[gfp:] Die Pandemie als Chance

Zukunftstechnologie mRNA

Die neu­ar­ti­ge mRNA-Tech­no­lo­gie galt bereits vor der Covid-19-Pan­de­mie als eine her­aus­ra­gen­de Zukunfts­hoff­nung der Phar­ma­bran­che. Unter­neh­men wie Moder­na (USA), Bio­N­Tech und Cur­e­Vac (bei­de Deutsch­land) waren schon län­ger mit ihrer Erfor­schung befasst; dabei hat­ten sie beson­ders Immun­the­ra­pien gegen Krebs, aber auch die Ent­wick­lung von Impf­stof­fen im Visier. Beob­ach­ter spra­chen von einer mög­li­chen „Revo­lu­ti­on in der Arz­nei­mit­tel-The­ra­pie“; bei Moder­na hieß es, es sei wohl mög­lich, „die Basis für eine neue, trans­for­mie­ren­de Kate­go­rie von Medi­ka­men­ten“ zu schaf­fen, die unge­ahn­te Mög­lich­kei­ten schüfen.[1] Inves­to­ren ent­wi­ckel­ten Inter­es­se. Als Moder­na Ende 2018 den bis dahin größ­ten Bör­sen­gang des Bio­tech-Sek­tors schaff­te – die Fir­ma brach­te es auf eine Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 7,6 Mil­li­ar­den US-Dol­lar -, rief das über die Bran­che hin­aus spür­bar Auf­merk­sam­keit her­vor. In Deutsch­land wur­den Cur­e­Vac von SAP-Grün­der Diet­mar Hopp und Bio­N­Tech von den eins­ti­gen Hexal-Eig­nern Tho­mas und Andre­as Strüng­mann finan­ziert; im Herbst 2019 ging Bio­N­Tech in den USA an die Bör­se und wur­de dort mit 3,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bewer­tet – deut­lich weni­ger als Moder­na, aber immer noch mehr als die meis­ten ande­ren Bio­tech-Fir­men aus der Bundesrepublik.[2]

„Systemrelevante Industrien“

Im Kampf gegen die Covid-19-Pan­de­mie ist der gro­ße Durch­bruch für die mRNA-Tech­no­lo­gie erfolgt: Mit umfang­rei­cher staat­li­cher Unter­stüt­zung – dies war not­wen­dig, um schnellst­mög­li­che Erfol­ge zu erzie­len – gelang es Bio­N­Tech, Cur­e­Vac und Moder­na, hoch­wirk­sa­me Impf­stof­fe zu ent­wi­ckeln. Bio­N­Tech und Moder­na wer­den längst ver­impft; Cur­e­Vac hofft auf die Zulas­sung im Juni. Die Bun­des­re­gie­rung hat­te Bio­N­Tech im ver­gan­ge­nen Jahr För­der­mit­tel in Höhe von 375 Mil­lio­nen Euro zuge­sagt, Cur­e­Vac einen Betrag von 252 Mil­lio­nen Euro; außer­dem hat­te die bun­des­ei­ge­ne För­der­bank KfW im Juni 2020 für gut 300 Mil­lio­nen Euro unge­fähr 23 Pro­zent der Cur­e­Vac-Antei­le über­nom­men – laut Berich­ten, um einer mög­li­chen Über­nah­me aus den USA zuvor­zu­kom­men. Die Bun­des­re­gie­rung hat mitt­ler­wei­le bekräf­tigt, der Betei­li­gung der KfW an Cur­e­Vac lie­ge „ein wirt­schafts- und gesund­heits­po­li­ti­sches Inter­es­se zugrun­de“, das sich nicht in der Impf­stoff­be­schaf­fung „erschöpf[e]“: Es sei ihr dar­um gegan­gen, „sys­tem­re­le­van­te Indus­trien, wie im Bereich der medi­zi­ni­schen Bio­tech­no­lo­gie, am Stand­ort Deutsch­land zu stärken“.[3] Dies gelang: Deutsch­land sei in Sachen mRNA „eines der Gra­vi­ta­ti­ons­zen­tren der Welt“, wird Peter Albiez, Deutsch­land­chef des Phar­ma­rie­sen Pfi­zer, zitiert.[4]

