[gfp:] „Ein Signal an China“

Auf der Suche nach Alternativen

Die EU will auf ihrem Gip­fel­tref­fen mit Indi­en an die­sem Sams­tag ihre Zusam­men­ar­beit mit dem süd­asia­ti­schen Land inten­si­vie­ren. Brüs­sel wol­le damit „klar ein Signal an Chi­na sen­den“, dass die Uni­on „ande­re stra­te­gi­sche Part­ner in Asi­en“ suche, wird Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en zitiert.[1] So soll unter ande­rem über Mög­lich­kei­ten zu einer inten­si­ve­ren außen- und mili­tär­po­li­ti­schen Koope­ra­ti­on bei­der Sei­ten bera­ten wer­den – dies zu einer Zeit, zu der Indi­en am Auf­bau eines neu­en Pakts („Qua­dri­la­te­ral Secu­ri­ty Dia­lo­gue“, „Quad“) mit den USA gegen die Volks­re­pu­blik betei­ligt ist (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [2]). Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas hat ange­kün­digt, eine „Kon­nek­ti­vi­täts­part­ner­schaft“ mit New Delhi initi­ie­ren zu wol­len, „die indi­sche und euro­päi­sche Digi­tal­wirt­schaf­ten noch enger vernetzt“.[3] Beson­de­ren Wert legt die Uni­on aller­dings dar­auf, die Frei­han­dels­ge­sprä­che mit Indi­en wie­der in Gang zu brin­gen. Sol­che Gesprä­che hat­ten bei­de Sei­ten bereits im Jahr 2007 gestar­tet, sie jedoch 2013 ergeb­nis­los been­det. Indi­en liegt in der Außen­wirt­schaft der EU deut­lich hin­ter Chi­na zurück: 13,8 Pro­zent des EU-Waren­han­dels wer­den mit der Volks­re­pu­blik abge­wi­ckelt, nur 1,9 Pro­zent mit Indien.[4]

Bauernproteste in Indien

Die Wie­der­auf­nah­me der Frei­han­dels­ge­sprä­che wird zu einer Zeit ange­strebt, zu der in Indi­en Mas­sen­pro­tes­te gegen gesetz­li­che Neu­re­ge­lun­gen statt­fin­den, die ihrer­seits zen­tra­len For­de­run­gen der EU ent­spre­chen. New Delhi hat im ver­gan­ge­nen Jahr Geset­ze ver­ab­schie­det, die bis­lang geschütz­te Märk­te für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te schnell auf­bre­chen; so wird unter ande­rem der Min­dest­preis für diver­se Agrar­gü­ter abgeschafft.[5] Dies trifft zahl­lo­se Klein­bau­ern schwer: Sie sind von den Min­dest­prei­sen exis­ten­zi­ell abhän­gig und fürch­ten aus gutem Grund, dass in Zukunft gro­ße Kon­zer­ne die Agrar­prei­se drü­cken; das wür­de vie­le von ihnen in die Ver­elen­dung trei­ben. Seit Mona­ten pro­tes­tie­ren Bau­ern dage­gen – und sehen sich har­ter Repres­si­on der indi­schen Behör­den aus­ge­setzt. Dass am 13. Febru­ar die 22-jäh­ri­ge Kli­ma­ak­ti­vis­tin Disha Ravi unter dem Vor­wurf des „Hoch­ver­rats“ fest­ge­nom­men wur­de, weil sie die Bau­ern­pro­tes­te unter­stützt habe, hat inter­na­tio­nal Auf­se­hen erregt; Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Amnes­ty Inter­na­tio­nal for­dern seit Mona­ten ein Ende der bru­ta­len Repression.[6] Beob­ach­ter wei­sen dar­auf hin, dass Brüs­sel seit je für ein Frei­han­dels­ab­kom­men eine Dere­gu­lie­rung des indi­schen Agrar­markts ver­langt, also fak­tisch New Delhi beim Vor­ge­hen gegen die Bau­ern den Rücken stärkt.[7]

