[EMRAWI:] (Gemeinschaftliche) Umgänge mit sexualisierter Gewalt: ein Praxisbeispiel

Klei­nes Abkür­zungs-Lexi­kon

gaP: gewalt­aus­üben­de Per­son

TAG: Trans­for­ma­ti­ve Arbeits­grup­pe

bP: betrof­fe­ne Per­so­nen

bUm­feld: betrof­fe­nes Umfeld

bP‑K: betrof­fe­ne Per­so­nen Kon­takt

TG: Trans­for­ma­ti­ve Gerech­tig­keit

FLINTA*: nicht cis-Män­ner

Die Struk­tur und deren Ent­ste­hung

Die Infor­ma­ti­on, dass von einer Per­son (im Nach­fol­gen­den gaP genannt) sexua­li­sier­te Gewalt aus­ge­übt wur­de, haben ein, zwei Per­so­nen – nach Zustim­mung von den ihnen bekann­ten betrof­fe­nen Per­so­nen – an meh­re­re Leu­te in unse­ren Umfel­dern her­an­ge­tra­gen. Dies war der Start­schuss des Pro­zes­ses, in dem wir jetzt gera­de ver­su­chen die betrof­fe­nen Per­so­nen (bP), sowie das betrof­fe­ne Umfeld (bU) zu unter­stüt­zen und auf der ande­ren Sei­te mit der gaP das Gesche­he­ne auf­zu­ar­bei­ten, sowie das Gan­ze als Lern­pro­zess von allen in unse­rer Com­mu­ni­ty zu sehen und von die­ser nicht abzu­kop­peln.

Nach­dem ver­streut Leu­te davon erfah­ren haben, blieb es lei­der an Ein­zel­per­so­nen (vie­le davon FLINTA*) hän­gen, die Infor­ma­ti­on grö­ßer­flä­chig und über­legt an das per­sön­li­che und poli­ti­sche Umfeld der gaP her­an­zu­tra­gen. Ein trans­pa­ren­ter und sen­si­bler Umgang mit sol­chen Infor­ma­tio­nen soll­te unnö­ti­ge Gerüch­ten vor­beu­gen, Men­schen für die The­ma­tik sen­si­bi­li­sie­ren und dem all­ge­mei­nen, gesell­schaft­li­chen Umgang mit sol­chen Benen­nun­gen ent­ge­gen­wir­ken – näm­lich die gaP nicht durch Ver­schwei­gen der Benen­nun­gen aus ihrer Ver­ant­wor­tung zu zie­hen (Täter*innenschutz bege­hen) und betrof­fe­nen Per­so­nen ihre Erfah­rung nicht abzu­spre­chen, son­dern ihnen glau­ben und sie unter­stüt­zen. Außer­dem war zu dem Zeit­punkt noch völ­lig offen, ob noch mehr Per­so­nen betrof­fen sind bzw. war uns wich­tig, betrof­fe­nen Per­so­nen eine Mög­lich­keit zu geben, Unter­stüt­zung aus der Com­mu­ni­ty zu erfah­ren bzw. sich die Infor­ma­tio­nen zu den Benen­nun­gen ein­zu­ho­len. In die­sem Cha­os und Stress hat es knapp über einen Monat gedau­ert bis sich eine hand­voll Men­schen als Initi­ie­rungs­grup­pe zusam­men­ge­tan haben, um einen Über­blick über die Infor­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be, die Bedürf­nis­se von betrof­fe­nen Per­so­nen und die Situa­ti­on der gaP zu bekom­men. Aus die­ser Grup­pe her­aus wur­de sich eine Grund­struk­tur für einen TG-Pro­zess über­legt, wel­cher von betrof­fe­nen Per­so­nen befür­wor­tet wor­den war, sowie Men­schen für die damit ver­bun­de­nen Auf­ga­ben gesucht. Außer­dem nahm die­se Initi­ie­rungs­grup­pe sich Kom­mu­ni­ka­ti­on mit, Ansprech­bar­keit für und Orga­ni­sie­rung von Tref­fen für die Umfel­der und Betei­lig­ten zur Auf­ga­be. Bei die­sen ers­ten TG-Ple­na, zu denen die gaP expli­zit nicht ein­ge­la­den wur­de, wur­den Infor­ma­tio­nen zu TG gene­rell und zu die­sem Fall spe­zi­ell geteilt, Updates ver­brei­tet, Raum für Fra­gen geöff­net, sowie For­de­run­gen und Bedürf­nis­se aus der Com­mu­ni­ty, ins­be­son­de­re von betrof­fe­nen Per­so­nen, erfragt und ver­sucht die anfal­len­den Auf­ga­ben zu ver­tei­len. Die Suche nach Men­schen für die jewei­li­gen Grup­pen der TG-Arbeit hat meh­re­re Wochen und meh­re­re, zu dem Zeit­punkt wöchent­lich statt­fin­den­de TG-Ple­na gebraucht.

