[LCM:] Race, Klasse und Identitätspolitik

Race- und Klas­sen­fra­gen sind zwar ver­schränkt, soll­ten aber auch unab­hän­gig von­ein­an­der betrach­tet wer­den. Vor dem Hin­ter­grund der jüngst inten­siv geführ­ten iden­ti­täts­po­li­ti­schen Kon­tro­ver­sen wird fol­gend anhand a) der Debat­ten um Haupt- und Neben­wi­der­sprü­che und des neu­en Buches von Sah­ra Wagen­knecht; b) eines Ver­gleichs zwi­schen ver­sklav­ten Schwar­zen auf den US-ame­ri­ka­ni­schen Plan­ta­gen und wei­ßen bri­ti­schen Tex­til­ar­bei­te­rIn­nen des 19. Jahr­hun­derts; c) der Rol­le des euro-ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nia­lis­mus, Impe­ria­lis­mus und ihren nicht­wei­ßen Nutz­nie­ße­rIn­nen und Kol­la­bo­ra­teu­rIn­nen sowie d) den jet­zi­gen Arbeits­be­zie­hun­gen und sozio­öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­sen im Kapi­ta­lis­mus dis­ku­tiert

Zahl­rei­che libe­ra­le und poli­tisch rechts zu ver­or­ten­de Jour­na­lis­tIn­nen und Aka­de­mi­ke­rIn­nen bedien­ten sich zuletzt – v.a. unter dem Deck­man­tel des libe­ra­len Uni­ver­sa­lis­mus – der zum Kampf­be­griff avan­cier­ten Scha­blo­ne „lin­ker Iden­ti­täts­po­li­tik“. Meis­tens, um ihre Igno­ranz oder Gleich­gül­tig­keit gegen­über insti­tu­tio­nel­ler Dis­kri­mi­nie­rung und For­men der Unter­drü­ckung, die aus sozia­ler Ungleich­heit, Ras­sis­mus und patri­ar­cha­len Struk­tu­ren resul­tie­ren, unver­blümt zur Schau zu stel­len. Unter Miss­ach­tung der bestehen­den Fak­ten­la­ge, baga­tel­li­sie­ren sie die Exis­tenz von struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus, ras­sis­ti­schen Mord­dro­hun­gen, phy­si­scher Gewalt gegen und die Ermor­dung von Peop­le of Color (PoC), Frau­en, LGBTQ+ Per­so­nen, Obdach­lo­sen und Anti­fa­schis­tIn­nen. Zusätz­lich erken­nen sie die Not­wen­dig­keit von geschütz­ten Räu­men sowie sozia­ler Mobi­li­tät für dis­kri­mi­nier­te Grup­pen und sub­al­ter­ne Klas­sen nicht an. Statt­des­sen beschwö­ren sie die ver­meint­li­chen Gefah­ren der „woken Can­cel Cul­tu­re“, der „femi­nis­ti­schen Sprach­po­li­zei“ und der gefähr­lich über­bor­den­den „PoC-Mobs“.

Auch in lin­ken Krei­sen gab es in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt hit­zi­ge Debat­ten dar­über, ob Klas­sen- gegen­über Race– und/​oder Geschlech­ter­fra­gen der Vor­rang ein­ge­räumt wer­den soll­ten. Ortho­do­xe Lin­ke ver­tre­ten nicht sel­ten die Mei­nung, dass die Kate­go­rie der Klas­se den Haupt­wi­der­spruch dar­stel­len wür­de, da sie über Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen und unter­schied­li­che Iden­ti­täts­grup­pen hin­aus­ge­he. Hete­ro­do­xe Lin­ke hin­ge­gen mes­sen Race– und Geschlech­ter­fra­gen oft­mals die grö­ße­re Bedeu­tung bei und leh­nen die Vor­stel­lung ab, dass die­se Kate­go­rien ledig­lich Neben­wi­der­sprü­che sei­en.

