[Freiheitsliebe:] Die Zapatistas heute – Vorbild einer sozialistischen Gesellschaft?

Der Auf­stand der EZLN (Ejérci­to Zapa­tis­ta de Libe­r­a­ción Nacio­nal) und die dar­auf fol­gen­den Kon­flik­te mit dem mexi­ka­ni­schen Staat sorg­ten im Jah­re 1994 auch inter­na­tio­nal für Schlag­zei­len. Welt­weit, aber vor allem inner­halb Mexi­kos, gab es sehr viel Soli­da­ri­tät und Unter­stüt­zung für die größ­ten­teils von Urein­woh­nern geführ­te Orga­ni­sa­ti­on, wel­che sich gegen die kapi­ta­lis­ti­sche und kolo­nia­le Aus­beu­tung der indi­ge­nen Ter­ri­to­ri­en und für Selbst­ver­wal­tung sowie eine sozia­le und basis­de­mo­kra­ti­sche Gesell­schaft ein­setz­te.

Doch nach Abklin­gen der akti­ven Kampf­hand­lun­gen ver­lor die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft immer mehr das Inter­es­se, heut­zu­ta­ge hört man höchs­tens in lin­ken Krei­sen noch gele­gent­lich etwas von den nach dem Anfüh­rer der Mexi­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on, Emi­lia­no Zapa­ta, benann­ten Zapa­tis­tas. Trotz­dem, oder gera­de des­we­gen, lohnt es sehr, sich mit der aktu­el­len Situa­ti­on und den Struk­tu­ren in den von den Zapa­tis­tas ver­wal­te­ten auto­no­men Gebie­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen. Denn an ihrem Bei­spiel kann man Uto­pien ent­wer­fen, wel­che das Bild einer gerech­te­ren und demo­kra­ti­sche­ren Gesell­schaft zeich­nen.

Geschichtliche Hintergründe

Die Ejérci­to Zapa­tis­ta de Libe­r­a­ción Nacio­nal, zu Deutsch „Zapa­tis­ti­sche Armee der Natio­na­len Befrei­ung“, grün­de­te sich bereits im Jah­re 1983 als Ant­wort auf die jahr­hun­der­te­lan­ge Mar­gi­na­li­sie­rung und Dis­kri­mi­nie­rung von indi­ge­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen und die sich immer wei­ter inten­si­vie­ren­de neo­li­be­ra­le Aus­beu­tung indi­ge­ner Gebie­te. Mit der Zeit gewann sie mehr und mehr Unter­stüt­zung inner­halb der Bevöl­ke­rung des süd­li­chen Bun­des­staa­tes Chia­pas in Mexi­ko, in wel­chem Armut und Per­spek­tiv­lo­sig­keit weit ver­brei­tet waren. Im Jah­re 1991 wur­de dann Arti­kel 27 der Ver­fas­sung der Mexi­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on, wel­cher besag­te, dass indi­ge­nes Land nicht vom Staat ver­kauft oder pri­va­ti­siert wer­den darf, auf­ge­ho­ben. Kurz dar­auf beschloss die Regie­rung das Nord­ame­ri­ka­ni­sche Frei­han­dels­ab­kom­men NAFTA, wel­ches droh­te, den mexi­ka­ni­schen Markt mit bil­li­gen Impor­ten aus den USA zu über­schwem­men und somit die Lebens­grund­la­ge der Urein­woh­ner, wel­che oft­mals in der Land­wirt­schaft beschäf­tigt waren, zu zer­stö­ren.

Die­se bei­den Ereig­nis­se waren die haupt­säch­li­chen Aus­lö­ser dafür, dass sich die EZLN ent­schied, Aus­beu­tung und Ent­eig­nun­gen nicht län­ger wider­stands­los hin­zu­neh­men. Am 1. Janu­ar 1994, dem Tag des Inkraft­tre­tens des Frei­han­dels­ab­kom­mens, erklär­ten die Zapa­tis­tas dem mexi­ka­ni­schen Staat den Krieg und besetz­ten die Rat­häu­ser bedeu­ten­der Städ­te Chia­pas, befrei­ten indi­ge­ne Gefan­ge­ne und leis­te­ten sich Gefech­te mit Mili­tär und Poli­zei. Die­se hat­ten jedoch oft­mals die Über­macht und konn­ten die Auf­stän­di­schen nach eini­gen Tagen wie­der in die länd­li­che­ren Gebie­te und den Dschun­gel zurück­drän­gen. Nach nur zwölf Tagen wur­de am 12. Janu­ar 1994 ein Waf­fen­still­stand ver­ein­bart, rund 300 Per­so­nen muss­ten in die­ser Zeit ihr Leben las­sen. Es began­nen Ver­hand­lun­gen zu einem Frie­dens­ab­kom­men, wel­che jedoch erst im Febru­ar 1996 mit den Abkom­men von San Andrés ein Ergeb­nis her­vor­brach­ten. Durch die­se Abkom­men soll­ten theo­re­tisch indi­ge­ne Rech­te und Selbst­be­stim­mung gesi­chert wer­den, in der Pra­xis hielt sich die mexi­ka­ni­sche Regie­rung aber nicht an die ver­ein­bar­ten Punk­te und hat die­se bis heu­te nicht umge­setzt. Über die Jah­re gab es daher immer wie­der klei­ne­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen dem mexi­ka­ni­schen Mili­tär oder rech­ten, para­mi­li­tä­ri­schen Grup­pie­run­gen und den Zapa­tis­tas, heut­zu­ta­ge ist die Sicher­heits­la­ge nichts­des­to­trotz ziem­lich sta­bil.

