[GWR:] Rosa Luxemburg: Etwas Demokratie, etwas Diktatur

Rosa Luxem­burg erfüllt vie­le Rol­len: Sozia­lis­tin, Inter­na­tio­na­lis­tin, Migran­tin, Jüdin, Iko­ne, poli­ti­sche Gefan­ge­ne, ambi­va­len­te Kri­ti­ke­rin der Bol­sche­wi­ki, Mit­be­grün­de­rin der KPD, Jour­na­lis­tin, Juris­tin, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin, Anti­mi­li­ta­ris­tin, Stra­te­gin, Hass­ob­jekt der Rech­ten, Mord­op­fer und Pro­jek­ti­ons­flä­che. Die Lis­te lie­ße sich fort­set­zen.

Räumt man die Wer­ke von und über Rosa Luxem­burg in ein Reg­al­brett, las­sen sich eini­ge Meter Buch­rü­cken abmes­sen. Was soll man noch über sie schrei­ben, was nicht längst aus­führ­lich behan­delt wur­de? Viel­leicht ist es gera­de die­ses Über­an­ge­bot, wel­ches die Legi­ti­ma­ti­on für einen neu­en Band lie­fert. In „Sich nicht regie­ren las­sen. Rosa Luxem­burg zu Demo­kra­tie und lin­ker Orga­ni­sie­rung. Ein Lese­buch.“ lie­fert der Karl Dietz Ver­lag Ber­lin eine umfang­rei­che, ver­ständ­li­che und höchst anschau­li­che Über­sicht des luxem­bur­gi­schen Den­kens.

Das erklär­te Ziel der Herausgeber*innen ist es, Rosa Luxem­burgs „Posi­tio­nen zu lin­ker Orga­ni­sie­rung und Demo­kra­tie inner­halb einer Par­tei oder Orga­ni­sa­ti­on und […] zu Par­la­men­ta­ris­mus und demo­kra­ti­scher Ver­fasst­heit von Gesell­schaft“ zu ver­mit­teln. Die­se zen­tra­len Fra­gen waren, sind und blei­ben Kon­flikt- und Spal­tungs­punk­te, bei denen anti­au­to­ri­tä­re Lin­ke hell­hö­rig wer­den. Und um es zu ver­ra­ten: Die­ses Ziel wird erreicht. Die Tex­te sind klar und deut­lich, was nicht bedeu­tet, dass man Luxem­burg in jedem Punk­te zustim­men müss­te.

Das Buch ist erfreu­lich strin­gent und chro­no­lo­gisch struk­tu­riert. Kapi­tel für Kapi­tel arbei­ten sich die Leser*innen durch einen wie­der­keh­ren­den Drei­schritt aus kur­zer klap­pen­text­ar­ti­ger Ein­lei­tung, stre­cken­wei­se lang­at­mi­gen Ori­gi­nal­text von Luxem­burg und einem erläu­tern­den Hin­ter­grund. Die Sei­ten sind gespickt mit kur­zen Bio­gra­phien der­je­ni­gen Per­so­nen, auf die in den Tex­ten Bezug genom­men wird. Ein rich­ti­ges who is who der euro­päi­schen sozia­lis­ti­schen Sze­ne fin­det sich so zusam­men. Das Lesen macht so viel Freu­de, dass man das Buch weder aus der Hand legen möch­te, noch für zusätz­li­che Recher­chen muss.

Beson­ders her­vor­zu­he­ben ist die knal­li­ge Auf­ma­chung. Allein die Far­be des Umschlags sticht wört­lich ins Auge. Als beson­de­res Gim­mick lässt sich der Schutz­um­schlag ent­fer­nen und zum Rosa-Luxem­burg-Pos­ter mit rück­sei­ti­ger Zeit­leis­te auf­klap­pen. Schrift­bild, Hap­tik und Lay­out sind kein Ver­gleich zu den dünn­sei­ti­gen, nüch­tern gehal­te­nen Bän­den der Marx-Engels-Aus­ga­ben des Ver­la­ges, als die­ser noch Pro­pa­gan­da­un­ter­neh­men der SED war.