Das Covid-Geschäft

Dabei nutzt Bio­N­Tech die Pan­de­mie, um sei­ne Markt­po­si­ti­on wei­ter zu stär­ken. Wäh­rend die Kon­zer­ne Astra­Ze­ne­ca sowie John­son & John­son sich ver­pflich­tet haben, zumin­dest wäh­rend der aku­ten Pha­se der Pan­de­mie ihre Impf­stof­fe zum Selbst­kos­ten­preis abzu­ge­ben, erzie­len Bio­N­Tech und der mit dem Unter­neh­men koope­rie­ren­de US-Kon­zern Pfi­zer mit ihrem Vak­zin Gewinn. Bio­N­Tech hat ges­tern sei­ne Umsatz­pro­gno­se für 2021 von knapp zehn auf 12,4 Mil­li­ar­den Euro erhöht und schließt eine wei­te­re Stei­ge­rung dank neu­er Impf­stoff-Lie­fer­ver­trä­ge nicht aus. 2020 hat­te der Jah­res­um­satz noch bei nur 28 Mil­lio­nen Euro gele­gen. Allein im ers­ten Quar­tal 2021 konn­te Bio­N­Tech bei einem Umsatz von 2,05 Mil­li­ar­den Euro einen Rein­ge­winn von 1,13 Mil­li­ar­den Euro erzie­len. Der Jah­res-Rein­ge­winn wird zur Zeit auf „min­des­tens sechs bis sie­ben Mil­li­ar­den Euro“ geschätzt; Bio­N­Tech wür­de damit zum „ertragsstärkste[n] deutsche[n] Phar­ma­un­ter­neh­men“. Dar­über hin­aus sind auch für die Zeit nach 2021 schon „hohe Umsät­ze aus dem Covid-19-Geschäft vor­ge­zeich­net“, stellt ein Fach­jour­na­list fest: „Das Covid-Geschäft wird dem Main­zer Unter­neh­men auch in den kom­men­den Jah­ren enor­men Rück­halt“ geben – nicht zuletzt „für die Expansion“.[5]

Impfstoff-Monopolist

Das boo­men­de Geschäft ver­dankt Bio­N­Tech auch der Bun­des­re­gie­rung, die bereits wäh­rend der Ent­wick­lungs­pha­se sei­nes Vak­zins eine Bestel­lung von 200 Mil­lio­nen Impf­do­sen durch die EU-Kom­mis­si­on durch­setz­te und nun – nach meh­re­ren wei­te­ren Bestel­lun­gen – einen Groß­auf­trag von 900 Mil­lio­nen Impf­do­sen plus eine Opti­on auf wei­te­re 900 Mil­lio­nen an den deut­schen Her­stel­ler ver­ge­ben hat. Die Dosen sol­len bis 2023 aus­ge­lie­fert wer­den. Dass sich die EU damit fak­tisch auf einen ein­zi­gen Her­stel­ler ver­lässt, die­ser also gleich­sam zum Mono­po­lis­ten wird, hat sogar bei deut­schen Wirt­schafts­kom­men­ta­to­ren für Stirn­run­zeln gesorgt. Zudem gab es Dif­fe­ren­zen in der EU: Laut Berich­ten hat Frank­reich bei der Bestel­lung zu brem­sen versucht.[6] Beob­ach­ter füh­ren dies dar­auf zurück, dass das fran­zö­si­sche Bio­tech-Unter­neh­men Val­ne­va, des­sen Impf­stoff im Herbst zuge­las­sen wer­den soll, nicht zum Zuge kam und der gesam­te Auf­trag an einen deut­schen Her­stel­ler ging. Das ist umso bemer­kens­wer­ter, als das Bio­N­Tech-Vak­zin das teu­ers­te ist und nun auch ärme­re EU-Mit­glie­der aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa ein Mehr­fa­ches an Kos­ten auf­brin­gen müs­sen, die in die Bun­des­re­pu­blik flie­ßen. Der Stück­preis für die 1,8 Mil­li­ar­den Dosen wird mit 19,50 Euro ange­ge­ben – mehr als zuletzt (15,50 Euro) und das Sechs- bis Sie­ben­fa­che des Prei­ses ande­rer Vak­zi­ne.

Der mRNA-Standort Deutschland

Bio­N­Tech nutzt sei­nen Coro­na­ge­winn nun für die Expan­si­on. Dank der Pro­fi­te sehe man „ein enor­mes Poten­zi­al, unse­re Pipe­line im Bereich Infek­ti­ons­krank­hei­ten und Onko­lo­gie zu erwei­tern und dar­über hin­aus neue The­ra­pie­ge­bie­te zu erschlie­ßen“, erklärt Fir­men­chef Uğur Şahin.[7] Dar­über hin­aus sol­len Aus­lands­stand­or­te auf­ge­baut wer­den: Noch die­ses Jahr will Bio­N­Tech eine Filia­le in Sin­ga­pur eröff­nen, um dort – zunächst – Impf­stoff zu produzieren.[8] Ber­lin arbei­tet gleich­zei­tig dar­an, die gesam­te mRNA-Bran­che in Deutsch­land auf brei­te­re Füße zu stel­len. Ende April kün­dig­te Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn an, die Bun­des­re­pu­blik sol­le sich in den kom­men­den Jah­ren zu einem glo­ba­len mRNA-For­schungs- und Pro­duk­ti­ons­zen­trum ent­wi­ckeln: Dies gel­te nicht nur für Bran­chen­grö­ßen wie Bio­N­Tech und Cur­e­Vac, son­dern auch für diver­se Zulie­fe­rer; Ber­lin wer­de auch klei­ne­re „Hubs“ för­dern – auch nach dem Ende der Pan­de­mie – und kräf­tig in den „mRNA-Stand­ort Deutsch­land“ investieren.[9]