Ein beson­ders auf­schluss­rei­ches Bei­spiel für die Gegen­über­stel­lung von Klas­se und Race/​Herkunft ist in Sah­ra Wagen­knechts jüngst erschie­ne­nem Buch Die Selbst­ge­rech­ten (2021) zu fin­den. Dar­in wet­tert sie gegen die links­li­be­ra­le „Life­style-Lin­ke“, deren Iden­ti­täts­po­li­tik angeb­lich dar­auf hin­aus­läuft, „das Augen­merk auf immer klei­ne­re und immer skur­ri­le­re Min­der­hei­ten zu rich­ten, die ihre Iden­ti­tät jeweils in irgend­ei­ner Marot­te fin­den.“ (S. 102). Gleich­zei­tig bleibt sie selbst jedoch eben­falls der Iden­ti­täts­po­li­tik ver­haf­tet ohne es aber als sol­che kennt­lich zu machen. Sie stellt näm­lich einer nicht klar defi­nier­ten Gemein­schaft – die v.a. dar­aus besteht, dass sie deut­sche Kul­tur, Bräu­che und Tra­di­tio­nen ver­tritt – Men­schen gegen­über, die „nicht dazu­ge­hö­ren“. Links­iden­ti­tär wird es beson­ders dann, wenn sie die eher bil­dungs­fer­nen Unter­schich­ten (mit deut­schem Pass oder zumin­dest gesi­cher­tem Auf­ent­halts­sta­tus), deren Inter­es­sen sie vor­gibt zu ver­tre­ten, den gebil­de­ten „Life­style-Lin­ken“ sowie „Zuwan­de­rern“ (ohne dauerhaften/​gesicherten Auf­ent­halts­sta­tus) gegen­über­stellt. In der Tat ruft sie dazu auf, die Inter­es­sen der ein­hei­mi­schen Gering­ver­die­nen­den als das wesent­li­che Grund­pro­blem zu betrach­ten. Sie behaup­tet aber, dass dies nur mög­lich wäre, wenn die Ein­wan­de­rung begrenzt wer­den wür­de, da Migra­ti­on maß­geb­lich für das Lohn­dum­ping ver­ant­wort­lich sei. Die Bedürf­nis­se und Kämp­fe von Migran­tIn­nen und Geflüch­te­ten wer­den dadurch zu einem Sekun­dar­pro­blem degra­diert. Für Wagen­knecht sind letz­te­re schein­bar nur Zah­len, deren Anstieg ein­ge­schränkt wer­den müs­se, um die ihrer Mei­nung nach berech­tig­ten Ängs­te vor der Immi­gra­ti­on und den wirt­schaft­li­chen Fol­gen für die deut­sche Kern­ge­mein­schaft zu mini­mie­ren. Die „Zuwan­de­rer“ wären ohne­hin in ihren Hei­mat­län­dern bes­ser auf­ge­ho­ben, ohne dass Wagen­knecht dabei auch nur den gerings­ten Anschein macht sich in die­se Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen, um ihre kon­kre­ten Flucht- und Aus­wan­de­rungs­mo­ti­ve bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen. Ihr Ver­ständ­nis für besorg­te Bür­ge­rIn­nen einer­seits und die Empa­thie­lo­sig­keit gegen­über in Deutsch­land leben­den Geflüch­te­ten und Migran­tIn­nen (ins­be­son­de­re den­je­ni­gen, die nicht auf­grund von poli­ti­scher Ver­fol­gung oder Krie­gen geflo­hen sind) ande­rer­seits sind jeden­falls frap­pie­rend. Fer­ner ist es – selbst aus einer eini­ger­ma­ßen pro­gres­si­ven sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Logik her­aus – äußerst pro­ble­ma­tisch, dass sie denkt, es sei ange­mes­se­ner die Ein­wan­de­rung ein­zu­däm­men und poli­tisch prak­ti­ka­bler die Flucht­ur­sa­chen zu bekämp­fen als gesetz­lich höhe­re Löh­ne flä­chen­de­ckend durch­zu­set­zen, von denen ja schließ­lich alle Arbei­ten­den in Deutsch­land bis zu einem gewis­sen Grad pro­fi­tie­ren wür­den.

