[gfp:] Gemeinsam gegen China

„Die Ordnung verteidigen“

Schwer­punkt des ges­tern zu Ende gegan­ge­nen Tref­fens der G7-Außen­mi­nis­ter waren enge­re Abspra­chen für ein gemein­sa­mes Vor­ge­hen gegen Chi­na. Bereits vor­ab hat­te US-Außen­mi­nis­ter Ant­o­ny Blin­ken erklärt, es gehe dar­um, das aktu­el­le Welt­sys­tem – es ist noch über­wie­gend von den west­li­chen Mäch­te geprägt – „auf­recht­zu­er­hal­ten“; soll­te ein Staat wie etwa Chi­na die­ses Sys­tem in Fra­ge stel­len – Blin­ken umschrieb es als „auf inter­na­tio­na­len Regeln basie­ren­de Ord­nung“ -, dann „wer­den wir auf­ste­hen und die Ord­nung verteidigen“.[1] Blin­kens deut­scher Amts­kol­le­ge Hei­ko Maas plä­dier­te dafür, zur Ver­tei­di­gung der „regel­ba­sier­ten Ord­nung“ noch umfas­sen­der als bis­her das The­ma „Men­schen­rech­te“ zu nut­zen: „Fra­gen der Men­schen­rech­te und der Frei­heits­rech­te müs­sen grö­ße­ren Raum bekom­men, wenn es um Chi­na geht“. Mit Blick auf die G7 erklär­te Maas, man kön­ne „Anlie­gen wie Men­schen­rech­te oder Pres­se­frei­heit gegen­über einem Land wie Chi­na viel stär­ker machen …, wenn wir das gemein­sam tun“. In der gest­ri­gen Abschluss­erklä­rung der G7-Außen­mi­nis­ter heißt es ent­spre­chend, man rufe die Volks­re­pu­blik auf, „Men­schen­rech­te und grund­le­gen­de Frei­hei­ten zu ach­ten“; dies gel­te ins­be­son­de­re für die Auto­no­men Regio­nen Xin­jiang und Tibet sowie für die Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne Hongkong.[2]

Verbündete gegen China

Um im Macht­kampf gegen Chi­na Ver­bün­de­te enger an sich zu bin­den, fand das Lon­do­ner Tref­fen der G7-Außen­mi­nis­ter in erwei­ter­tem For­mat statt. Ange­reist waren Dele­ga­tio­nen aus Indi­en, Aus­tra­li­en und Süd­ko­rea; Ver­tre­ter die­ser drei Staa­ten sind außer­dem zum G7-Gip­fel vom 11. bis zum 13. Juni in Corn­wall ein­ge­la­den. Damit waren in Lon­don alle vier Mit­glie­der des „Quad“-Formats („Qua­dri­la­te­ral Secu­ri­ty Dia­lo­gue“) prä­sent (USA, Japan, Aus­tra­li­en, Indi­en), das sich in der Asi­en-Pazi­fik-Regi­on sys­te­ma­tisch gegen Chi­na in Stel­lung bringt, gemein­sa­me mili­tä­ri­sche Manö­ver inklusive.[3] Die Über­schnei­dung erleich­tert es, die Poli­tik des Quad mit der­je­ni­gen der G7 zu ver­zah­nen. Am Tref­fen der G7-Außen­mi­nis­ter nah­men zudem Ver­tre­ter Süd­afri­kas sowie Bru­nei Darus­sa­lams teil. Bru­nei hat der­zeit den Vor­sitz in dem süd­ost­asia­ti­schen Staa­ten­bund ASEAN inne und war in die­ser Funk­ti­on in die bri­ti­sche Haupt­stadt ein­ge­la­den wor­den. An einer enge­ren Zusam­men­ar­beit mit ASEAN sind die G7 beson­ders inter­es­siert, weil Chi­na in allen Mit­glied­staa­ten des Bünd­nis­ses wirt­schaft­lich star­ken Ein­fluss hat und ASEAN sich nicht zuletzt des­halb nach Kräf­ten wei­gert, sich im Macht­kampf des Wes­tens gegen Bei­jing auf die Sei­te der Staa­ten Euro­pas und Nord­ame­ri­kas zu schlagen.[4]

