[gfp:] Entwicklungshilfe beim Landraub

Vertreibungen in Sambia

Laut Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGO) sind deut­sche Regie­rungs­stel­len wei­ter­hin dar­an betei­ligt, Land Grab­bing in Ent­wick­lungs­län­dern zu fördern.[1] Dem­nach unter­stützt die Bun­des­re­pu­blik im Rah­men ihrer Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit Inves­to­ren, die in Sam­bia die Lokal­be­völ­ke­rung und Klein­bau­ern ver­trei­ben, um auf den Export aus­ge­rich­te­te Groß­plan­ta­gen auf­zu­bau­en. Dies berich­te­te kürz­lich das Akti­ons­netz­werk FIAN. Einem Spre­cher der NGO zufol­ge bil­den bäu­er­li­che Betrie­be das „Rück­grat des sam­bi­schen Ernäh­rungs­sys­tems“, da sie die Nah­rungs­mit­tel für rund 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung des süd­afri­ka­ni­schen Lan­des her­stel­len. Doch wür­den die­se Klein­bau­ern immer häu­fi­ger ent­schä­di­gungs­los von ihrem Land ver­trie­ben, um dort „indus­tri­el­len Mega­far­men“ Platz zu machen. Ins­be­son­de­re deut­sche Inves­to­ren spiel­ten eine „pro­ble­ma­ti­sche Rol­le“ bei dem „Kauf rie­si­ger Land­flä­chen“. Von den Umsied­lun­gen und Ver­trei­bun­gen betrof­fe­ne Klein­bau­ern klag­ten gegen­über FIAN, dass sie selbst nach Jah­ren kei­ne Ent­schä­di­gung erhal­ten hät­ten und sich in ihrem neu­en Ansied­lungs­ge­biet mit einer schlech­ten Ernäh­rungs­la­ge kon­fron­tiert sähen, da dort die Böden sowie die Wei­de- und Bewäs­se­rungs­mög­lich­kei­ten man­gel­haft sei­en. Selbst Milch und Gemü­se sei­en zur Man­gel­wa­re gewor­den.

Monokulturen auf Megafarmen

FIAN the­ma­ti­siert in die­sem Zusam­men­hang drei Groß­in­ves­ti­tio­nen. So habe der größ­te Agrar­kon­zern Sam­bi­as, Zam­beef, schon 2018 im zen­tral gele­ge­nen Distrikt Mpong­we Bau­ern gewalt­sam von ihrem Land ver­trie­ben. Im Distrikt Mku­shi öst­lich von Mpong­we hat der im Steu­er­pa­ra­dies Mau­ri­ti­us regis­trier­te Inves­tor Agri­vi­si­on gro­ße Land­flä­chen auf­ge­kauft und vie­le Fami­li­en, die dort von Land­wirt­schaft leb­ten, eben­falls zum Ver­las­sen des Lan­des gezwun­gen. Das Unter­neh­men Ama­the­on Agri wie­der­um, das sei­ne Zen­tra­le in Ber­lin hat, kauf­te im süd­west­li­chen Distrikt Mumbwa land­wirt­schaft­li­che Flä­chen von der Grö­ße des Boden­sees auf. Dort sol­le in Koope­ra­ti­on mit Toyo­ta „Soja und Mais in rie­si­gen Mono­kul­tu­ren ange­baut“ und unter ande­rem nach Euro­pa expor­tiert wer­den. Den mas­sen­haf­ten Ver­trei­bun­gen oder Umsied­lun­gen von Klein­bau­ern im Gefol­ge die­ser Agrar­in­ves­ti­tio­nen ste­he eine „ver­schwin­dend klei­ne Zahl“ zumeist mise­ra­bel ent­lohn­ter Arbeits­plät­ze gegen­über, die auf den „Mega­far­men“ ent­ste­he, kon­sta­tiert FIAN.

Von Deutschland gefördert

Laut FIAN hat die deut­sche Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit alle drei Fäl­le von Land Grab­bing geför­dert. Vor zwei Deka­den habe sich das deut­sche Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um noch „für Agrar­re­for­men und Umver­tei­lung von Land an arme Bäuer*innen ein­ge­setzt“; nun aber wür­den „umwelt- und kli­ma­schäd­li­che Mono­kul­tu­ren und Land­kon­zen­tra­ti­on“ geför­dert, kom­men­tier­te ein Spre­cher der NGO die Neu­aus­rich­tung der soge­nann­ten deut­schen Ent­wick­lungs­hil­fe, die immer offe­ner auf die För­de­rung deut­scher Wirt­schafts­in­ter­es­sen im glo­ba­len Süden fokus­siert. Es sei „gera­de­zu maka­ber“, dass die deut­sche Ent­wick­lungs­hil­fe „durch die Kre­dit­ver­ga­be an Agrar­in­ves­to­ren auch noch Kas­se“ mache, hieß es wei­ter. Auf­grund der von Ber­lin geför­der­ten Groß­in­ves­ti­tio­nen bil­de­ten sich in Sam­bia Macht­ver­hält­nis­se, die „an unse­re feu­da­len Struk­tu­ren im Mit­tel­al­ter“ erin­ner­ten.

