[GWR:] Antifa ist Kopfarbeit

Nichts soll in „Und mor­gen die gan­ze Welt“ über­in­sze­niert wir­ken, nichts arti­fi­zi­ell, die Regis­seu­rin ver­zich­tet weit­ge­hend auf Farb­fil­ter und Score, so erin­nert der Film ästhe­tisch fast an einen Doku­men­tar­film inklu­si­ve der obli­ga­to­ri­schen Wackel­ka­me­ra.

Trotz aller for­ma­ler Bemü­hun­gen will das mit der links-alter­na­ti­ven Authen­ti­zi­tät aber nicht recht hin­hau­en und es ist schon wirk­lich erstaun­lich, dass von Heinz, die ja angibt, in die­sem Film ihre eige­ne Anti­fa-Ver­gan­gen­heit auf­zu­ar­bei­ten, offen­bar wäh­rend die­ser nichts davon mit­be­kom­men hat, dass links-alter­na­ti­ves Enga­ge­ment zu einem Groß­teil in poli­ti­scher Bil­dung und Dis­kurs einer­seits und täti­ger sozia­ler Hil­fe ande­rer­seits besteht. Und wer mal ein auto­no­mes Zen­trum von innen gese­hen hat, weiß bei­spiels­wei­se auch, dass die lin­ke Sze­ne durch­aus kei­ne beson­ders jugend­li­che ist, son­dern hier alle Genera­tio­nen ver­tre­ten sind, auch vie­le älte­re. In „Und mor­gen die gan­ze Welt“ sehen wir statt­des­sen eine wild fei­ern­de und vögeln­de Grup­pe jun­ger Student:innen, die zwi­schen „Neonschwarz“-Konzert, Koks­hin­ter­zim­mer und Kampf­trai­ning im selbst ein­ge­rich­te­ten Fit­ness­stu­dio Nazis angreift, deren Autos zer­stört und in einen wil­den Räu­ber­pis­to­len-Plot gerät.

Von Heinz lässt kei­ne Zwei­fel dar­an, wo sie steht und dass sie nichts von Huf­ei­sen­theo­rien hält und die­ses Insis­tie­ren dar­auf ist auch über­zeu­gend insze­niert.

Dazwi­schen ent­glei­tet der Regis­seu­rin die Mög­lich­keit, so etwas wie Erkennt­nis hin­sicht­lich ihrer fil­misch auf­ge­wor­fe­nen, durch­aus wich­ti­gen Fra­gen erlan­gen zu kön­nen, wes­halb auch die Figu­ren kli­schee­haft, die gezeig­ten Vor­gän­ge unwahr­schein­lich und die gan­ze Aus­ein­an­der­set­zung ober­fläch­lich wir­ken. Kei­ne bra­ve Stu­den­tin aus gut­bür­ger­li­chem Haus wie die Prot­ago­nis­tin Lui­sa (Mala Emde) wird sich mit Nazisch­lä­gern anle­gen, weil ihr von einer Freun­din ein voll­ge­stell­tes Hin­ter­zim­mer in einer Par­ty-WG ange­bo­ten wird. Lin­kes Enga­ge­ment, ins­be­son­de­re anti­fa­schis­ti­sches, grün­det nicht in ers­ter Linie „auf einem Lebens­ge­fühl“, son­dern auf poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen und die fal­len nicht vom Him­mel, son­dern ent­sprin­gen intel­lek­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen, Refle­xio­nen, Ana­ly­sen. Wäre es anders, dann wäre der berühm­tes­te aller Klein­bür­ger­ka­len­der­sprü­che, wonach kein Herz habe, wer in der Jugend nicht links sei, jedoch kei­nen Ver­stand, wer das spä­ter nicht able­ge, nicht so quat­schig wie er ist.

Von Heinz zitiert die­sen Spruch in einer Sze­ne, in der der Schla­mas­sel, in dem der Film steckt, sicht­bar wird. Denn der spieß­bür­ger­li­che Vater der Prot­ago­nis­tin Lui­sa spricht genau die­sen Dumm­satz, ohne dass irgend­ei­ne Reak­ti­on sei­ner Toch­ter dar­auf fol­gen wür­de. Statt­des­sen schmiegt sie sich an ihn und bit­tet ihn, sein Auto lei­hen zu dür­fen. Für die Figur Lui­sa mag sol­ches Ver­hal­ten plau­si­bel sein, in der von dem Film for­mal ver­zwei­felt beschwo­re­nen wirk­lich ech­ten Rea­li­tät wür­de eine Akti­vis­tin, die bereit ist, gefähr­li­che direk­te Aktio­nen durch­zu­füh­ren und sich mit ech­ten Nazisch­lä­gern anzu­le­gen, dem Spie­ßer­arsch etwas hus­ten und auf des­sen Bon­zen­au­to schei­ßen, Samen­ge­ber hin oder her. Das kann von Heinz´ Prot­ago­nis­tin aber nicht, dafür hät­te man sie als in ers­ter Linie poli­tisch moti­vier­te und ernst­haft poli­ti­sier­te Figur ent­wi­ckeln müs­sen. Dann wäre auch klar gewor­den, dass der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen links und rechts ein poli­ti­scher Kon­flikt zugrun­de­liegt, der letzt­lich dar­auf zurück­zu­füh­ren ist, ob man (feti­schis­ti­sche) Herr­schafts­for­men wie das kapi­ta­lis­ti­sche Regime des „auto­ma­ti­schen Sub­jekts“, die immer gewalt­sam abge­si­chert wer­den müs­sen und die Mög­lich­keit faschis­ti­scher Macht­über­nah­men in sich tra­gen, affir­miert, oder sie durch eine bewuss­te, frei­heit­li­che Ver­ge­sell­schaf­tung und eine Öko­no­mie mit demo­kra­tisch kon­trol­lier­ten Pro­duk­ti­ons­mit­teln erset­zen will. Dann hät­te auch klar wer­den kön­nen, dass die gesell­schaft­li­chen Front­li­ni­en nicht eine „poli­ti­sche Mit­te“ von Links- und Rechts­ra­di­ka­len tren­nen, son­dern der Faschis­mus eine Extrem­form kapi­ta­lis­ti­scher Aus­beu­tung ist und der „bür­ger­li­chen Mit­te“ ent­springt. Dann hät­te klar wer­den kön­nen, dass es bei lin­ken Kämp­fen um einen Kon­flikt ums Gan­ze geht und nicht um das schlech­te Gewis­sen sozi­al­ro­man­ti­sier­ter Bür­ger­kin­der.

