[GAM:] Der Erste Mai 2021: Die klassenkämpferische und revolutionäre Linke muss ihre Chance ergreifen!

Mar­tin Such­anek, Info­mail 1148, 4. Mai 2021

Der Ers­te Mai 2021 könn­te der Auf­takt zu einem Game Chan­ger für die radi­ka­le, klas­sen­po­li­ti­sche, migran­ti­sche und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Lin­ke in Deutsch­land wer­den. In vie­len Städ­ten schlos­sen sich Tau­sen­de klas­sen­kämp­fe­ri­schen und revo­lu­tio­nä­ren Demons­tra­tio­nen und Blö­cken bei den Gewerk­schafts­de­mos an. Noch weit mehr betei­lig­ten sich an Kund­ge­bun­gen, Fahr­rad­kor­sos und ande­ren viel­fäl­ti­gen Aktio­nen gegen Miet­wu­cher und Umwelt­zer­stö­rung. Den bun­des­wei­ten Höhe­punkt des Tages bil­de­te zwei­fel­los die Ber­li­ner revo­lu­tio­nä­re Ers­ter-Mai-Demons­tra­ti­on mit 25.000 Teil­neh­me­rIn­nen.

Trotz Ein­schüch­te­run­gen und media­ler Het­ze, trotz Pro­vo­ka­tio­nen und bru­ta­ler Angrif­fe, trotz einer geplan­ten und geziel­ten gewalt­sa­men Auf­lö­sung der Demons­tra­ti­on durch die Poli­zei stellt sie einen poli­ti­schen Erfolg nicht nur des Bünd­nis­ses, son­dern für die gesam­te radi­ka­le, klas­sen­kämp­fe­ri­sche und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Lin­ke dar.

1. Breite Mobilisierung

Ers­tens mobi­li­sier­te die Demons­tra­ti­on gut 25.000 Men­schen, die dem Ruf nach Ein­heit im Kampf gefolgt sind. Die Red­ne­rin­nen und Red­ner sowie Sprech­chö­re brach­ten immer wie­der eines zum Aus­druck: Ob im Kran­ken­haus oder in der Auto­fa­brik, ob in der Geflüch­te­ten­un­ter­kunft oder im Job­cen­ter, ob in der Schu­le oder im Haus­halt, über­all ste­hen wir Lohn­ab­hän­gi­ge, unab­hän­gig von Natio­na­li­tät, Alter, Geschlecht und sexu­el­ler Ori­en­tie­rung vor den­sel­ben Pro­ble­men. Wir sol­len für die Kos­ten von Kri­se und Pan­de­mie zah­len!

Die Auf­he­bung des Mie­ten­de­ckels durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mobi­li­sier­te vie­le wei­te­re Men­schen. Ange­sichts die­ses Skan­dal­ur­teils dro­hen 1,5 Mil­lio­nen Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­nern Miet­erhö­hun­gen, Nach­zah­lun­gen oder Räu­mun­gen.

Auf den Stra­ßen Ber­lins und auch in vie­len ande­ren Städ­ten for­mier­te sich prak­tisch die Ein­heit von migran­ti­schen Arbei­te­rIn­nen, von pre­kär Beschäf­tig­ten aus den Lie­fer­diens­ten, von Kran­ken­pfle­ge­rIn­nen und Mie­te­rIn­nen, von Schü­le­rIn­nen und Stu­die­ren­den.

Der Revo­lu­tio­nä­re Ers­te Mai in Ber­lin stellt dabei natür­lich kein sin­gu­lä­res Ereig­nis dar. Schon in den letz­ten Mona­ten häuf­ten sich Mas­sen­de­mons­tra­ti­on nicht nur in Ber­lin, son­dern auch in ande­ren Städ­ten. Auch revo­lu­tio­nä­re Ers­ter-Mai-Mobi­li­sie­run­gen wie in Frankfurt/​Main zogen Tau­sen­de Men­schen an. Die Ber­li­ner Demons­tra­ti­on bün­del­te sicht­ba­rer, grö­ßer und deut­li­cher eine Wut und eine Ver­än­de­rung der Stim­mung und teil­wei­se auch des Bewusst­seins unter brei­te­ren Schich­ten der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der sozi­al Unter­drück­ten.