„Nachhaltiges Wachstum“

Medi­en berich­te­ten bereits vor Jah­ren auch in ande­ren Fäl­len über eine För­de­rung von Land Grab­bing durch Berlin.[2] So hieß es unter Ver­weis auf par­la­men­ta­ri­sche Anfra­gen der Links­par­tei, im west­afri­ka­ni­schen Sier­ra Leo­ne sei der Bio­etha­nol­pro­du­zent Addax Bio­en­er­gy unter­stützt wor­den, der Mono­kul­tu­ren auf rund 44.000 Hekt­ar land­wirt­schaft­li­cher Flä­che auf­ge­baut habe. Kon­kret habe die Deut­sche Inves­ti­ti­ons- und Ent­wick­lungs­ge­sell­schaft (DEG), eine Toch­ter der Staats­bank KfW, die Finan­zie­rung getä­tigt. Der DEG stand damals eine Sum­me von 1,5 Mil­li­ar­den Euro zur Ver­fü­gung, um „unter­neh­me­ri­sche Initia­ti­ven in Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern [zu] för­dern“, die ein „nach­hal­ti­ges Wachs­tum“ und bes­se­re Lebens­be­din­gun­gen in den betref­fen­den Regio­nen mit sich bräch­ten. Im Rah­men die­ses Inves­ti­ti­ons­pro­gramms, das offi­zi­ell als Ent­wick­lungs­hil­fe fir­miert, wur­den damals bespiels­wei­se dem Agrar­kon­zern Zam­beef 25 Mil­lio­nen Dol­lar zur Ver­fü­gung gestellt, um 100.000 Hekt­ar Acker­land in Sam­bia auf­zu­kau­fen. In der DEG ver­fügt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ) über erheb­li­chen Ein­fluss; ihr Auf­sichts­rat wur­de damals vom Par­la­men­ta­ri­schen Staats­se­kre­tär im BMZ Hans-Joa­chim Fuch­tel gelei­tet, heu­te hat sein Amts­nach­fol­ger Nor­bert Barth­le die­sen Pos­ten inne.

Vertrauen ist besser

In Reak­ti­on auf eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge der Links­par­tei, die Aus­kunft über die Stan­dards und die Ver­ga­be­kri­te­ri­en der DEG ver­lang­te, beton­te die Bun­des­re­gie­rung damals, „Kon­trol­len und Zer­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren“ der Welt­bank gin­gen den Inves­ti­tio­nen vor­aus; sie beinhal­te­ten „Umwelt- und Sozi­al­prü­fun­gen“. Dem­ge­gen­über hiel­ten Abge­ord­ne­te der Links­par­tei fest, die Ergeb­nis­se der inter­nen Kon­trol­len sei­en der Öffent­lich­keit nicht zugäng­lich, sodass eine „objek­ti­ve Über­prü­fung, ob die Arbeit der DEG tat­säch­lich eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung in den Pro­jekt­län­dern“ för­de­re, „schlicht nicht mög­lich“ sei. Die Beur­tei­lung der DEG-Inves­ti­ti­ons­tä­tig­keit erfol­ge fak­tisch nach dem Mot­to: „Die DEG macht gute Arbeit, weil sie sagt, dass sie gute Arbeit macht“.

Undokumentierter Landraub

Die Igno­ranz der Bun­des­re­gie­rung beim Land Grab­bing liegt im glo­ba­len Trend. Wei­ter­hin sei kein Ende der welt­wei­ten „Jagd auf Land“ in Sicht, warn­te im ver­gan­ge­nen Jahr etwa die Welt­hun­ger­hil­fe: Die offi­zi­el­len Anga­ben dar­über, wie sie von der Doku­men­ta­ti­ons­platt­form Land Matrix fest­ge­hal­ten wer­den, erfas­sen dem­nach vie­le undo­ku­men­tier­te Fäl­le von Land­raub nicht.[3] Laut Berech­nun­gen von Land Matrix soll sich die von „Land­nah­me“ betrof­fe­ne Flä­che zwi­schen 2017 und 2020 nur um 2,6 Pro­zent auf rund 50 Mil­lio­nen Hekt­ar erhöht haben. Doch deu­te­ten objek­ti­ve Quel­len wie etwa Satel­li­ten­bil­der dar­auf hin, dass der Land­raub in hohem Tem­po vor­an­schrei­te, kon­sta­tiert die Welt­hun­ger­hil­fe. Allein in Para­gu­ay eig­nen sich Groß­far­men dem­nach, weit­ge­hend undo­ku­men­tiert, jähr­lich 150.000 Hekt­ar Land an.

