[KgK:] Kolumbianische Polizei ermordet Streikende mit deutschen Waffen

Die Bil­der aus Kolum­bi­en sind scho­ckie­rend. Sie zei­gen Polizist:innen und Para­mi­li­tärs, die auf Demonstrant:innen schie­ßen. Vor zwei Wochen ent­fach­te der rechts­kon­ser­va­ti­ve Prä­si­dent Duque mit einer Steu­er­erhö­hung von sechs auf 19 Pro­zent Mehr­wert­steu­er eine lan­des­wei­te Pro­test- und Streik­be­we­gung: Die Steu­er auf alle Kon­sum­gü­ter belas­tet vor allem die ärms­ten Men­schen. Sie sol­len für die Coro­na-Kri­se zah­len, obwohl wäh­rend der Pan­de­mie der in Armut leben­de Bevöl­ke­rungs­an­teil von 35,7 auf 42,5 Pro­zent ange­stie­gen ist. Als Reak­ti­on dar­auf wur­de die Steu­er­re­form mitt­ler­wei­le zurück­ge­nom­men und der Finanz­mi­nis­ter ent­las­sen. Doch die Pro­tes­te wei­te­ten sich zu einem Auf­stand gegen den Neo­li­be­ra­lis­mus aus. Das Regime reagiert nicht nur mit Was­ser­wer­fern, Trä­nen­gas, Fest­nah­men und Fol­ter in Poli­zei­ge­wahr­sam, son­dern auch mit Erschie­ßun­gen und offen­bar dem Ein­satz von Todes­schwa­dro­nen.

In den meis­ten Vide­os, die Erschie­ßun­gen doku­men­tie­ren, set­zen die Repres­si­ons­or­ga­ne vor allem Hand­feu­er­waf­fen ein. Es ist stark anzu­neh­men, dass es auch deut­sche Pis­to­len sind, mit dem die Regie­rung gera­de pro­biert, die Auf­stän­de in Blut zu erträn­ken.

Und woher die Waffen?

Der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ver­han­delt gera­de über einen spek­ta­ku­lä­ren Fall: Die Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Waf­fen­schmie­de Sig & Sau­er hat 38.000 Pis­to­len des Types SP2022 ille­gal nach Kolum­bi­en expor­tiert. Das deut­sche Unter­neh­men expor­tier­te 47.000 Schuss­waf­fen an sei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Toch­ter und unter­zeich­ne­te für die Geneh­mi­gung des Expor­tes eine “End­ver­bleibs­er­klä­rung”, durch die die Waf­fen in den USA ver­blei­ben soll­ten – taten sie aber nicht. Die US-Army expor­tier­te zwi­schen 2009 und 2012 100.000 SP2022 Schusswaffen/​Waffen an ihre kolum­bia­ni­schen Ver­bün­de­ten. Vie­le Poli­zei­ein­hei­ten wur­den mit der deut­schen Waf­fe aus­ge­stat­tet, mit der jetzt wahr­schein­lich Demonstrant:innen erschos­sen wer­den.

Dass auch geschätzt 38.000 Pis­to­len noch “Made in Ger­ma­ny” stand, wur­de drei Ex-Mana­gern zum Ver­häng­nis: Das Ober­lan­des­ge­richt Kiel ver­ur­teil­te sie 2019 zu Bewäh­rungs- und Geld­stra­fen. Ein sehr mil­des Urteil für Men­schen, die Mil­lio­nen mit dem Ver­kauf von Waf­fen nach Kolum­bi­en, Irak und Kasach­stan ver­dien­ten.

Nach dem Deut­schen Kriegs­waf­fen­kon­troll­ge­setz muss der Export von Waf­fen und Mili­tär­tech­nik vom Bund geneh­migt wer­den. Aus­fuh­ren in Bür­ger­kriegs­re­gio­nen oder an Regime, denen schwers­te Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen vor­ge­wor­fen wer­den, sind offi­zi­ell ver­bo­ten. Trotz­dem geneh­migt die Deut­sche Regie­rung die Bewaff­nung der Kon­flikt­par­tei­en im Jemen und in Liby­en, stat­tet die Tür­kei mit Waf­fen aus, die die­se gegen Kurd:innen und Geflüch­te­te ein­set­zen und lie­fert Isra­el Mili­tär­tech­nik für des­sen Kampf gegen die Palästinenser:innen.

Expor­te in das ehe­ma­li­ge Bür­ger­kriegs­land Kolum­bi­en, in dem wei­ter­hin das Para­mi­li­tär agiert, sind jedoch seit Jahr­zehn­ten offi­zi­ell ver­bo­ten. Doch obwohl die Aus­fuhr von Waf­fen ver­bo­ten ist, bau­en deut­sche Unter­neh­men gleich gan­ze Fabri­ken und stat­ten sie mit Lizen­zen für die Pro­duk­ti­on deut­scher Waf­fen aus. Nicht nur in Sau­di-Ara­bi­en, Mexi­ko und Myan­mar ste­hen sol­che Fabri­ken, son­dern auch in der kolum­bia­ni­schen Haupt­stadt Bogo­tá.

Der Bau wird mit deut­schen Steu­er­gel­dern finan­ziert und vom frü­her staat­li­chen Unter­neh­men Fritz-Wer­ner für den staat­li­chen Rüs­tungs­kon­zern Indo­mil durch­ge­führt. Nur die­ser darf in Kolum­bi­en Waf­fen fabri­zie­ren und impor­tie­ren. Hier ent­steht auch die Stan­dard­waf­fe des kolum­bia­ni­schen Mili­tärs und der kolum­bia­ni­schen Poli­zei: Die Walt­her P99. Die ARD-Doku Waf­fen für die Welt von Dani­el Har­rich zeig­te, dass das deut­sche Unter­neh­men über eine Toch­ter­fir­ma in der USA die Lizenz zur Pro­duk­ti­on der P99 an Indo­mil ver­kauf­te. Doch Indo­mil-Ver­trags­händ­ler bie­ten dem kolum­bia­ni­schen Para­mi­li­tär nicht nur P99-Pis­to­len aus kolum­bia­ni­scher Pro­duk­ti­on an, son­dern auch in Deutsch­land gebau­te und ille­gal expor­tier­te Walt­her-Waf­fen.

Die Pro­ble­me sind seit Jah­ren bekannt und doch ergriff kei­ne Bun­des­re­gie­rung mehr als nur kos­me­ti­sche Maß­nah­men. So blei­ben Schlupf­lö­cher eine Mög­lich­keit, stra­te­gi­sche Ver­bün­de­te zu bewaff­nen – wie den kolum­bia­ni­schen Staat, der jetzt mit deut­schen Waf­fen den Neo­li­be­ra­lis­mus gegen sei­ne eige­ne Bevöl­ke­rung ver­tei­digt.

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