2. Antikapitalismus und Internationalismus

Die Demons­tra­ti­on zog die­se Viel­falt, die im Grun­de die Viel­schich­tig­keit der Arbei­te­rIn­nen­klas­se selbst wider­spie­gelt, an, weil sie inhalt­lich radi­kal war. Revo­lu­tio­nä­re Paro­len, Kri­tik am Kapi­ta­lis­mus, die For­de­run­gen nach Ent­eig­nung von Immo­bi­li­en­hai­en wie Deut­sche Woh­nen, der Kri­sen­ge­win­ne­rIn­nen in der Export­in­dus­trie, der Phar­ma­kon­zer­ne und pri­va­ter Kran­ken­häu­ser stell­ten kein Hin­der­nis für die Mobi­li­sie­rung dar, son­dern stärk­ten die­se. Die For­de­run­gen der am stärks­ten aus­ge­beu­te­ten migran­ti­schen Arbei­te­rIn­nen, von geschlecht­lich und sexu­ell Unter­drück­ten, der mar­gi­na­li­sier­ten Tei­le der Lohn­ab­hän­gi­gen und der Jugend stel­len ganz um Gegen­satz zur popu­lis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen Vor­stel­lungs­welt einer Sah­ra Wagen­knecht kei­ne „Marot­ten“ oder Hin­der­nis­se für die Ein­heit der Klas­se dar, son­dern bil­den viel­mehr einen inte­gra­len und unver­zicht­ba­ren Bestand­teil des Befrei­ungs­kamp­fes der Arbei­te­rIn­nen­klas­se selbst.

Das Ver­bin­den­de bil­det eben die Kri­tik am Kapi­ta­lis­mus als glo­ba­lem, umfas­sen­den Sys­tem, das revo­lu­tio­när über­wun­den wer­den muss. Die­se Kri­tik wur­de natür­lich am Ers­ten Mai nicht neu erfun­den, aber die Ver­hält­nis­se selbst drän­gen immer mehr Men­schen genau in die­se Rich­tung.

Die rie­si­ge revo­lu­tio­nä­re Ers­ter-Mai-Demons­tra­ti­on in Ber­lin, aber auch die vie­len gut besuch­ten klas­sen­kämp­fe­ri­schen und revo­lu­tio­nä­ren Demons­tra­tio­nen oder Kund­ge­bun­gen ver­deut­li­chen die­ses Poten­ti­al.

Es han­delt sich dabei zwar noch um eine Min­der­heit unse­rer Klas­se, aber zugleich um eine wach­sen­de, dyna­mi­sche Strö­mung, die es zu einer Ein­heit in der Akti­on, im Kampf gegen Pan­de­mie und Kri­se, gegen Ras­sis­mus und Impe­ria­lis­mus zusam­men­zu­füh­ren gilt. Die­se Men­schen kön­nen die gesell­schaft­li­che Basis für eine brei­te, schlag­kräf­ti­ge Mas­sen­be­we­gung gegen die Kri­se in ihren viel­fäl­ti­gen Aus­for­mun­gen wer­den.

3. Breites Bündnis

Auf den Stra­ßen Ber­lins for­mier­ten sich Wut und Wider­stand in einem brei­ten Bünd­nis, das der migran­tisch-inter­na­tio­na­lis­ti­sche Block anführ­te. Dahin­ter folg­ten der Ent­eig­nungs­block, den Grup­pe Arbei­ter­In­nen­macht und REVOLUTION mit orga­ni­sier­ten, der klas­sen­kämp­fe­ri­sche Block und jener der Inter­kiezio­na­le.