„Angebote zur Zusammenarbeit“

Zu den Vor­ha­ben, auf die sich die G7-Außen­mi­nis­ter in Lon­don einig­ten, gehört es, in Zukunft stär­ke­re Tätig­kei­ten als bis­her in den ärme­ren Län­dern Afri­kas, Latein­ame­ri­kas und Süd­ost­eu­ro­pas zu ent­fal­ten. In vie­len die­ser Län­der, die jahre‑, teils jahr­zehn­te­lang vom Wes­ten ver­nach­läs­sigt wur­den, hat Chi­na in den ver­gan­ge­nen Jah­ren spür­bar an Ein­fluss gewon­nen. Als Bei­spie­le kön­nen diver­se Län­der Afri­kas die­nen, in denen die Volks­re­pu­blik bei­spiels­wei­se den Auf- und Aus­bau der Infra­struk­tur unter­stützt [5], oder auch Staa­ten wie Ser­bi­en, wo chi­ne­si­sche Kon­zer­ne etwa die Bahn­stre­cke aus Bel­grad nach Buda­pest aus­bau­en und in die Indus­trie inves­tie­ren [6]. „Wir wol­len uns viel inten­si­ver damit aus­ein­an­der­set­zen“, sag­te Maas, „inwie­weit Chi­na sei­ne wirt­schaft­li­che Macht nutzt, um sei­nen geo­stra­te­gi­schen Ein­fluss über­all auf der Welt aus­zu­deh­nen“: „Dem wol­len wir etwas ent­ge­gen­set­zen.“ So wol­le man Län­dern, in denen die Volks­re­pu­blik zuletzt grö­ße­ren Ein­fluss gewon­nen habe, „Ange­bo­te zur Zusam­men­ar­beit“ machen.[7] Was dies kon­kret bedeu­ten soll, blieb offen. Die Bun­des­re­gie­rung hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren diver­se Ein­flus­s­in­itia­ti­ven etwa in Afri­ka oder auch in Süd­ost­eu­ro­pa gestar­tet (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [8]), frei­lich ohne dabei nen­nens­wer­te Fort­schrit­te zu erzie­len.

Keine Patentfreigabe

Dar­über hin­aus kün­dig­ten die G7-Außen­mi­nis­ter an, den Kampf gegen die Covid-19-Pan­de­mie stär­ker zu unter­stüt­zen. Dazu wol­len die G7-Staa­ten enger mit Impf­stoff­pro­du­zen­ten koope­rie­ren. Kon­kre­te Zusa­gen, wie die glo­ba­le Vak­zin­her­stel­lung aus­ge­wei­tet wer­den soll, um vor allem auch ärme­ren Staa­ten die drin­gend nöti­gen Impf­kam­pa­gnen zu ermög­li­chen, blie­ben jedoch aus; ins­be­son­de­re wei­ger­ten sich die G7-Minis­ter – dar­un­ter Hei­ko Maas – erneut, die Impf­stoff­pa­ten­te zumin­dest für die Dau­er der Pan­de­mie frei­zu­ge­ben. Schät­zun­gen zufol­ge wer­den aktu­ell nicht ein­mal 50 Pro­zent aller welt­weit ver­füg­ba­ren Kapa­zi­tä­ten für die Impf­stoff­her­stel­lung genutzt, da die Vak­zi­ne patent­ge­schützt blei­ben, um eini­gen weni­gen Phar­ma­kon­zer­nen, dar­un­ter Bio­N­Tech und Pfi­zer [9], hohe Pro­fi­te zu ermög­li­chen. Bis vor kur­zem hat­te Indi­en, wo meh­re­re gro­ße Impf­stoff­her­stel­ler ange­sie­delt sind, Vakzin­do­sen in gro­ßer Zahl an ärme­re Län­der ver­kauft – mit dem erklär­ten Ziel, dort dem eben­falls Impf­stof­fe lie­fern­den Chi­na das Was­ser abzu­gra­ben. Dafür hat­te es auch die Unter­stüt­zung des Quad-Bünd­nis­ses erhal­ten. Da Indi­en aber nun selbst in der zwei­ten Wel­le der Pan­de­mie ver­sinkt, hat New Delhi Impf­stoff­ex­por­te unter­sagt; die bis­lang von Indi­en belie­fer­ten Län­der erhal­ten nun, sofern Chi­na und Russ­land nicht ein­sprin­gen, kei­nen Nach­schub mehr.

