[GWR:] Zwei Schwestern in Deutschland

In ihrem ers­ten Roman erzählt Hen­g­ameh Yag­hoo­bi­fa­rah von der Bezie­hung zwi­schen zwei Schwes­tern. Die Ich-Erzäh­le­rin und Prot­ago­nis­tin Nas­rin ist um die vier­zig, lebt in Ber­lin, arbei­tet in einer quee­ren Bar und raucht unfass­bar vie­le Ziga­ret­ten. Aber ihr unab­hän­gi­ges Leben wird plötz­lich unter­bro­chen: Ihre Schwes­ter Nushin stirbt bei einem Auto­un­fall, und sie wird die Erzie­hungs­be­rech­tig­te für deren 14 Jah­re alte Toch­ter Par­vin.

Von die­sem Anfangs­er­eig­nis aus ent­fal­ten sich meh­re­re Erzähl­strän­ge. Einer ist die Bezie­hung zwi­schen der Prot­ago­nis­tin und ihrer Nich­te, die sich puber­täts­be­dingt als schwie­rig gestal­tet: Wann ist Ein­grei­fen not­wen­dig, wann Lau­fen­las­sen? Wie unter­schei­det man als Erwach­se­ne zwi­schen Schutz und Über­grif­fig­keit? Der zwei­te Erzähl­strang ist eine Art Kri­mi­nal­ge­schich­te: Ist die Schwes­ter wirk­lich bei einem Unfall gestor­ben? Oder war es Sui­zid? Oder sogar Mord? Als Nas­rin in die­ser Rich­tung zu for­schen beginnt, ent­fal­tet sich schließ­lich der drit­te und wich­tigs­te Erzähl­strang: Es ist die Erin­ne­rung an die gemein­sa­me Geschich­te der bei­den Schwes­tern. In den 1980er Jah­ren sind sie als Kin­der mit ihrer Mut­ter aus dem Iran nach Deutsch­land gekom­men, wohin­ge­gen der Vater die Flucht nicht über­lebt hat. Die Jugend der Schwes­tern war geprägt von ihrer Situa­ti­on als neu ange­kom­me­ne nicht­deut­sche Per­so­nen im Deutsch­land der 1990er Jah­re mit sei­nem Ras­sis­mus, den Anschlä­gen auf Flücht­lings­un­ter­künf­te, dem Auf­stieg der Neo­na­zi­sze­ne. An die­se Debat­ten und Ereig­nis­se wird Nas­rin erin­nert, als sie ver­sucht, mehr über den mys­te­riö­sen Tod der Schwes­ter her­aus­zu­fin­den. Eine span­nend geschrie­be­ne Geschich­te und eine emp­feh­lens­wer­te Lek­tü­re.

Read More