Die Mobi­li­sie­rung von 25.000 Men­schen spie­gelt auch die Brei­te eines Bünd­nis­ses wider, das im Grun­de alle Strö­mun­gen der radi­ka­len Lin­ken Ber­lins, also aller links von Links­par­tei und Gewerk­schafts­ap­pa­ra­ten umfass­te. Die­se Ein­heit und die­ser Erfolg stel­len kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit dar. Dass sie zustan­de kamen, ist ein Ver­dienst aller betei­lig­ten Grup­pie­run­gen. Beson­de­re Aner­ken­nung ver­die­nen dabei aber die Genos­sIn­nen von Migran­ti­fa Ber­lin, ohne deren Initia­ti­ve und Wir­ken die Demons­tra­ti­on nicht so groß und stark gewe­sen wäre.

Zwei­fel­los haben wir im Bünd­nis auch Feh­ler gemacht. Aber, wer erfolg­reich so vie­le Men­schen trotz der Geg­ner­schaft von Kapi­tal, Senat, Abge­ord­ne­ten­haus und Poli­zei auf die Stra­ße bringt, muss auch eini­ges rich­tig gemacht haben und dies gilt es fort­zu­set­zen und zu ver­all­ge­mei­nern.

Ein wich­ti­ger Fak­tor für die Soli­da­ri­tät unter den betei­lig­ten Grup­pen stell­te ers­tens der Kon­sens dar, dass wir die lohn­ab­hän­gi­ge Bevöl­ke­rung, ins­be­son­de­re die migran­ti­schen Arbei­te­rIn­nen mit unse­rer Mobi­li­sie­rung errei­chen und gewin­nen wol­len. Zwei­tens die Soli­da­ri­tät gegen jede Pro­vo­ka­ti­on und Spal­tungs­ver­su­che von Sei­ten der Poli­zei, der bür­ger­li­chen Poli­tik und Medi­en, gegen Ver­leum­dungs­ver­su­che aller Art. Die­se Soli­da­ri­tät müs­sen wir unbe­dingt bei­be­hal­ten.

Die Ein­heit in der Akti­on und die Brei­te des Bünd­nis­ses müs­sen und wol­len wir über den 1. Mai hin­aus prak­tisch fort­set­zen und auch in ande­ren Städ­ten ver­brei­tern. Das beinhal­tet einer­seits eine Schwer­punkt­set­zung auf gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten und kla­re For­de­run­gen zu poli­ti­schen und sozia­len Kern­pro­ble­men unse­rer Klas­se. Ande­rer­seits müs­sen wir auch eine enge­re Zusam­men­ar­beit mit bestehen­den Initia­ti­ven und Kämp­fen ins­be­son­de­re auf gewerk­schaft­li­cher und betrieb­li­cher Ebe­ne her­bei­füh­ren. Dass es auch hier Bewe­gung und vie­le Über­schnei­dun­gen der teil­neh­men­den Grup­pie­run­gen und Demons­trie­ren­den gibt, wur­de z. B. in Ber­lin bei der Demons­tra­ti­on „Nicht auf unse­rem Rücken – Gewerk­schaf­ten und Lohn­ab­hän­gi­ge in die Offen­si­ve!“ eben­so sicht­bar wie bei „Von der Kri­se zur Ent­eig­nung!“ oder auch bei MyGruni deut­lich.

Um die­se Ein­heit auf der Stra­ße, im Betrieb, im Stadt­teil wei­ter­zu­füh­ren oder über­haupt erst zu schaf­fen, brau­chen wir in Ber­lin, aber auch in vie­len ande­ren Städ­ten eine Dis­kus­si­on über die Grund­la­gen einer Anti­kri­sen­be­we­gung, ihre For­de­run­gen, ihren Akti­ons­plan. Dazu schla­gen wir eine Dis­kus­si­on in ver­schie­de­nen Bünd­nis­sen oder gewerk­schafts­op­po­si­tio­nel­len Struk­tu­ren wie der VKG, in Kam­pa­gnen wie #Zero­Co­vid und die Durch­füh­rung eine bun­des­wei­ten Akti­ons­kon­fe­renz vor.