Es wur­de ein Ter­min fest­ge­legt, der auf zwei Mona­te nach Bekannt­wer­den der Gewalt gesetzt wur­de, um den for­ma­len Beginn der TG-Arbeit zu sym­bo­li­sie­ren und die ers­te Initi­ie­rungs- und Infor­mie­ren­pha­se damit klar zu been­den. Ziel die­ses Datums war es auch die Initi­ie­rungs­grup­pe auf­lö­sen zu kön­nen und die Arbeit damit lang­fris­tig auf mehr selbst­ge­wähl­tes als plötz­lich spon­tan not­wen­di­ges Enga­ge­ment zu legen und kei­ne zen­tra­le Anlauf­stel­le in der Struk­tur zu behal­ten, also Hier­ar­chien zu ver­mei­den. Bis zu den Tref­fen wur­de ver­sucht alle poten­zi­ell betrof­fe­nen Per­so­nen und Men­schen in den direk­ten Umfel­dern über die Gewalt­be­nen­nun­gen und Beginn einer Auf­ar­bei­tung zu infor­mie­ren, um even­tu­ell wei­te­re betrof­fe­ne Per­so­nen die Mög­lich­keit zu geben, sich mit For­de­run­gen und Wün­schen an den Pro­zess wen­den zu kön­nen und die Bedürf­nis­se von bP, betrof­fe­nem Umfeld und der Com­mu­ni­ty abzu­klä­ren. Dies erwies sich als wich­ti­ger Schritt, da auf die­se Wei­se wei­te­re betrof­fe­ne Per­so­nen Kon­takt auf­neh­men konn­ten und bP und betrof­fe­nes Umfeld Wün­sche und For­de­run­gen stel­len konn­ten, bevor der Rah­men des Pro­zes­ses kon­kret aus­for­mu­liert wor­den war.

Zu dem Ter­min, an dem der for­ma­le Beginn der TG-Arbeit ange­dacht war, berei­te­te die Initi­ie­rungs­grup­pe ein mode­rier­tes /​medi­ier­tes Gespräch mit fes­ten Ablauf vor. Dabei war das Ziel die bis­her bekann­ten Benen­nun­gen durch bP zusam­men­zu­fas­sen, die For­de­run­gen und Wün­sche von bP und betrof­fe­nem Umfeld zu klä­ren, die Pro­zess-Struk­tur (wel­che Grup­pen gibt es und wie sind deren Auf­ga­ben und Zusam­men­ar­beit struk­tu­riert) zu klä­ren und dann die kon­kre­te Arbeit in den Grup­pen struk­tu­riert mit fes­ten Abspra­chen zu begin­nen. Der gro­be Ablauf des Gesprä­ches ist im Anhang an die­sen Text und auf archi​ve​.org [https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​i​n​i​t​i​i​e​r​u​n​g​s​t​r​e​f​f​e​n​-​a​b​l​auf].

An dem Tref­fen nah­men Men­schen teil, die sich die Arbeit mit der gaP vor­stel­len konn­ten, Men­schen, die sich zur Inter­vi­si­ons­grup­pe (spä­ter erklärt) zusam­men­schlos­sen, eine Ansprech­per­son für die Com­mun­tiy-Arbeit und die gaP selbst. Dabei waren vor dem Tref­fen die aktu­el­len Benen­nun­gen, For­de­run­gen und Wün­sche von betrof­fe­nen Per­so­nen und Umfeld – vom gera­de ent­ste­hen­den betrof­fe­ne Per­so­nen-Kon­takt zusam­men­ge­tra­gen – ein­ge­holt wor­den und der Ver­lauf des Tref­fens abge­klärt. Bei dem Tref­fen wur­den auch die Zie­le und Ideen der gaP für den TG-Pro­zess, sowie deren Ver­si­on der Benen­nun­gen pro­to­kol­liert, um damit spä­ter in der Auf­ar­bei­tung eine Basis zu haben.

