[KgK:] [Dossier] Auf in einen heißen Sommer in der Pflege

Corona: Zeit für ein Gesundheitssystem im Interesse der Beschäftigten und Patient*innen

Die Pan­de­mie begann in den Kran­ken­häu­sern mit einer har­ten Ver­schär­fung der Arbeits­be­din­gun­gen für Pfleger:innen. Gesund­heits­mi­nis­ter Spahn schaff­te kur­zer­hand die Per­so­nal­un­ter­gren­zen ab und die maxi­mal mög­li­chen Arbeits­zei­ten wur­den auf bis zu zwölf Stun­den aus­ge­wei­tet. Über­all fehl­te es zudem an Schutz­aus­rüs­tung und Mas­ken. Vor dem Hin­ter­grund der inzwi­schen bekannt gewor­de­nen Mas­ken-Skan­dals in der Uni­on ist das heu­te umso skan­da­lö­ser.

Aus dem Krankenhaus: Wir brauchen Gewerkschaftskämpfe, keine Heroisierung!

Pfleger:innen wur­den in der ers­ten Wel­le der Pan­de­mie zwar von allen Sei­ten für ihren uner­müd­li­chen Ein­satz beklatscht. Doch eine Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen hat nicht statt­ge­fun­den. Statt­des­sen wur­de nur ein Monat nach Aus­bruch der Pan­de­mie zuerst die Indus­trie wie­der hoch­ge­fah­ren, um wei­ter Autos pro­du­zie­ren zu kön­nen anstatt medi­zi­nisch not­wen­di­ger Schutz­aus­rüs­tung. Beschäf­tig­te welt­weit for­der­ten die Ver­staat­li­chung von Kran­ken­häu­sern, um die Kran­ken­ver­sor­gung den Pro­fit­in­ter­es­sen zu ent­zie­hen.

Tre Kwon, Krankenpflegerin in New York: „Die einzige Lösung ist die Verstaatlichung der Industrie“

Auch in den USA fehl­te es zu Beginn an not­wen­digs­ter Schutz­aus­rüs­tung. In New York pro­tes­tier­ten des­halb im April 2020 Krankenpfleger:innen für eine bes­se­re Aus­stat­tung und gegen die Poli­tik von Trump. Die USA waren beson­ders hart von der Pan­de­mie betrof­fen. Bis heu­te sind dort rund 582.000 Men­schen an Covid-19 gestor­ben.

Charlotte Ruga: „Gerade die Frauen der Arbeiter*innenklasse stehen an vorderster Front im Kampf gegen die Pandemie“

Auch inter­na­tio­nal hat die mise­ra­ble Situa­ti­on in den Gesund­heits­sys­te­men Kran­ken­haus­be­schäf­tig­ten auf die Stra­ßen gebracht. Char­lot­te Ruga, Heb­am­me aus Mün­chen sowie Mit­glied von Klas­se Gegen Klas­se und Brot und Rosen, beton­te auf einer inter­na­tio­na­lis­ti­schen 1. Mai-Kund­ge­bung die Rol­le von arbei­ten­den Frau­en an vor­ders­ter Front der Pan­de­mie. Sie kri­ti­sier­te vor allem die natio­na­le Ein­heit, in der auch die Lin­ke auf Kri­tik an der Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung ver­zich­te­te.

Wir im TVöD: Unser Kampf für ein Gesundheitssystem ohne Profitzwang

Über den Som­mer hin­weg ent­spann­te sich zwar kurz­zei­tig die Pan­de­mie­si­tua­ti­on. Doch schon im Herbst nahm die zwei­te Wel­le an Fahrt auf – par­al­lel zu den Streiks im öffent­li­chen Dienst, an dem sich auch Pfleger:innen aus ganz Deutsch­land betei­lig­ten. Sie for­der­ten eine deut­li­che Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen sowie Coro­na-Prä­mi­en. Die Gewerk­schafts­füh­run­gen haben zwar vie­ler­orts ver­sucht, Mobi­li­sie­run­gen zu brem­sen. Den­noch ver­sam­mel­ten sich Beschäf­tig­te auf den Stra­ßen und zeig­ten ihre Wut auf die Poli­tik, die kei­ne Anstal­ten macht, das maro­de Gesund­heits­sys­tem im Inter­es­se der Patient:innen und Beschäf­tig­ten zu ver­bes­sern. Wir for­der­ten aber nicht nur Ver­bes­se­run­gen in der Pfle­ge, son­dern auch ein Ende von Miet­erhö­hun­gen und ein Stopp von Mas­sen­ent­las­sun­gen, von denen Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land betrof­fen sind.

Abschluss im öffentlichen Dienst aus Sicht der Pflege: Nein zu Spaltung und Scheinlösungen

Die Ver­bes­se­run­gen in der Pfle­ge durch den Abschluss im Öffent­li­chen Dienst konn­ten nur durch den Streik erreicht wer­den. Wäre es nach den Bos­sen gegan­gen, hät­ten Beschäf­tig­te noch weni­ger bekom­men – so dan­ken Kapitalist:innen uns Beschäf­tig­ten. Den­noch war das Ergeb­nis eine gro­ße Ernüch­te­run­gen für vie­le Kolleg:innen im öffent­li­chen Dienst. Denn wirk­li­che Zula­gen wur­den nur für Pfleger:innen beschlos­sen. Vie­le Beschäf­tig­te gin­gen leer aus. So konn­te die Poli­tik dem Druck etwas nach­ge­ben, der eine bes­se­re Bezah­lung für Pfle­ge­kräf­te not­wen­dig mach­te, und die Kolleg:innen ins­ge­samt spal­ten.