4. Politischer Gradmesser

Die Hal­tung zur Ber­li­ner Ers­ter-Mai-Demons­tra­ti­on bil­det auch einen Grad­mes­ser dafür, wo wel­che poli­ti­sche Kraft steht.

Dass die Ber­li­ner Poli­zei von Beginn an plan­te, die Demons­tra­ti­on anzu­grei­fen, zu spal­ten und auf­zu­lö­sen, wird mit jedem Tag kla­rer. Unter dem Vor­wand des Infek­ti­ons­schutz­ge­set­zes trotz Mas­ken aller Teil­neh­men­den und trotz des Bemü­hens der Ord­ne­rIn­nen, Abstän­de ein­zu­hal­ten, erzeug­te die Poli­zei selbst jene Lage, die sie angeb­lich zu ver­hin­dern such­te. In einem Inter­view in der Ber­li­ner Abend­schau recht­fer­tig­te der Ber­li­ner-SPD-Innen­se­na­tor Gei­sel nicht nur den Ein­satz und die Gewalt­ex­zes­se der Poli­zei. Er selbst ver­tei­dig­te den Zeit­punkt des Angriffs auf die Demons­tra­ti­on auch damit, dass poli­zei­lich Aktio­nen bei Tages­licht leich­ter durch­zu­füh­ren wären als bei Dun­kel­heit. Dann wäre – von wegen Infek­ti­ons­schutz – die „tak­ti­sche Her­aus­for­de­rung“ noch grö­ßer gewe­sen.

Für CDU, FDP und auch AfD war selbst das bru­ta­le Vor­ge­hen der Poli­zei nicht genug und sie kri­ti­sie­ren Gei­sel von rechts, for­dern noch mehr Bul­len und noch repres­si­ve­res Vor­ge­hen gegen Demons­tran­tIn­nen – Quer­den­ke­rIn­nen und Coro­na-Leug­ne­rIn­nen natür­lich, vor allem von der AfD, aus­ge­nom­men. Dabei zeig­ten Par­ties von Coro­na-Leug­ne­rIn­nen am 1. Mai ein­mal mehr, dass die Bul­len – ähn­lich wie bei den Quer­den­ke­rIn­nen in Kas­sel und Stutt­gart – kei­nen Fin­ger rüh­ren, wenn es dar­um geht, das Infek­ti­ons­schutz­ge­setz gegen die Rech­ten durch­zu­set­zen. Der Chef der Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus­frak­ti­on der CDU, Bur­kard Dreg­ger, will gar einen „Kuschel­kurs mit der lin­ken Sze­ne“ beim Senat aus­ma­chen.

Das – nicht die bru­ta­le Ein­schrän­kung demo­kra­ti­scher Rech­te – empört die SPD-Obe­ren wie Innen­se­na­tor Gei­sel und Bür­ger­meis­ter Mül­ler. Dabei wer­den die Mini-Noskes aus der Sozi­al­de­mo­kra­tie nicht müde, sich hin­ter „ihre“ Poli­zei zu stel­len und jede Schwei­ne­rei zu recht­fer­ti­gen. Doch Undank ist bekannt­lich der herr­schen­de Klas­se und der „ech­ten“ Kon­ser­va­ti­ven und Libe­ra­len Lohn.

Der innen­po­li­ti­sche Spre­cher der Ber­li­ner Grü­nen, Bene­dikt Lux, steht voll auf Gei­sel-Linie. Die Spit­zen­kan­di­da­tin der Par­tei, Anna­le­na Baer­bock, stimmt in den Chor der Scharf­ma­che­rIn­nen ein und dif­fa­miert die Demons­tra­ti­on gar als „kri­mi­nell“.

