[UG-Blättle:]Y tu mamá también – Lust for Life!

Der bei den Film­fest­spie­len in Vene­dig aus­ge­zeich­ne­te Film von Alfon­so Cuarón (Gre­at Expec­ta­ti­ons, 1998) erhielt von der Film­kri­tik teil­wei­se merk­wür­di­ge Aus­zeich­nun­gen.

Bild: Der mexi­ka­ni­sche Film­re­gis­seur, Dreh­buch­au­tor und Pro­du­zent Alfon­so Cuarón in San Die­go, 2013. /​Gage Skid­mo­re (CC BY-SA 2.0 crop­ped)

In der NZZ war von einem Film über Teen­ager zu lesen, anders­wo, es gin­ge um das Erwach­se­nen­al­ter, das die Scher­ben einer ver­korks­ten Jugend auf­sam­meln müs­se. Ande­re sehen in dem Strei­fen einen Film, der wie das Leben sei, mal so, mal so (sehr viel­sa­gend), mit sozi­al­kri­ti­schen Unter­tö­nen (Cine­ma), bei dem aber nicht mehr als effekt­hei­schen­des Geknis­ter her­aus­ge­kom­men sei; ande­re bewun­dern ihn als Road­mo­vie mit poli­ti­schen Anklän­gen (Blick­punkt: Film), als Strei­fen über die Puber­tät (Schnitt). Die Zeit sieht in „Y tu mamá tam­bién“ – Lust for Life! gar eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Machis­mo. Und in der Frank­fur­ter Rund­schau wird der Strei­fen zum Hoch­schul-Abschluss­film degra­diert.

Was zeigt er denn nun wirk­lich?

Die bei­den 16jährigen jun­gen Män­ner sind offen­kun­dig die bes­ten Freun­de: Tenoch (Die­go Luna), Spross eines ange­se­he­nen und rei­chen Poli­ti­kers, der mit dem Staats­prä­si­den­ten von Mexi­ko ver­kehrt, und Julio (Gael Gar­cía Ber­nal), Sohn einer allein erzie­hen­den Mut­ter, die als Sekre­tä­rin arbei­tet. Die bei­den inter­es­sie­ren sich fast aus­schliess­lich für Sex und Dro­gen. Ihre bei­den Freun­din­nen sind gera­de auf dem Weg zu einem Urlaubs­auf­ent­halt in Ita­li­en. Die Paa­re ver­spre­chen sich ewi­ge Treue, die bei­den jun­gen Frau­en rei­sen ab und Tenoch und Julio gewöh­nen sich an eine kur­ze Zeit der Lan­ge­wei­le.

Auf einer Hoch­zeit, bei der auch Tenochs Vater, der Staats­prä­si­dent und aller­lei gut betuch­te Damen und Her­ren anwe­send sind, die von noch mehr Sicher­heits­be­am­ten geschützt wer­den, tref­fen Tenoch und Julio die elf Jah­re älte­re und mit einem Schrift­stel­ler ver­hei­ra­te­te Lui­sa Cor­tés (Mari­bel Ver­dú), die aus Spa­ni­en kommt und jetzt in Mexi­ko mit ihrem Mann leben will, der einen Lehr­auf­trag an der Uni­ver­si­tät hat. Die bei­den 16jährigen fah­ren sofort auf Lui­sa ab. Mehr im Spass und ohne wirk­li­che Hoff­nung, dass sie ihr Ange­bot anneh­men wird, schla­gen sie Lui­sa vor, mit ihnen ans Meer zu fah­ren, zur Him­mels­bucht, die angeb­lich von Tou­ris­ten frei und ein­sam ist.