Auch als die Struk­tur dann grob stand, war es sehr viel Orga­ni­sa­to­ri­sches zu klä­ren, ehe inhalt­lich in dem Pro­zess gear­bei­tet wer­den konn­te.

Im Zen­trum des Pro­zes­sen ste­hen drei Grup­pen, wäh­rend es aber auch noch meh­re­re wei­te­re Grup­pen dar­um her­um gibt:

1. Ein­mal gibt es die „bP-Kontakt“-Gruppe (bP‑K), wel­che mit den betrof­fe­nen Per­so­nen und dem betrof­fen Umfeld im Aus­tausch steht und die deren For­de­run­gen und Wün­sche in den Pro­zess trägt und Feed­back aus Per­spek­ti­ve der betrof­fe­nen Per­so­nen an die Arbeit der „Trans­for­ma­ti­ve Arbeits Grup­pe“ (TAG) wei­ter­lei­tet.

2. Dann gibt es die „Trans­for­ma­ti­ve Arbeits Grup­pe“ (TAG), wel­che mit der gaP die Fäl­le sexua­li­sier­ter Gewalt auf­ar­bei­tet und guckt, dass Abspra­chen ein­ge­hal­ten wer­den und die außer­dem die Per­spe­ki­ve der gaP in dem Pro­zess ver­tre­ten, also z.B. inwie­weit es funk­tio­nie­ren kann, dass die gaP wei­ter ein Teil der Gemein­schaft blei­ben kann, wäh­rend die Bedürf­nis­se von betrof­fe­nen Per­so­nen respek­tiert wer­den. Außer­dem reflek­tiert die TAG mit der gaP deren Ver­hal­tens­mus­ter, damit in Zukunft kei­ne Grenz­über­schrei­tun­gen mehr statt­fin­den.

3. Die drit­te Haupt­grup­pe in dem Pro­zess ist die „Inter­vi­si­on“ (Inter­vis), wel­che sich irgend­wo in der Mit­te zwi­schen allen Grup­pen ver­steht und ver­sucht den Über­blick zu behal­ten, den Pro­zess gene­rell zu reflek­tie­ren, sich mehr in ver­schie­de­ne Span­nungs­fel­der von TG rein zu arbei­ten und die gewon­ne­nen Erkennt­nis­se in den Pro­zess rein zu tra­gen, sowie zu ver­su­chen die Gemein­schaft drum her­um nicht aus den Augen zu ver­lie­ren und mit regel­mä­ßi­gen TG-Ple­na den Pro­zess so trans­pa­rent wie mög­lich zu gestal­ten. Auch ver­netzt sich die Inter­vis mit ande­ren Grup­pen, die zu TG arbei­ten und schaut, wie das The­ma mehr in die Gesell­schaft gene­rell getra­gen wer­den kann.

Inter­vi­si­on ist ange­lehnt an Super­vi­si­on, aber weni­ger hier­ar­chisch gedacht (super = von oben). Super­vi­si­on wird in der Psy­cho­lo­gie und in Orga­ni­sa­tio­nen ver­wen­det, um gegen­sei­ti­ge (fach­li­che) Bera­tung, Klä­rung von Kon­flik­ten, Reflek­ti­on und The­ma­ti­sie­rung von zwi­schen­mensch­li­chen Dyna­mi­ken zu ermög­li­chen. Wir benut­zen den Begriff Inter­vi­si­on für eine Grup­pe, die inner­halb des TG Pro­zes­ses Raum bie­ten soll, um regel­mä­ßig im Pro­zess einen Blick über den Tel­ler­rand zu erlan­gen, eine inter­sek­tio­na­le femi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ve nicht aus den Augen zu ver­lie­ren und inner­halb der Betei­lig­ten Dyna­mi­ken, Care-Bedürf­nis­se und Arbeits­ver­tei­lung, etc. sicht­bar und besprech­bar zu machen. Kon­kret pas­siert das in regel­mä­ßi­gen Tref­fen mit der TAG und bP-Kon­takt, bei denen gemein­sam das aktu­el­le Gesche­hen bespro­chen wird und län­ger­fris­ti­ge Zie­le ent­wi­ckelt und geprüft wer­den. Zudem kann inhalt­li­chen Dis­kus­sio­nen Raum gege­ben wer­den und even­tu­ell ent­ste­hen­de Pro­ble­me (Über­ar­bei­tung, Über­fo­kus­sie­rung auf gaP, bP Ver­nach­lä­si­gung, …) gemein­sam bespro­chen und nach Umgän­gen und Lösun­gen gesucht wer­den.