Niklas Schra­der von der Links­par­tei kri­ti­siert das Ver­hal­ten der Poli­zei als tak­tisch „nicht gelun­gen“ und zeigt damit, aus wel­cher Per­spek­ti­ve aus er die Sache beur­teilt – näm­lich nicht von Sei­ten der Demo­st­ran­tIn­nen, son­dern der Regie­rung, die den Poli­zei­ein­satz mit­zu­ver­ant­wor­ten hat. Schließ­lich sind die Sena­to­rIn­nen­pos­ten der Links­par­tei alle­mal wich­ti­ger als 25.000 Men­schen, die von einer Poli­zei ange­grif­fen wer­den, die zumin­dest auf dem Papier ihrer Koali­ti­on unter­steht. Die­ses Rum­la­vie­ren der Links­par­tei zeigt mal wie­der, dass der Kurs der Par­tei, sich als Freun­din der sozia­len Bewe­gun­gen zu prä­sen­tie­ren aber gleich­zei­tig mit­re­gie­ren zu wol­len, in Momen­ten der Kri­se nicht funk­tio­niert.

Im Wind­schat­ten der gro­ßen Poli­tik und der bür­ger­li­chen Medi­en kochen schließ­lich auch sog. Anti­deut­sche wie die Zei­tung Jung­le World und ande­re ihr ras­sis­ti­sches Süpp­chen.

Die­se „Lin­ken“ bewie­sen damit erneut, dass sie nicht auf der Sei­te der Pro­tes­tie­ren­den ste­hen, son­dern auf der von Regie­rung und Poli­zei. Alle gemein­sam bla­sen sie ins sel­be Horn und unter­stel­len der Demons­tra­ti­on Anti­se­mi­tis­mus, weil sie sich mit dem paläs­ti­nen­si­schen Wider­stand und der anti­zio­nis­ti­schen Lin­ken in Isra­el soli­da­ri­sier­te. Die Gleich­set­zung von Anti­zio­nis­mus und Anti­se­mi­tis­mus wird bekannt­lich durch stän­di­ge Wie­der­ho­lung nicht weni­ger falsch und reak­tio­när und führt nur dazu, den deut­schen Impe­ria­lis­mus von „links“ zu flan­kie­ren.

Die Hal­tung zur revo­lu­tio­nä­ren Ers­ter-Mai-Demons­tra­ti­on zeigt frei­lich, wo wel­che poli­ti­sche Kraft steht. Die skan­da­lö­se Hal­tung der Spit­zen der Grü­nen und der SPD soll­te uns eben­so wenig wun­dern wie das halb­her­zi­ge Rumei­ern der Links­par­tei, die letzt­lich eben­falls, wenn auch „kri­tisch“ hin­ter dem Poli­zei­ein­satz steht.

Wo bleibt der DGB?

Wie schon 2020 ver­la­ger­te der DGB sei­ne „Aktio­nen“ vor allem ins Inter­net. Auch wenn in etli­chen Städ­ten Demons­tra­tio­nen oder Kund­ge­bun­gen statt­fan­den, so tru­gen sie zum Teil rei­nen Ali­bi­cha­rak­ter oder wur­den von lin­ke­ren Grup­pie­run­gen und vie­len migran­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen zah­len­mä­ßig domi­niert. Die hohe Prä­senz die­ser Strö­mun­gen stellt ein posi­ti­ves Zei­chen dar.

