[GWR:] Klein, aber Feine Sahne mit Fischfilet

Mit der „Kleine[n] Geschich­te der Pro­test­mu­sik. Von Kat­zen­mu­sik bis K‑Pop“ betritt Comic-zeich­ner Fin­dus Neu­land und hat den­noch gute Aus­sich­ten, den Erfolg sei­ner bis­he­ri­gen Bän­de wie der „Kleine[n] Geschich­te des Anar­chis­mus“ zu wie­der­ho­len. Wie? Musik erzählt und gezeich­net anstatt gehört, was soll das brin­gen, und geht das über­haupt? Nun, zumin­dest mit Fin­dus geht das nicht nur, son­dern bringt über­ra­schen­de Ein­drü­cke, eine gute Über­sicht und macht dazu noch Spaß.

Hören, Füh­len, Tan­zen sind natür­lich sub­jek­tiv, aber man kann, setzt man Ein­fluss und Reich­wei­te der Musiker*innen als Maß­stab, objek­tiv fest­stel­len: Die Aus­wahl ist gut. Die Pro­test­lie­der von Joan Baez, Bob Dyl­an, Bob Mar­ley oder John Len­non – wie die vie­ler ande­rer – haben den Kampf für eine anar­chis­ti­sche Gesell­schaft beseelt und beflü­gelt. Fin­dus glie­dert nicht nur zeit­lich, son­dern auch geo­gra­phisch und macht so die unge­heu­re Viel­falt der Pro­test­mu­sik greif­bar. Deutsch­land, USA und UK behan­delt er aus­führ­li­cher. Ein­bli­cke gibt er in die Musik Afri­kas, Chi­les, Frank­reichs bis hin zum “K‑Pop” Süd­ko­reas. Nicht nur dies ist für mich über­ra­schend und Hori­zont erwei­ternd.

Bei einer „klei­nen“ Geschich­te bleibt natür­lich die „gro­ße“ Gefahr, die Fans der­je­ni­gen zu ent­täu­schen, die nicht mit dabei sind. Das sagt Fin­dus im Vor­wort selbst und grenzt sei­ne Schwer­punk­te ein. Unend­lich ist zudem das Feld aller Musiker*innen, die in eini­gen ihrer Lie­der wider­stän­di­ge Inhal­te gegen Klas­sen­ge­sell­schaft, Ras­sis­mus, kapi­ta­lis­ti­sche Ver­wer­tung oder Patri­ar­chat ver­mit­telt haben – zum Bei­spiel die wun­der­vol­le ZAZ, Her­bert Grö­ne­mey­er oder Prinz Pi, einer der bes­ten Lyri­ker seit Dyl­an. Sie alle zu behan­deln wäre schlech­ter­dings unmög­lich. Aber mir fehlt sehr die düs­ter poe­ti­sche Kraft von New Model Armys Jus­tin Sul­li­van genau­so wie u.a. Ever­last (Stone in My hand), Ima­ny (The­re were tears), Sarah Lesch (Tes­ta­ment) oder das beein­dru­cken­de „Nein, mei­ne Söh­ne geb ich nicht!“ von Rein­hard Mey. Und der in sei­nen Büchern ver­sun­ke­ne His­to­ri­ker mag den Uranfang ver­mis­sen, den „Pau­ker von Niklas­hau­sen“, Hans Böhm, der 1476 zu sei­nen Pre­dig­ten für eine sozia­le Revo­lu­ti­on im Namen der Jung­frau Maria flei­ßig getrom­melt haben soll.

Mit­rei­ßend und pas­send ist jedoch, wie Fin­dus mit den hung­ri­gen Frau­en von Ulm beginnt, die am 1. Mai 1847 mit ihrer „Kat­zen­mu­sik“ gegen die Brot­teue­rung pro­tes­tier­ten. Über­haupt die Frau­en: Von Vio­le­ta Par­ra über Nina Hagen bis hin zu den Pus­sy Riot und ihren Pries­ter­aus­trei­bun­gen in rus­si­schen Kir­chen wird klar, wie wesent­lich ihre Kraft hier war und ist. Ganz gleich, ob mit oder ohne Män­ner gegen den Männ­lich­keits­wahn. Wei­ter geht es für Deutsch­land über Hans Eis­ler und sei­ne Ver­to­nung von Brechts Tex­ten bis hin zu den ent­rück­ten Dada­is­ten, dem uner­müd­li­chen Kon­stan­tin Wecker (Sage Nein!) oder Bet­ti­na Weg­ner (Sind so klei­ne Hän­de). Natür­lich sind Ton, Stei­ne, Scher­ben mit ihren anar­chis­ti­schen Hym­nen und Sän­ger Rio Rei­ser pro­mi­nent dabei. Der ein­zi­ge König, den wir je geliebt haben! Dann folgt mit But Ali­ve der Sound­track zur auto­no­men Revol­te. Auch wenn der in sei­nen Tex­ten Löcher in Zäu­ne schnei­den­de jun­ge Sän­ger Mar­cus Wie­busch sich heu­te wohl kaum mehr wie­der­erken­nen wür­de, besteht hier aku­te Kult­ge­fahr, genau­so wie bei EA 80 „Hexen­jagd“ oder Sli­me mit „Deutsch­land muss ster­ben“ und „Viva la muer­te“. Und dann gibt es ja immer noch mehr: So waren in den 1990er Jah­ren in Nord­deutsch­land weni­ge Punk­bands so ange­sagt wie die Grau­en Zel­len aus Rends­burg. Poli­ti­scher geht’s nicht und trotz­dem gei­le Musik mit Jan Jet­ters uner­reich­ten Life-Auf­trit­ten. Bis heu­te hal­ten auch Tur­bo­staat eine eige­ne Klas­se.

