[Freiheitsliebe:] Die Häuser denen, die drin lesen!

Kisch & Co.: Macht Platz für unse­re Ber­lin-Visi­on: Eine Sauf­tou­ris­ten-Kom­merz-Attrak­ti­on.“

So singt die Band Ste­reo Total, beglei­tet vom Ober­kreuz­ber­ger Nasen­flö­ten­or­ches­ter. Zusam­men hat­ten sie ein iro­ni­sches Wer­be­vi­deo für die Immo­bi­li­en­haie auf­ge­nom­men, die den legen­dä­ren Buch­la­den Kisch & Co. gekauft hat­ten.

Genützt hat es nichts: Kisch & Co. müs­sen raus, es darf geräumt wer­den. So urteil­te das Ber­li­ner Ver­wal­tungs­ge­richt und gab damit der Räu­mungs­kla­ge des Eigen­tü­mers des Hau­ses in der Ora­ni­en­stra­ße 25 statt. Geklagt hat­te der Invest­ment­fonds Vic­to­ria Immo Pro­per­ties, der aus einem Geflecht luxem­bur­gi­scher Brief­kas­ten­fir­men besteht. Wahr­schein­lich ver­ber­gen sich dahin­ter die Tetrapak-Erb:innen der schwe­di­schen Fami­lie Rausing. Die Dynas­tie, die sich ger­ne phil­an­thro­pisch gibt, hat­te das Gebäu­de 2019 für mehr als 35 Mil­lio­nen Euro gekauft. Und auch wenn sie sich als För­de­rin von Kunst und Kul­tur gibt, zählt am Ende nur der Pro­fit.

Vor dem Aus steht damit nicht nur der seit den 1990ern bestehen­de Buch­la­den, son­dern auch wei­te­re Gale­rien und Muse­en, die in dem Haus unter­ge­bracht sind – zuvor hat­te dort der 1971 gegrün­de­te lin­ke Ver­lag Ele­fan­ten­press sei­ne Räum­lich­kei­ten. Denn auch beim Muse­um der Din­ge und der Gale­rie nGbK – ein basis­de­mo­kra­ti­scher lin­ker Kunst­ver­ein, der 1969 gegrün­det wur­de – lau­fen die Miet­ver­trä­ge aus. Dem über Jahr­zehn­te gewach­se­nen Kul­tur­stand­ort Ora­ni­en­stra­ße 25 droht das Aus.

Und in Kreuz­berg, genau­er, dem wider­stän­di­gen Ber­lin SO36 – so benannt nach dem Post­zu­stell­be­zirk – zwi­schen dem ehe­ma­li­gen Lui­sen­städ­ti­schen Kanal und dem Land­wehr­ka­nal, geht wie­der ein­mal Geschich­te flö­ten. Auch mei­ne eige­ne.

2008 grün­de­te ich den Ver­lag Kul­tur­ma­schi­nen. Der ers­te Buch­la­den, der mei­ne Bücher in sei­ne Rega­le stell­te, war Kisch & Co. Für mei­nen jun­gen unab­hän­gi­gen lin­ken Ver­lag war das wie ein Rit­ter­schlag. Lesun­gen (Degen­hardt) vor Ort folg­ten, Begeg­nun­gen auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se, wein­se­li­ge Aben­de genau­so, wie Dis­kus­sio­nen und Kämp­fe um den Erhalt der Ver­lags­viel­falt gegen Ama­zon und Kon­sor­ten. Und hier schließt sich der Kreis. Die Ver­drän­gung eines Buch­la­dens hat Fol­gen für den Kiez, aber auch für die Ver­lags­land­schaft, für die Leser­schaft, für die Viel­falt, für die Gesell­schaft.

Was steckt dahinter?

Ich schaue gera­de die Serie „The Deuce“. Sie erzählt vom Auf­stieg der Por­no­in­dus­trie im New York der 1970er Jah­re. Vor­der­grün­dig. Eigent­lich geht es näm­lich auch dar­um, wie das Gebiet um den Times Squa­re ein­mal von Sexarbeiter:innen und Queers, von Bohemi­ans und Künstler:innen – von allen gesell­schaft­li­chen Milieus auch – bevöl­kert wur­de. Und wie die­se dann im Zuge der Gen­tri­fi­zie­rung bru­tal ver­trie­ben wur­den. Im hyper­gen­tri­fi­zier­ten Down­town New York kos­tet die Mie­te für eine Ein­zim­mer­woh­nung heu­te ca. 3.000 Euro monat­lich.