Die Hal­tung der Gewerk­schafts­füh­run­gen hin­ge­gen kommt einem wei­te­ren poli­ti­schen Skan­dal gleich, wenn auch kei­nem ver­wun­der­li­chen. Die Tarif­run­den und Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­den von der Büro­kra­tie vor allem befrie­det und aus­ver­kauft. Klar, bei die­ser Bilanz ist auch am Ers­ten Mai wenig zu erwar­ten. Die Pan­de­mie bot so sicher Gewerk­schafts­vor­stän­den und Appa­rat einen Vor­wand, erst gar nicht zu ver­su­chen, die Mas­se der Arbei­te­rIn­nen zu mobi­li­sie­ren. Zieht man die lin­ken und migran­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ab, so stel­len vie­le DGB-Kund­ge­bun­gen am 1. Mai ein Funk­tio­närs­tref­fen unter frei­em Him­mel dar, bei denen staats­tra­gen­de Reden gehal­ten wer­den und die Gewerk­schafts­funk­tio­nä­rIn­nen kaum von den Spit­zen aus SPD, Grü­nen oder selbst CDU, die als Gast­red­ne­rIn­nen ein­ge­la­den wur­den, unter­scheid­bar sind.

Das Fazit gestal­tet sich also sehr ein­fach. Von den Gewerk­schafts­füh­run­gen und ihrem büro­kra­ti­schen Appa­rat ist eine Mobi­li­sie­rung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, ein Kampf gegen Kapi­tal und Regie­rung in den kom­men­den Mona­ten nicht zu erwar­ten. Eben­so­we­nig von den Spit­zen der SPD, die bis zum Ende der Gro­ßen Koali­ti­on die Treue hält und im Wahl­kampf viel­leicht so tun wird, als wäre sie nicht dabei gewe­sen. Und die Füh­rung der Links­par­tei ver­sucht die Qua­dra­tur des Krei­ses – nicht nur am Ers­ten Mai. Einer­seits hängt sie in den Lan­des­re­gie­run­gen in Ber­lin, Thü­rin­gen und Bre­men fest, betreibt dort bür­ger­li­che Poli­tik und gar­niert sie mit etwas gebrems­tem Sozi­al­schaum. Ande­rer­seits will sie sich im Bund als Oppo­si­ti­on zur kom­men­den Regie­rung prä­sen­tie­ren, da eine grün-rot-rote Koali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne auf­grund der Hal­tung der Grü­nen, aber auch der SPD wohl aus­ge­schlos­sen ist.

Aufgaben der revolutionären und klassenkämpferischen Linken

Für Revo­lu­tio­nä­rIn­nen und für die klas­sen­kämp­fe­ri­sche Lin­ke, die am Ers­ten Mai sicht­bar wur­de, stel­len die Pas­si­vi­tät der Gewerk­schafts­füh­run­gen, die bür­ger­li­che Poli­tik von SPD und Links­par­tei eine Chan­ce, aber auch eine poli­ti­sche Her­aus­for­de­rung dar.

Die Chan­ce besteht dar­in, dass die Pas­si­vi­tät der Appa­ra­te Men­schen nicht auto­ma­tisch zu klein­bür­ger­lich-reak­tio­nä­ren Kräf­ten wie den Coro­na-Leug­ne­rIn­nen treibt, son­dern auch ein poli­ti­sches Vaku­um auf der Lin­ke schafft, Raum für eine Bewe­gung und Mobi­li­sie­rung, die Lohn­ab­hän­gi­ge und Unter­drück­te anzie­hen und zu einer poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Kraft for­mie­ren kön­nen. Dass z. B. etli­che Men­schen an den links­ra­di­ka­len, klas­sen­kämp­fe­ri­schen und revo­lu­tio­nä­ren Demons­tra­tio­nen am 1. Mai teil­nah­men, die bis­her unor­ga­ni­siert waren und sind, ver­deut­licht das.

Umge­kehrt stellt die Blo­cka­de durch die refor­mis­ti­schen und vor allem gewerk­schaft­li­chen Appa­ra­te aber auch ein Pro­blem dar. Vor allem die Kon­trol­le der Büro­kra­tie über die orga­ni­sier­te Arbei­te­rIn­nen­klas­se in den Betrie­ben gerät zu einem effek­ti­ven Mit­tel, den Klas­sen­frie­den in den Unter­neh­men zu sichern, die Men­schen ruhig­zu­stel­len und die­je­ni­gen zu iso­lie­ren, die dage­gen ankämp­fen wol­len.