Politische Strukturen der autonomen Gebiete

Auch wenn die mexi­ka­ni­sche Regie­rung die zapa­tis­ti­schen Ter­ri­to­ri­en und ihre Selbst­ver­wal­tung bis heu­te nicht aner­kennt, kön­nen die Zapa­tis­tas ein Gebiet von rund 24.403 Qua­drat­ki­lo­me­tern mit unge­fähr 363.583 Ein­woh­nern (2018) für sich bean­spru­chen. In die­sem wird eine anti-hier­ar­chi­sche und basis­de­mo­kra­ti­sche Gesell­schaft auf­ge­baut, wel­che auf kol­lek­ti­vem Eigen­tum und der Befrei­ung der Frau basiert. Auf poli­ti­scher Ebe­ne orga­ni­sie­ren sich die Zapa­tis­tas föde­ra­lis­tisch: Unters­tes Glied der poli­ti­schen Struk­tu­ren sind die Volks­ver­samm­lun­gen der ein­zel­nen Gemein­den, in wel­chen die All­ge­mein­heit betref­fen­de Ange­le­gen­hei­ten sowie per­sön­li­che Anlie­gen ein­zel­ner Bewoh­ner dis­ku­tiert und basis­de­mo­kra­tisch Beschlüs­se gefasst wer­den. Jede Per­son ab dem Alter von zwölf Jah­ren ist stimm­be­rech­tigt und kann sich in die demo­kra­ti­schen Pro­zes­se ein­brin­gen. Die­se unter­schied­li­chen Volks­ver­samm­lun­gen schlie­ßen sich zu auto­no­men Kom­mu­nen zusam­men, wel­che nach den glei­chen Prin­zi­pi­en funk­tio­nie­ren und sich wie­der­um zu Regio­nen föde­rie­ren. Es gibt fünf die­ser Regio­nen, auch „Cara­co­les“, wört­lich über­setzt „Schne­cken­häu­ser“ genannt, wel­che größ­ten­teils unab­hän­gig von­ein­an­der agie­ren und durch die „Jun­tas der Guten Regie­rung“ ver­wal­tet wer­den. Die­se stel­len das obers­te Regie­rungs­or­gan der zapa­tis­ti­schen Gebie­te dar und set­zen sich aus den in den ein­zel­nen auto­no­men Kom­mu­nen für drei Jah­re gewähl­ten Ver­tre­tern zusam­men. Im Gegen­satz zu dem in west­li­chen Staa­ten vor­herr­schen­dem Ver­ständ­nis von Demo­kra­tie kön­nen die­se Ver­tre­ter, wenn sie ein­mal gewählt sind, jedoch nicht ein­fach tun und las­sen, was sie wol­len: Sie sind direkt von ihrer Basis abhän­gig und unter­lie­gen dem Prin­zip des gehor­chen­den Regie­rens. Das bedeu­tet, dass wer intrans­pa­rent oder nicht im Sin­ne der Kom­mu­ne han­delt, zu jeder Zeit wie­der abge­wählt wer­den kann, ganz nach dem Prin­zip „Aquí man­da el Pue­blo y el Gobier­no Obede­ce“, zu Deutsch „Hier befiehlt das Volk und die Regie­rung gehorcht“. Dar­über hin­aus rotie­ren alle Amts­trä­ger regel­mä­ßig und tau­schen ihre Zustän­dig­keits­ge­bie­te aus, damit nie­mand zu lan­ge eine gewis­se Macht­po­si­ti­on inne hat und alle auf den unter­schied­li­chen Gebie­ten Kom­pe­ten­zen erwer­ben, um somit einen mög­lichst pro­duk­ti­ven Aus­tausch unter­ein­an­der zu gewähr­leis­ten.

Der Aufbau einer demokratischen Wirtschaft

Die Eta­blie­rung basis­de­mo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en bleibt jedoch nicht auf die poli­ti­schen Struk­tu­ren der auto­no­men Gebie­te beschränkt. Das Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln wur­de abge­schafft und sämt­li­ches Land in kol­lek­ti­ves Eigen­tum über­führt. Die Wirt­schaft setzt sich aus unter­schied­li­chen Koope­ra­ti­ven zusam­men, wel­che ihre Pro­duk­ti­on demo­kra­tisch orga­ni­sie­ren und kei­ne hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren zulas­sen. Somit kann gewähr­leis­tet wer­den, dass jeder über die Erträ­ge sei­ner Arbeit ver­fü­gen kann und die­se sich nicht von einer exter­nen Per­son ange­eig­net wer­den. Dabei wird vor allem für die eige­ne Bevöl­ke­rung und den mexi­ka­ni­schen Markt pro­du­ziert, es wer­den jedoch auch Waren im Wert von rund 44 Mil­lio­nen Dol­lar jähr­lich ins Aus­land expor­tiert. Den durch zapa­tis­ti­sche Koope­ra­ti­ven pro­du­zier­ten Kaf­fee kann man auch in Deutsch­land erwer­ben.

