[LCM:] Repression in Berlin: Eine Woche nach der 1. Mai-Demo werden noch Antworten gesucht

Am ver­gan­ge­nen Sams­tag, demons­trier­ten allein in Ber­lin 8.000 bis 10.000 Men­schen gegen Ras­sis­mus und Nazis in Sicher­heits­be­hör­den; nur eine Demo von vie­len bun­des­weit. Der gro­ße Andrang in der Haupt­stadt lag liegt nicht zuletzt an der Erfah­rung der revo­lu­tio­nä­ren 1. Mai-Demo, die eine Woche zuvor in Ber­lin gewalt­sam auf­ge­löst wor­den war. Die Organisator:innen machen die Poli­zei für die Eska­la­ti­on, die zu Gewalt auf bei­den Sei­ten führ­te, ver­ant­wort­lich.

Mehr als 20.000 Men­schen, von ras­si­fi­zier­ten Jugend­li­chen und migran­ti­schen Arbeiter:innen bis hin zu eher hedo­nis­ti­schen und tech­no-ori­en­tier­ten Demonstrant:innen nah­men die­ses Jahr an der 1. Mai Demo teil. Sie soll­te vom Her­mann­platz durch Neu­kölln bis zum Ora­ni­en­platz in Kreuz­berg lau­fen. Aus­drück­lich hat­ten die die Demo orga­ni­sie­ren­den Grup­pen zu einem fried­li­chen Pro­test und zur Zurück­hal­tung der Poli­zei auf­ge­ru­fen: Da zahl­rei­che PoC und Flin­ta* zu den ers­ten Blö­cken gehör­ten, befürch­te­ten sie eine über­trie­be­ne Poli­zei­ge­walt. “Als PoC haben wir kein Inter­es­se an einer Eska­la­ti­on, da Poli­zei­ge­walt über­pro­por­tio­nal ras­si­fi­zier­te Per­so­nen betrifft”, erklär­te Aicha Jamal.

„Yal­lah Klas­sen­kampf“: Die­ses Jahr wur­de die revo­lu­tio­nä­ren 1. Mai Demo in Ber­lin zum ers­ten Mal von einem Bünd­nis aus Migran­ti­fa, tür­ki­schen, kur­di­schen, sri-lan­ki­schen, perua­ni­schen, kolum­bia­ni­schen, paläs­ti­nen­si­schen und jüdi­schen Grup­pen orga­ni­siert. Die­ses Bünd­nis ver­bün­de­te sich mit den eta­blier­te­ren anti­fa­schis­ti­schen, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Grup­pen. “Kein Klas­sen­kampf ohne Migrant:innen” war ihre Haupt­pa­ro­le. Die Demo dien­te dazu, zu ver­deut­li­chen, wie alle Unter­drü­ckun­gen mit­ein­an­der ver­knüpft sind: „Ras­sis­mus, Patri­ar­chat, Anti­se­mi­tis­mus, Kapi­ta­lis­mus, Kolo­nia­lis­mus, Ren­ten­un­gleich­heit sind alle Teil eines grö­ße­ren Herr­schafts­sys­tems”, so Spre­che­rin Aicha Jamal im Inter­view.

Ein fried­li­cher Ver­lauf

Die Organisator:innenen ver­an­stal­te­ten ab 17h Reden und Musik. Der Her­mann­platz war über­füllt, doch die Poli­zei ver­hin­der­te, dass die Demo wie geplant um 18h star­ten konn­te. Gegen 18.30 Uhr setz­te sich die Demo in Bewe­gung, wur­de aber alle paar hun­dert Meter von der Poli­zei gestoppt, die mit 5.600 Beamt*innen ganz Neu­kölln besetzt hielt – der Ver­kehr war jedoch ent­lang der Demo­rou­te nicht ord­nungs­ge­mäß gesperrt wor­den, wie die Kri­ti­schen Juris­ten der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin in einer Ein­schät­zung berich­ten: “Inso­fern han­del­te die Ein­satz­füh­rung zu die­sem Zeit­punkt bereits unver­ant­wort­lich”, schrie­ben sie.