Die­se unrühm­li­che Tra­di­ti­ons­li­nie ist aus anar­chis­ti­scher Per­spek­ti­ve selbst­re­dend pro­ble­ma­tisch, und auch Rosa Luxem­burg selbst wür­de es in den Fin­gern jucken, sich am „Sozia­lis­mus“ der DDR ordent­lich abzu­ar­bei­ten. Doch soll­te an den heu­ti­gen Ver­lag kein unnö­tig pole­mi­sie­ren­der Maß­stab gelegt wer­den. Die Herausgeber*innen des Buches haben eine beruf­li­che Hei­mat in Links­par­tei und Rosa-Luxem­burg-Stif­tung gefun­den, sodass in die­ser Kon­stel­la­ti­on der Ver­dacht einer Gefäl­lig­keits­be­schrei­bung auf­kommt. Jede Text­aus­wahl aus dem umfang­rei­chen Werk Luxem­burgs stellt bereits eine Inter­pre­ta­ti­on dar. Hier und da lun­gert der Gedan­ke, dass es der Links­par­tei eigent­lich gut in den Kram passt, wenn die Namens­ge­be­rin der ihr nahe­ste­hen­den Stif­tung so repro­du­ziert wird, wie die Par­tei selbst ger­ne wäre.

Es ist kei­ne Über­ra­schung, dass das Werk die Exis­tenz einer expli­zit anar­chis­ti­schen Strö­mung inner­halb der Arbeiter*innen-Bewegung kom­plett unter den Tisch fal­len lässt. Die Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge ver­engt sich dadurch häu­fig auf die Fra­ge, wel­chen Mit­tel­weg zwi­schen Reform und Revo­lu­ti­on, Zen­tra­lis­mus und inne­rer Offen­heit eine Par­tei zu wäh­len habe. Bis­wei­len erhält man den Ein­druck, dass Luxem­burg sich an der Qua­dra­tur des Krei­ses abar­bei­tet, wenn sie Demo­kra­tie in einem hier­ar­chi­schen Appa­rat her­zu­stel­len ver­sucht. Die­je­ni­gen Men­schen, für die sie bean­sprucht Poli­tik zu machen, erschei­nen als gesichts­lo­se „Mas­se“. Namen sind Per­so­nen vor­be­hal­ten, die respek­ta­ble Pos­ten in Par­tei­ap­pa­ra­ten aus­fül­len. Rosa Luxem­burg ist eben im bes­ten und eigent­li­chen Wort­sinn eine Sozi­al­de­mo­kra­tin und kei­ne Anar­chis­tin.

Im Nach­klapp the­ma­ti­siert Alex Demi­ro­vić eine Ambi­va­lenz, die eini­gen – teil­wei­se unver­öf­fent­lich­ten – Bei­trä­gen Luxem­burgs zugrun­de liegt. Unter dem Ein­druck des Ende des Ers­ten Welt­krie­ges und der Revo­lu­ti­on kann sie sich nicht zu einer strin­gen­ten Hal­tung durch­rin­gen: Soll die Macht von Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­ten aus­ge­übt wer­den? Oder nur von Arbei­ter­rä­ten? Oder von einem „Arbei­ter­par­la­ment“? Die Mit­her­aus­ge­be­rin Miri­am Pieschke resü­miert dar­auf, dass Luxem­burg „kei­ne Ver­fech­te­rin des Ent­we­der-Oder, son­dern des Sowohl-als-Auch“ sei: „Reform und Revo­lu­ti­on, kurz­fris­ti­ge Stra­te­gie und lang­fris­ti­ges Han­deln, Ler­nen und Leh­ren, Füh­rung und Mas­se.“ Eine Rosa Luxem­burg, die Vie­len gefal­len kann.

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