Die Bezie­hun­gen zwi­schen Klas­se, Race und Geschlecht sind auf jeden Fall weit­aus kom­pli­zier­ter, kom­ple­xer und dyna­mi­scher, als es eine ein­fa­che Gegen­über­stel­lung dar­zu­le­gen ver­mag, und hän­gen dar­über hin­aus zu einem ent­schei­den­den Maße vom spe­zi­fi­schen räum­lich-zeit­li­chen Kon­text ab, in dem sie Ver­wen­dung fin­den. Es wäre daher viel­leicht lehr­reich einen his­to­ri­schen Exkurs vor­zu­neh­men und einen ver­glei­chen­den Blick auf zwei der am meis­ten aus­ge­beu­te­ten Grup­pen der atlan­ti­schen Welt vom spä­ten 18. bis zur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts zu wer­fen: die ver­sklav­ten schwar­zen Arbei­te­rIn­nen der ame­ri­ka­ni­schen Plan­ta­gen­wirt­schaft und die Lohn­ar­bei­te­rIn­nen der eng­li­schen Tex­til­fa­bri­ken. Ver­sklav­te Men­schen wur­den zunächst zu Eigen­tum degra­diert und der Ver­kauf an euro­päi­sche Skla­ven­hal­te­rIn­nen setz­te sie einer Ware gleich. Im Anschluss dar­an wur­den sie zu ele­men­ta­ren Bestand­tei­len der Pro­duk­tiv­kräf­te von Plan­ta­gen­be­sit­ze­rIn­nen. In Zei­ten hohen Arbeits­kräf­te­be­darfs und gerin­gen Skla­vIn­nenn­an­ge­bots war ihr Leben im mone­tä­ren Sin­ne wert­vol­ler als das vie­ler mit­tel­lo­ser, wei­ßer Lohn­ar­bei­te­rIn­nen. Wäh­rend Ver­sklav­te im 19. Jahr­hun­dert oft ver­si­chert waren (ähn­lich wie ande­re Kapi­tal­an­la­gen) und genug zu essen hat­ten, um nicht zu ver­hun­gern, waren sie gesetz­lich gespro­chen tot, d.h. voll­kom­men recht­los und daher hor­ren­der phy­si­scher und psy­chi­scher Gewalt aus­ge­setzt, von der wei­ße Arbei­te­rIn­nen i.d.R. ver­schont blie­ben.

Im Gegen­satz dazu war es nicht unge­wöhn­lich, dass die, auch als „Lohn­skla­vIn­nen“ bezeich­ne­ten, Arbei­te­rIn­nen der frü­hen Indus­tria­li­sie­rungs­pha­se Groß­bri­tan­ni­ens, v.a. Frau­en und Kin­der, län­ger arbei­ten muss­ten und auch häu­fi­ger an Unter­ernäh­rung star­ben als ihre de fac­to und de jure ver­sklav­ten ame­ri­ka­ni­schen Pen­dants jener Zeit. Gleich­zei­tig waren wei­ße, bri­ti­sche Män­ner (und in begrenz­tem Maße auch Frau­en) recht­lich freie Per­so­nen, die – zumin­dest theo­re­tisch – ihre Arbeits­kraft ver­kau­fen konn­ten, an wen sie woll­ten. Eines ist aller­dings klar: Im 19. Jahr­hun­dert wur­den sowohl den meis­ten kari­bi­schen und US-ame­ri­ka­ni­schen Ver­sklav­ten als auch den bri­ti­schen Lohn­ar­bei­te­rIn­nen grund­le­gen­de Rech­te ver­wehrt. Trotz offen­sicht­li­cher Unter­schie­de hat­ten ver­sklav­te Men­schen im US-ame­ri­ka­ni­schen Süden und „Lohn­skla­vIn­nen“ in den Baum­woll­spin­ne­rei­en von Lan­ca­shire mehr gemein­sam als mit den ein­hei­mi­schen Eli­ten, wei­ßen Her­rIn­nen und Kapi­ta­lis­ten, die sie beherrsch­ten, unter­drück­ten und, wie im Fal­le der Skla­ven­trei­ber, ver­kauf­ten.