Doch Lui­sa lehnt ab; sie will ihre neue Woh­nung ein­rich­ten. Als ihr Mann sie kur­ze Zeit spä­ter anruft, heult und ihr in alko­ho­li­sier­tem Zustand beich­tet, mit einer ande­ren geschla­fen zu haben, ist Lui­sa ver­zwei­felt, ruft die bei­den Jun­gen an und will ihr Ange­bot jetzt doch anneh­men. Tenoch und Julio müs­sen sich bei einem ihrer Bekann­ten jedoch erst ein­mal erkun­di­gen, wo die Him­mels­bucht über­haupt liegt; denn sie waren noch nie da, sind sich nicht ein­mal sicher, ob es sie gibt. Und Lui­sa hat noch einen Arzt­ter­min hin­ter sich zu brin­gen, bei dem sie etwas erfährt, was ihr künf­ti­ges Leben und die Zeit mit den bei­den jun­gen Män­nern beein­flus­sen wird.

Die drei machen sich auf, haben Spass und reden vor allem über Sex. Lui­sa fragt Tenoch und Julio, wie sie es denn ihren Freun­din­nen besor­gen, ob sie mei­nen, dass die zufrie­den wären mit ihnen usw. Auf dem Weg zum Meer ver­führt Lui­sa eines nachts Tenoch. Julio rächt sich. Er erzählt Tenoch, er habe mit des­sen Freun­din geschla­fen. Es kommt zum Streit. Lui­sa schläft wäh­rend der Wei­ter­fahrt dann auch mit Julio. Und Tenoch gesteht, auch er habe mit Juli­os Freun­din Sex gehabt. Als es wie­der­um zum Streit kommt, stellt Lui­sa deut­li­che Bedin­gun­gen für die Wei­ter­fahrt: kein Streit mehr, kein Sex mehr zwi­schen ihr und den bei­den usw.

End­lich gelan­gen die drei zum Meer, tref­fen auf einen Fischer und sei­ne Fami­lie, die ihnen meh­re­re Buch­ten zum Schwim­men zei­gen. Und es kommt trotz Lui­sas Bedin­gun­gen zu einer letz­ten Nacht zwi­schen den drei­en, die für alle weit­rei­chen­de Fol­gen hat …

Cuarón zeigt die Nor­ma­li­tät von Jugend­li­chen in Mexi­ko, die der Ober- bzw. Mit­tel­schicht ange­hö­ren und die sich kaum von der von Jugend­li­chen in vie­len ande­ren Län­dern zu unter­schei­den scheint. Das Leben ihrer Eltern ist Julio und Tenoch völ­lig egal; damit kön­nen sie nichts anfan­gen, auch wenn sie immer genug Geld haben, um ihre eige­nen Wege zu gehen, um Dro­gen zu kau­fen oder was sie sonst noch brau­chen. Viel­leicht ist es die­se ange­pass­te Nor­ma­li­tät, die bei vie­len Beur­tei­lun­gen des Films Kri­ti­ker dazu ver­lei­tet hat, dar­in eine ganz bana­le Geschich­te über Puber­täts­ent­wick­lung, wie sie welt­weit mil­lio­nen­fach vor­kommt – zumin­dest in den Län­dern der nörd­li­chen Hemi­sphä­re –, zu sehen, als einen Weg zum Erwach­sen­wer­den.

Doch die­ser Ein­druck täuscht. Die Geschich­te wird immer wie­der unter­bro­chen, zum Teil mit­ten in die noch lau­fen­den Dia­lo­ge hin­ein, von einer Stim­me aus dem Off, einem Erzäh­ler, der über ande­re bana­le Ereig­nis­se berich­tet: über den töd­li­chen Unfall eines Arbei­ters, die Beläs­ti­gung von armen Bau­ern durch die Poli­zei, Demons­tra­tio­nen, das wei­te­re Schick­sal des Fischers, den die drei am Strand tref­fen, der näm­lich sein Haus ver­liert, weil dort ein Hotel gebaut wer­den soll, und sich viel spä­ter als Putz­mann in Mexi­ko-City ver­din­gen muss, aber auch über die schein­bar völ­lig nor­ma­le Geschich­te der Eltern der bei­den Jun­gen, die Her­kunft von Lui­sa, die die Jah­re vor ihrer Hei­rat eine Ver­wand­te in Madrid – eine Fran­co-Anhän­ge­rin – bis zu deren Tod pfle­gen muss­te usw.