Wenn die klas­sen­kämp­fe­ri­sche Min­der­heit, die am Ers­ten Mai sicht­bar wur­de, zu einer Mas­sen­kraft wer­den soll, die die Mehr­heit unse­rer Klas­se mobi­li­sie­ren kann, muss sie einen Weg fin­den, die­se Blo­cka­de zu über­win­den. Dazu ist es nötig, For­de­run­gen auf­zu­stel­len, um die Mit­glie­der, Anhän­ge­rIn­nen und Wäh­le­rIn­nen der „lin­ken“ Par­tei­en zu mobi­li­sie­ren und die der Gewerk­schaf­ten in die Akti­on zu brin­gen. Das heißt, sie muss eine Poli­tik der Ein­heits­front gegen­über den Mil­lio­nen Mit­glie­dern, Wäh­le­rIn­nen und Unter­stüt­ze­rIn­nen die­ser Orga­ni­sa­tio­nen ver­fol­gen, die sich an die Basis, aber auch an die Füh­run­gen der refor­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen rich­tet – nicht, weil wir in letz­te­re poli­ti­sche Illu­sio­nen hät­ten, son­dern weil wir die Hoff­nun­gen und Illu­sio­nen ihrer Basis dem Test der Pra­xis unter­zie­hen müs­sen. Da die objek­ti­ve Lage den Spiel­raum für Kom­pro­mis­se zwi­schen den Klas­sen ein­schränkt, ver­grö­ßert sich auch die Kluft zwi­schen Basis und Füh­rung und damit auch die Mög­lich­keit für Revo­lu­tio­nä­rIn­nen, die­se tak­tisch zu nut­zen.

Dies erfor­dert nicht nur ein Ver­ständ­nis von Ein­heits­front­po­li­tik. Es erfor­dert auch, die stra­te­gi­sche, poli­ti­sche und pro­gram­ma­ti­sche Schwä­che der „radi­ka­len“ Lin­ken anzu­ge­hen, die mit gro­ßen Mobi­li­sie­run­gen noch längst nicht gelöst ist und allein aus die­sen her­aus auch nicht zu lösen sein wird.

Kurz­um, es fehlt an einer Stra­te­gie in der Lin­ken. Eine sol­che müss­te näm­lich von einem Ver­ständ­nis der Tota­li­tät, der Gesamt­heit der aktu­el­len Kri­se und Pro­blem­stel­lun­gen aus­ge­hen. Poli­tisch-pro­gram­ma­tisch müss­te sie dabei jedoch eine Metho­de ver­fol­gen, die objek­ti­ve Situa­ti­on mit ihren aktu­el­len, kon­kre­ten Pro­ble­men und Ansät­zen von Wider­stand mit einer revo­lu­tio­nä­ren Ant­wort dar­auf zu ver­bin­den. Kurz sie braucht ein Akti­ons­pro­gramm, das der gegen­wär­ti­gen Lage ent­spricht. Die Auf­ga­be der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und klas­sen­kämp­fe­ri­schen Lin­ken bestän­de dar­in, eine wei­ter­füh­ren­de Per­spek­ti­ve auf­zu­zei­gen, die nicht nur die unmit­tel­ba­re Not, son­dern auch ihren wesent­li­chen Kern auf­zeigt und Tages­kämp­fe mit dem für eine ande­re, sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft stra­te­gisch ver­mit­telt.

Was die Ber­li­ner Lin­ke mit Blick auf den Ers­ten Mai geschafft hat, gilt es nun auf die nächs­te Ebe­ne zu heben. Es braucht eine Akti­ons­kon­fe­renz, auf der die ver­schie­de­nen Pro­gram­me und Stra­te­gien der radi­ka­len Lin­ken dis­ku­tiert und kon­kre­te Aktio­nen geplant wer­den, um den Angrif­fen des Kapi­tals eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Anti-Kri­sen­be­we­gung ent­ge­gen­zu­stel­len.

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