Fast alle Demonstrant*innen tru­gen Mas­ken, jedoch war es schwer die wegen Infek­ti­ons­schutz vor­ge­schrie­be­nen Min­dest­ab­stän­de ein­zu­hal­ten “ers­tens wegen der gro­ßen Men­ge an Men­schen und zwei­tens, weil die Poli­zei die Demo blo­ckier­te und am Wei­ter­kom­men hin­der­te”, so die kri­ti­schen Jurist*innen. Um 20 Uhr, zwei Stun­den nach anvi­sier­tem Beginn, war die Demo erst einen Kilo­me­ter ent­lang der Karl-Marx-Stra­ße vor­an­ge­kom­men. Die Demoteilnehmer*innen lie­ßen sich davon nicht beein­dru­cken: nach einem Jahr Lock­down und Pan­de­mie war die Stim­mung fast eksta­tisch. Die Rede­bei­trä­ge wur­den mit Applaus beant­wor­tet, vie­le tanz­ten zur lau­ten Live-Musik, und schie­nen sehr glück­lich, sich end­lich wie­der zu tref­fen. Quee­re Palästinenser:innen lie­fen Hand in Hand mit jüdi­scher Anti­fa, kur­di­schen Femi­nis­tin­nen, tami­li­schen Über­le­ben­den und perua­ni­schen Orches­tern mit Slo­gans wie “Inter­sek­tio­na­ler Klas­sen­kampf”, “Deut­sche Woh­nen & Co Ent­eig­nen Jetzt” und “Hanau war kein Ein­zel­fall!”.

Groß, bunt, viel­fäl­tig: Auf der Demo wur­den Kämp­fe zusam­men­ge­führt

Demo nach einem Kilo­me­ter ein­ge­kes­selt

Die ers­ten Blö­cke erreich­ten den U‑Bahnhof Rat­haus Neu­kölln und das benach­bar­te Ein­kaufs­zen­trum “Neu­kölln Arka­den”, bevor sie in die Erk­stra­ße abbo­gen. Nach­dem die ers­ten Blö­cke vor­bei­ge­zo­gen waren, wur­de die Demo vor den Arca­den erneut blo­ckiert, doch dies­mal rück­ten Hun­der­te von Polizist*innen ein und trenn­ten sie. Die offi­zi­el­le Begrün­dung lau­tet, dass der “schwar­ze Block” kei­ne Gesichts­mas­ken getra­gen und die Min­dest­ab­stän­de nicht ein­ge­hal­ten habe, “was ziem­lich absurd erscheint, da der schwar­ze Block immer ver­mummt ist und die sozia­le Distan­zie­rung nicht für alle Demons­tran­ten mög­lich war”, so die Organisator:innen in einer Pres­se­er­klä­rung.

Die ers­ten inter­na­tio­na­lis­ti­schen Blö­cke hiel­ten ein paar hun­dert Meter wei­ter auf der Son­nen­al­lee, wo sie eben­falls auf star­ke Poli­zei­prä­senz tra­fen. Wäh­rend­des­sen wur­de die Demo auf der Karl-Marx-Str. gekes­selt und auf­ge­hal­ten. Die Span­nung stieg, als dut­zen­de von Beam­ten einen Lau­ti stürm­ten und began­nen, klei­ne Grup­pen von Demonstrant*innen ein­zu­krei­sen, um sie zu ver­haf­ten. Die Poli­zei mach­te inten­si­ven Gebrauch von ihren Schlag­stö­cken und Pfef­fer­spray. Sie hat­ten alle angren­zen­den Stra­ßen blo­ckiert und damit eine Flucht bzw. ein Ver­las­sen erschwert. Und wäh­rend die Demonstrant*innen ver­prü­gelt wur­den, lief der Ver­kehr auf der Son­nen­al­lee noch, wie die Kri­ti­schen Beob­ach­ter berich­te­ten.

