[gfp:] Abzug aus Afghanistan

Transatlantische Verstimmungen

Dem Abzugs­be­ginn waren erheb­li­che trans­at­lan­ti­sche Ver­stim­mun­gen vor­aus­ge­gan­gen. Hat­te der dama­li­ge US-Prä­si­dent Donald Trump die ver­bün­de­ten west­li­chen Mäch­te vor den Kopf gesto­ßen, als er nach dem Abschluss eines Abkom­mens zwi­schen den USA und den Tali­ban am 29. Febru­ar 2020 immer wie­der Trup­pen im Allein­gang redu­zier­te, so hat­ten spe­zi­ell die Staa­ten West­eu­ro­pas nach dem Amts­an­tritt von US-Prä­si­dent Joe Biden auf einen Kurs­wech­sel in Washing­ton gehofft. Biden hat­te den Abzug dann tat­säch­lich zunächst gestoppt und ange­kün­digt, ihn einer sorg­fäl­ti­gen „Revi­si­on“ unter­zie­hen zu wol­len. Das war als Ein­wil­li­gung in die For­de­run­gen der meis­ten ande­ren NATO-Staa­ten ver­stan­den wor­den, den Tali­ban vor dem end­gül­ti­gen Abzug noch so vie­le Zuge­ständ­nis­se wie mög­lich abzu­ver­lan­gen. NATO-Gene­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg etwa hat­te nach Bidens „Revisions“-Ankündigung immer wie­der betont, das Kriegs­bünd­nis wer­de sei­ne mili­tä­ri­sche Prä­senz am Hin­du­kusch nur been­den, sofern die Tali­ban Bedin­gun­gen erfüll­ten. Auch Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas äußer­te im März, man sei sich „in der Sache einig, näm­lich dass wir einen ‚con­di­ti­on-based’ Abzug wol­len“. Die euro­päi­schen NATO-Staa­ten schie­nen sich damit durch­ge­setzt zu haben.[1]

Verbündete düpiert

Von Bedin­gun­gen hat die Biden-Admi­nis­tra­ti­on jedoch Mit­te April in einem neu­en Kurs­wech­sel Abstand genom­men – dies ganz wie die Trump-Regie­rung, ohne die ver­bün­de­ten Staa­ten auch nur vor­ab zu kon­sul­tie­ren. Das hat nicht nur zu wei­te­ren Ver­stim­mun­gen in Deutsch­land, ande­ren EU-Staa­ten und der NATO geführt, son­dern auch die Bun­des­wehr in Nöte gestürzt: Sie hat­te für ihren Abzug ursprüng­lich – „lehr­buch­mä­ßig“, wie es heißt [2] – drei Mona­te ver­an­schlagt, muss nun jedoch um eini­ges schnel­ler vor­ge­hen, weil die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ihren eige­nen Abzug schon am 4. Juli, ihrem „Unab­hän­gig­keits­tag“, abschlie­ßen wol­len. Nicht klar ist, ob es der Bun­des­wehr gelingt, bis dahin all ihr Mate­ri­al aus Afgha­ni­stan abzu­trans­por­tie­ren. Ursa­che ist, dass womög­lich zu wenig Trans­port­flug­zeu­ge zur Ver­fü­gung ste­hen. Die einst ver­füg­ba­re Opti­on, Mili­tär­ma­te­ri­al auf dem Schie­nen­weg über rus­si­sches Ter­ri­to­ri­um aus dem Land zu brin­gen, steht heu­te wegen der Eska­la­ti­on des Macht­kampfs gegen Russ­land nicht mehr zur Ver­fü­gung. Soll­te die Zeit für den Abtrans­port nicht aus­rei­chen, müs­sen Tei­le des Mate­ri­als mög­li­cher­wei­se vor Ort zer­stört wer­den, um es nicht den Tali­ban oder auch ande­ren feind­li­chen Mili­zen in die Hän­de fal­len zu lassen.[3]