„Negativ, bösartig, heimtückisch“

Nicht zuletzt haben die G7-Außen­mi­nis­ter scharf gegen Mos­kau Posi­ti­on bezo­gen. Sie sei­en „zutiefst besorgt“, das „nega­ti­ve Mus­ter von Russ­lands unver­ant­wort­li­chem und desta­bi­li­sie­ren­dem Ver­hal­ten“ kön­ne andau­ern, heißt es in der Abschluss­erklä­rung; kri­ti­siert wer­den neben rus­si­schen Trup­pen­be­we­gun­gen auf rus­si­schem Ter­ri­to­ri­um nicht näher prä­zi­sier­te „bös­ar­ti­ge Akti­vi­tä­ten“, die dar­auf ziel­ten, „die demo­kra­ti­schen Sys­te­me ande­rer Län­der zu unter­mi­nie­ren“, dar­über hin­aus „heim­tü­cki­sche Cyber­ak­ti­vi­tä­ten und der Gebrauch von Desinformation“.[10] Die G7 wür­den ihre „kol­lek­ti­ven Fähig­kei­ten und die­je­ni­gen unse­rer Part­ner stär­ken, um dem rus­si­schen Ver­hal­ten, das die regel­ba­sier­te inter­na­tio­na­le Ord­nung bedroht, ent­ge­gen­zu­tre­ten und es abzu­schre­cken“. Zudem wen­den sich die G7-Außen­mi­nis­ter in einer sepa­ra­ten Erklä­rung expli­zit gegen „Des­in­for­ma­ti­on“, „Wahl­ein­mi­schung“ und die „Beein­träch­ti­gung grund­le­gen­der Frei­hei­ten und Menschenrechte“.[11] Die Erklä­rung ist erkenn­bar auf Russ­land gemünzt und lässt sich als Grund­la­ge für künf­ti­ge Aggres­sio­nen gegen Mos­kau nut­zen.

[1] G7 mel­den sich mit Kampf­an­sa­ge an Chi­na zurück. n‑tv.de 04.05.2021.

[2] G7 For­eign and Deve­lo­p­ment Minis­ters’ Mee­ting Com­mu­ni­qué. Lon­don, May 5, 2021.

[3] S. dazu Manö­ver in Ost­asi­en.

[4] S. auch Deutsch­land im Indo-Pazi­fik (V).

[5] S. auch Ein­fluss­kampf um Afri­ka (II).

[6] S. dazu Die Impf­stoff­di­plo­ma­tie der EU.

[7] G7 mel­den sich mit Kampf­an­sa­ge an Chi­na zurück. n‑tv.de 04.05.2021.

[8] S. dazu Ein­fluss­kampf um Afri­ka und Auf­hol­jagd in Afri­ka.

[9] S. dazu Sauer­stoff­ge­rä­te statt Impf­stoff­pa­ten­te.

[10] G7 For­eign and Deve­lo­p­ment Minis­ters’ Mee­ting Com­mu­ni­qué. Lon­don, May 5, 2021.

[11] Defen­ding Demo­cra­cy from For­eign Thre­ats and Cham­pio­ning Shared Values. Lon­don, May 5, 2021.

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