Die Juni-Tage in der Charité: Rückblick auf den Streik 2015

Wo gestreikt wird, dür­fen natür­lich auch media­le Angrif­fe nicht feh­len. Beson­ders in der Coro­na-Kri­se wur­den Streiks von Poli­tik und Medi­en, unter ande­rem auch vom Lin­ken-Poli­ti­ker und frisch gewähl­ten Spit­zen­kan­di­dat Diet­mar Bartsch, als ver­ant­wor­tungs­los ver­schrien. Doch genau das Gegen­teil ist der Fall: Als Pfleger:innen 2015 begon­nen haben für mehr Per­so­nal zu strei­ken, tra­fen sie auf eine Wel­le der Soli­da­ri­tät. Der Slo­gan „Mehr von uns ist bes­ser für alle“ brach­te ihnen damals vie­le soli­da­ri­sche Unterstützer:innen in ganz Ber­lin. Der Kampf inspi­rier­te Kran­ken­haus­be­schäf­tig­te deutsch­land­weit dazu, für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und mehr Per­so­nal zu strei­ken.

Notstand in Krankenhäusern: Profitinteresse der Reichen bedroht die öffentliche Gesundheit

Auch als KGK akut, einer gewerk­schafts­über­grei­fen­den Arbeiter:innengruppierung, haben wir die desas­trö­sen Zustän­de in den Kran­ken­häu­sern ange­pran­gert. Beson­ders die zwei­te Wel­le im Herbst 2020 hat das Gesund­heits­sys­tem ein wei­te­res Mal an die Gren­zen gebracht. Beson­ders die Dis­kus­si­on um die soge­nann­te „Tria­ge“, also die Ent­schei­dung dar­über, welche:r Patient:in bei man­geln­den Res­sour­cen noch inten­siv behan­delt wer­den soll, domi­nier­te damals die Medi­en­land­schaft in Deutsch­land. Sie ist Aus­druck des enor­men Per­so­nal­man­gels und der Wei­ge­rung der Regie­rung, eine Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on in der Pfle­ge zu errei­chen. Eine zen­tra­le For­de­rung, die von vie­len Pfle­ge­kräf­ten unter­stützt wird, ist dabei die Abschaf­fung des Sys­tems der Fall­pau­scha­len (DRG-Sys­tem)

Von der Pandemie in die Altersarmut

Die Wirt­schafts­kri­se hat auch die Kapitalist:innen und bür­ger­li­chen Politiker:innen auf den Plan geru­fen. Ihr Vor­schlag, das Ren­ten­ein­tritts­al­ter wei­ter zu erhö­hen, ist dabei ein Hohn für die Leis­tun­gen vie­ler Beschäf­tig­ter in der Pan­de­mie. Gera­de in der Pfle­ge ist die Vor­stel­lung, dass die Men­schen bis 70 arbei­ten kön­nen, ohne sich kaputt zu machen, fern­ab jeder Rea­li­tät. Der Vor­schlag dient nur dazu, die Fol­gen der Kri­se wei­ter auf uns Arbeiter:innen abzu­wäl­zen und den Kapitalist:innen wei­ter die Taschen zu fül­len.

Gesundheits­system ohne Profite: Utopie oder Notwendigkeit?

In der ers­ten Aus­ga­be unser Monats­zei­tung, die im Dezem­ber 2020 erschie­nen ist, haben wir dar­über hin­aus tie­fer mit dem Gesund­heits­sys­tem beschäf­tigt. Beson­ders die ver­rä­te­ri­sche Rol­le der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tien in der Pan­de­mie hat umso deut­li­cher auf­ge­zeigt, dass wir für die Ver­staat­li­chung des Gesund­heits­sys­tem unter Kon­trol­le von Beschäf­tig­ten und Patient:innen eine revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sie­rung in Gewerk­schaf­ten brau­chen. Denn weder Klat­schen noch klei­ne Brot­kru­men wie Coro­na-Prä­mi­en ver­bes­sern nach­hal­tig die Situa­ti­on in der Pfle­ge. Wir brau­chen kei­ne Ver­hand­lun­gen von Bürokrat:innen, son­dern die Durch­set­zung unse­rer For­de­run­gen durch Streiks und Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen.

Und wie geht es weiter für die Pflege?

Nach über einem Jahr Pan­de­mie und der enor­men Belas­tung für die Beschäf­tig­ten in der Pfle­ge ist klar: Die Kolleg:innen sind sau­er und sie wer­den sich nicht mit win­zi­gen Zuge­ständ­nis­sen abspei­sen las­sen. Wäh­rend aktu­el­len Stu­di­en zufol­ge rund ein Drit­tel der Pfle­ge­kräf­te mit dem Gedan­ken spielt, den Beruf auf­zu­ge­ben, mobi­li­siert sich auch vie­ler­orts der Wider­stand gegen die Bedin­gun­gen, die sie auf sol­che Gedan­ken brin­gen. In Ber­lin ist eine neue Kran­ken­haus­be­we­gung an den Start gegan­gen, die heu­te ihre For­de­run­gen auf einer Kund­ge­bung vor dem Roten Rat­haus prä­sen­tie­ren wird.

Die­se Bewe­gung muss sich bun­des­weit aus­wei­ten, denn die Pan­de­mie hat gezeigt, dass am Ende all die “Aner­ken­nung” nicht genug ist. Die Wut ist da – jetzt braucht es Streiks. Auf in einen hei­ßen Som­mer in der Pfle­ge!

Klas­se Gegen Klas­se