UND MORGEN DIE GANZE WELT – Kino­trai­ler from THE SCREENERS on Vimeo.

Der Zusam­men­hang ent­geht dem Film aber weit­ge­hend.

Lui­sa kommt in das oben beschrie­be­ne lin­ke Wohn­pro­jekt, schließt sich bald anti­fa­schis­ti­schen Aktio­nen an, erlebt auf einer Demo (sexua­li­sier­te) Gewalt, wird von dem Andre­as Baa­der-Ver­schnitt Alfa (der jun­ge Mann, gespielt von Noah Saa­ve­dra, heißt im Film wirk­lich so) vor einem wei­ter­ge­hen­den Über­griff eines Nazisch­lä­gers bewahrt und kann dabei ein Akti­ons­han­dy der Rech­ten klau­en, wodurch die Grup­pe Infor­ma­tio­nen über einen bevor­ste­hen­den rech­ten Pogrom erhält, den es nun zu ver­hin­dern gilt. Sie ver­fol­gen die Nazis, fin­den in deren Unter­schlupf Spreng­stoff, ent­wen­den die­sen und gera­ten – offen­bar gehör­te das Dyna­mit V‑Leuten des Ver­fas­sungs­schut­zes – ins Visier des staat­li­chen Repres­si­ons­ap­pa­ra­tes. Bald ste­hen exis­ten­zi­el­le Fra­gen für die eige­ne Kar­rie­re­pla­nung auf dem Pro­gramm.

Auch wenn das eigent­li­che Anlie­gen des Films wie gesagt dar­an schei­tert, dass er radi­kal lin­kes Enga­ge­ment nicht nach­voll­zieh­bar als radi­kal poli­ti­sches moti­viert, bekommt der Film im drit­ten Akt in man­cher Hin­sicht doch die Kur­ve.

Lui­sa gerät in einen rech­ten Lie­der­abend zwi­schen eine Hor­de Nazis, die, wo sie sich unter sich wäh­nen, gemein­sam ihr Lieb­lings­lied schmet­tern: „Das ist kein Mensch, das ist ein Jud, frag nicht lang nach, mach ihn kaputt“ und in einer ande­ren Zei­le über Schwar­ze: „Das ist kein Mensch, das ist ein Aff, denk nicht lang nach, mach ein­fach baff“, wobei die fei­nen Her­ren­men­schen auf das „baff“ joh­lend Schlä­ge und Kopf­stö­ße simu­lie­ren. Dage­gen schnei­det von Heinz ein paar Minu­ten spä­ter das lin­ke „Neonschwarz“-Konzert mit einem Song, in dem die Band über Frei­räu­me, Soli­da­ri­tät und sogar die Eigen­tums­fra­ge singt und Men­schen mit­ein­an­der tan­zen und fei­ern. Bis sie von der Poli­zei gewalt­sam abge­räumt wer­den. Von Heinz lässt also kei­ne Zwei­fel dar­an, wo sie steht und dass sie nichts von Huf­ei­sen­theo­rien hält und die­ses Insis­tie­ren dar­auf ist auch über­zeu­gend insze­niert.

Genau­so die Dis­kus­sio­nen um die Gewalt­fra­ge. Die Men­schen, die hier über Gewalt dis­ku­tie­ren, sind füh­len­de, sen­si­ble, ganz und gar nicht gewalt­tä­ti­ge Figu­ren, aus­drück­lich auch Alfa, der, obwohl ihm die gewalt­sa­men Aktio­nen sicht­lich auch Spaß und Adre­na­lin­kick berei­ten, durch­aus kein Schlä­ger ist. Sie wol­len auch kei­ne Gewalt anwen­den, sehen sich aber aus ver­schie­de­nen Grün­den dazu gezwun­gen, wägen Vor- und Nach­tei­le ab und strei­ten dar­über. In die­ser Fra­ge sind die Figu­ren auch plau­si­bel, denn um die­ses Han­deln zu erklä­ren, genügt es, zunächst klar­zu­ma­chen, dass sie in ihrer klein­bür­ger­li­chen Welt auf ver­ständ­nis­vol­le Eltern gesto­ßen, in einem gewalt­frei­en, zuge­neig­ten Umfeld auf­ge­wach­sen sind und grund­sätz­lich fried­vol­le, zärt­li­che Men­schen sind. Dass sie also dar­über emo­tio­nal dis­ku­tie­ren, ob die Nazis über ihre Gegen­de­mos „nur lachen“ und man des­halb zu ande­ren Akti­ons­for­men grei­fen soll­te und zu wel­chen, ist gut ver­ständ­lich und die­se viel zu sel­te­nen Sze­nen gehö­ren zu den stärks­ten des Films.

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