Sowohl die Geschich­te von Julio, Tenoch und Lui­sa wie die­se ein­ge­streu­ten, im Sti­le von Fern­seh­nach­rich­ten gehal­te­nen Berich­te wer­den der­art tro­cken-sach­lich wie­der­ge­ge­ben, dass einem manch­mal schau­rig zumu­te wird. Letzt­lich leben alle Figu­ren des Films neben­ein­an­der her. Die Freund­schaft zwi­schen Julio und Tenoch erweist sich als eben­so belie­bi­ges Zwi­schen­spiel in einer schier end­lo­sen Rei­he von Epi­so­den, die nichts bedeu­ten, nichts besa­gen, wie die ein­ge­streu­ten Spreng­sel über das Schick­sal anony­mer Per­so­nen.

Die der­be Art, über Sex zu reden, die mehr­fach in aller Offen­heit dar­ge­bo­te­nen Sex-Sze­nen kön­nen nicht nur nicht dar­über hin­weg­täu­schen, son­dern sie bestä­ti­gen die Belie­big­keit, die Anony­mi­tät, die Bedeu­tungs­lo­sig­keit und die Ver­lo­ren­heit des Daseins der Han­deln­den, die letzt­lich gar nicht han­deln oder leben, son­dern bereits in der unhin­ter­frag­ten Bio­gra­fie ihrer Eltern, deren Leben sie doch angeb­lich nicht inter­es­siert, auf­ge­gan­gen sind, als gerad­li­ni­ge Erben einer Genera­ti­on, die nicht mehr wirk­lich zu leben weiss, son­dern sich in ein­ge­fah­re­nen Struk­tu­ren ihres Daseins ver­kro­chen hat, ohne es zu mer­ken.

Gera­de die Sex-Sze­nen wir­ken wie der ver­zwei­fel­te Ver­such von Julio und Tenoch, die Lust am Leben im Höhe­punkt zu fin­den, immer wie­der, egal mit wem. Die Zei­ten dazwi­schen sind geprägt von der Lan­ge­wei­le, Dro­gen und dem War­ten auf die nächs­te Gele­gen­heit.

„Y tu mamá tam­bién“ – Lust for Life! ist trotz­dem oder gera­de des­we­gen ein Film über die Lust zu leben. Nur dass Julio und Tenoch die­se Lust nicht in sich selbst suchen, son­dern in Vor­stel­lun­gen, die sie in die­ser Hin­sicht für genu­in hal­ten, aber tat­säch­lich aus einer Men­ta­li­tät stam­men, die ihnen durch die Umstän­de aner­zo­gen wur­de.

In einer Sze­ne lie­gen sie auf zwei Sprung­bret­tern über dem Swim­ming­pool, ona­nie­ren und erzäh­len sich dabei, an wen sie gera­de den­ken, mit wel­cher Frau sie gern jetzt schla­fen wür­den, am liebs­ten mit der, dann mit der, dann so und dann wie­der so. Als sie zum Orgas­mus kom­men, sieht man vom Boden des Schwimm­be­ckens aus nach oben ihr Sper­ma im Was­ser trei­ben. Es treibt dahin wie sie sel­ber auch. Spä­ter zitiert die Stim­me aus dem Off Lui­sa mit den Wor­ten: Wie den Schaum auf den Wel­len des Mee­res soll­te man das Leben genies­sen und sich ihm ein­fach hin­ge­ben. Doch zwi­schen bei­den Sze­nen klafft ein ent­schei­den­der Unter­schied, den ich an die­ser Stel­le nicht ver­ra­ten will.