Der Laut­spre­cher­wa­gen wur­de von der Poli­zei gestürmt

Gewalt gegen Demonstrant:innen und Journalist:innen

Auf der Son­nen­al­le setzt die Poli­zei die­ses aggres­si­ve Auf­tre­ten fort und griff die Demons­tra­ti­on immer wie­der an. Als Reak­ti­on auf die­ses sehr kon­takt­ori­en­tier­te Vor­ge­hen kam es zu zahl­rei­chen Zusam­men­stö­ßen. Demonstrant*innen war­fen Fla­schen und Stei­ne, ver­such­ten Bar­ri­ka­den zu errich­ten und setz­ten einen E‑Roller und einen Müll­ei­mer in Brand. Um 21:30 Uhr wur­de die Demo offi­zi­ell auf­ge­löst, aber die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Poli­zei und Demo dau­er­ten bis etwa 22 Uhr, als die Aus­gangs­sper­re in Kraft trat und vie­le Demonstrant:innen nach Hau­se gin­gen. Eini­ge spo­ra­di­sche Zusam­men­stö­ße hiel­ten bis Mit­ter­nacht an. Dann wur­de eine klei­ne Soli­da­ri­täts­de­mons­tra­ti­on vor der Gefan­ge­nen­sam­mel­stel­le, wo die Ver­haf­te­ten hing­bracht wor­den waren bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den abge­hal­ten.

Fast 400 Demons­tran­ten wur­den ver­haf­tet, aber nur etwa 40 wur­de bis­her tat­säch­lich etwas vor­ge­wor­fen, sodass “90 % der Ver­haf­tun­gen ohne Grund erfolg­ten”, kri­ti­sier­ten die Organisator:innen. 100 Polizeibeamt:innen wur­den am 1. Mai nach Anga­ben der Poli­zei ver­letzt; die Zahl der ver­wun­de­ten Demonstrant:innen wur­de wie immer nicht erfasst, doch die Schät­zun­gen rei­chen von einem Dut­zend bis zu Hun­der­ten. Vie­le wur­den mit Pfef­fer­spray besprüht oder mit Schlag­stö­cken getrof­fen. Aber haupt­säch­lich stieß die Poli­zei Men­schen zu Boden, manch­mal absicht­lich gegen schar­fe Gegen­stän­de und Glas­scher­ben. Eini­ge Demonstrant:innen berich­te­ten, dass sie mit Pfef­fer­spray-Kanis­tern ins Gesicht geschla­gen, in den Geni­tal­be­reich getre­ten oder von hin­ten gesto­ßen wur­den.

Der Autor wur­de selbst von einem Poli­zis­ten und sei­nem Schlag­stock getrof­fen, als er sich vor einem ankom­men­den Angriff zurück­zog. Er hat­te sich, wie auch ein in der Nähe befind­li­ches Fern­seh­team, ein­deu­tig als Pres­se zu erken­nen gege­ben. Vie­le Journalist:innen wur­den von der Poli­zei gewalt­sam zur Sei­te gedrängt, was sie oft dar­an hin­der­te, Auf­nah­men zu machen. Regel­mä­ßig rann­ten Grup­pen von Beamt:innenen auf die Pressemitarbeiter:innen zu, wobei sie weni­ger als ein paar Zen­ti­me­ter Abstand zwi­schen ihnen lie­ßen, und droh­ten dann damit, sie zu schla­gen, wenn die sozia­le Distanz zu ihnen nicht respek­tiert wür­de. Journalist:innen wur­den belei­digt, beschul­digt, “schei­ße im Job” zu sein, und dut­zen­de Male auf­ge­for­dert, nach Hau­se zu gehen, noch bevor die Aus­gangs­sper­re begann. „Die­se Angrif­fe gegen die Pres­se sind im deut­schen Kon­text rela­tiv neu“, wun­der­te sich eine Jour­na­lis­tin, obwohl bei ande­ren revo­lu­tio­nä­ren Demons­tra­tio­nen regel­mä­ßig Fotograf:innen von der Poli­zei ver­letzt wur­den.

Mögen nicht so ger­ne foto­gra­fiert wer­den: Poli­zis­ten bei einer Gewahrsam­nah­me

Eine gewoll­te Eska­la­ti­on?