Zur glei­chen Zeit gab es – obwohl die über­wie­gen­de Mehr­heit der Plan­ta­gen­be­sit­ze­rIn­nen weiß waren – auch freie PoC (gens de cou­leur libres) und schwar­ze Skla­ven­hal­ter in der Kari­bik, wie zum Bei­spiel im spä­ten 18. Jahr­hun­dert auf Saint-Dom­in­gue (heu­te Hai­ti). West­afri­ka­ni­sche Eli­ten erziel­ten eben­falls hohe Gewin­ne durch den Ver­kauf ver­sklav­ter Men­schen an euro­päi­sche Skla­ven­händ­ler. Unum­strit­ten ist jedoch, dass Euro-Ame­ri­ka­ne­rIn­nen zu den unan­ge­foch­te­nen Herr­sche­rIn­nen des glo­ba­len 19. Jahr­hun­derts avan­cier­ten und gan­ze Erd­tei­le durch kolo­nia­le Unter­wer­fung gewalt­sam aus­beu­te­ten. Wich­ti­ge Tei­le der zwi­schen dem 16. und 21. Jahr­hun­dert akku­mu­lier­ten euro-ame­ri­ka­ni­schen Reich­tü­mer ent­spran­gen der Anwen­dung roher Gewalt; der Ver­skla­vung von 12 Mil­lio­nen Afri­ka­ne­rIn­nen wäh­rend des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels, der Aus­rot­tung indi­ge­ner Völ­ker, der kolo­nia­len Aus­beu­tung von Arbeits­kräf­ten und Res­sour­cen sowie aus neo­ko­lo­nia­len Krie­gen. Obwohl Regime-Chan­ge-Ope­ra­tio­nen in Län­dern wie Afgha­ni­stan (seit 2001), Irak (2003–2011), Liby­en (2011) und Mali (2013) die Staats­ver­schul­dung in die Höhe trie­ben, gene­rier­ten sie gleich­zei­tig enor­me Pro­fi­te für den mili­tä­risch-indus­tri­el­len-Kom­plex, v.a. in den USA.

Par­al­lel dazu mach­ten asia­ti­sche, afri­ka­ni­sche und latein­ame­ri­ka­ni­sche Königs­häu­ser, Adli­ge, Poli­ti­ker, Kapi­ta­lis­ten und ande­re Eli­ten, ein­schließ­lich der „Komp­ra­do­ren-Bour­geoi­si­en“, zur sel­ben Zeit ein Ver­mö­gen durch Steu­er­erhe­bung, Han­del, Pro­duk­ti­on, den Ver­kauf von natür­li­chen Res­sour­cen und die Umwand­lung von Men­schen in Eigen­tum. Sie leb­ten ein beque­mes und luxu­riö­ses Leben auf Kos­ten ihrer über­wie­gend armen und unter­drück­ten Unter­ta­nen. Dar­über soll­te fer­ner nicht ver­ges­sen wer­den, dass die Kolo­ni­sie­rung und impe­ria­lis­ti­sche Aus­beu­tung Indi­ens, West­asi­ens, Afri­kas und Latein­ame­ri­kas auch durch die Zusam­men­ar­beit mit den loka­len euro-ame­ri­ka­ni­schen Kol­la­bo­ra­teu­rIn­nen ermög­licht wur­de.

Nun zurück zur Gegen­wart. Heu­te besteht ein über­pro­por­tio­nal gro­ßer Anteil der „gering qua­li­fi­zier­ten“ euro-ame­ri­ka­ni­schen Arbei­te­rIn­nen aus Nicht­wei­ßen und Geflüch­te­ten. Sie arbei­ten auf Bau­stel­len, als zeit­lich befris­te­te land­wirt­schaft­li­che Lohn­ar­bei­te­rIn­nen, in Geschäf­ten und Super­märk­ten, als Pfle­ge­kräf­te, Kran­ken­pfle­ge­rIn­nen, Rei­ni­gungs­kräf­te, im Trans­port­we­sen und Lie­fer­ser­vice, in Fabri­ken und in der Fleisch- und Lager­in­dus­trie. Sie bil­den den Löwen­an­teil der „essen­ti­el­len Arbeits­kräf­te“. Obwohl sie unent­behr­lich sind, so sind sie doch aus­tausch­bar und oben­drein gehö­ren sie zu den mit am schwers­ten von der gras­sie­ren­den Covid-19-Pan­de­mie Betrof­fe­nen. Vie­le die­ser Arbei­te­rIn­nen, die in pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen schuf­ten und trotz zuneh­men­der Arbeits­zei­ten kaum über die Run­den kom­men, ver­an­schau­li­chen die Über­schnei­dun­gen von Klas­se und Race/​Herkunft.