Als sich Julio und Tenoch etli­che Zeit spä­ter zum letz­ten Mal tref­fen, sind bei­de in die Fuss­stap­fen ihrer Eltern getre­ten, das heisst sie tun genau das, was man von ihnen erwar­tet. Der letz­te Satz des Films lau­tet: Die Rech­nung bit­te und ist bezeich­nend für eine Nor­ma­li­tät, in der nichts mehr Bedeu­tung zu haben scheint. Sie erhal­ten die Quit­tung.

„Y tu mamá tam­bién“ – Lust for Life! – ein sozi­al­kri­ti­scher Film? Ja, aber nicht in einem simp­len Sin­ne von: Ihr kos­tet euer Leben mit Drugs & Sex aus, wäh­rend die armen Bau­ern … Das Schick­sal ist The­ma des Films und zugleich auch nicht. Es trifft einer­seits alle drei hart. Ande­rer­seits ist ihr Schick­sal völ­lig bedeu­tungs­los, denn auf was kön­nen sie zurück­bli­cken? Lui­sa fragt sich, ob und wie lan­ge sich irgend jemand an sie erin­nern wird, wenn sie ein­mal tot ist. Doch auch die­se Fra­ge ver­klingt im Strom der Belie­big­keit wie ein unmerk­li­cher Wind­hauch, der schon am nächs­ten Tag ver­ges­sen ist.

Mari­bel Ver­dú, Gael Gar­cía Ber­nal (der in Amo­res Per­ros zu sehen war) und Die­go Luna machen im übri­gen ihre Sache wirk­lich ein­ma­lig gut.

„Y tu mamá tam­bién“ – Lust for Life! ist ein Film über eine Welt, die sich selbst genüg­sam, selbst­ge­recht gewor­den ist, in der die Fra­ge nach irgend­ei­nem Sinn, dem man sei­nem Leben gibt, oder nach dem Schick­sal ande­rer ver­lo­ren gegan­gen zu sein scheint wie ein Unwet­ter im heis­sen Som­mer, das nächs­te Woche nicht mehr erin­nert wer­den wird. „Y tu mamá tam­bién“ heisst Mit dei­ner Mut­ter auch, mit dei­ner Mut­ter habe ich auch geschla­fen, und es kommt noch nicht ein­mal dar­auf an, ob dies wahr ist oder eine prah­le­ri­sche Lüge; es zählt nur die Bedeu­tung die­ses Sat­zes, dass es näm­lich bedeu­tungs­los gewor­den ist, ob es stimmt oder nicht.

Cuarón dreh­te einen erns­ten, dras­ti­schen und zugleich humor­vol­len Film über eine lang­wei­li­ge Lebens­welt, der jeg­li­cher Sinn abhan­den gekom­men ist – ohne Vor­wür­fe oder päd­ago­gi­sche Zei­ge­fin­ger, aber mit viel sar­kas­ti­schem Unter­ton und kri­ti­scher Wür­ze. Nie­mand weiss mehr, wor­auf es im Leben ankommt. Nie­mand stellt sich über­haupt die Fra­ge, wor­auf es ankom­men könn­te. Selbst der Tod wird ange­sichts die­ser Situa­ti­on bedeu­tungs­los.

Ulrich Beh­rens

Y tu mamá tam­bién – Lust for Life!

Mexi­ko

2001

101 min.

Regie: Alfon­so Cuarón

Dreh­buch: Alfon­so Cuarón, Car­los Cuarón

Dar­stel­ler: Robert Donat, Made­lei­ne Car­roll, Lucie Mann­heim

Pro­duk­ti­on: Alfon­so Cuarón, Jor­ge Ver­ga­ra, Ser­gio Agüero, Amy Kauf­man, David Lin­de

Kame­ra: Emma­nu­el Lub­ez­ki

Schnitt: Alfon­so Cuarón, Alex Rodrí­guez

Ulrich Beh­rens

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