„Investorenjargon“ im BMZ

Über­dies hat sich laut der Welt­hun­ger­hil­fe die Zusam­men­set­zung der Inves­to­ren beim Land Grab­bing geän­dert: Sie gehö­ren nun eher der „pro­fes­sio­nel­len Finanz­wirt­schaft“ an oder kom­men aus ande­ren, als seri­ös gel­ten­den Krei­sen. In Deutsch­land mischen dem­nach beim Land Grab­bing neben der Ent­wick­lungs­bank DEG auch Munich Re (Mün­che­ner Rück) und die Ärz­te­pen­si­ons­kas­se aus West­fa­len (ÄVWL) mit. Schließ­lich habe der schritt­wei­se ver­än­der­te „Umgang der staat­li­chen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit (EZ) mit gro­ßen Land­in­ves­ti­tio­nen“ dazu bei­getra­gen, dass es um das The­ma „still gewor­den“ sei, stellt die Welt­hun­ger­hil­fe fest. Noch zu Beginn des 21. Jahr­hun­dert habe das Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um gro­ße Land­in­ves­ti­tio­nen „rund­weg abge­lehnt“, die damit ein­her­ge­hen­de Land­kon­zen­tra­ti­on zuguns­ten einer „Umver­tei­lung von Land bekämpft“ sowie die „unein­ge­schränk­te Ach­tung der Men­schen­rech­te auf Nah­rung und Was­ser“ im glo­ba­len Süden betont. Inzwi­schen habe sich die staat­li­che Ent­wick­lungs­po­li­tik jedoch einen „Inves­to­ren­jar­gon“ zu eigen gemacht. Wäh­rend Land Grab­bing wei­ter for­mell abge­lehnt wer­de, wür­den gro­ße Land­in­ves­ti­tio­nen ein­fach umde­fi­niert, sodass inzwi­schen „im Rah­men einer ver­än­der­ten Ent­wick­lungs­de­bat­te fast alle Inves­ti­tio­nen“ von der Ber­li­ner Ent­wick­lungs­po­li­tik begrüßt wür­den.

„Selbst zum Landinvestor geworden“

Fak­tisch sei die inter­na­tio­na­le Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit „selbst Land­in­ves­tor gewor­den“, warnt die Welt­hun­ger­hil­fe wei­ter. Ber­lin stel­le über sei­ne „Ent­wick­lungs­hil­fe“ Gel­der für Fonds zur Ver­fü­gung, es wür­den eige­ne Inves­ti­ti­ons­fonds auf­ge­legt, oder die Bun­des­re­pu­blik wer­de über Ent­wick­lungs­ban­ken Kre­dit­ge­ber bei umstrit­te­nen Agrar­in­ves­ti­tio­nen. Die DEG sei etwa mit 15 Pro­zent Anteils­eig­ner der Invest­ment­fir­ma PAYCO S.A., deren Toch­ter­un­ter­neh­men mit Län­de­rei­en von 145.000 Hekt­ar zweit­größ­te Land­be­sit­zer in Para­gu­ay sei­en; damit sei die vor­geb­li­che Ent­wick­lungs­bank an der dor­ti­gen Land­nah­me füh­rend betei­ligt. Selbst Olam Inter­na­tio­nal, mit inzwi­schen drei Mil­lio­nen Hekt­ar Nutz­land­flä­che einer der größ­ten Agrar­kon­zer­ne der Welt, zählt zu den Part­nern des Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­ums. Der Groß­kon­zern wer­de „umfang­reich von der bun­des­ei­ge­nen KfW-Bank finan­ziert“, berich­tet die Welt­hun­ger­hil­fe.

Wer hat, dem wird gegeben

Der hohe Grad der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on auf den glo­ba­len Agrar­märk­ten zeigt sich auch an der extrem unglei­chen Ver­tei­lung land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen, die Unter­su­chun­gen zufol­ge Ende 2020 einen neu­en his­to­ri­schen Höchst­stand erreich­te. Dem­nach kon­trol­lie­ren Agrar­kon­zer­ne und Unter­neh­men, die das reichs­te Pro­zent aller land­wirt­schaft­li­chen Betrie­be bil­den, inzwi­schen 70 Pro­zent der glo­ba­len Acker­flä­che. Den 2,5 Mil­li­ar­den Klein­bau­ern, die rund ein Drit­tel der Welt­be­völ­ke­rung bil­den, ste­hen hin­ge­gen nur noch drei Pro­zent der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che zur Ver­fü­gung; sie sind, heißt es, „abhän­gig von Kleinst­flä­chen, die das Über­le­ben sichern müssen“.[4]

[1] Tag der Land­lo­sen: Deut­sche Akteu­re schü­ren Land­knapp­heit in Sam­bia. fian​.de 16.04.2021.

[2] Finanz­sprit­ze für Land-Grab­bing: Bun­des­re­gie­rung in der Kri­tik. eurac​tiv​.de 16.06.2014.

[3] Kein Ende in Sicht: die glo­ba­le Jagd nach Land. welt​hun​ger​hil​fe​.de 04/​2020.

[4] Bru­ta­ler Krieg um Boden. spie​gel​.de 24.11.2020.

Read More