Abge­se­hen von den Nied­rig­löh­nen wird ein gro­ßer Anteil der „essen­ti­el­len Arbeits­kräf­te“ mas­siv über­wacht und ernied­rigt. So ris­kie­ren Ama­zon-Ange­stell­te bei­spiels­wei­se ihre Anstel­lung, wenn sie Pau­sen ein­le­gen um auf die Toi­let­te zu gehen, wäh­rend migran­ti­sche Zeit­ar­beits­kräf­te, die in der Land­wirt­schaft oder der Fleisch­in­dus­trie arbei­ten, in beson­ders mise­ra­blen und über­füll­ten Wohn­ver­hält­nis­sen leben müs­sen. Dem­nach ist es kaum ver­wun­der­lich, dass Ama­zon im Dezem­ber 2020 einen Land­kreis in Ala­ba­ma (USA) dazu ver­an­lass­te, die Ampel­schal­tung vor ihrem Waren­haus so zu ver­än­dern, dass gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­te Arbei­te­rIn­nen nicht mehr genug Zeit hat­ten ande­re Arbei­te­rIn­nen anzu­wer­ben, wäh­rend sie an der Ampel war­te­ten.

Selbst (oder soll­te man nicht viel eher sagen gera­de) in einem so wohl­ha­ben­den Land wie Deutsch­land arbei­ten über 20% der Beschäf­tig­ten im Nied­rig­lohn­sek­tor – davon etwa 40% Migran­tIn­nen und PoC. „Hoch­qua­li­fi­zier­te“ Arbeit­neh­me­rIn­nen sind aller­dings eben­so von der all­ge­gen­wär­ti­gen Spar­po­li­tik betrof­fen, die im Lau­fe der letz­ten 40 Jah­re immer stär­ker um sich gegrif­fen hat. Es ist kei­ne Aus­nah­me, dass ein/​e angehende/​r Psy­cho­the­ra­peu­tIn nach sechs Jah­ren Stu­di­um, wäh­rend der Aus­bil­dung ca. 240€ im Monat ver­dient und Lehr­be­auf­trag­te an Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len einen Stun­den­lohn von etwa 20€ und oft­mals sogar nur 3€ bezie­hen (ohne Zula­gen für Vor- und Nach­be­rei­tun­gen der Semi­na­re). Auch in den USA sind außer­or­dent­li­che Dozie­ren­de auf dem Vor­marsch und machen ca. 75% der aka­de­mi­schen Beleg­schaft aus. Sie erhal­ten zwi­schen 20.000$ und 25.000$ pro Jahr und müs­sen ihr Ein­kom­men nicht sel­ten durch Neben­tä­tig­kei­ten auf­sto­cken, um über­le­ben zu kön­nen.

