich kämp­fend aus dem aktu­el­len his­to­ri­schen Zustand, den die bestehen­de Gesell­schaft dar­stellt, befrei­en und grund­sätz­lich ver­än­dern kann. Macht und Zwang ist etwas, was indi­vi­du­ell abge­wor­fen und Befrei­ung etwas, was im Macht­kampf mit der Herr­schafts­struk­tur der alten Ver­hält­nis­se ver­all­ge­mei­nert wer­den kann. Die RAF ging davon aus, dass der Pro­zess in Gang zu set­zen ist, aus dem der Min­der­hei­ten­wil­le nach Befrei­ung gesell­schaft­lich all­ge­mein wer­den kann. Der Tod in Stamm­heim kam aus der Erkennt­nis, dass es nicht reicht, dass unse­re Anstren­gung unzu­rei­chend, viel­leicht im Meis­ten auch falsch war, die Rei­fe der Zeit fehlt und was immer auch sonst noch. Er gesteht das Schei­tern ein und lehnt trotz­dem im Tritt gegen die Macht, die das Mord­sze­na­rio bedeu­tet, die Unter­wer­fung und jede Rück­kehr ab. Der Tod in Stamm­heim bekräf­tigt aber auch, dass selbst die Nie­der­la­ge im Befrei­ungs­ver­such nicht dazu füh­ren darf, sich preis­zu­ge­ben, also sich kau­fen zu las­sen. Das bleibt eine Beson­der­heit der RAF: Sie war in ihrer gan­zen Geschich­te nie bereit, vom Grund­sätz­li­chen abzu­ge­hen, also käuf­lich zu wer­den. Das leg­te das Ver­hält­nis „Sieg oder Tod“ nah, das noch lan­ge nach­wirk­te. Das Ahis­to­risch-Wer­den die­ses Ver­hält­nis­ses anhand des unzu­rei­chend gewor­de­nen Inhal­tes ist for­mal erst 1998 mit der Selbst­auf­lö­sung, längst ver­spä­tet, ein­ge­stan­den wor­den. Eine Rück­kehr in alte Zustän­de war von den meis­ten Akteu­ren nie ein­ge­plant.

Mit der RAF haben wir die feh­len­de Rei­fe der Zeit nicht sehen wol­len, weil uns aus den Auf­bruchs­er­fah­run­gen der Nach­kriegs­re­vol­te kol­lek­ti­ve oder indi­vi­du­el­le Befrei­ung zu ver­lo­ckend und das Leben in der Gesell­schaft zu uner­träg­lich war. Es gibt also ein Bewusst­sein, das gegen die Wand ren­nen muß und des­we­gen als unglück­lich zu bezeich­nen ist. Unschul­dig ist es des­we­gen nicht. Es ist aber auch nicht ein­fach als nur ver­werf­lich zu bezeich­nen, wie der Ver­such der Revol­te oder Revo­lu­ti­on nie ver­werf­lich sein kann. Sie spricht an, dass etwas über­kom­men ist. So auch die RAF, egal ob zu früh und oft falsch. Die Behaup­tung, dass es den Bruch nicht geben kann, hal­te ich für den Sprung in eine rech­te Lebens­be­stim­mung, der ich mich ver­wei­gern will. Das pol­tern­de Echauf­fie­ren Ex-68er und Nach-68er über die Ver­werf­lich­keit der sys­te­m­op­po­si­tio­nel­len Lin­ken will über­spie­len, dass das bür­ger­li­che Sys­tem im Grund­satz als etwas gesetzt wird, was nicht in Fra­ge gestellt wer­den kann. Eine sol­che Zukunft wäre ohne jede Hoff­nung.

Die RAF war 1977 geschei­tert. Unter­wer­fung war das ein­zi­ge, was uns von staat­li­cher Sei­te als Bewe­gungs­rah­men offen gelas­sen wer­den soll­te aus des­sen Erkennt­nis, dass nichts von der RAF inte­grier­bar ist. Man kann das auch als nega­ti­ve Aner­ken­nung dafür sehen, dass mit der RAF vom Ansatz her eine Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on auf­trat. Sinn der Haft war, dass wir alle nach und nach auf Stein bei­ßen und als Sub­jek­te erstar­rend ver­hun­gern. „Weiß wer­den.“ [11] Nie wie­der soll­ten wir zusam­men kom­men. Heu­te, scheint es, ver­bie­ten es sich vie­le sel­ber. Und doch: Ich fin­de, dass alle Gefan­ge­nen, die gegen die Nie­der­la­ge der RAF oder die ihrer eige­nen Grup­pe die Unter­wer­fung für sich trot­zend abge­lehnt haben, rich­tig han­del­ten und han­deln. Das wie­der­um ver­eint uns.