„Immer wieder Ernüchterung“

Regie­rungs­be­ra­ter und Wirt­schafts­ver­tre­ter war­nen ihrer­seits davor, Indi­en zur Alter­na­ti­ve für das boo­men­de Chi­na­ge­schäft auf­bau­en zu wol­len. Zum einen kommt New Delhi bei der Ent­wick­lung sei­ner eige­nen Indus­trie nicht recht vor­an; wie die Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) fest­stellt, ist es bis­lang nicht gelun­gen, „wie ange­strebt den Anteil des ver­ar­bei­ten­den Sek­tors am Brut­to­in­lands­pro­dukt auf 25 Pro­zent zu stei­gern, um Indi­en glo­bal wett­be­werbs­fä­hig zu machen“. Der Anteil fiel statt­des­sen zuletzt von 15,1 Pro­zent (2014) auf 14,8 Pro­zent (2018).[8] Deut­sche Unter­neh­mer kla­gen dar­über hin­aus seit je über eine äußerst schwer­fäl­li­ge Büro­kra­tie sowie über schlech­te Infra­struk­tur; bei­de gel­ten als Ursa­chen dafür, dass das deut­sche Indi­en­ge­schäft trotz star­ker poli­ti­scher Unter­stüt­zung in den ver­gan­ge­nen bei­den Jahr­zehn­ten kaum wuchs. Wolf­gang Nie­der­mark, Mit­glied der Haupt­ge­schäfts­füh­rung des BDI, weist schließ­lich dar­auf hin, dass die indi­sche Regie­rung immer wie­der Import­zöl­le erhöht, neue Nor­men erlässt oder sons­ti­ge Maß­nah­men trifft, die aus­wär­ti­ge Inves­to­ren belas­ten; so habe sie „vor fünf Jah­ren die bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men mit 50 Län­dern gekün­digt“, ohne dafür Ersatz zu schaf­fen. „Die Hoff­nung auf den Zukunfts­markt Indi­en“, warnt Nie­der­mark, hat sich „immer wie­der in Gegen­warts­er­nüch­te­rung verkehrt“.[9]

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Wäh­rend die EU auf Frei­han­del dringt, wird Indi­en von der zwei­ten Wel­le der Covid-19-Pan­de­mie in bei­spiel­lo­sem Aus­maß ver­wüs­tet. Am gest­ri­gen Diens­tag wur­den 3.449 Todes­op­fer und 357.229 Neu­in­fek­tio­nen offi­zi­ell regis­triert; die tat­säch­li­che Zahl liegt jedoch nach­weis­lich deut­lich höher – wie Jour­na­lis­ten aus den Dis­kre­pan­zen zwi­schen Mel­de­da­ten und Recher­chen in Kre­ma­to­ri­en schlie­ßen, man­cher­orts womög­lich sogar um den Fak­tor zehn. Kran­ken­häu­ser bekla­gen töd­li­chen Man­gel an Sauer­stoff; auch die Impf­kam­pa­gne stockt: nicht zuletzt, weil die Biden-Admi­nis­tra­ti­on einen Export­stopp für Vor­pro­duk­te zur Impf­stoff­her­stel­lung ver­hängt hat, zum Scha­den indi­scher Vakzin­fa­bri­ken. Indi­en dringt seit ver­gan­ge­nem Jahr dar­auf, die Paten­te auf Covid-19-Impf­stof­fe zumin­dest zeit­wei­se aus­zu­set­zen, um die glo­ba­le Impf­stoff­pro­duk­ti­on maxi­mal stei­gern zu kön­nen, schei­tert damit aber nicht zuletzt an Ber­lin und der EU, die um die Pro­fi­te ihrer Phar­ma­kon­zer­ne fürch­ten (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [10]). Trotz des aktu­el­len Mas­sen­ster­bens stellt die EU mit betont groß­mü­ti­gem Ges­tus Indi­en kei­ne Paten­te, son­dern ledig­lich Sauer­stoff­an­la­gen, Beatmungs­ge­rä­te sowie Medi­ka­men­te in begrenz­tem Umfang zur Ver­fü­gung – für das rie­si­ge Land mit sei­nen 1,35 Mil­li­ar­den Ein­woh­nern allen­falls ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein.