Berlins „große Ordnungsidee“

Mit dem Abzug endet ein Ein­satz, der vor fast 20 Jah­ren mit heh­ren Ankün­di­gun­gen und mit einer höchst bemer­kens­wer­ten Selbst­ge­wiss­heit gestar­tet wur­de. Es müs­se beim Neu­auf­bau nach dem mili­tä­ri­schen Sieg über die Tali­ban dar­um gehen, „den tra­gi­schen Kon­flikt in Afgha­ni­stan zu been­den und die natio­na­le Aus­söh­nung, einen dau­er­haf­ten Frie­den, Sta­bi­li­tät und die Ach­tung der Men­schen­rech­te im Lan­de zu för­dern“, hieß es Peters­ber­ger Abkom­men vom 5. Dezem­ber 2001. Das Abkom­men, das Afgha­ni­stans Über­gang zu einer Demo­kra­tie nach west­li­chem Vor­bild regeln soll­te, war auf einer von der Bun­des­re­gie­rung orga­ni­sier­ten Kon­fe­renz auf dem Peters­berg nahe Bonn geschlos­sen wor­den; Ber­lin hat­te ent­spre­chend von Beginn an eine füh­ren­de deut­sche Rol­le bei Afgha­ni­stans bevor­ste­hen­dem Wie­der­auf­bau im Visier. Es bestehe „jetzt die gro­ße Chan­ce, die­sen Krieg bezie­hungs­wei­se Bür­ger­krieg dau­er­haft zu been­den“ – ja, „zum inne­ren Frie­den und zur Sta­bi­li­sie­rung der gesam­ten Regi­on“ bei­zu­tra­gen, erklär­te Außen­mi­nis­ter Josef Fischer.[4] Fischer ver­su­che als ers­ter deut­scher Außen­mi­nis­ter, „zur Befrie­dung des Kri­sen­bo­gens zwi­schen Paläs­ti­na und Kasch­mir … in einer Haupt­rol­le bei­zu­tra­gen“, hieß es damals in einem Kom­men­tar; als „Mitt­ler mit der gro­ßen Ord­nungs­idee“ agie­re er „unter kei­nem gerin­ge­ren Gesichts­punkt als dem einer ‚Welt­ord­nung’ “, die „nun zu schaf­fen“ sei.[5]

In Containern

Knapp 20 Jah­re spä­ter sind die hoch­flie­gen­den Plä­ne kom­plett geschei­tert. Afgha­ni­stan befin­det sich, was die Lage der Bevöl­ke­rung, die Gewalt und die poli­ti­schen Per­spek­ti­ven angeht, in einem kata­stro­pha­len Zustand (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [6]), der auch die deut­sche Prä­senz am Hin­du­kusch prägt. So wird die Arbeit des deut­schen Gene­ral­kon­su­lats in Masar-i-Sharif seit einem Anschlag im Jahr 2016 nur noch inner­halb des nahe der Stadt ein­ge­rich­te­ten deut­schen Mili­tär­la­gers wei­ter­ge­führt; nach dem Abzug der deut­schen Sol­da­ten wird sie ein­ge­stellt. Auch die deut­sche Bot­schaft in Kabul wur­de schon vor Jah­ren, 2017, bei einem Anschlag zer­stört; seit­her arbei­ten „der deut­sche Bot­schaf­ter und sein poli­ti­scher Stab“, heißt es in einem Bericht, „in Con­tai­nern auf dem Gelän­de der stark gesi­cher­ten ame­ri­ka­ni­schen Botschaft“.[7] Als ver­gan­ge­ne Woche Außen­mi­nis­ter Maas nach Afgha­ni­stan reis­te, um mit der dor­ti­gen Regie­rung über den bevor­ste­hen­den Abzug zu spre­chen, wur­de er mit einem expli­zit gegen Rake­ten­be­schuss gesi­cher­ten Trans­port­flug­zeug A400M nach Kabul sowie vom dor­ti­gen Flug­ha­fen mit einem US-Hub­schrau­ber zu den hoch­ge­si­cher­ten Regie­rungs­ge­bäu­den geflo­gen. Die afgha­ni­sche Haupt­stadt mit gepan­zer­ten Fahr­zeu­gen zu durch­que­ren gilt schon lan­ge als viel zu gefährlich.[8]