Unser Auf­bruch war rich­tig. Es war ein Ver­such, „das Kon­ti­nu­um des Bestehen­den“ aufzusprengen.[12]

Fuß­no­ten

[1] Für J. Ph. Reem­ts­ma, der sich als nach­ho­len­der Kri­ti­ker in Rage redet, exis­tie­ren die­se Zusam­men­hän­ge nicht oder sind für die Ana­ly­se unbe­deu­tend. Die Kul­mi­na­ti­on des Genera­ti­ons­bruchs in der Nach­kriegs­zeit im bewaff­ne­ten Kampf anhand der aus der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart nahe lie­gen­den Fra­ge von „Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei“, wird bei ihm zum Aus­druck eines unpo­li­ti­schen Macht­rau­sches letzt­lich kran­ker Indi­vi­du­en bzw. „stam­meln­der Idio­ten“ mit nihi­lis­ti­scher Sub­jekt­grund­la­ge. Mir scheint aller­dings, dass über die Ges­te der ver­ächt­li­chen Nega­ti­on der RAF eines als Selbst­ver­ständ­lich­keit trans­por­tiert wer­den soll: Dass es außer­halb des bür­ger­li­chen Rah­mens kei­ne Lebens­grund­la­ge geben kann, auf der sich die Mensch­heit ent­wi­ckeln könn­te. So lan­det man bei der FDP.

[2] Ich war 1973 als Haus­be­set­zer für ein Jahr ins Gefäng­nis gesteckt wor­den. Im Pro­zess bin ich auf­grund einer klar beleg­ba­ren Falsch­aus­sa­ge eines Poli­zis­ten zu einem Jahr Gefäng­nis ver­ur­teilt wor­den, wel­ches ich als U‑Gefangener bis auf drei oder fünf Tage voll­stän­dig abge­ses­sen hat­te. Wäh­rend die­ser Haft war ich über elf Mona­te in Total Iso­la­ti­on. Mei­ne Wei­ge­rung, mich der Gefäng­nis­lo­gik unter­zu­ord­nen, führ­te zu vie­len „Roll­kom­man­dos“, die mich mit bra­chia­ler Gewalt von hier nach dort im Gefäng­nis schlepp­ten. Ich habe mei­ne Haft durch­ge­stan­den, tat­säch­lich auf Bie­gen und Bre­chen. 1975 ent­schied der BGH auf Revi­si­on der Staats­an­walt­schaft, dass die Haus­be­set­zer auch noch wegen der Mit­glied­schaft in einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung ver­ur­teilt wer­den müss­ten. Wich­tig zu erwäh­nen ist mir, dass in der Zeit mei­ner Haus­be­set­zer­haft, 1973, Sal­va­dor Allen­de ermor­det wur­de, was von vie­len Trä­gern aus der poli­ti­schen Klas­se gut­ge­heis­sen wor­den war. Die poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Klas­se mach­te immer deut­lich, wie weit sie gehen wür­de.

[3] Hölz, Max (1969): Vom Wei­ßen Kreuz zur Roten Fah­ne. Frankfurt/​M. (Ver­lag neue Kri­tik), Paper­back.

[4] Ich hat­te sowohl 1981 als auch 1985 zu denen gehört, die damals den Hun­ger­streik nicht abbre­chen woll­ten. 1981 war Sigurd Debus an den Fol­gen der Zwangs­er­näh­rung gestor­ben. Es hat­te sich hier ein­fach ver­bo­ten mit dem Hun­ger­streik auf­zu­hö­ren, nur weil der Staat zum poli­ti­schen Abwi­ckeln die­ses Todes ein paar vage Zuge­ständ­nis­se mach­te. 1985 wur­de in der inter­nen Dis­kus­si­on der Hun­ger­streik­ver­lauf so fest­ge­legt, dass es kei­nen Abbruch geben darf, egal wie bedroh­lich die Situa­ti­on für Ein­zel­ne ist. Wir hat­ten das in Cel­le akzep­tiert und hat­ten bei­na­he zwei Tote in unse­rer vier­köp­fi­gen Grup­pe. Abge­bro­chen wur­de dann, nach­dem woan­ders die Situa­ti­on ähn­lich eska­lier­te. Von heu­te aus gese­hen bin ich über die Inkon­se­quenz froh und es ist ande­ren zu ver­dan­ken, dass es nicht noch mehr Tote gab. Für mich war es damals aber ein zen­tra­les Pro­blem: Wenn man ver­ant­wort­lich ist für einen Kampf, in dem es Tote gibt, selbst aber nicht jede Kon­se­quenz für sich akzep­tiert, ist oder wird der Kampf kor­rupt. In unse­rer Vor­stel­lung vom revo­lu­tio­nä­ren Kampf, wie in der von wohl fast allen revo­lu­tio­nä­ren Grup­pen in der Welt, war das Leben nicht das höchs­te Gut des Revo­lu­tio­närs.