Drum her­um gibt es dann noch eine Soli­grup­pe für die bP-Per­spek­ti­ve, wel­che betrof­fe­ne Per­so­nen und den bP-Kon­takt bei Bedarf mit Emo- und Care-Arbeit unter­stützt, außer­dem eine gene­rel­le Soli­grup­pe, wel­che den Pro­zess z.B. dadurch unter­stützt, indem bei Ple­na von ein­zel­nen Grup­pen Essen gekocht wird, Räu­me orga­ni­siert wer­den, etc. und somit der Pro­zess gemein­schaft­li­cher mit­ge­tra­gen wer­den kann, auch wenn viel­leicht nicht alle Lust haben sich inhalt­lich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Außer­dem gibt es eine soli­da­ri­sche Orga­ni­sie­rung von cis Män­nern, bei der auch die gaP ein Teil der Grup­pe ist und die sich kri­tisch mit ihrer eige­nen Männ­lich­keit und patri­ar­cha­len Sozia­li­sie­rung aus­ein­an­der­set­zen. Da es in die­sem kon­kre­ten Bei­spiel auch betrof­fe­ne Per­so­nen an einem ande­ren Ort gibt, gibt es an die­sem ande­ren Ort außer­dem eine infor­mel­le Struk­tur, die betrof­fe­ne Per­so­nen unter­stützt und eine Grup­pe, die sich mit an die­sem Ort erfolg­ten Täter*innenschutz aus­ein­an­der­setzt.

Bei der Ent­ste­hung des TG-Pro­zes­ses und der Ent­wick­lung der Struk­tur stan­den und ste­hen für uns eine Zen­trie­rung betrof­fe­ner Per­so­nen im Fokus. Dies gilt auch für die inhalt­li­che Arbeit. Dabei bie­ten uns die Kon­zep­te Defi­ni­ti­ons­macht und Hand­lungs­macht zwei grund­sätz­li­che Werk­zeu­ge, an denen wir uns in der all­täg­li­chen Arbeit ori­en­tie­ren.



Wir arbei­ten nicht nur mit Defi­ni­ti­ons­macht – betrof­fe­ne Per­so­nen zen­triert und herr­schafts­kri­tisch arbei­ten

Unser kol­lek­ti­ver Umgang mit sexua­li­sier­ter Gewalt ist zual­ler­erst auf betrof­fe­ne Per­so­nen und ihre Per­spek­ti­ve aus­ge­rich­tet. Das heißt, dass wir die Defi­ni­ti­on betrof­fe­ner Per­so­nen zu dem, was die­se als Grenz­über­schrei­tung, sexua­li­sier­te Gewalt etc. erlebt haben, nicht hin­ter­fra­gen, anzwei­feln oder bagatellisieren/​kleinreden. Das heißt auch, dass ob du betrof­fen bist oder nicht, du allein ent­schei­dest. Die­se Defi­ni­ti­ons­macht (Def­Ma) spielt eine wich­ti­ge Rol­le in der Auf­ar­bei­tung der Gewalt­hand­lun­gen der gewalt­aus­üben­den Per­son in der TAG, aber ist auch ein femi­nis­ti­scher Grund­pfei­ler, der Ent­schei­dun­gen und Prio­ri­tä­ten in unse­rem TG-Pro­zess gene­rell prägt. Das Kon­zept wur­de in jahrz­en­te­lan­gen femi­nis­ti­schen Kämp­fen als Ant­wort auf Rape Cul­tu­re und dem Anzwei­feln und Nicht-Zuhö­ren gegen­über betrof­fe­nen Per­so­nen, ent­wi­ckelt und ist daher eine wich­ti­ge soli­da­ri­sche Ant­wort im Umgang mit vor allem sexua­li­sier­ter und inti­mer Gewalt.