Der „Taliban-Schutzring“

Ent­spre­chend sieht sich die Bun­des­wehr genö­tigt, ihren Abzug mit beson­de­ren Schutz­maß­nah­men abzu­si­chern, und hat dazu nun eigens einen Mörser­zug nach Afgha­ni­stan ent­sandt. Das US-Abkom­men mit den Tali­ban vom 29. Febru­ar 2020 sah den 30. April als end­gül­ti­ges Abzugs­da­tum für die west­li­chen Trup­pen vor; es herrscht die Befürch­tung, die Tali­ban könn­ten nun zu Atta­cken auch auf deut­sche Sol­da­ten und das Mili­tär­la­ger in Mazar-i-Sharif über­ge­hen. Dass es seit der Unter­zeich­nung des US-Abkom­mens mit den Tali­ban nicht mehr zu gra­vie­ren­den Angrif­fen auf west­li­che Mili­tär­la­ger kam, liegt laut Berich­ten an einem gehei­men Anhang zu der Ver­ein­ba­rung: Dem­nach haben die Tali­ban nicht nur zuge­si­chert, kei­ne west­li­chen Trup­pen mehr zu bekämp­fen, son­dern nur noch ein­hei­mi­sche Zie­le; sie haben auch zuge­sagt, west­li­che Mili­tär­la­ger vor Über­fäl­len ande­rer Mili­zen zu schüt­zen, so etwa des afgha­ni­schen Able­gers des IS: Von einem „Tali­ban-Schutz­ring“ ist die Rede.[9] Auch die­se Zusi­che­rung ist aller­dings seit dem Wochen­en­de hin­fäl­lig. Statt­des­sen haben die Tali­ban, wie berich­tet wird, begon­nen, die west­li­chen Stütz­punk­te locker ein­zu­krei­sen. Ob sie noch vor dem Abzug angrei­fen oder nur danach die geräum­ten Mili­tär­ba­sen über­neh­men wol­len, ist nicht klar.

„Alle Aufträge erfüllt“

Wäh­rend weit­hin Kon­sens über das Schei­tern des 20-jäh­ri­gen NATO-Krie­ges am Hin­du­kusch herrscht, fin­det die deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin loben­de Wor­te. „Wir ver­las­sen Afgha­ni­stan mit Stolz“, erklärt Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er: „Wir haben alle Auf­trä­ge erfüllt, die uns vom Par­la­ment gege­ben wurden.“[10]

[1], [2] Tho­mas Gutsch­ker, Chris­ti­an Mei­er, Majid Sattar: Augen zu und raus. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 15.04.2021.

[3] Frü­he­rer Afgha­ni­stan-Abzug? Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 22.04.2021.

[4] Rede des Bun­des­mi­nis­ters des Aus­wär­ti­gen, Josch­ka Fischer, zur Betei­li­gung bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te an dem Ein­satz einer Inter­na­tio­na­len Sicher­heits­un­ter­stüt­zungs­trup­pe in Afgha­ni­stan auf der Grund­la­ge der Reso­lu­tio­nen 1386, 1383 und 1378 des Sicher­heits­rats der Ver­ein­ten Natio­nen vor dem Deut­schen Bun­des­tag am 22. Dezem­ber 2001 in Ber­lin.

[5] Der Mitt­ler mit der gro­ßen Ord­nungs­idee. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 22.10.2001.

[6] S. dazu Bilanz von 18 Jah­ren.

[7] Hele­ne Bubrow­ski, Peter Cars­tens, Johan­nes Leit­häu­ser: Schnell raus nach Jahr­zehn­ten? Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 28.04.2021.

[8] Deutsch­land hofft wei­ter auf Ein­fluss. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 30.04.2021.

[9] Die Nato zieht ab, die Tali­ban grei­fen an. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 03.05.2021.

[10] Bun­des­wehr plant Been­di­gung des Ein­sat­zes Reso­lu­te Sup­port in Afgha­ni­stan. bmvg​.de 22.04.2021.

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