[5] Man könn­te hier jetzt noch Wacker­na­gel und Schnei­der anfüh­ren. Ich muss aber einen Unter­schied machen. Sieg­fried Haag hat ein­fach einen Schnitt gemacht. Begrün­den oder intern dis­ku­tie­ren woll­te er ihn nicht. Spä­ter hat er, aus tak­ti­schen Grün­den, zur Beschleu­ni­gung sei­ner Frei­las­sung eine öffent­li­che Distan­zie­rung gebracht. Wacker­na­gel und Schnei­der waren außer­Stan­de, für sich zu erklä­ren, dass die RAF und deren bewaff­ne­tes Ver­hält­nis zum Sys­tem nicht mehr zu ihnen passt. Sie haben in end­lo­sen Erklä­run­gen den Mar­xis­mus und eine oft nur noch ober­schü­ler­haf­te Ethik-Dis­kus­si­on bemüht, um zu einer Absa­ge an die RAF zu kom­men. Andre­as Baa­der hat­te dazu ein­mal den Satz for­mu­liert, dass nie­mand geht, ohne den Ver­such, die Moral mit­zu­neh­men. Haag hat hier erst ein­mal anders gehan­delt, aus mei­ner Sicht jedoch aus ande­ren Grün­den damals unent­schuld­bar.

[6] Nach der Ent­füh­rung des Flug­zeu­ges nach Enteb­be durch den Inter­na­tio­na­len Flü­gel der RZ, schrieb Gud­run Ens­s­lin, dass sich die Stamm­hei­mer Gefan­ge­nen bei­na­he öffent­lich distan­ziert hät­ten. Ich habe zu denen gehört, die das mit unend­li­cher Erleich­te­rung auf­ge­nom­men hat­ten.

[7] Macht­fra­ge in die­sem Sinn, die also die Auf­he­bung der Ent­frem­dung als Bestand­teil der Poli­tik beinhal­ten muss­te, muss­te auch die Befrei­ung der Gefan­ge­nen beinhal­ten. Des­we­gen war die Schmä­hung von Fritz Teu­fel über die „Befreit-die Gue­ril­la-Gue­ril­la“ nur Aus­druck des Nicht­be­grei­fens des­sen, was für die RAF befrei­en­de Poli­tik war. Die Fra­ge der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ent­frem­dung ging mei­ner Mei­nung nach völ­lig an der Bewe­gung 2. Juni vor­bei. Sie war eine links­ra­di­ka­le Poli­tik­grup­pe, die sich an den Bewusst­seins­zu­stän­den ihrer Basis und im Macht­kampf an den Lücken im Sys­tem ori­en­tier­te, popu­lär-radi­kal, aber eben auch gefäl­lig sein woll­te. Sie muss­te mit ihrer Sze­ne zer­fal­len. Mög­li­cher­wei­se war sie auf Basis ihres Kon­zep­tes erfolg­rei­cher als die RAF auf ihrem. Aber mehr als einen dif­fu­sen, von Anek­do­ten gespeis­ten klas­sen­kämp­fe­ri­schen Mythos des „wir unten“ und „ihr oben“ scheint sie nicht zu hin­ter­las­sen.

[8] Die Tat­sa­che, dass – welch gro­ßer Anteil auch immer – Alt-Lin­ke aus der links­ra­di­kal bestimm­ten 68er-Bewe­gung nach 1977 zum Bestand­teil der herr­schen­den Eli­te wur­den, also indi­vi­du­ell und grup­pen­mä­ßig eine Alter­na­ti­ve zur Revo­lu­ti­on fan­den, soll­te man im Nach­hin­ein nicht so deu­ten, dass sie Anfangs der 70er Jah­re nicht auch eine Nie­der­la­ge des Staa­tes woll­ten und dass der Sieg des Staa­tes nicht sei­ne Wun­den und Defor­ma­tio­nen hin­ter­ließ.

[9] Wes­halb Wolf­gang Ports Ver­such Ende der 70er Jah­re, ein Ver­bin­dungs­li­nie von den Toten in Stamm­heim zu Jim Jones und dem Mas­sen­selbst­mord von People’s Temp­le zu zie­hen, lei­der nur im Dem­ago­gi­schen hän­gen bleibt.

[10] Nach dem Tod der Stamm­hei­mer konn­te eigent­lich nie­mand mehr akzep­tie­ren, dass ande­re in einer ähn­li­chen Rol­le zur Grup­pen ste­hen wie sie damals. Nach ihrem Tod hät­ten wir den Inhalt von Kol­lek­ti­vi­tät, über­haupt die Fra­ge unse­rer inne­ren Struk­tur, neu ent­wi­ckeln müs­sen.

[11] Eine Begriff­lich­keit über das Ziel der Iso­la­ti­on von Chris­ti­an Geiss­ler

[12] Vgl. Ben­ja­min, Wal­ter (1965): Zur Kri­tik der Gewalt und ande­re Auf­sät­ze, hier: Geschichts­phi­lo­so­phi­sche The­sen, 15. U. 16. The­se, S. 90ff., Frankfurt/​M. (Edi­ti­on Suhr­kamp), 1. Aufl.

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