„Vorsprung sichern“

Der mRNA-Stand­ort Deutsch­land pro­fi­tiert dabei davon, dass chi­ne­si­sche Phar­ma­kon­zer­ne die Ent­wick­lung eines mRNA-Impf­stoffs zunächst zuguns­ten erprob­ter Tech­no­lo­gien zurück­ge­stellt haben und der ers­te chi­ne­si­sche mRNA-Impf­stoff erst im Mai in die drit­te Test­pha­se geht: Die deut­sche Bran­che, mit der US-ame­ri­ka­ni­schen gleich­auf, hat also noch einen Vor­sprung. Um ihn nicht in Gefahr zu brin­gen, blo­ckiert die Bun­des­re­gie­rung die Frei­ga­be der Impf­stoff­pa­ten­te. Wür­den jetzt „unkon­trol­liert Pro­duk­ti­ons­stät­ten ent­ste­hen“, dann „hät­te auch die Kon­kur­renz aus Russ­land und Chi­na Zugriff auf die Metho­de“, heißt es dazu: Damit „könn­ten die west­li­chen Unter­neh­men einen gro­ßen Teil ihres Vor­sprungs verspielen“.[10] Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel hat daher auf dem jüngs­ten EU-Gip­fel Ende ver­gan­ge­ner Woche die Blo­cka­de der Patent­frei­ga­be durch­ge­setzt – zur Stär­kung des mRNA-Stand­orts Deutsch­land.

Mehr zum The­ma: Glo­ba­le Impf­stoff­ri­va­li­tä­ten.

[1] Sieg­fried Hof­mann: Die RNA-Revo­lu­ti­on – Bio­tech-Fir­men wett­ei­fern um die Medi­ka­men­te der Zukunft. han​dels​blatt​.com 07.12.2018.

[2] Sieg­fried Hof­mann: Der Bör­sen­gang der Main­zer Bio­n­tech bringt die Rang­ord­nung der deut­schen Bio­tech-Bran­che durch­ein­an­der. han​dels​blatt​.com 10.10.2019.

[3] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der Abge­ord­ne­ten Rein­hard Hou­ben, Man­fred Tod­ten­hau­sen, Micha­el Theu­rer, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on der FDP. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 19/​26753. Ber­lin, 04.03.2021.

[4] Mai­ke Telg­he­der: „Eine Impf­stoff­re­vo­lu­ti­on“: mRNA-Tech­no­lo­gie hilft dem Phar­ma­stand­ort Deutsch­land. han​dels​blatt​.com 20.04.2021.

[5] Sieg­fried Hof­mann: Impf­stoff-Boom: Bio­n­tech steu­ert auf Jah­res­ge­winn von mehr als sechs Mil­li­ar­den Euro zu. han​dels​blatt​.com 10.05.2021.

[6] Tobi­as Kai­ser, Chris­toph B. Schiltz: Frank­reich blo­ckiert neue Impf­stoff-Bestel­lung der EU. welt​.de 07.05.2021.

[7] Sieg­fried Hof­mann: Impf­stoff-Boom: Bio­n­tech steu­ert auf Jah­res­ge­winn von mehr als sechs Mil­li­ar­den Euro zu. han​dels​blatt​.com 10.05.2021.

[8] Sieg­fried Hof­mann: Bio­n­tech baut mRNA-Pro­duk­ti­ons­stät­te in Sin­ga­pur. han​dels​blatt​.com 10.05.2021.

[9] Danie­la Hüt­te­mann: Deutsch­land soll mRNA für die gan­ze Welt pro­du­zie­ren. phar​ma​zeu​ti​sche​-zei​tung​.de 30.04.2021.

[10] Bert Frönd­hoff, Jan Dirk Her­ber­mann, Chris­toph Her­wartz, Jan Hil­de­brand, Jür­gen Klöck­ner, Moritz Koch: War­um die EU das Bio­n­tech-Patent nicht ein­fach frei­gibt. han​dels​blatt​.com 06.05.2021.

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