Die Organisator*innen der Demo und die Kri­ti­schen Jurist*innen berich­te­ten, dass nach 20.30 Uhr die Poli­zei den Kon­takt abge­bro­chen hat­te, “als ob sie ver­schwun­den wären”. Demos von Verschwörungstheoretiker*innen und Coronaleugner*innen oder Neo­na­zi-Demos wur­den wäh­rend der Coro­na­pan­de­mie eskor­tiert und konn­ten fried­lich been­det wer­den, auch wenn die Demonstrant*innen kei­ne Mas­ken tra­gen, anti­se­mi­ti­sche Paro­len rufen und Neo­na­zi-Abzei­chen mit sich füh­ren. Inso­fern ist es unklar, war­um die­se 1. Mai-Demo bereits nach einem Kilo­me­ter unter­drückt wur­de. Der “schwar­ze Block” stand nicht im Vor­der­grund der Demo. “Die offi­zi­el­le Begrün­dung, die Distan­zie­rung nicht ein­ge­hal­ten zu haben, ist offen­sicht­lich nicht mehr als eine Aus­re­de”, so der Vor­wurf der Orga­ni­sa­to­ren.

“Wahr­schein­lich ist, dass die Poli­zei aus meh­re­ren Grün­den eine Eska­la­ti­on geplant hat­te”, schrieb die Migran­ti­fa. Ers­tens bot ihnen die Bau­stel­le rund um die “Neu­kölln Arka­den” einen her­vor­ra­gen­den Angriffs­punkt für eine Art Hin­ter­halt. Zwei­tens wür­den die Zäu­ne und Absper­run­gen den Demons­tran­ten die Mög­lich­keit geben, Bar­ri­ka­den zu errich­ten und damit der Poli­zei einen bes­se­ren Grund zum Ein­schrei­ten geben; die Nähe des Ein­kaufs­zen­trums und der Son­nen­al­lee mach­te die Per­spek­ti­ve von Plün­de­run­gen wahr­schein­li­cher.

Die Poli­zei als poli­ti­scher Akteur

“Indem die Poli­zei den ‚schwar­zen Block‘ iso­lier­te und eine Eska­la­ti­on mit migran­ti­schen Jugend­li­chen such­te, woll­te sie die Bewe­gung spal­ten”, meint die Migran­ti­fa. Eine neu gefun­de­ne Einig­keit zwi­schen anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und migran­ti­schen Demons­tran­ten könn­te ein gefähr­li­cher Prä­ze­denz­fall für alle ande­ren Demons­tra­tio­nen sein. Die Poli­zei ver­such­te durch ihr aggres­si­ves Agie­ren die Demo zu spal­ten, in „gute“ und „böse“ Demonstrant*innen und zukünf­ti­ge Bünd­nis­se zu ver­hin­dern. “Damit trat die Poli­zei als eigen­stän­di­ge poli­ti­sche Akteu­rin in Erschei­nung. Dies ist qua Gesetz, zu des­sen Durch­set­zung sie ver­pflich­tet ist, expli­zit nicht ihre Auf­ga­be”, so die Kri­ti­schen Juris­ten in ihrer abschlie­ßen­den Stel­lung­nah­me: “Das Grund­recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit ist ein hohes Gut, das vor allem die Mög­lich­keit zur Teil­nah­me an der poli­ti­schen Debat­te ermög­li­chen soll. Auch und vor allem auch für die­je­ni­gen, die nicht an par­la­men­ta­ri­schen Debat­ten teil­neh­men kön­nen oder wol­len. Wenn die­se Mög­lich­keit, wie am 1. Mai 2021 in Ber­lin gesche­hen, durch poli­zei­li­che Maß­nah­men unter­bun­den wird, ist dies eine erschre­cken­de Ent­wick­lung”, schrie­ben sie.

# Text und Bil­der: Phil­li­pe Per­not

Der Bei­trag Repres­si­on in Ber­lin: Eine Woche nach der 1. Mai-Demo wer­den noch Ant­wor­ten gesucht erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More