Kritik an der Westorientierung

Dabei zeich­nen sich in Indi­en aktu­ell Kräf­te­ver­schie­bun­gen ab, die Aus­wir­kun­gen auf die Bereit­schaft des Lan­des haben könn­ten, sich mit dem Wes­ten zu ver­bün­den. Die Ori­en­tie­rung auf einen Pakt mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren maß­geb­lich durch die hin­du­n­a­tio­na­lis­ti­sche Regie­rung von Pre­mier­mi­nis­ter Naren­dra Modi vor­an­ge­trie­ben. Modi gerät wegen des kom­plet­ten Ver­sa­gens sei­ner Regie­rung im Kampf gegen die Pan­de­mie mas­siv unter Druck; Rück­tritts­for­de­run­gen wer­den laut, und bei den soeben abge­schlos­se­nen Wah­len im wich­ti­gen Bun­des­staat West Ben­gal konn­te sei­ne Par­tei BJP (Bha­ra­ti­ya Jana­ta Par­ti, Indi­sche Volks­par­tei) trotz gewal­ti­ger Anstren­gun­gen nicht die vor­her­ge­sag­te Mehr­heit gewin­nen – nach einem Wahl­kampf, der mit Blick auf Modis anti­de­mo­kra­ti­sche Poli­tik von Kri­ti­kern als „Schlacht um die indi­sche Demo­kra­tie“ bezeich­net wor­den war.[11] Zugleich wer­den, weil die USA im Kampf gegen die Pan­de­mie zu spät zu Hil­fe kamen, mit ihrem Export­stopp die indi­sche Impf­stoff­pro­duk­ti­on lähm­ten und wie die EU jeg­li­che Frei­ga­be der Vak­zin­pa­ten­te unter­bin­den, in den indi­schen Eli­ten Stim­men lau­ter, die dar­auf drin­gen, von der jüngs­ten Annä­he­rung an den Wes­ten wie­der zur tra­di­tio­nel­len Block­frei­heit über­zu­ge­hen: Ziel ist dem­nach, wie Apar­na Pan­de, eine Exper­tin am Washing­to­ner Hud­son Insti­tu­te, erläu­tert, „stra­te­gi­sche Autonomie“.[12]

[1] Sil­ke Wettach: EU will mit Indi­en wie­der über Abkom­men zum Frei­han­del bera­ten. wiwo​.de 03.05.2021.

[2] S. dazu Manö­ver in Ost­asi­en.

[3] Hei­ko Maas: Wir brau­chen eine euro­päi­sche Stra­te­gie für den Indo-Pazi­fik. han​dels​blatt​.com 11.04.2021.

[4] S. dazu Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (III).

[5] Bha­rat Dogra: Bau­ern in Auf­ruhr – ihre Bewe­gung bringt Ein­heit und Hoff­nung. welt​hun​ger​hil​fe​.de 14.04.2021.

[6] India: Government must stop crus­hing far­mers’ pro­tests and demo­ni­zing dis­sen­ters. amnes​ty​.org 09.02.2021. S. auch Chi­nas Gegen­spie­ler (II).

[7] Domi­nik Mül­ler: Beginnt der Nie­der­gang von Modis BJP? de​.qan​t​a​ra​.de 17.03.2021.

[8] Chris­ti­an Wag­ner, Jana Lem­ke: Indi­en: Ein ambi­va­len­ter Part­ner für den Wes­ten. Wach­sen­de Gemein­sam­kei­ten, wach­sen­de Dif­fe­ren­zen. SWP-Aktu­ell 28. März 2021.

[9] Mathi­as Peer: Indi­en statt Chi­na? Euro­pa strebt eine neue Part­ner­schaft in Asi­en an. han​dels​blatt​.com 04.04.2021.

[10] S. dazu Sauer­stoff­ge­rä­te statt Impf­stoff­pa­ten­te.

[11] Sou­tik Bis­was: West Ben­gal elec­tion: Modi loses a batt­le in the ‚war for Indian demo­cra­cy’. bbc​.co​.uk 03.05.2021.

[12] Covid-19: Chi­na sto­kes US-India ten­si­ons over Biden’s slow coro­na­vi­rus aid. time​sofin​dia​.india​ti​mes​.com 26.04.2021.

Read More