Die­se „Klei­ne Geschich­te“ ruft also bei etwas Älte­ren eige­ne klei­ne Geschich­ten wach. Jeder und jede wird da ein High­light haben. Irgend­wann in den 1990er Jah­ren bin ich ein­mal als Akkor­de­on­spie­ler mit der kurz­le­bi­ge Band „Voll auf Zero“ vor den Ros­to­ckern Drit­te Wahl in der legen­dä­ren Husu­mer Dis­ko­thek Dorn­busch auf­ge­tre­ten. Das Lied ging über die „Schwar­ze Sau“, die einer alten Sage nach am „Grön­ne Keel“ in Flens­burg einen Brun­nen auf­bud­delt und so die Stadt-obe­ren in Angst und Schre­cken ver­setzt. Als Melo­die haben wir „A las Bar­ri­ca­das“ geklaut. Die Leu­te, dicht an dicht, flipp­ten aus und dies­mal nicht nur, weil sie end­lich die Haupt­band sehen woll­ten.

Für die Gegen­wart malt Fin­dus die kämp­fe­ri­sche Sän­ge­rin Soo­kee und die Anti­fa Com­bo Fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let mit hohem Cool­heits­fak­tor. Über letz­te­re gibt es auch eine sehens­wer­te Doku: „Wil­des Herz“, die sogar im ZDF lief. Wenn uns das jemand vor 30 Jah­ren vor­her­ge­sagt hät­te, wir hätten‘s nicht geglaubt.

Bei der Län­der­aus­wahl fehlt noch (!) die Tür­kei. Grup Yorum erlei­det dort nicht erst seit 2016 mas­si­ve Ver­fol­gung. Vie­le Mit­glie­der sind seit Jah­ren ein­ge­ker­kert und Helin Bölek und İbrah­im Gök­çek 2020 nach lan­gem Hun­ger­streik für die Frei­heit und gegen das Regime in Anka­ra gestor­ben! Und auch Irland, die Insel sowohl der Musik als auch der Rebel­li­on gegen Eng­land, muss noch auf­ge­nom­men wer­den: Mit Phä­no­men Sinéad O’Connor (Black Boys on Mopeds), ihrem lie­bens­wer­ten „Engel“ Shane Mac­Go­wan (Pad­dy Public Enemy Nr. 1), dem fabel­haf­ten Dami­en Demp­sey (Colo­ny oder sei­ne Ver­si­on von „Whe­re is our James Con­nol­ly“) sowie Chris­ty Moo­re (Viva la Quin­ta Bri­ga­da über die Iri­sche Anti­fa im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg 1936–1939). Gut also, dass ein zwei­ter Band der Pro­test­mu­sik bereits ange­dacht ist, ein drit­ter nicht aus­ge­schlos­sen.

Fin­dus wer­tet wenig. So gelingt ein unver­stell­ter Blick auf die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, ihre musi­ka­li­sche Ent­wick­lung und gegen­sei­ti­ge Beein­flus­sung. Anstatt sich zu ver­zet­teln, was hier ja leicht gesche­hen könn­te, behält er inhalt­lich und sprach­lich den schwarz­ro­ten Faden. Der ist dan­kens­wer­ter­wei­se gut ver­ständ­lich. Mit zwei, drei Sät­zen kommt Fin­dus auf den Punkt und genau so bleibt auch etwas hän­gen, kann es spä­ter leicht „Klick“ machen, wenn die Lie­der anspie­len.

Ein guter Text ist das eine, wie steht es bei dem Comic aber um die Kunst? Fin­dus Zeich­nun­gen haben schon immer das gewis­se „Etwas“ gehabt, doch scheint mir, er wird immer noch bes­ser. Da ist kein Por­trät, das ver­un­glückt ist oder nicht passt. Im Gegen­teil: Mit weni­gen Stri­chen wird die Aus­strah­lung und damit auch See­le und Geist der Sänger*innen ein­ge­fan­gen. Die gut abge­stimm­ten Dop­pel­sei­ten zei­gen leben­di­ge, neu­gie­rig machen­de Bil­der. Fazit: Sehr gelun­gen, aber bit­te unbe­dingt mehr davon! Gemein­sam mit Fin­dus ist zu wün­schen: „Viel Spaß damit und beim anschlie­ßen­den Hören!“

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