Doch aus die­sem Kon­zept folgt noch mehr, denn wenn betrof­fe­ne Per­so­nen eine Grenz­über­schrei­tung benannt haben (Def­Ma), besit­zen sie auch eine Hand­lungs­macht (HaMa). Das soll den Umgang mit Kon­se­quen­zen eines sexua­li­sier­ten Über­griffs beschrei­ben, bei dem bP z.B. von der gaP for­dern kön­nen, kei­nen Kon­takt mehr auf­zu­neh­men, sich in bestimm­ten kol­lek­ti­ven Räu­men (für einen bestimm­ten Zeit­raum oder all­ge­mein) nicht mehr auf­zu­hal­ten oder einen Auf­ar­bei­tungs­pro­zess zu star­ten. HaMa beschreibt aber auch, dass (nicht wie bei Def­Ma) die­se For­de­run­gen und Wün­sche soli­da­risch-kri­tisch dis­ku­tiert und hin­ter­fragt wer­den kön­nen. Hier spielt Inter­sek­tio­na­li­tät, also das Mit­den­ken von ver­schie­dens­ten (Mehrfach-)Diskriminierungen und Posi­tio­nie­run­gen der Betei­lig­ten, sowie die Ver­tei­lung von Res­sour­cen und Macht­ver­hält­nis­sen mit rein. Wenn bei­spiels­wei­se die gaP finan­zi­ell sehr schlecht da steht, soll­te das bei der Fra­ge zu finan­zi­el­len For­de­run­gen mit­ge­dacht wer­den, genau­so wie auch For­de­rung an eine gaP nicht trans­feind­li­che oder ras­sis­ti­sche Gewalt (re)produzieren soll­te.

Wir müs­sen also nicht alles gut fin­den, was bP for­dern oder wol­len, han­deln letz­te­ren gegen­über aber soli­da­risch und ver­su­chen ihre Bedürf­nis­se in den Mit­tel­punkt der Arbeit zu stel­len. Die­se Zen­trie­rung heißt auch, dass ohne die Zustim­mung der bP nicht gehan­delt wird, z.B. Infor­ma­tio­nen ver­öf­fent­licht wer­den, kei­ne Leu­te die gaP kon­fron­tie­ren, ohne dass bP das wol­len, etc.

Wir respek­tie­ren Ent­schei­dun­gen, die bP selbst betref­fen, z.B. inwie­fern sich bP in einem Auf­ar­bei­tungs­pro­zess betei­li­gen wol­len, und ver­su­chen sie nicht zu bevor­mun­den – denn bP wis­sen selbst am bes­ten, was sie brau­chen. Betrof­fen­heit kann sehr unter­schied­lich aus­se­hen. Um die­se For­men bes­ser unter­schei­den zu kön­nen, spre­chen wir z.B. auch von betrof­fe­nen Umfel­dern oder Co-Betrof­fen­heit. Ers­te­res beschreibt, dass auch wenn du von der gaP sel­ber kei­nen Über­griff erfah­ren hast, du dich als Teil des sozia­len Umfelds betrof­fen füh­len kannst und bei­spiels­wei­se die gaP erst mal nicht mehr sehen willst. Co-Betrof­fen­heit soll hei­ßen, dass du z.B. als Mit­be­wohni in einem Fall von häus­li­cher Gewalt in dei­ner WG auch betrof­fen sein kannst, du aber nicht die zen­tra­le Per­son für den wei­te­ren Umgang mit der Situa­ti­on bist, son­dern eben mit-betrof­fen.