Gleich­zei­tig gibt es sowohl im „Glo­ba­len Nor­den“ als auch im „Glo­ba­len Süden“ eine ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne, aber den­noch beacht­li­che Anzahl von gut­si­tu­ier­ten PoC der Mit­tel- und Ober­schicht. Ihnen geht es wirt­schaft­lich bes­ser als gro­ßen Tei­len der wei­ßen Arbei­te­rIn­nen­klas­se Euro-Ame­ri­kas, die zuneh­mend der Arbeits­lo­sig­keit aus­ge­setzt sind, v.a. seit­dem die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on ver­stärkt nach Asi­en aus­ge­la­gert wur­de. Dar­über hin­aus zei­gen der wirt­schaft­li­che Auf­stieg und die Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen Japans, Süd­ko­reas, Chi­nas, Indi­ens, der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te und Sau­di-Ara­bi­ens in den USA, Euro­pa, Latein­ame­ri­ka und Afri­ka, dass die Ant­ago­nis­men zwi­schen der „ent­wi­ckel­ten“ und der „sich ent­wi­ckeln­den“ Welt nur eine Sei­te der Medail­le auf­zu­zei­gen ver­mag. In die­sem spe­zi­fi­schen Zusam­men­hang ist die Aus­sa­ge des His­to­ri­kers C.L.R. James aus dem Jahr 1938 erwäh­nens­wert – auch wenn er m. E. das Aus­maß von Ras­si­fi­zie­rungs­pro­zes­sen wohl deut­lich unter­schätz­te: „In der Poli­tik ist die Racefra­ge der Klas­sen­fra­ge unter­ge­ord­net, und den Impe­ria­lis­mus [aus­schließ­lich] in Race-Begrif­fen zu den­ken, ist ver­häng­nis­voll. Aber den Racefak­tor als blo­ße Neben­säch­lich­keit zu ver­nach­läs­si­gen, ist ein Feh­ler, der nur weni­ger schwer wiegt, als ihn zum wesent­li­chen Moment zu erklä­ren.“

Bis zu einem gewis­sen Grad wer­den als weiß gele­se­ne Non-Citi­zens (d.h. „Aus­län­de­rIn­nen“ oder geflüch­te­te Men­schen ohne Bür­ger­rech­te) aus den Peri­phe­rien (z.B. Ost­eu­ro­pa und Süd­ame­ri­ka) stär­ker dis­kri­mi­niert als nicht­wei­ße Staats­bür­ge­rIn­nen, ein­schließ­lich schwar­zer und ande­rer nicht­wei­ßer Men­schen mit Päs­sen aus den USA oder euro­päi­schen Staa­ten. Die­se weiß gele­se­nen Immi­gran­tIn­nen sind mehr oder weni­ger Teil der über­wie­gend nicht­wei­ßen und immer wei­ter anstei­gen­den glo­ba­len Reser­ve­ar­mee ille­ga­li­sier­ter Arbeits­kräf­te. Im Jahr 2020 betrug die Zahl der Zwangs­ver­trie­be­nen welt­weit über 80 Mil­lio­nen Men­schen. Im Wes­ten schuf­ten Geflüch­te­te bei­spiels­wei­se auf Bau­stel­len oder als Zwangs­ar­bei­te­rIn­nen (z.B. in der Pro­sti­tu­ti­on) und wer­den, falls ihnen der ohne­hin schon dürf­ti­ge Arbeits­lohn nicht vor­ent­hal­ten wird, meis­tens mit Hun­ger­löh­nen abge­speist. Um ein ande­res Bei­spiel zu nen­nen: in Frank­reich ver­mie­ten eini­ge von Lohn­kür­zun­gen betrof­fe­ne Fahr­rad­ku­rie­re mul­ti­na­tio­na­ler Essens­lie­fer­ket­ten wie Uber Eats und Deli­ver­oo ihre Arbeits-App-Accounts an „ille­ga­le“ Geflüch­te­te, die nicht sel­ten noch min­der­jäh­rig sind. Im Gegen­zug erhal­ten sie 30 bis 50% der auf Stück­lohn beru­hen­den Lie­fer­ser­vice­er­trä­ge.

Auf der ande­ren Sei­te sind jene nicht­wei­ßen euro-ame­ri­ka­ni­schen Min­der­hei­ten, die ein dau­er­haf­tes Auf­ent­halts­recht besit­zen – auch wenn sie wohl­ha­bend und hoch­qua­li­fi­ziert sind – der­zeit immer öfter faschis­ti­schen Mobs, ras­sis­ti­scher Gewalt und Ter­ro­ris­mus aus­ge­setzt. Seit Jahr­zehn­ten, wenn nicht gar Jahr­hun­der­ten, wur­den sie zudem Opfer hef­ti­ger Poli­zei­ge­walt, sys­te­ma­ti­schem Racial Pro­filing und struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung auf dem Arbeits- und Woh­nungs­markt; eine Nor­ma­li­tät, die wei­ßen euro-ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen heut­zu­ta­ge zumeist erspart bleibt. Tat­säch­lich lau­fen schwar­ze Men­schen in den USA per­ma­nent Gefahr, von der Poli­zei ver­haf­tet oder getö­tet zu wer­den, mehr oder weni­ger unab­hän­gig von ihrem Sta­tus und Ein­kom­men (wobei Geld und Macht sicher­lich dazu bei­tra­gen, die­se Gefah­ren zu min­dern).