Klar, Ber­lin ist nicht New York, allein auf­grund der deut­schen Tei­lung ist die Stadt­ge­schich­te der Bun­des­haupt­stadt unver­gleich­lich. Aber es ist doch immer wie­der das­sel­be Spiel: Der vor­mals grenz­nächs­te Zip­fel West­ber­lins, näm­lich das soge­nann­te Kreuz­berg 36 rund um Kot­ti, SO36 und Co., galt bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung als gefähr­li­ches Pflas­ter. Schließ­lich, so fürch­te­te man, lag das Grenz­ge­biet in der Schuss­li­nie für Grenz­trup­pen. Dort sie­del­ten sich dann Migrant:innen oder eben Krea­ti­ve an, vie­le Sozi­al­woh­nun­gen wur­den gebaut. Nach den Stu­die­ren­den­pro­tes­ten 1968 wur­de der Kiez zuneh­mend Zen­trum der Alter­na­tiv- und Hausbesetzer:innenszene. Inzwi­schen ist das Woh­nen dort für die meis­ten nicht mehr bezahl­bar. Laut der Initia­ti­ve Kot­ti & Co hat­te jede zwei­te Fami­lie am süd­li­chen Kott­bus­ser Tor nach Abzug der Mie­te noch 200 Euro pro Per­son zum Leben.

Und nicht nur Kisch & Co. ist bedroht: Clubs und ande­re Kul­tur­ein­rich­tun­gen kämp­fen, auch wegen der Coro­na-Kri­se, ums Über­le­ben. Damit ver­stärkt sich, nicht nur in Ber­lin, eine ohne­hin bestehen­de Ent­wick­lung.

Erst sind städ­ti­sche Gegen­den gefähr­lich und wer­den gemie­den, dann wer­ten Künstler:innen und ande­re, die sich die Mie­te nir­gend­wo anders leis­ten kön­nen, sie auf, und wenn die­se dann „hip“ genug sind, wer­den sie aus den Kiezen ver­trie­ben. „Die zie­hen dir […] dein gan­zes Vier­tel unterm Arsch weg. Machen sich alles schön“, schreibt Lean­der Sukov in sei­nem Roman „War­ten auf Ahab“ zum The­ma Gen­tri­fi­zie­rung. „Die schei­ßen auf Pro­le­ten und Klein­bür­ger.“ Der Markt inter­es­siert sich am Ende einen Scheiß für Kunst und Kul­tur.

Was kön­nen wir links­po­li­tisch dage­gen tun?

  • Wir brau­chen ein Gewer­be­miet­recht mit regu­lier­ten Mie­ten, so etwa durch das Instru­ment einer Gewer­be­miet­preis­brem­se, und Kün­di­gungs­schutz. Denn anders als bei Wohn­miet­ver­hält­nis­sen kön­nen sich Mie­ten hier auch mal ver­drei­fa­chen oder kurz­fris­tig und ohne trif­ti­gen Grund gekün­digt wer­den. Einen ent­spre­chen­den Gesetz­ent­wurf hat die Links­frak­ti­on in den Bun­des­tag ein­ge­bracht.
  • In beson­ders aus­ge­wie­se­nen Kul­tur­schutz­ge­bie­ten muss der Bestand von Clubs und Kul­tur­ein­rich­tun­gen gesi­chert wer­den. In denen soll­ten bei­spiels­wei­se auch die Lärm­schutz­stan­dards nicht so gel­ten wie in Wohn­an­la­gen.
  • Wir müs­sen wei­ter­kämp­fen! „Die Kiez­buch­hand­lung gegen die Mil­li­ar­dä­re“ heißt eine Peti­ti­on auf chan​ge​.org. Auch die Initia­ti­ve Bizim Kiez hat wei­te­re Pro­test­ak­tio­nen ange­kün­digt.

„Den Häu­sern denen, die drin lesen“, heißt es in einer Soli-Pla­kat­kam­pa­gne des Comic-Zeich­ners Mawil (Titel­bild). Lasst uns wei­ter kämp­fen für lebens­wer­te Städ­te, bezahl­ba­re Mie­ten und eine Kul­tur für alle. Lasst uns wei­ter kämp­fen für lebens­wer­te Städ­te, bezahl­ba­re Mie­ten und eine Kul­tur für alle.

© Mawil. Vie­len Dank für das Recht zur Ver­wen­dung!

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