Beim staat­li­chen und gesell­schaft­li­che Umgang mit sexua­li­sier­ter Gewalt hat sich lei­der wenig geän­dert. Der juris­ti­sche Weg bei inti­mer Gewalt steht vie­len nicht offen (z.B. wegen pre­kä­rem Auf­ent­halts­ti­tel, ..) und bringt den betrof­fe­nen Per­so­nen meist vor allem ret­rau­ma­ti­sie­ren­de Erleb­nis­se bei Poli­zei und Jus­tiz. Und auch wenn es zu einer (extrem sel­te­nen) Ver­ur­tei­lung kommt, ste­hen dabei nicht die Bedürf­nis­se betrof­fe­ner Per­so­nen im Fokus, son­dern das staat­li­che Straf­prin­zip. Aus die­sem Grund wol­len wir bei unse­ren Umgän­gen mit zwi­schen­mensch­li­cher Gewalt das Abspre­chen von Glaub­wür­dig­keit ver­hin­dern durch das Prin­zip von Def­Ma bei Benen­nun­gen, die Bedürf­nis­se, Hand­lungs­macht, Sicher­heit und Empower­ment von betrof­fe­nen Per­so­nen in den Fokus stel­len, statt einer ver­al­te­ten Straflo­gik zu fol­gen, die nicht in der Lage ist und auch nicht dafür gemacht, patri­ar­cha­le Struk­tu­ren in Staat und Gesell­schaft zu ändern oder das Ver­hal­ten gewalt­aus­üben­der Per­son zu trans­for­mie­ren.

Es ist ein lan­ger Weg, wenn wir patri­ar­cha­le Gewalt über­win­den wol­len. Aber es ist nicht zu ver­su­chen, oder dem Staat zu über­las­sen, bedeu­tet die Kompliz*innenschaft mit einem patri­ar­cha­len und ras­sis­ti­schen Sys­tem. Wir wol­len Han­deln und ver­ant­wor­tungs­vol­le­re Gemein­schaf­ten auf­bau­en, macht mit!

-eini­ge Men­schen aus der TG Arbeit in Frei­burg, April 2021

Anhang

a) Wei­te­res Mate­ri­al von uns zu dem Text:

- Medi­ier­tes Gespräch für Beginn TG-Pro­zess: https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​i​n​i​t​i​i​e​r​u​n​g​s​t​r​e​f​f​e​n​-​a​b​l​auf

- Modell­ver­lauf abs­tra­hiert, Gra­fik: https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​t​g​-​s​t​r​u​k​t​u​r​-​g​r​a​fik

b) Wei­te­re Infor­ma­tio­nen:

- Tex­te zu Defi­ni­ti­ons­macht, z.B. def​ma​.blog​sport​.de, http://​evi​bes​.blog​sport​.de/​2​0​1​4​/​1​1​/​1​8​/​w​i​r​-​a​r​b​e​i​t​e​n​-​n​i​c​h​t​-​m​i​t​-​d​e​f​i​n​i​t​i​o​n​s​m​a​c​ht/

- Aktu­el­les Zine zu TG: Pai­napp­le Zine, https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​p​a​i​n​a​p​p​l​e​r​e​a​d​y04

- trans​for​ma​ti​ve​jus​ti​ce​.eu

- igni​te​.black​blogs​.org/​m​a​t​e​r​ial

- anar​chist​s​from​theblock​.black​blogs​.org

- awa​re​netz​.ch

c) Kon­takt­mög­lich­kei­ten:

Es gibt eine all­ge­mei­ne Kon­tak­te­mail, an die ihr Fra­gen und Hin­wei­se schrei­ben könnt (schreibt ger­ne ver­schlüs­selt, wenn‘s nicht geht auch okay): transform_freiburg[at]immerda[Punkt]ch

PGP-Fin­ger­print: E10F 3B18 D762 CCBE A3C9 5780 AB8C 55B7 ED3B 0D7E

Außer­dem kön­nen sich betrof­fe­ne Per­so­nen, betrof­fe­ne Umfel­der (und die, die sich nicht sicher sind) an fol­gen­de Email wen­den (schreibt ger­ne ver­schlüs­selt, wenn‘s nicht geht auch okay):

blau-beere‑n[at]riseup[Punkt]net

PGP- Fin­ger­print: EF3C 103C 52EE 09A3 C4BF 3596 F292 4040 BEBD 8B18

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