Die ver­schie­de­nen glo­ba­len Natio­nal­bour­geoi­si­en haben oft ähn­li­che Inter­es­sen. Abge­se­hen von den „Arbei­te­rIn­nen­a­ris­to­kra­tien“ gilt dies auch für wei­te Tei­le der inter­na­tio­na­len Arbei­te­rIn­nen­klas­se. Daher ist Soli­da­ri­tät unter PoC kein Wert an sich, son­dern hängt sehr stark vom jewei­li­gen Kon­text ab. In der Tat sind, könn­ten und soll­ten wei­ße Men­schen aus der Arbei­te­rIn­nen­klas­se als poten­ti­el­le Ver­bün­de­te für alle Arten von eman­zi­pa­to­ri­schen Bewe­gun­gen betrach­tet wer­den, vor­aus­ge­setzt, sie sind nicht ras­sis­tisch, frau­en­feind­lich usw. und auch zur Koope­ra­ti­on bereit. Im Gegen­satz dazu ver­steht es sich von selbst, dass nicht­wei­ße Kriegs­ver­bre­che­rIn­nen, Dik­ta­to­ren, auto­ri­tä­re Herr­sche­rIn­nen und kapi­ta­lis­ti­sche Mil­li­ar­dä­rIn­nen – die sich alle­samt auf Kos­ten ihrer aus­ge­beu­te­ten und unter­drück­ten Bevöl­ke­run­gen und Arbei­te­rIn­nen berei­chern und ermäch­ti­gen – nie­mals Teil einer genu­in pro­gres­si­ven Alli­anz sein kön­nen.

Kurz gesagt, das Ver­ste­hen der tief­grei­fen­den Bezie­hung zwi­schen Race, Klas­se und Geschlecht ist ein kom­pli­zier­tes Unter­fan­gen. Obwohl die­se Kate­go­rien in einem Netz inter­sek­tio­na­ler Bezie­hun­gen mit­ein­an­der ver­wo­ben sind, soll­ten sie eben­so unab­hän­gig von­ein­an­der, d.h. aus sich selbst her­aus ver­stan­den wer­den. Einer­seits scheint es unwahr­schein­lich, dass die Ras­si­fi­zie­rung und struk­tu­rel­le Dis­kri­mi­nie­rung schwar­zer und ande­rer nicht­wei­ßer Men­schen signi­fi­kant abneh­men wird, solan­ge die gegen­wär­ti­gen kapi­ta­lis­ti­schen sozio­öko­no­mi­schen Struk­tu­ren und Herr­schafts­ver­hält­nis­se bestehen blei­ben. Ande­rer­seits füh­ren Empower­ment und die Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen von PoC nicht auto­ma­tisch zu weni­ger Ras­sis­mus, da ras­sis­ti­sche Ideo­lo­gien nicht auf rein mate­ria­lis­ti­scher Basis erklärt wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig kön­nen sich die unter­pri­vi­le­gier­ten Klas­sen in der „ent­wi­ckel­ten Welt“ nicht nach­hal­tig eman­zi­pie­ren, wenn die Mehr­zahl der Men­schen auf unse­rem Pla­ne­ten in Fes­seln lebt. Karl Marx brach­te 1866 die­ses dia­lek­ti­sche Ver­hält­nis von Klas­se und Race prä­gnant auf den Punkt, als er schrieb: „Die Arbeit in wei­ßer Haut kann sich nicht dort eman­zi­pie­ren, wo sie in schwar­zer Haut gebrand­markt wird.“

# Titel­bild: Sowje­tisch-chi­ne­si­sches Pro­pa­gan­da­pla­kat zur Stär­kung der Koope­ra­ti­on der bei­den Staa­ten, Aus­schnitt

Der Bei­trag Race, Klas­se und Iden­ti­täts­po­li­tik erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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