Gesellschaftliche Errungenschaften

Über den Auf­bau einer pro­gres­si­ven Gesell­schaft hin­aus konn­te die zapa­tis­ti­sche Selbst­ver­wal­tung aber auch im All­tag der Men­schen vie­le posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen bewir­ken. So füh­ren die Zapa­tis­tas Hun­der­te von Schu­len, in wel­chen den Schü­lern demo­kra­ti­sche Bil­dung ermög­licht wird. Dies bedeu­tet kon­kret, dass die Schü­ler eine Basis­aus­bil­dung erhal­ten und dar­auf­hin den Unter­richt in den Schu­len selbst mit­or­ga­ni­sie­ren sowie Inhal­te des Lehr­plans mit­be­stim­men kön­nen. Dabei steht es vor allem im Vor­der­grund, den Schü­lern Plu­ra­lis­mus, Kol­lek­ti­vis­mus und Respekt vor der eige­nen Kul­tur und Tra­di­ti­on zu ver­mit­teln, die in der west­li­chen Welt nor­ma­li­sier­te Bewer­tung von Leis­tun­gen durch Noten exis­tiert nicht. Durch die­se Maß­nah­men konn­te das Bil­dungs­ni­veau erhöht und die Analpha­be­ten­ra­te gesenkt wer­den. Dar­über hin­aus wur­de ein uni­ver­sel­les Gesund­heits­sys­tem auf­ge­baut, in wel­chem alle Pati­en­ten gra­tis behan­delt und in vie­len Berei­chen, wie zum Bei­spiel Imp­fun­gen von Kin­dern oder der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung von Schwan­ge­ren, bes­se­re Ergeb­nis­se erzielt wer­den als in Gebie­ten, die durch den mexi­ka­ni­schen Staat ver­wal­tet wer­den. Nur für die Medi­zin­kos­ten muss selbst auf­ge­kom­men wer­den.

Wei­te­re Berei­che, in denen vie­le Pro­jek­te gestar­tet und Fort­schrit­te erreicht wur­den, sind die Öko­lo­gie und die Eman­zi­pa­ti­on der Frau. Durch ein Ver­bot che­mi­scher Dün­ge­mit­tel und Pes­ti­zi­de soll die Umwelt geschützt wer­den. Durch das Auf­fors­ten von Wäl­dern und ver­mehr­ten Tätig­kei­ten von Imkern, wel­che die Bie­nen­po­pu­la­tio­nen wie­der stei­gern sol­len, wer­den die loka­len Öko­sys­te­me gestärkt. Frau­en haben die glei­chen Rech­te wie Män­ner, beklei­den wich­ti­ge Posi­tio­nen, und es wird viel für die Auf­klä­rung über Sexis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung und Frau­en­feind­lich­keit getan sowie den Frau­en Selbst­ver­tei­di­gung bei­gebracht. Soll­te es trotz­dem zu Über­grif­fen oder Miss­brauch kom­men, gibt es für die Täter emp­find­li­che Stra­fen.

Ein Vorbild für die ganze Welt

In den von den Zapa­tis­tas kon­trol­lier­ten Gebie­ten wird auf­ge­zeigt, dass eine bes­se­re und gerech­te­re Gesell­schaft exis­tie­ren kann. Durch die basis­de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren und die kol­lek­ti­ven Eigen­tums­ver­hält­nis­se wird das Mit­be­stim­mungs­recht aller Men­schen gesi­chert und ein men­schen­wür­di­ges Leben für alle mög­lich gemacht. In einem Land, das in den letz­ten Jah­ren vor allem durch die Gewalt und Kri­mi­na­li­tät in Zusam­men­hang mit den Dro­gen­krie­gen sowie grau­sa­me Femi­zi­de inter­na­tio­nal auf sich auf­merk­sam gemacht hat, gibt es Regio­nen, in denen Frau­en ein selbst­be­stimm­tes Leben, größ­ten­teils frei von Gewalt füh­ren kön­nen und die Dro­gen­kar­tel­le kei­nen Ein­fluss haben. Am Bei­spiel der Zapa­tis­tas kön­nen wir auf­zei­gen, wie eine zukünf­ti­ge Gesell­schaft, in der Soli­da­ri­tät und Koope­ra­ti­on anstel­le von Hass und Kon­kur­renz vor­herr­schen­de Wer­te sind, aus­se­hen könn­te.

Read More